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Special: Ein Plädoyer für Käptn Peng - Der Philosoph

veröffentlicht: Mittwoch, 06.09.2017, 18:47 Uhr
Autor: baurau



Meine allererste Reaktion vor mittlerweile doch einigen Jahren, als ich von Käptn Peng hörte: Was für ein unlustiger Spasti-Name, dazu noch der mega einfallslose Alias seines Kollegen Shaban. Das schrie alles nach pseudo-gewollt-kopflastiger Studentenscheiße, nach einem Affen, der Rap als Vehikel benutzt, weil er hier irgendwie denkt, einen Stich landen zu können, indem er einen auf künstlerisch-intellektuell macht und sich ironisch-wohlwollend gegenüber den Gangsterprollos positioniert. Ich war noch nie jemand, der mit einer vermeintlichen "HipHop-Kultur", insbesonderer deutscher Prägung, irgendetwas hätte anfangen können, aber das ökohipsterige Auftreten von Käptn Peng führte dazu, dass ich den allerersten Kontakt via Youtube, das Video zum Song "Kündigung 2.0" vom Album "Die Zähmung der Hydra" gleich wieder abbrach – nachdem ich gesehen hatte, dass der nächste Track den Titel "Sie mögen sich" mit schlechten (Hans-Unstern-Videos gab's damals noch nicht) Kritzeleien trug, die mir allzu anbiedernd nach Diddl-entwöhnten Lehramtsstudentinnen aussahen. Der Name vom Label Kreismusik, den fand ich aber schon damals irgendwie niedlich-entwaffnend, denn wer liefert sich schon einem Reim auf "Scheißmusik" aus? Trotzdem war unsere Romance denkbar schlecht gestartet und ich in meinem Urteil schon ziemlich versteift: Das war Curse-Kacke.



Was war ich für ein falsch liegendes, verbittertes Wesen. Wie im Nachhinein so oft schwimmt der goldene Lachs, der einfach ums Verrecken für diese deine Angelrute bestimmt ist, auch gegen den Strom, um dir ins Maul zu hüpfen: Ich hörte, ich denke, es war auf einer eher gequälten Hausparty in einer zu engen Studenten-WG, diese Musik, aber eher im Hintergrund, und ich war auch schon gut besoffen – wie es sich für einen (damals zukünftigen) Musikkritiker gehört, gab ich ungefragt in die Runde meinen Senf, dass dies ja ganz gut hörbar sei. Irgendeine dumme Sau meinte dann, sie müsste gegen die Musik motzen und etwas "Partymäßigeres" bestellen, ein bei mir sehr zuverlässig wirkender Trigger. Nach einer standgemäßen Pöbelorgie balancierte ich meinen Schwerpunkt vor den Laptop, um bei ca. 2 Zentimeter Abstand vom Monitor zu lesen, wen ich da eigentlich mit Verve und Gewaltandrohung gegen das schwache Geschlecht verteidigt hatte: Shaban feat. Käptn Peng mit "Kündigung 2.0" mit Texten wie

Vergesst mich, ersetzt mich/
Ich war nie hier/
Ich bitte euch hiermit/
Mich zu exmatrikulieren

(Käptn Peng auf "Kündigung 2.0")

, dabei wirkte das keineswegs pseudoakademisch-gewollt, sondern war eine, eben da ihr die Wut und das sprachlich Brachiale ebenso wie die konkrete Anklage fehlte, komplett authentische und verzweifelte Kapitulation vor dem Leben selbst, vorgetragen in einer Selbstverständlichkeit, die eben eine solche war, keine gewollte Nicht-Kanackengangsteraggressivität als Distanz zu "doofem" Rap, sondern schlicht die stimmliche Entsprechung zu dieser Musik – wem gelingt das schon so, dachte ich damals – den Stiebers, auf guten Platten? Diese Selbstverständlichkeit, von der hier die Rede ist und die sich in absolut jedem Part von Käptn Peng findet, nimmt nicht nur das Verkrampfte aus seinen verkopften Vorträgen, sie spielt sich technisch auf extrem hohen Niveau ab. Sie ist, je öfter man die Songs hört, immer auffälliger eben nicht dahingerotzt, sondern in sich sorgfältig austariert, um eine ganz eigene Melodik zu ergeben. Ich kann es nur mit Nick Cave vergleichen, der sich immer unverwechselbar und genau richtig anhört, sich das aber auch hart erarbeiten musste. Käptn Pengs Parts funktionieren tatsächlich auch ohne Musik, wie er in ausufernden Freestyles auch immer wieder unter Beweist stellt. Diese sind, wie seine Lyrics, wunderschön verschachtelte Eigenbetrachtungen, die jedoch nie l'art pour l'art sind, sondern immer ein abstraktes Thema der, ich nenne sie mal so, persönlichen Philosophiesphäre erkennen lassen – der Platz Pengs in der Welt, sein Anspruch an sich selbst, das Wohinwollen in unseren Zeiten.

