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Special: Die Freshman-Class 2017: Diese 10 Newcomer solltest du kennen

veröffentlicht: Mittwoch, 12.04.2017, 16:27 Uhr
Autor: Play70



Es ist vielleicht eines der interessantesten Events des HipHop-Jahres: Das renommierte XXL-Magazin kürt in Kürze einmal mehr die jährliche Freshman-Class. Für alle, die mit dem Konzept noch nicht vertraut sein sind – die Freshman Class ist eine Zusammenstellung der vielversprechendsten Newcomer des jeweiligen Jahres und gilt für viele Fans und Musiker als eine recht prestigeträchtige Institution. So waren schon einige moderne Szenegrößen wie Kendrick Lamar, Future oder Kid Cudi am Fuß ihrer signifikantesten Karriereabschnitte in einer Edition der Freshman Class vertreten. Letztes Jahr konnten sich unter anderem Lil Yachty, Lil Uzi Vert, Denzel Curry oder 21 Savage Plätze auf der begehrten Liste sichern. Und nun öffnet sich das Voting ein weiteres Mal.
Dafür hat das Magazin eine massive Auswahl an frischen Gesichtern in der Szene zusammengestellt, die für die diesjährige Edition in Frage kommen. Da die Menge der Artists aber wahrscheinlich auf den unbefangen Raphörer absolut erschlagend ausfallen dürfte, haben wir uns für Euch durch die Liste gewühlt, diskutiert, abgewogen und unsere Auswahl für die zehn interessantesten Musiker aus dem Pool zusammengestellt. Also: Falls ihr up to date bleiben wollt, wer in diesem Jahr vielleicht besondere Aufmerksamkeit verdienen könnte, solltet ihr diesen zehn Rappern eine Chance geben:

10. Little Simz



Beginnen wir die Liste mit einer der weniger repräsentierten Nicht-Amerikanern der Auswahl: Little Simz ist eine Britin mit nigerianischen Wurzeln und auch in anderlei Hinsicht ein absoluter Exot ihrer Szene: Die Genre-übergreifende Musikerin zeichnet sich durch einen immensen Spielraum an Experimentierfreude und innovativen Ideen aus, durch die ihre Klangwelten einen stets frischen und ungewohnten Twist erhalten. Besonders zu betonen ist dabei ihre Single "Dead Body", auf der sie tribale Rhythmik mühelos mit schweren elektronischen, fast industriell anmutenden Sounds kombiniert und darauf smooth, aber doch bestimmt klingende Flows zum Besten gibt. Simz ist eine Ausnahmeerscheinung, ihre Musik lässt sich schwer an herkömmlichen Maßstäben beurteilen und mit dieser Erwartungshaltung sollte man sich auch den Songs nähern: Ihr Charisma und ihre Ausstrahlungskraft faszinieren auf eine einzigartige Weise, weswegen bereits auch hochkarätige Acts wie Estelle oder Leona Lewis mit ihr zusammenarbeiteten.






09. Playboi Carti



Man stelle sich einen jungen Rapper vor, der mit einem Erfolgshit allein auf Soundcloud stolze 23 Millionen Streams erreicht. Man stelle sich vor, dass eben jener Rapper ein Co-Sign von A$AP Rocky erhält und beste Kontakte zum Mob pflegt und auch sonst gut in der Szene verwurzelt ist und mit einigen der angesagtesten Künstler rumhängt und befreundet ist. Nun stelle man sich bitte vor, dass dieser Rapper, auch knapp zwei Jahre nach Release des besagten Hits, immer noch kein richtiges Projekt herausgebracht hat. Was zunächst ein wenig absurd klingt, ist mit Playboi Carti Realität geworden. So lässt der MC seine Fans tatsächlich seit mehreren Jahren auf das wieder und wieder angekündigte Debütmixtape warten, was schon öfter zu der Behauptung führte, seine Karriere sei schon vorbei, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat. Bislang passiert ist das aber nicht. Ja, vielleicht ist genau diese No-Fuck-Attitüde eben auch das, was den Künstler und somit dessen Musik hauptsächlich ausmacht. "Broke Boi", der bekannteste Track des MCs, ist textlich weitestgehend einfach gehalten und auch raptechnisch sucht man vergeblich nach großer Innovation, klare Einflüsse von der ignoranten Haltung eines Chief Keefs sind erkennbar, doch kann man der Musik des Südstaatlers einen gewissen mitreißenden Charakter nicht absprechend, denn die Symbiose aus dreckigem Ghettosoundbild, ignoranten Zeilen und simplen, aber eingängigen Flows bleibt im Kopf hängen und hat dabei einen ähnlichen Effekt wie früher die Musik eines 50 Cents. Kurzzeitig vergisst man beim Hören nämlich, dass man weiß und in einer recht friedlichen deutschen Stadt wohnt und reist stattdessen kurzzeitig in die schmutzigen Abgründe eines imaginierten Atlantas, stuntet mit Cartiund seinen Homies und lacht über all die Broke Bois, die noch in die Mall gehen müssen, um Schmuck zu kaufen.






