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Special: Ein Plädoyer für Taichi: Der Außenseiter

veröffentlicht: Dienstag, 08.08.2017, 14:11 Uhr
Autor: W3BeatZ

Taichi: Der Außenseiter, das Sorgenkind, der unterschätzteste Rapper Deutschlands? Nach diesem Satz sehe ich schon, wie Ihr Eure Augen verdreht und die unterschiedlichsten Kommentare verfasst. Die einen werden mich der Lüge bezichtigen, wie ich es wagen könnte, so eine abwegige Behauptung überhaupt in meine Tastatur zu hämmern, die anderen werden sich fragen, weshalb wir als HipHop-Magazin plötzlich über japanische Entspannungsübungen berichten. Doch Spaß beiseite, wir möchten hier nämlich der Frage auf den Grund gehen, wer in unseren Augen der beste Rapper der Bundesrepublik, vielleicht auf der Welt oder sogar im weiten Universum ist. Allerdings muss dieser nicht zwangsweise bei Universal gesignt sein.



Taichi ging schon immer seinen eigenen Weg, hob sich von anderen Rappern ab und gründete 2003 zusammen mit Michael Mic sein eigenes Label – Mein Label. Auf eben jenem erschien auch ihr erstes gemeinsames Album "Schwerer Shit", welches allerdings nicht allzu viel Beachtung fand. 2004 zerbrach die Freundschaft mit Mic, Taichi beendete die Zusammenarbeit mit ihm und wechselte zum Berliner Label Krasscore Records, wo sein erstes Soloalbum "Legende von Morgen" erschien. Wie recht er mit diesem Albumtitel noch haben sollte, zeigt sich erst heute, denn viel mehr als eine Legende ist der Berliner Rapper heute leider nicht mehr. Genau zu diesem Zeitpunkt war die Rap-Szene von Stuttgart über Hamburg in Berlin angekommen, machte die Hauptstadt zur Hochburg des Raps und Labels wie Aggro Berlin standen in der Blütezeit ihrer Existenz, während in der Beatfabrik gerade schon wieder das Licht ausging. Deutschrap war dabei, sich komplett neu zu erfinden und vor allem Künstler wie Sido und Bushido prägten die Szene, öffneten Türen für die nächste Rappergeneration und bestimmten lange Zeit das Level, auf dem gerappt wurde. Doch Taichi machte alles etwas anders, stach auf seine Art und Weise aus der Masse hervor, ging allerdings trotzdem an den meisten meiner Freunde und Bekannten vorbei, ja selbst bis heute ist der riesige Hype um den Berliner ausgeblieben. Man hasst ihn oder man liebt ihn oder – wie eine Großzahl der Leser – man kennt ihn nicht. Hörer, die gerade eine Krise durchlebten, hörten eher Lieder, in denen es den Künstlern genauso schlecht ging oder die in ihren Texten ähnliche Schicksalsschläge durchleben mussten. So lief "Wesentlich" aus "Legende von Morgen" bei mir rauf und runter. Die Art, wie er mit Worten seine Gefühle ausdrückt, man sich nach den ersten Zeilen in ihn hineinversetzen kann, geben einem das Gefühl, er habe den Song nur für mich geschrieben. So werden seine Tracks schnell zu meinem Lied.



Taichi bewies auf "Legende von Morgen" mit Tracks wie "Guten Tag" und "Wesentlich" einen inhaltlichen Tiefgang, den ich damals so verpackt nirgendwo anders gehört hatte. Er zeigte sich ohne Maske und Schminke von seiner deepen Seite, die dem Hörer die alltäglichen Probleme aufzeigten und das Gefühl vermittelten, auf dieser düsteren Welt nicht alleine mit seinen Problemen zu sein. Natürlich gibt es auch andere Künstler, die einen mit ihren Songs mitreißen können, doch bei Taichi hatte ich von der ersten Minute an das Gefühl, als würde jedes Wort aus meinem Mund stammen. Deshalb wurden diese beiden Nummern schnell zu meinen Favoriten auf diesem Album. Auch in Sachen Battlerap kann Taichi auf eine legendäre Laufbahn zurückblicken. In der RBA behauptetet er sich unter dem Namen Ich und steht dort bis heute im Ranking unter den Top 3 Members. Dieses Talent für Beef mit anderen Rappern begleitete ihn durch seine gesamte Laufbahn. Angefangen hatte alles mit dem Streit mit Michael Mic und endete in dem legendären Online-Krieg mit Favorite, der durch Tracks wie "Flieg nicht so hoch" und "KackVogelFave" gekrönt wurde. 2009 folgte allerdings die Versöhnung der beiden Rapper auf der Time2Bomb-Winchester Jam in Frankfurt. Ein Grund hierfür dürfte unter anderen wohl Casper gewesen sein, der auch in einem von Taichis unzähligen Gemeinschaftsprojekten mit deutschen HipHop Größen vertreten war, zu diesem Zeitpunkt Artist bei Selfmade Records, auf dem auch Favorit gesignt ist. Andere böse Zungen behaupten zwar, dass diese Aktion reine Promotion war, wer allerdings die Laufbahn von Taichi verfolgt hat, weiß, dass er seine Musik nicht für den Fame macht, obwohl diese Videos wohl einen angenehmen Nebeneffekt gehabt haben dürften.



