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Special: Ein Plädoyer für Kanye West: Nichts ist, wie es war

veröffentlicht: Dienstag, 22.08.2017, 13:10 Uhr
Autor: Max

Es ist 2017 und die HipHop-Welt hat immer noch nicht einstimmig den besten Rapper der Welt wählen können – natürlich ist das auch gut so. Das Problem bei dem Ganzen ist nämlich, dass es kein einziges objektives Kriterium gibt, anhand dessen man den "besten" bestimmen könnte – wer der beste ist, ist hochsubjektiv, damit müssen wir uns auch in Zeiten des Silbenzählens abfinden. Daher wollen wir einen kleinen Ein- oder Überblick über die vielseitigen Facetten des Fanseins und des Raps in 2017 geben und deswegen werden einzelne Mitglieder der Redaktion ihren Lieblingsrapper vorstellen; absolut subjektiv, ohne auf Dauer angelegt zu sein und voller Fanboytum. Viel Spaß!



Er ist nicht nur ein begnadeter Musiker, sondern besticht immer wieder die Öffentlichkeit durch Äußerungen, Skandale und seine berühmte Familie – im positiven wie im negativen Sinne. Dabei verrennt er sich oft, leistet sich gerne mal einen Fehlschlag und wirkt gerade in letzter Zeit irgendwo zwischen Halb-Beef mit Ziehvater Jay Z, dubiosen Treffen mit Trump, angeblicher Trennung von seiner Frau und Pleitegerüchten verloren und rastlos – kann man so jemanden überhaupt noch ernsthaft für den Besten halten? Was unterscheidet diesen Ausnahmekünstler denn noch von anderen, großen Musikern des 21. Jahrhunderts?

Let me know/
Do I still got time to grow?/
Things ain't always set in stone/

(Kanye West auf "Street Lights")

Zugegeben: Meine Wahl ist relativ offensichtlich. Um den meiner Meinung nach besten Rapper im weiteren Sinne zu finden, muss ich gar nicht tief in die Trickkiste greifen und jemand Unbekannten vorstellen. Kanye West ist beileibe kein unbeschriebenes Blatt und er macht keinen Anschein, sich zurückzunehmen, was für mich gerade eine derjenigen Eigenschaften ist, die ihn zum meiner Meinung nach besten Rapper unserer Zeit machen. Denn was ist ein guter Rapper? Für mich ist das eine Mischung aus Aspekten, deren Prioritäten glücklicherweise jeder subjektiv beurteilen muss. Einigen reichen beispielsweise gute Reime, ein schneller Doubletime und manches ausgefuchste Wortspiel – das Ganze auf einer gesamten Diskographie abgespult, fertig ist der beste Rapper. Andere wiederum ziehen eine kommerzielle Sichtweise heran, was einen Drake wohl unumgänglich machen würde. Schwierig wird es erst, wenn man versucht, kommerzielle, technische, aber auch inhaltliche oder künstlerische und dann noch zahlreiche andere Gesichtspunkte unter einen Hut zu bringen und irgendwie zu bewerten; global werden dann wohl schnell Namen wie Kendrick Lamar (Technik, Inhalt und mit Blick auf die Black-Lives-Matter-Bewegung eine hohe Relevanz) oder eben Kanye West fallen. Und ich möchte erklären, warum gerade er für mich (und dem Anschein nach viele andere) im weiten Sinne der beste Rapper der Welt ist.
Vorab muss ich einen Abstrich machen, denn ausschließlich als Rapper ist Kanye natürlich nicht der beste. Würde man nur auf Parts ohne Instrumental schauen, wären ihm ein Kendrick oder Eminem immer noch weit voraus, der Flow eines A$AP Rocky viel lockerer als seiner und selbst, wenn es um das Prägen einer musikalischen Bewegung geht, würde ich einen Lil Wayne noch über Kanye einordnen. Der Unterschied ist jedoch, dass er all das trotzdem in seiner Gesamtheit beherrscht und bewiesen hat. Er rappt nicht am besten, aber er rappt sehr gut, schaut man doch gerne auf Parts von "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" oder auf das Duett mit Kendrick auf "No More Parties in LA". Er hat sicherlich nicht eine ganze Bewegung geprägt wie ein Lil Wayne, sein "808s & Heartbreak" und später "Yeezus" übten dennoch einen gigantischen Einfluss aus, weit über die Grenzen der Rapszene hinaus. Sicherlich ist er kein Karl Lagerfeld und kein Donald Trump, geht es jedoch um Mode, um Promi-Dasein, um Selbstdarstellung, ist der Chicagoer trotzdem ein absoluter Großmeister und lässt jeden Kollegen auf langer Strecke hinter sich. Selbst ein Drake mit seinen wechselnden Liaisons und dem Engagement in der NBA oder ein A$AP Rocky mit diversen Werbeverträgen können da kaum mithalten – Kanye und seine Familie bedeuten Action, das kann man gut finden, man kann es als reißerisch abstempeln; jedenfalls hat sich jeder schon mal ein Urteil zu dem Clan gebildet. Welcher Rapper hat sonst in diesem Jahrtausend, ja vielleicht überhaupt sowohl musikalisch als auch in der Öffentlichkeit ein so tiefgreifendes Standing entwickelt wie Kanye West? Mir will beim besten Willen niemand einfallen, den ich gewissenhaft daneben stellen könnte. Man könnte fast sagen: Kanye ist in so ziemlich allem, was Rap angeht, der zweitbeste, er steht auf der zweiten Stufe, holt sich Silber in allen Kategorien – in wiederum allem, was nicht direkt mit Rap zu tun hat, holt er Gold. Das ist es, was ihn in meinem Verständnis von all seinen Kollegen so signifikant unterscheidet.