Um zu mir, auf dieser Party stehend, zurückzukommen: Das waren nicht mal Beats, sondern echte Instrumente, und trotzdem war das kein reines Versuchsstadium eines verpoppten Hybrids wie die frühen Clueso-Sachen, sondern, und das war, was mich wirklich von den Socken haute, dieser Song hörte sich so verdammt unausweichlich, so determiniert an. Das Ganze musste exakt so sein. Mit einem Schlag war ich (annähernd) nüchtern: Das konnte doch nicht sein. Ich fand das Album "Die Zähmung der Hydra" auf der festen Platte vor und zog versuchsweise noch 2-3 Songs auf die nächsten Spots: Das wurde sogar immer besser. Das war musikalisch allerfeinste Sahne, es war intelligent, es war lustig in deutscher Sprache, ohne "lustig & deutsch" zu sein, und vor allem, und das ist der Grundpfeiler meiner Liebe zu diesem Künstler: Es war authentisch und deshalb war es so originell. Ein gelernter Schauspieler und Künstlerkind, ein klassischer Intellektueller, der Rap nutzt, um, unverblümt aber auch nicht künstlich aufgebauscht seine offenkundig zahlreichen Gedanken über sich selbst, den Kosmos, Zeit, Menschen zu teilen, ohne irgendeinen Willen, dafür auf Storytelling zurückzugreifen.

Ich bin ein Volk, ich bin ein Hofstaat/
Und mein Kopf ist voll/
Mit toten Despoten/
Die wie verirrte Piloten/
In mir tosen und toben/
Mir meine Logik verschoben/
Mir meinen Körper verbogen/
Mir ihre Seele anboten/
Sie haben mich ungefragt zu ihrem Boten erhoben

(Käptn Peng auf "Sein Name sei Peng")

Kurz den Rausch komplettiert und dabei zelotisch den Laptop verteidigt, stand ich um 6:00 Uhr auf, um direkt selbst mein Exemplar dieses Albums zu bestellen, das anschließend für Tage auf Rotation lief. Ab dann verfolgte ich das Werk von Shaban (Johannes Gwisdeck) und Käptn Peng (Robert Gwisdeck) wie gebannt, besuchte mehrere Livekonzerte und bevor ich noch richtig durchblickte, dass Shaban, der Bruder von Käptn Peng (und deutlich limitiertere Rapper; wer sich überzeugen will, der sei auf ältere Stücke der Beiden verwiesen) auf "Die Zähmung der Hydra" für die Produktion und einen Großteil der Instrumentierung verantwortlich zeichnete, kam "Expedition ins O" raus und Käptn Peng & die Tentakel von Delphi (und somit offizieller Band samt Shaban) waren geboren, was meinen Eindruck, dass Peng durchaus der Hauptcharakter und Shaban besser als musikalischer Leiter aufgehoben war, ganz ohne mein Zutun in die Tat umsetzte. "O" begeisterte mich auch deswegen so, da die Reaktion von Peng und Shaban auf den unerwarteten Erfolg daraus bestand, ihre künstlerische Vision noch stringenter durchzusetzen und die Gründung der Tentakel eben keinen massentauglicheren Sound, sondern ein noch eingespielteres Experimentieren und dem Käptnein noch stärkeres Abtauchen in Selbsterkundungssphären ermöglichen sollte: Ein Versuch, der voll aufging, "O" ist für mich ein 6/6 Album.

Ein Aspekt, den ich bislang zu wenig hervorgehoben habe, der aber gerade durch die "Expedition ins O" noch deutlicher in den Vordergrund trat: Nicht nur ist Käptn Peng ein technisch exzellenter MC, sondern die Tentakel von Delphi sind auch eine hervorragende Band – dass Peng sie gar nicht bräuchte, ändert daran nichts. Wie schon erwähnt, sind die Tentakel eine "echte" Band, deren musikalische Komplexität aber weit darüber hinausgeht, Beatstrukturen nachzuäffen, sondern die Songs der Delphine sind herausragendes Songwriting, mit klarer Handschrift und kohärentem Stil, der seiner eigenen Logik folgt, ohne nur Unterlage für Pengs Vortrag zu sein. Ich kenne ungelogen keine vergleichbare Backingband eines Rappers, die den Tentakeln musikalisch auch nur ansatzweise das Wasser reichen könnte. Denn was für Peng zutrifft, stimmt auch für die Delphis: Sie brauchen den anderen nicht unbedingt. Ohne Peng würden sie sich wie eine Mischung aus einer schmissigeren Instrumentalvariante von Grizzly Bear und der Hochzeitskapelle anhören; offenkundig gäbe es schlechtere Verwandte.