Auch wenn sich die oben genannten Beef-Nummern wie ein roter Faden durch seine Karriere ziehen, sind es doch die deepen Tracks, die ihn zu einem außergewöhnlichen Künstler machen, Lieder die mich innerlich berührt haben, mir aus der Seele sprachen, mir in manchen schweren Momenten Halt gaben und mich wieder in die Spur brachten. Zwischen 2005 und 2007 legte er mit "Schnell Imbiz", "Topstory" und "Außenseiter" nach und veröffentlichte so jährlich ein neues Album, steigerte sich stetig und war bei "Außenseiter" endlich an einem Punkt angekommen, wo das erste mal komplett darauf verzichtet wurde, irgendwelche Klischees zu bedienen, ein Album, das komplett widerspiegelt, was ich an ihm und seiner Musik so mag. Ein Grund dafür, dass der Fokus nun endgültig auf dieser Art von Rap lag, dürfte nicht zuletzt die Trennung von Krasscore Records gewesen sein, denn "Außenseiter" erscheint wieder auf seinem eigenen Label - Mein Label, und das ersten Mal strahlt die Musik mehr Persönlichkeit aus, die Lieder fesseln mehr denn je und Taichi schien dort angekommen zu sein, wo er schon immer hin wollte. Leider war der Titel aber auch Programm, zwar starten einige Supporter online Aktionen oder pflastern wie auch ich sämtliche Ampelmasten der Stadt mit Aufklebern zu, doch trotz allem bleiben die Songs doch eher in der Welt von YouTube gefangen und fanden nicht den verdienten Weg in deutsche CD-Regale. Im Vergleich zu seinen vorherigen Releases war dieses Album persönlicher, nachdenklicher und vor allem abgeklärter. Insgesamt dominierten deutliche, vom Leben gezeichnete Songs wie "Realität", "Leben in der Stadt", "Gestern vergessen", "Erkenntnis", "Zwei Welten" oder "Mädchen Nr.1". Unbeschwerte gute Laune gab es nicht: Taichi rappte keine Plattitüden oder Floskeln, die Texte haben bis heute hohen Wert, Inhalt und strahlen Intelligenz und Lebenserfahrung aus.

Ich habe Fehler gemacht und ein paar Freunde verloren/
Sitz' jetzt vor dem leeren Blatt und bin gebeugt von den Sorgen/
Und guck von Heute auf Morgen – kann alles anders sein/
Denn dein Schicksal schließt die Augen nie und dreht am Rad der Zeit/

(Taichi auf "Königreich")



Auch die vielen Gastauftritte auf seinen Veröffentlichung sprechen für den Berliner Musiker. D-Bo, Casper, Bahar, MOK und Sarah Christie fallen mir sofort ein, ohne Google befragen zu müssen, aber auch mit anderen Berliner Künstlern, wie Kid Kobra arbeitete er des öfteren zusammen. Was ich bis heute schade finde, ist, dass es ihn meines Wissens so gut wie nie live zu sehen gab. Einen vernünftigen Grund hierfür kann ich nicht nennen, so musste ich mich, wie viele andere auch, mit den vielen YouTube-Videos zufrieden geben.
Seine Ehrlichkeit und emotionale Tiefe kommt auch in seinem Album mit der gleichnamigen Single "Therapie" zur Geltung. Zusammen mit "Außenseiter" mein Favorit aus seiner Diskographie, allerdings werden hier und da Themen zum dritten oder vierten Mal bearbeitet und manche Songs klingen gezwungen, um seiner Schiene treu zu bleiben. Nach "Therapie" wirkt er ein wenig ausgelaugt und leer, obwohl er es mit seiner EP-"Trilogie", bestehend aus "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung", betitelt nach der "Millennium"-Trilogie von Stieg Larsson, noch einmal schafft, reifer und erwachsener zu wirken. Musikalisch sind auch hier einige der schönsten Stücke entstanden.

Es kommt der Tag, an dem die Wolkendecke bricht/
Und auf die Schatten der Vergangenheit fällt Licht/
Dann sehen wir nicht mehr weg, dann kreuzen sich die Blicke/
Wir sehen uns und verscheuchen dann den Teufel aus der Mitte/

(Taichi auf "Flut")

Um es endlich auf den Punkt zu bringen, wie ermittelt man den besten Rapper? Natürlich gar nicht oder jeder nur für sich. Geschmäcker sind von Grund auf verschieden, jeder Künstler hat eine Eigenheit, die nur seine Fans an genau ihm mögen und an keinem anderen Rapper. Deshalb handelt dieser Artikel auch nicht von dem in meinen Augen besten, sondern von meinem Lieblingsrapper, der für mich, wenn ich die Vergangenheit reflektiere, am wichtigsten war. Aus dessen Texten ich Kraft und Hoffnung schöpfen konnte, der mir immer wieder aus der Seele gesprochen hat und das Gefühl vermitteln konnte, nur für mich zu schreiben und zu rappen. Auch solche ehrlichen Songs gehören für mich in die Subkultur HipHop, wie aggressive Gangster-Beats, ruhige, chillige Nummern, Trap, Cloud-Rap und alles, was in Zukunft noch kommen wird. Denn HipHop entwickelt sich stets weiter, immer wieder erfindet einer das Ganze doch noch einmal komplett neu. Wäre es Taichi, der vor dem Rap-Tribunal stehen würde, dann wäre es wohl ich, der aus der letzten Reihe nach vorne treten würde, mein Plädoyer für ihn halten würde, selbst wenn ich dafür mit ihm zusammen zu einem seiner seltenen Liveauftritten dem Scharfrichter vorgeführt würde. Einfach weil ich aber schon immer auf die deepen Rapsongs stand, mich Taichis Lieder immer begleitet und mitgerissen haben, ist er mein bester Rapper.


Stefan Bergermann

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