Dabei zeigt er großen Mut: Es gehört schon eine gehörige Portion Kreativität und Überzeugung dazu, sich immer wieder neu zu erfinden. Noch viel mehr braucht man davon, um dies auch noch unter einem derart hohen kommerziell-öffentlichen Druck zu tun, wie es der 39-Jährige erlebt hat und wohl immer noch erlebt. Kanye wirft mit jedem Album alles mindestens einmal über den Haufen, dreht und wendet es, manchmal packt er es an seinen alten Platz zurück, manchmal dreht er es um, oft tauscht er es ganz aus. Spätestens seit der Blaupause moderner Rapmusik, "808s & Hearbreak", das erst jetzt, 10 Jahre später, von vielen als der unumstößliche Meilenstein anerkannt wird, der es zweifellos ist, wäre es fast schon eine Neuheit, würde er ein zumindest vom Grundkonzept ähnliches Album wie ein voriges machen. Überhaupt "808s & Heartbreak". Was war das bitte für ein Album? Ein Jahr, nachdem "Graduation" Rap und Pop endgültig salonfähig gemacht hatte (im Gegensatz zu Eminem, der sich lediglich beider Elemente bediente, jedoch noch Rap-Part und Pop-Hook signifikant trennte) und dadurch den Anfängen des Rappers im Wesentlichen bestehend aus "The College Dropout" und "Late Registration" einen würdigen Trilogie-Abschluss gegeben hatte, warf er im November 2008 noch einmal alles über den Haufen. An anderer Stelle wurde dieses Album schon angemessen und häufig gewürdigt, sodass ich mich hier kurz fassen möchte: Die riesigen privaten Einschnitte, nämlich die Trennung von seiner langjährigen Freundin und Verlobten Alexis Phifer sowie der Tod seiner Mutter Donda, der ihn ebenfalls noch lange in seiner Musik prägen sollte, führten zu einem Album voller Schmerz und Resignation, das sich jedoch nicht in Selbstmitleid suhlte, sondern dessen Tracks zwar dicht gefüllt sind mit persönlichen Texten, jedoch ebenso musikalischen Leitfäden wie den zahlreichen Pop-Anleihen und der namensgebenden Drum Machine Roland TR-808, die auf allen Instrumentals Anwendung fand (Kanye selbst nennt jedoch lediglich banale Gründe, nämlich die Vorwahl eines Hotels für den Namen des Albums). Damals auf höchst gemischte Kritiken stoßend (so nannte es der SPIEGEL eine "Pleite von Album", während beispielsweise Pitchfork zumindest das Potential des Albums erkannt hatte – "much larger and brasher than it would first appear"), wird es heute nahezu einhellig als eines der einflussreichsten Alben der neueren Rap-Geschichte gesehen.
Doch Kanye wäre nicht Kanye, wenn er das nicht noch einmal übertroffen hätte: Denn aus heutiger Sicht mag "808s & Heartbreak" das einflussreichere sein, zeitgenössisch betrachtet ist das zwei Jahre später erschienene "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" jedoch das, was man als Magnum Opus des Musikers bezeichnen würde. Er selbst nannte es in all seiner Bescheidenheit "perfekt" – und das ist es auch. Wie auf einen Schlag wurde es Teil einer erlesenen Zahl von Langspielern, die sowohl von Kritikern als auch Fans in höchster Manier gelobpreist wurden, mittlerweile lassen sich andere Rap-Alben, die der Größenordnung dieses Werks gerecht werden, an einer Hand abzählen. Für mich ist es bis heute leicht eines der besten drei der HipHop-Geschichte, wenn nicht gar das beste: Kein Album vereint die verschiedensten Facetten von Rap