Und so sehr ich mich für diese tollen Menschen freute, dass die Single "Der Anfang ist nah" aus dem "O"-Album ein kleiner Hit wurde, hatte gerade dieser Erfolg auch negative Resultate: Wie in jeder guten Beziehung gibt es auch Tiefpunkte, die ich in diesem Plädoyer nicht verheimlichen mag, ja kann, da sie, und das ist das Schlimmste (neben dem Ausbleiben von Bier, klar) im Zwischenmenschlichen: Wenn das significant other gegen einen Wesenszug handelt, den man selbst an eben jenem ganz außerordentlich schätzt, den man gar für wesensbestimmend hält, ohne den das zurechtgemachte Bild des Anderen im eigenen Kopf nur noch begrenzt Sinn gibt und bedrohlich anfängt, zu wackeln wie ein Kartenhaus, auf das Fresh Polakke rotzt; und am einfachsten widerspricht man sich selber, wenn man die eigenen Stärken untergräbt: So geschehen, als Käptn Peng, es muss irgendwann 2014-15 gewesen sein, in der grundsätzlich eigentlich nur von Wolfskin-Jacken-tragenden Arschlochstudienräten besuchten Kulturbrauerei gastierte. Das Konzert war, wie ein Konzert in diesem Scheißloch nun mal ist: Unmögliches Dreckspublikum, teure Tickets, lange Warterei, unverschämte Preise für alles, Sound höchstens solala, Sicht beschissen, Luft zum Schneiden (aber nicht wegen Dope oder Pisse). Klar, es gibt Locations, in die geht man einfach nicht, weil sie noch jeden Artist kaputtkriegen (looking at you, Huxleys Neue Welt), aber es gibt einfach keinen Grund, in die Kulturbrauerei zu gehen, außer um dick zu cashen. Die Show, die ich in fast identischer Form in der versifft-heimeligen Alten Mälzerei in Regensburg ebenfalls genießen durfte, hat in Ratisbonn frei nach Neil Young den shit out of den place geteared, versandete in der riesigen und unpersönlichen Kulturbrauerei aber völlig. War diese lieblose Show, bei der alle freien Reimketten des Käptns natürlich auch im Getuschel des Publikums untergingen, der Anfang vom Ausverkauf des Pengs, der drohende Vorbote einer Bagatellisierung dieser eher trotz und nicht wegen Zurschaustellung ihrer Authentizität erfolgreichen Musik? Weniger gravierend, aber doch merklich ist auch, dass Shabans Solo-Producer-Album "Apto Machinam", eines der wenigen Alben, das ich je vorbestellt habe, leider ebenso wie der von den Tentakeln von Delphi (und damit faktisch hauptsächlich Shaban zuzuordnende) aufgenommene Soundtrack zum Film Alki Alki ziemlicher uninspirierter Schrott sind und Robert Gwisdeck als Schauspieler anscheinend zunehmend gezwungen ist, auch in üblem öffentlich-rechtlichem Filmmüll wie "Die Glasbläserin" mitzuspielen. Wahrscheinlich verdient der Arme einfach nicht genug mit der Musik, aber so ein Scheißdreck konterkariert letztlich seine Texte spürbar.

Demzufolge war ich nervös ob des Release des neuen Albums "Das Nullte Kapitel": wiederum zu Unrecht. Versteht dieses Plädoyer also durchaus auch gerne als Kurzreview zum neuen Album, das dort anknüpft, wo "Expedition ins O" aufhörte. Etwas mehr musikalische Breite, etwas variablerer Stimmeinsatz von Peng, ansonsten gewohnte hervorragende Kost, der Sprung vom "Hydra"-Album zu "O" war eindeutig weiter, was angesichts der vier Jahre seit "O" schade, aber zu verschmerzen ist, zumal "Das Nullte Kapitel" für sich genommen ein herausragendes, stimmiges Album mit einem Peng in Hochform ist, mit gewohnt nachdenklichen und stilistisch wunderschönen Texten, mit darüber hinaus beträchtlichem Umfang und offenkundiger Spielfreude aller Beteiligter.

Mein Hirn ist ein Haus und mein Körper ein Garten/
Doch wenn mich jemand fragt, wer darin wohnt, muss ich raten/
Er trägt keinen Namen, doch er ist übersät mit Narben/
Die einmal Gesichter waren

(Käptn Peng auf "Pförtner")

Es sei hiermit jedem wärmstens ans Herz gelegt. Auch wenn unsere Künstler sich damit wenig weiterentwickelt haben, so verstehe ich das jüngste Werk doch als Beleg dafür, dass Peng & Co. endgültig ihren Sound gefunden haben, mit dem sie sich wohlfühlen und den sie auch bei weiterem großem Erfolg nicht über Bord werfen werden.



Übrigens war der Käptn auf dieser Tournee in der deutlich angenehmeren Columbiahalle – mein Fanboy-Herz hofft, dass er das Kulturbrauerei-Konzert auch scheiße fand. Ich gelobe, ab jetzt nimmerniewieder kritisch gegenüber Käptn Peng zu sein. Ich will alle seine Alben zufrieden konsumieren, mich auf seinen Tourneen an ausufernden Freestyles berauschen und zumindest gegenüber diesem einen Rapper einfach so Fanboy sein, wie ich es sonst nur Nick Cave und Julian Knoth zugestehe. Sollten wir zusammen alt werden, Gwisdeck, werde ich Dein wirres und kaum verdauliches Alterswerk vorbehaltlos konsumieren, selbst wenn ich es bei Dir persönlich bestellen muss wie bei Sam Gopal. Ich schwöre Dir Treue!

XOXO,
dein

Franz Xaver Mauerer

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