08. Ugly God



Wahrscheinlich ist das Prädikat "Meme-Rapper" nicht die Art Kategorisierung, die dem geneigten Raphörer in Zeiten zwischen Soundcloud, Bandcamp und Reddit die vielversprechendsten Bilder heraufbeschwören sollte. Und man muss zugeben, Ugly God ist durchaus ein Mann der Gimmicks. Mit abenteuerlichem Haarschnitt, teilweise durch die kultige Ash-Ketchum- oder grüne Luigi-Mütze kaschiert, tänzelt der MC in einem "HENTAI"-Pullover an einem Strand auf und ab und zelebriert seine Liebe zu 21Savage, Lil Yachty und PornHub. Der Refrain wiederholt dann ohne ersichtlichen Grund das Wort "Water" in die Unendlichkeit. Klingt furchtbar? Ist tatsächlich aber ziemlich cool. Die Gründe, warum der Ugly God nicht so komplett peinlich ist, wie es alles, was er tut, anzudrohen scheint, ist die Authentizität und Lockerheit, mit denen er all seine Gimmicks irgendwie harmonisch in seinen Charakter einfließen lässt und die überraschend gut ausproduzierte Soundkulisse. Am Ende fasst er Internetkultur mit einer unverkopften Entspanntheit zusammen, nimmt es absolut nicht ernst, versucht aber auch nicht, krampfhaft lustig zu klingen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Welt es mit einem Meme-Rapper zu tun bekommen würde, der auch in Richtung Mainstream Fahrtwind aufnimmt. Und Ugly God ist vermutlich der bestmögliche Künstler, den wir aus diesem Schwachsinn hätten ziehen können. In diesem Sinne: Thanks, Ugly God!






07. Allan Kingdom



Wenn man aufstrebende Rapper nach ihren größten Einflüssen befragt, sind Namen wie Kanye West oder Kid Cudi wohl keine allzu seltenen Antworten. Allan Kingdom hat anderen Künstlern seiner Generation aber schon etwas voraus – denn mit einem seiner Idole konnte der gebürtige Kanadier bereits zusammenarbeiten. Erstmals machte der MC nämlich bereits 2015 durch seinen Gastbeitrag auf Kanyes "All Day" auf sich aufmerksam, knapp ein Jahr später folgte dann mit "Northern Lights" ein Mixtape, das ihm sowohl von Fans als auch Presse einiges an Lob einbrachte. So zeigte der junge Künstler auf diesem ein Gespür für eingängige Melodien und Flowpassagen, die sich im Kopf festsetzen und verband diese mit einer gewissen Leichtigkeit, in der sich starke Einflüsse von Yes Frühwerk finden, vor allem von Alben wie "College Dropout" und "Late Registration", dank Cudi aber auch ein wenig "808s & Heartbreak", was nicht zuletzt dadurch deutlich wird, dass sich gleich im ersten Track eine "Drive Slow"-Referenz findet. Eben dieses Gefühl versteht der Rapper auf den aktuellen Zeitgeist umzumünzen, was erneut im Vorfeld zu seinem erst kürzlich erschienen Debütalbum "Lines" deutlich wurde.






06. Joey Purp



Kommen wir zu dem Rapper der Liste, mit dem sich Oldschoolheads wohl am ehesten anfreunden könnten: Als musikalisches Gerüst für seine Tracks dient Joey Purp meist der moderne, soulbasierte Sound, dessen Ursprung wohl irgendwo – erneut – im Frühwerk Kanye Wests zu finden ist und einen Großteil der HipHop-Szene Chicagos ausmacht. Im Fall Purps fallen die Instrumentals meist imposant und vorantreibend aus und weniger sanft smooth, wie zum Beispiel häufig bei seinem SAVEMONEY-Homie Chance The Rapper. Warum diese fast schon pompöse Aufmachung dem Künstler mehr als nur liegt, merkt man, sobald er anfängt, zu rappen: Getragen wird die Musik des Chicagoers nämlich von meist energiegeladenen und markanten Flows, die ein wenig den Vibe von Weezys stärksten Schaffensphasen verkörpern, obendrauf gibt es dann meist eine Hook, die vielleicht zunächst ungewohnt wirkt, dabei aber dennoch im Kopf hängen bleibt. Zu dieser raptechnischen Raffinesse gesellen sich zusätzlich noch hörenswerte lyrische Fertigkeiten, die noch einmal durch die sympathische Ehrlichkeit unterstrichen werden, mit welcher der MC aus seinem Leben erzählt, das zwar auch von der Kriminalität in Chicago geprägt, aber nicht von dieser dominiert wird. Viel eher stehen bei dem Künstler die typischen Unterschichtsstruggles im Fokus: Armut, Perspektiv- und Ziellosigkeit und zusätzlich ein schwieriges politisches und soziales Klima, aber eben zwischenzeitlich auch einmal leichtere Themen. Joey Purps Musik ist also so etwas wie ein Abbild der modernen, schwarzen Unterschicht, die zwischen all den Streetrappern gerne einmal vergessen wird.






