Angemeldet bleiben?

Review: Disarstar – Kontraste

veröffentlicht: Montag, 29.06.2015, 12:29 Uhr
Autor: El-Patroni





01. Vision (Intro)
02. Bis zum Hals
03. Außer Rand und Band
04. Kaleidoskop
feat. Hagen Stoll
05. Therapiestunde
06. Wer ich bin
07. 100 Jahre
08. Halb so wild
09. Nahdistanz
10. Capitis Deminutio Maxima
11. Anno 2300
12. Mein Palast
feat. Teesy
13. Lange issses her
14. Kosmologie
feat. Mohammed Ali Malik

Einer der Vorteile am Musikjournalismus ist es, dass man sich mit Alben und Künstlern befasst, von deren Existenz man sonst bestenfalls am Rande etwas mitbekommen hätte: So ergeht es mir mit Disarstar, dessen Album "Kontraste" ich mir ansonsten bestimmt nie angehört hätte. Ein Molotovcocktail ziert das Cover und in Verbindung mit Künstlername und dem, was mir die Bildsuche von Google beim Eingeben von eben diesem liefert, erwarte ich stumpfen Straßenrap, eine bewusst schlechte Aussprache, Beats, die durch die Bank wie aus dem Jahre 2006 klingen und vielleicht sogar den ein oder anderen Grammatikfehler. Im Gegenzug halte ich meine Erwartungen an Songkonzepte, Wortgewandtheit und Hörgenuss eher gering und stelle mich schon mal darauf ein, mich durch die 14 Tracks zu quälen.

Schon das "Intro" belehrt mich eines Besseren und hält meinem von Vorurteilen gebeutelten Ich zufrieden grinsend den Mittelfinger ins Gesicht:Disarstar beherrscht die Deutsche Sprache perfekt, macht keine Grammatikfehler und schafft es mit seinem schnellen, leicht abgehackten Flow auf einem minimalistischen Beat, mich mit einer deutlich positiven Überraschung auf das Album einzustimmen. Ich entschuldige mich hiermit für mein vorurteilsvolles Denken, stehe "Kontraste" jetzt neutral gegenüber und bin gerne bereit, mich weiterhin überraschen zu lassen. Nachdem Disarstar auf "Bis zum Hals" wohl in erster Linie zeigen wollte, dass er verdammt schnell rappen kann, folgt mit "Außer Rand und Band" auf einem großartigen Oldschoolbeat ein Track über die Zeit als kleinkrimineller Jugendlicher und auch wenn der Rapper hier das Rad nicht neu erfindet, so weiß er doch, wie man eine solche Thematik angehen muss, um nicht direkt langweilig zu werden.

"Es wurd' die Schachtel einkassiert und die Flasche auch/
Scheißegal, war doch eh geklaut/
Ist was gewesen, kam man ab und an dann morgens aus der Wache raus/
Und sich cool vor, Kater und Hass im Bauch/
"
(Disarstar auf "außer Rand und Band")

Die Beats folgen auf diesem Album keinem Konzept: Von traplastigen Representern, über Oldschoolbeats bis hin zu episch anmutenden Klängen ist einfach alles dabei, Disarstar passt sich perfekt der musikalischen Untermalung an und stellt meist sogar seine Featuregäste, egal ob Sänger oder Rapper, in den Schatten. Besonders gut zu erkennen am Beispiel von Hagen Stoll (ehemals Joe Rilla), der auf "Kaleidoskop" einfach in der Gesamtheit des Tracks verschwindet und so sehr untergeht, dass ich mich nach dem ersten mal Hören frage, wo jetzt eigentlich das Feature war. Manchmal steht sich Disarstar aber auch selbst im Weg, wie auf dem Track "Nahdistanz": Vor allem die stellenweise komische Betonung in den Parts und die uninspiriert anmutende Hook sind dafür verantwortlich, dass man diese Anspielstation, die durch gute Reimtechnik und einen interessanten – an Gangsterrap aus den USA zu Beginn des Jahrtausends erinnernden – Beat überzeugen würde, einfach nicht richtig feiern kann. Das Highlight der Platte markiert der Track "Anno 2300", auf dem unser aktuelles Gesellschafts- und Wirtschaftssystem aus der Sicht der Menschen der Zukunft analysiert und kritisiert wird. Anfangs kann ich mir den Gedanken, dass diese Idee einfach von Prinz Pis "2050" geklaut wurde, nicht verkneifen, doch gerade der zweite Part zeigt, dass Disarstar es hier sogar wesentlich besser gemacht hat als Prinz Pi damals.

"Vor 300 Jahren ging die Menschheit kurz unter/
Das 21. war das letzte Jahrhundert/
Denn als damals dann das System kollabierte/
Gab's statt Nächstenliebe unzählige Kriege/
"
(Disarstar auf "Anno 2300")

Fazit
"Kontraste" ist weder totaler Abfall noch ein großer Meilenstein der Rapszene. Disarstar wollte auf diesem Album vermutlich seine Vielseitigkeit zeigen, beweisen, dass er auf verschiedensten Beats eine gute Figur macht und allen Hörern deutlich machen, welche Flowvarianten und Reimstrukturen er beherrscht. Auch bei der Themenvielfalt bewegt sich "Kontraste" im Vergleich zu anderen Rapalben eher im oberen Mittelfeld und wird dadurch nicht zu schnell langweilig. Leider kommt bei all dem Abwechslungsreichtum die Stimmigkeit zu kurz, denn es wirkt wie eine willkürliche Ansammlung von Tracks, die irgendwann mal aufgenommen und für gut befunden wurden. Dies hat den Vorteil, dass für jeden – vom Straßenrapliebhaber, über den Reimsilbenzähler bis hin zum Oldschooler – etwas dabei ist, aber die meisten wohl maximal zwei oder drei Anspielstationen richtig feiern werden. Disarstar ist ein guter Rapper, versteht es, mit der Deutschen Sprache umzugehen und kommt auf jeder Art von Beat klar, aber diese vielen Facetten wären besser auf vielen verschiedenen Alben untergebracht, denn so leidet der Hörgenuss gewaltig.

El-Patroni
(David)



Bewerte diese CD:

Diese Review wurde 4805 mal gelesen
3 Kommentare zu dieser Review im Forum