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Special: Ein Plädoyer für Madchild: Der coolste Typ der Welt

veröffentlicht: Donnerstag, 21.09.2017, 18:51 Uhr
Autor: El-Patroni

Es ist 2017 und die HipHop-Welt hat immer noch nicht einstimmig den besten Rapper der Welt wählen können – natürlich ist das auch gut so. Das Problem bei dem Ganzen ist nämlich, dass es kein einziges objektives Kriterium gibt, anhand dessen man den "besten" bestimmen könnte – wer der beste ist, ist hochsubjektiv, damit müssen wir uns auch in Zeiten des Silbenzählens abfinden. Daher wollen wir einen kleinen Ein- oder Überblick über die vielseitigen Facetten des Fanseins und des Raps in 2017 geben und deswegen werden einzelne Mitglieder der Redaktion ihren Lieblingsrapper vorstellen; absolut subjektiv, ohne auf Dauer angelegt zu sein und voller Fanboytum. Viel Spaß!



Heute möchte ich Euch von einem Mann erzählen, der objektiv betrachtet bestimmt nicht der beste Rapper ist. In ihm finden wir auch weder den innovativsten Musiker noch eine Offenbarung auf lyrischer Ebene, sondern schlicht und einfach den coolsten Typ auf Gottes grüner Erde. Die Rede ist von einem der wenigen Gründe, sich mit Rap-Kanada zu befassen: Madchild! Von vielen großen Männern haben wir bisher in dieser Artikelreihe gelesen. Ihrer Zeit voraus sollen sie alle sein, musikalische Genies und kommerzielle Erfolgsgaranten; dennoch können sie in puncto Ausstrahlung oder schlicht und ergreifend Coolness nicht ansatzweise mit dem "maniacal dwarf" aus der kanadischen Hauptstadt mithalten.

Yeah I'm tattooed up like I'm a Yakuza/
But I'm a dope sick whiteboy from Vancouver/

(Madchild auf "hurt that man")

Madchild bereichert seit Ende der 90er Jahre die Rapszene als Teil der Crew Swollen Members, die auf einen beeindruckenden Katalog von zehn Alben sowie ein Greatest-Hits-Release zurückblicken kann. Neben Madchild selbst zählen auch Rob the Viking und Prevail sowie auf den ersten Alben noch Moka Only zur Crew, die als Flaggschiff ihres eigenen Labels Battle Axe Records fungiert. Zwar gelang den Swollen Members nie der große kommerzielle Durchbruch, aber bis heute werden sie auch außerhalb Kanadas oft als Geheimtipp gehandelt. Dort stach seine helle Stimme (die meinen Schwager veranlasste, zu fragen, welcher Cypress-Hill-Song das denn gerade wäre) von Beginn an heraus und rückte den Rapper, der widersprüchlichen Google-Ergebnissen nach zwischen 1,50 m und 1,68 m groß sein soll (also definitiv verdammt klein) von Anfang an gegenüber seiner Kollegen ins Rampenlicht. Madchild hat alles, was ein guter Rapper auf dem Papier braucht: Neben seinem großartigen Beatgeschmack und einer unverkennbaren Begabung, diese auch hervorragend zu berappen, wartet er mit solider Reimtechnik und natürlich reichlich Erfahrung auf. All das braucht der Kanadier wohl auch, denn sonst könnte er kaum derart selbstbewusst auftreten. Trotz seiner geringen Körpergröße scheint es im Hause Madchild nämlich kein bisschen an Selbstvertrauen zu mangeln und so präsentiert er sich auf einer Vielzahl seiner Songs als verrückter, durchtrainierter, Frauenherzen-brechender Comic-Nerd mit Drogenvergangenheit, Gesichtstattoos und zwielichtigem Freundeskreis. Wer es schafft, dieses Image zu verkörpern, dabei Jeanshemden zu tragen und dennoch zu keiner Sekunde lächerlich oder unauthentisch zu wirken, hat schlicht und ergreifend unser aller Respekt verdient.



I leave 'em fuckin' mortified, dog, I terrorize/
My rhymes are more than fuckin' clean – they're sterilized/
Sometimes I lean so hard I need a kickstand/
I wrestle alligators and I dance on quicksand/
I call a rapper Tin Man cause he got no heart/
Each line's an arrow dipped in poison from a blow dart/

(Madchild auf "Grenade Launcher")

In seinen Texten gibt er sich überraschend vielseitig: Neben der Verkörperung des White-Trash-Klischees thematisiert er auch gerne mal seine Verbindung zu Bikergangs und die eigene intensive Drogenvergangenheit, schwärmt für seine Tattoos und seinen Hund("Lola got a Gucci travelbag"), beweihräuchert sich nach feinster Rappermanier natürlich auch ausgiebigst selbst und macht auf Songs wie "Monster" seiner Abneigung gegenüber dem Hipstertum Luft. Madchild kann aber auch anders, schafft die größten Gänsehautmomente mit Erzählungen von inhaftierten Freunden und der verlorenen Ersten Liebe und selbst, wenn er ganz nüchtern ausrechnet, wie viel Geld er an seine Drogensucht verloren hat, erzeugt er unfassbar mitreißende wie stimmungsgeladene Passagen, die noch lange nach Abklingen der Lieder nachwirken. Ob er nun auf "Judgement Day" seine Vergangenheit reflektiert oder auf "Painful Skies" über verlorene Freundschaften nachdenkt, der Mann hat verstanden, wie man in solchen Liedern performen muss. Trotz solcher atmosphärisch einzigartiger Phasen leben Madchild-Alben von Madchilds Stimme, Humor und Persönlichkeit und selbst die stumpfesten Lines á la "call me a Motherfucker 'cause I fuck your mother" ("Dickhead") weiß der kleine Kanadier so zu betonen und zu platzieren, dass sie nicht im Ansatz so lächerlich und einfallslos wirken, wie sie es eigentlich sollten. All dies kombiniert mit einem vor Selbstsicherheit und Power strotzenden auftreten – wie man es 2015 auf der KOTD-Bühne bewundern durfte, als Madchild einen 30cm größeren, in Gold gekleideten, dunkelhäutigen Riesen im Battle vorführte wie einen 12-jährigen Schuljungen – ergibt ein kaum zu beschreibendes, wenn auch nicht mal 1,70m großes Monument an Ausstrahlung und Charisma. Warum muss man denn auch immer versuchen, seiner Zeit voraus zu sein, wenn man alternativ auch einfach der coolste Typ im Hier und Jetzt sein könnte?

I got power in my cock/
You got flowers on your sock/

(Madchild auf "Creatures of evil")




El-Patroni
(David)

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