05. Noname



Du weißt in etwa um deinen Status als Rapper in der Szene, wenn Wikipedia in deinem Artikel zunächst "Poet", dann "Rapper" anführt. Aber verdammt, wenn es derzeit jemand verdient, dann ist es Noname. Ehemals Noname Gipsy genannt, trägt die in Chicago geborene Musikerin in ihrer Handschrift einen klaren Nachhall ihrer Blues- und Jazz-Sozialisierung und performt ihre Texte mit einer dereart verträumten Sanftmütigkeit und einem Anflug von unterschwelliger Melancholie, dass der Vibe gleichzeitig von einer nostalgischen Wärme umgeben wird und doch so frisch und aktuell klingt, wie es nur möglich ist. Ein wenig Chance the Rapper, ein wenig Lauryn Hill, aber unterm Strich doch komplett eigen: Noname fühlt sich an wie ein Süßigkeitenladen im Großstadtdschungel. Und jeder, der sich für neuartige Ausführungen von Jazz-Rap und Throwbacks auf die alte Schule interessiert, die weit entfernt von Regressivität und verweigertem Fortschritt stattfinden, sollte sich unbedingt eine halbe Stunde seines Lebens einplanen, um ihr Debut-Mixtape "Telefone" anzuhören. Es wird vermutlich aber nicht bei diesem einem Mal bleiben.






04. XXXTentacion



XXXTentacion hat derzeit vermutlich den größten Hype unter allen Freshman-Kandidaten. Das hat zwei Gründe: Der eine ist die semi-erzwungene Diskussion darüber, ob Drake nun Flows von Tentacion gestohlen hat oder vielleicht auch nicht (zumindest führte es zu einigen Fronts an den kanadischen Superstar – und damit verbunden natürlich einiges an Aufmerksamkeit), und zum anderen ist da "Look At Me". Und "Look At Me" fasst den Appeal des Florida-Rappers eigentlich ausreichend zusammen. Es ist verzerrt, radikal, aggressiv, erinnert an Noise- und Metal-Records und geht dabei so kompromisslos und primitiv auf den Hörer los, dass man sich fragt, wieso er der erste ist, der derartig klingende Musik in das Internet gestellt hat. Dabei ist der Kerl selbst anscheinend ein ziemliches Arschloch: Zumindest war er bis vor Kurzem noch im Knast dafür, seine schwangere Freundin verprügelt zu haben. Doch auch das ist ein Teil seiner Persona. X ist vielleicht einer der radikalisten Antihelden der HipHop-Geschichte und verkörpert einen schlechten Menschen über seine augenscheinlich simplen Songs mit einem überraschend vieldimensioalen Tiefgang. Er verbindet die Emotionalität von aktuellen Soundcloud-Strömungen mit der immensen Banger-Affinität von Floridas Trap-Kultur. Und das Ergebnis wird sich musikalisch über die nächsten Jahre festsetzen.






03. Jazz Cartier



Drake und The Weeknd gehören ohne Frage zu den größten und einflussreichsten Musikern unserer Zeit – kein Wunder also, dass Toronto, die Heimatstadt beider Künstler, zurzeit ein Hotspot für aufstrebende Talente ist. In den vergangenen Jahren schafften so unter anderem PartyNextDoor und Tory Lanez den Sprung in den Mainstream. Auch Jazz Cartier, der trotz seines Namens kein Oldschooler sondern eher das genaue Gegenteil ist, wird von einigen Szenekennern ein solcher Schritt zugetraut und nach seinem kürzlichen Erfolg bei den kanadischen Juno Awards ist dieser womöglich auch nicht mehr allzu weit entfernt. Musikalisch konnte der Rapper vor allem dank seinem letztjährigen Projekt "Hotel Paranoia" auf sich aufmerksam machen. Dieses zeichnet sich zunächst einmal durch die ungewohnt düsteren Instrumentals aus, die größtenteils von dem Produzenten Lantz stammen und eine atmosphärisch gelungene Basis für die Vocals von Jazz bieten. Diese sind allerdings auch nicht zu verachten, denn die Kombination aus der angenehmen Stimme, den variablen, prägnanten Flows und den zumeist eingängigen Hooks erschaffen eine einnehmende, hypnotische Wirkung.