so passgenau und vollkommen wie diese 13-Track-starke Platte, die auch sieben Jahre später nicht mal ein Quäntchen ihrer Hörbarkeit und Relevanz eingebüßt hat. Es ist, zum Beispiel im Gegensatz zu einem "Illmatic", "The Blueprint" oder vielleicht auch "To Pimp a Butterfly", kein Album, das Du einem Rap-Neuling zusammen mit einer zweiminütigen Erklärung über die Großartigkeit dessen, was er in der Hand hält, vorspielst – Du spielst es einfach. Und extrem viele werden es mögen, werden ihre eigenen Zugang finden, der Dir selbst vielleicht auch nochmal eine neue Sichtweise eröffnet. Diese Platte war der absolute Höhepunkt, über sechs Jahre nach dem Debütalbum. Nur natürlich war es daher, dass außer dem einfachen Abstauber "Watch the Throne" drei Jahre lang nichts von Kanye kam, um dann 2013 mit "Yeezus" zurückzukehren. Was genau dieses Album noch für einen Einfluss haben wird, muss die Zeit zeigen, ein aktueller Blick auf die neueste Musik von einem Casper, verschiedene Entwicklungen im Grime oder auch das im September 2016 erschienene "22, A Million" von Bon Iver lassen jedoch die enorme Tragweite vermuten, die auch dieses Album wieder nachhaltig haben könnte.
Dazu kommt sein großes Gespür für andere Musiker. So scheint es schon seit Längerem unter Rappern zum guten Ton zu gehören, das "nächste große Ding" selbst zu entdecken – machte doch Kanye selbst unter der Ägide eines gewissen Jay Z erste Anfänge im größeren kommerziellen Musikbereich. Die Liste an denjenigen, die sich wiederum Kanye in die Vitrine stellen kann, ist lang: Kid Cudi, Lupe Fiasco, John Legend, Pusha-T, Chance the Rapper, Desiigner, Vic Mensa, vielleicht Bon Iver. Die Liste an Künstlern, die ihn als Inspiration nennen, ist noch länger und lässt sich schon nach kurzer Recherche mit dem Who-is-Who der internationalen Künstlerszene spicken. So führen ihn bei der Frage nach Einflüssen unter anderem Drake, Paul McCartney, Nicki Minaj, Adele, Lily Allen, die Arctic Monkeys, Lorde oder auch der bei Kritikern beliebte James Blake und U2 an. Das mag bei vielen Rappern so sein – jedoch nur Kanye arbeitet sich so quer durch die verschiedensten Genres, dass Rock, Pop, Indie und viele andere sich von dessen Musik inspirieren lassen können. Oft vergessen dabei: Nicht nur sein maßgebliches Werk als Rapper, sondern gerade auch als Produzent. In seinen frühen Jahren nämlich, schon lange vor seinem Debütalbum, produzierte Kanye für Größen wie Jay Z oder Foxy Brown. Das Rezept? Harte, lange Arbeit. Bereits seit er 9 Jahre alt war, soll er rappen und produzieren, machte sich in seiner Heimatstadt Chicago Schritt für Schritt einen Namen, bis er an Jay Z geriet und mit einigen Produktionen für dessen "The Blueprint" den Durchbruch schaffte. Dabei stammt Kanye West selbst aus einer gutbürgerlichen Familie – aus dem klassischen HipHop-Traum vom Aufstieg aus den tiefsten amerikanischen Ghettos machte er eine Chance für jeden, unabhängig von der Herkunft und vor allem dem sozialen Status. Für viele hat er damit HipHop verraten, für andere hat er ihn damit aus einer lang anhaltenden Lethargie gerettet, die nicht zuletzt durch die starren, kulturell anerkannten Grenzen entstanden war, die der HipHop in den USA sich selbst bis Anfang der 2000er-Jahre gegeben hatte.