02. Lil Peep



Hand aufs Herz, in der heutigen Zeit ist es selbst für Musikmagazine nicht einfach, jeden Hype schnell zu erfassen und sich ernsthaft mit diesem zu beschäftigen, was oft dazu führt, dass Magazine erst auf den Zug springen, wenn schon alle Vierer besetzt sind. Genau das ist auch bei Lil Peep der Fall: Bereits zu Anfang des letzten Jahres konnte der junge Künstler eine solide Fangemeinde hinter sich versammeln, im Verlauf der folgenden Monate wuchs diese in fast unermessliche Höhen und das kommt nicht von ungefähr. Schon ein Blick auf den Rapper lässt vermuten, dass wir es hier nicht mit einem Standardcharakter zu tun haben. Der individuelle Look, der auffällige, modische Kleidungsstil und allen voran das Crybaby-Tattoo auf der Stirn (der Daddy-Schriftzug auf der Brust ist leider verdeckt), erzählen wohl schon genug. Und auch musikalisch setzt sich dieser Eindruck fort: So lässt der Künstler thematisch ein Maß an Emotionalität und Verletzlichkeit, die an Bands wie My Chemical Romance erinnert, durchblicken, die in unseren Genregefilden eher selten sind, verfällt dabei aber nicht in die urdeutsche Melancholie, sondern präsentiert sich auf dem nächsten Track mit einem solch lässigem Selbstbewusstsein, mit dem er auch neben einem Gucci Mane und Young Thug nicht verblassen würde. Die amerikanischen Südstaaten sind ein gutes Stichwort, denn deren relevante Soundentwicklungen sind ein großer Einfluss auf die Musik Peeps. Wer aber nun annimmt, es mit einem weiteren Traprapper zu tun zu haben, irrt, denn diese Einflüsse kombiniert der Gothboiclique-Member gekonnt wie kein anderer mit R&B- und Pop-Punk-Elementen und obendrauf noch das ein oder Indie-Rock-Sample, das die Herzen jedes Pitchforklesers höher schlagen lässt und dem Rapper selbst schon einige Artikel in besagtem Magazin bescheren konnte. Dabei wirkt kein Element deplatziert und Trapflows werden mit einer ehrlichen Emotionalität verbunden, die an The Microphones erinnert, was wiederum mit einer eingängigen Wall-Of-Sound-Hook kombiniert wird. Die Musik des jungen Künstlers ist also sozusagen die bestmöglichste Collage aus den 2000ern, die die Sprache der heutigen Jugend spricht, wenn nicht sogar neu definiert.






01. Princess Nokia



Princess Nokia? Okay. Das bedarf Erklärung. Destiny Frasqueri, eben unter anderem bekannt als Princess Nokia, ist eine New Yorkerin mit Puertoricanischen Wurzeln, Genre-Grenzgängerin, eine der experimentellsten Artists der modernen Generation und feministische Rapperin. Ja. Ich mag den Schauer nachvollziehen, der dem durchschnittlichen deutschen Raphörer zwischen Sookees und Kitty Kats bei diesem Begriff vermutlich über den Rücken laufen wird. Aber bitte, nehmt alle Vorurteile, haltet sie hoch und klickt auf das Video, denn Nokia haut Euch die Vorstellung von einem Female-Rapper links und rechts um die Ohren. Sei es ein aggressiver Banger wie "Tomboy", in dem es explizit um weiblich-männliche-Stereotypen geht, sei es ein experimenteller, tribal-anmutender Slowburn wie "Brujas", in dem Identität und Herkunft verhandelt werden oder eines der weniger bekannten, versteckten psychedelischen Juwelen wie "Biohazard Butterfly". Ihre größte Waffe ist die Vielseitigkeit. Von Track zu Track lässt sich teilweise kaum glauben, es gerade mit dem selben Künstler zu tun zu haben, die Themenpalette der New Yorkerin reflektiert den Interessenhorizont eines modernen Weltenbürgers, fusioniert unzählige Genreeinflüsse fast beiläufig in einzigartige Trackprojekte und im Grunde bleibt durchgehend das Gefühl, eine Perspektive mit viel Kante und Eigenwert geliefert zu bekommen. Nokia ist weder der handwerklich versierteste noch der musikalisch rundeste Künstler der Freshman-Liste, aber sie ist schlichtweg das spannendste Happening des Jahres. Sie befindet sich thematisch, ästhetisch und emotional an der Speerspitze einer Bewegung dieser Generation und repräsentiert Individualismus und Selbstausdruck im globalisierten Internetzeitalter wie kaum jemand es vor ihr getan hat.



Yannik Gölz & Marc L.

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