And I always find, yeah I always find something wrong/
You been putting up with my shit just way too long/
I'm so gifted at finding what I don't like the most/
So I think it's time for us to have a toast/
(Kanye West auf "Runaway")

Und nun? "The Life of Pablo" ist mittlerweile über ein Jahr alt, was auch heutzutage lange nicht ausreicht, um ein Kanye-Album abschließend einschätzen zu können. Interessant war vor allem aus künstlerischer Sicht jedoch die immer wiederkehrende Überarbeitung und teilweise gar das Einfügen von Tracks durch Nutzen der Streamingdienste. Ist das die Zukunft der Musik? Wird es auf lange Sicht das abgeschlossene, irgendwie einzuordnende Album nicht mehr geben, sondern nur noch einem Prozess unterliegende Komplexe? Drake versuchte, dies durch seine "More Life"-Playlist aufzugreifen, letztlich kam dabei jedoch nur eine Mixtape-artige Sammlung an Tracks heraus, die sich seitdem jedoch weder erweitert noch verändert oder reduziert hat. Daran ändert auch das große Drumherum nichts, mit dem Drake versucht hatte, seinem neuen Release eine Art von Avantgardismus zu verleihen – den Fortschritt blieb er bisher schuldig. Wir müssen wohl wieder auf Kanye warten, um im großen Stile eine Veränderung in diese Richtung zu erleben. Für Anfang 2018 soll jetzt etwas angekündigt worden sein – ob Album, Mixtape oder etwas ganz Anderes und inwiefern dies in die Pablo-Tour passt, bleibt abzusehen. Es bleibt jedoch eine große Spannung, die selbst 13 Jahre nach dem Debut nichts an ihrer Berechtigung unter Fans und Kritikern eingebüßt hat.



Klar ist natürlich, dass es schon vor Kanye West einflussreiche Alben und Künstler gab und es sie auch nach ihm noch geben wird, die verschiedenen Vorlieben kann man da ewig diskutieren. Zum besten Rapper wurde er für mich erst durch Veröffentlichung seiner Yeezy-Kollektion, sein viel kritisiertes Einspringen für Beyonce bei den MTV Video Music Awards 2009, seine Äußerung über George W. Bush in einer Nachrichtensendung ("George Bush doesn’t care about black people") und zahlreiche andere Kontroversen. Seine Äußerung, Präsident der USA werden zu wollen, nicht zu vergessen. Fehlgriffe? Klar. Teils diskriminierende Äußerungen oder Verschwörungstheorien waren gerade in Anfangszeiten gerne Teil seiner Selbstdarstellung. Doch ihn deswegen verurteilen? Vielleicht macht ihn gerade auch sowas menschlich. Wir alle sind vielleicht mal das, was jemand anders unter "sexistisch", "rassistisch" oder einfach "diskriminierend" abtut, versuchen wir doch gerade, jegliche Regung irgendeinem Denkmuster unterzuordnen. Jemand ist eben nicht mehr einfach unfreundlich, griesgrämig oder gemein; er ist sexistisch, rassistisch, x-phob oder was auch immer. Kanye kann mit Sicherheit auch ein Arschloch sein und trifft nicht immer den Nagel auf den Kopf wie beispielsweise ein Kendrick Lamar. Aber es gibt kaum Konventionen, denen er sich unterwirft – nicht nur musikalisch, seinen Freigeist trägt er genauso als Persönlichkeit in sich, was ihn umso realer macht. Fehlgriffe sind dabei vorprogrammiert, andererseits kann da jedoch auch mal ein Schuh herauskommen, um den sich eine gesamte Generation reißt. Viele Facetten, kein Gut, kein Böse – das ist nicht immer einfach, aber das ist unsere Zeit. Und das ist Kanye.

Kanye West ist eine Geschichte. Die Geschichte einer mittlerweile äußerst ansehnlichen Diskografie, die sich auch im Jahr 2017 immer noch problemlos durchhören lässt. Die Geschichte eines Musikers, dessen Einflüsse wohl nicht einmal durch die in ihrem enormen Umfang eingeschätzt werden können, die er beeinflusst hat. Es ist jedoch genauso die Geschichte eines getriebenen Mannes, der irgendwo zwischen zutiefst gestärkter Künstlerhaltung, inbrünstiger Liebe und nicht zu brechender Überzeugung, aber auch großer Emotionalität, Verwirrtheit und manchmal eben diesem kleinen Stück Selbstliebe zu viel seinen Platz in dieser Welt sucht – so wie jeder andere von uns eben auch. Wir tun das meiste davon in uns, er trägt all dies nach außen und gibt allem, was in seinem Kopf und seinem Herzen ist, ein Ventil, ob Macken, ob Hass, ob Liebe, ob Irrationalität. Er ist der nahbarste Unnahbare unserer Zeit.

(Max)



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