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Interview: Destroy Degenhardt: "Fick dich, ich zeig dir richtige Emo-Phasen!"

veröffentlicht: Freitag, 15.12.2017, 18:59 Uhr
Autor: Cuttack


Destroy Degenhardt verschanzt sich tief im Untergrund und widersetzt sich der schönen, runden Ästhetik des deutschen Konsens mit Hand und Fuß. Verbittert, tiefschwarz, aber auch fantasievoll und atmosphärisch spiegelt der Mann auf seinem neuen Release "Das Handbuch des Giftmischers" die Abgründe der verlorenen Kinder der Gesellschaft wider. Bei uns gab es dafür fast die Höchstwertung, im Interview gibt es neben genrefremden Musiktipps auch Gedanken über Emo-Battles und Zukunftswünsche.


rappers.in: "Ich kann den einen Song nicht machen, um mich an allen zu rächen/ Kann den einen Text nicht schreiben, um es allen zu zeigen/" Zum Einstieg habe ich eine recht prominente Zeile aus dem Album gegriffen. War das irgendwo im Hinterkopf nicht doch ein bisschen die Ambition der Platte?

Destroy Degenhardt: Ach was, das ist einfach nur ein wenig heulsusig. Weißt du, früher, da konnte ich mich ja noch ein wenig dafür abfeiern, dass mich keiner kannte, konnte mich immer darauf retten, dass die Unbekanntheit mich vor irgendeinem Feedback schützen würde oder so, jetzt inzwischen kriegen mich halt doch ein paar Menschen mehr mit und ich habe keine wirkliche Ausflucht mehr, so komische Musik zu machen. Aber naja, abgesehen von meinen zwanzig Die-Hard-Fans bin ich ja immer noch recht weit unter Allem.

rappers.in: Hat die Resonanz im Untergrund deinen Schaffensprozess oder deine Herangehensweise denn verändert?

Destroy Degenhardt:
Nö, gar nicht. Früher war dann eben wenig los. Früher habe ich aber auch keine Promo gemacht. Ich habe da eben ein sehr bipolares Öffentlichkeits-Verhalten, in meiner Selbstdarstellung bin ich irgendwie auch voll gehemmt, da traue ich mich manchmal nicht einmal, einen Facebook-Post zu machen. Ich werde Anti, komme nicht darauf klar, mich darzustellen, das passt nicht in mein Selbstbild. Und andererseits bin ich dann auch immer wieder aufgedreht, denke mir so "Ja, klar! Lasst und all das sofort machen! Supergeil!". Das ist unterschiedlich. Dementsprechend kam früher eben auch nicht viel herum, die Resonanz kam wenn dann von ganz kleinen Blogs oder Fans, was dann schönerweise auch immer total liebevoll war. Je offizieller die Sachen dann geworden sind, desto mehr hat man dann auch gemerkt, dass es mehr in Richtung Pflicht von Seiten der Medien geht. Muss man eben machen. Ist dann auch gerne mal Scheiße. "Raptechnik und das reimt sich nicht". Dann denk ich mir halt auch, fickt euch doch. Ich glaube das ist eine größere Angepisstheit auf Szene und Industrie, die die neuen Umstände gebracht haben. Der Trotz findet sich definitiv darin.

rappers.in: Das finde ich interessant: Eigentlich spielt sich deine Nische doch inzwischen tatsächlich recht weit vom Deutschrap-Konsens ab, trotzdem kommen die Referenzen auf diese immer wieder auf. Von Samy Deluxe bis Yelawolf geht es immer wieder um HipHop. Wieso kommt es da zu keinem Bruch?

Destroy Degenhardt: Ich bin halt der Überfanboy! Ich bin ein Otaku, ich bin überkrasser Fan. Das ist doch der Hauptaspekt, es geht um das Schaffen, ich liebe Sachen. Ich liebe Filme, Musik, Bücher. Ich würde Leuten meistens viel lieber andere Musik empfehlen als meine eigene. Ich bin Fan von Sierra Kidd, das wird gerne missverstanden, wen ich disse. Shacke One, Yelawolf, alles überkrass.

rappers.in: Warum willst du denn das Gesicht von Yelawolf?

Destroy Degenhardt: Yelawolf sieht geil aus! Inzwischen ist das zwar mit den Hüten ein bisschen zu sehr wie Pharrell, aber allgemein find ich den übercool. So ein Redneck, der rappt. Wenn ichs mir raussuchen dürfte, würd ich aussehen wollen wie er.



rappers.in: Auf "Carhartt-Depression" greifst du Musiker dafür an, Depression und geistige Gesundheit zu einem Modeaccessoire zu degradieren. Braucht es so etwas wie Gatekeeper für die Abgefucktheit oder kann das Außenseiterdasein zum Mainstream werden?

Destroy Degenhardt: Klar, das merkt man doch. Ist es inzwischen ja auch fast. Ist ja irgendwie auch verständlich. Mit achtzehn ein bisschen verwirrt zu sein, das ist normal. Ich hab mit neunzehn auch Bukowski gelesen, gekifft und gedacht – oh Gott, ich bin am Ende. Aber wenn du das machst, dann musst du eben auch neunzehn, zwanzig sein und in einer Laminatbude leben. Aber dann kann man auch mal die Fresse halten. Im ersten Part geht es darum, was ich an den anderen scheiße finde. In meinem Teil des dritten Parts versuche ich dann ja auch, meine eigene Emo-Kredibilität zu unterstreichen. Natürlich flext man da irgendwo, was man schon alles erlebt und gemacht hat. Gibt auch keinen, der das misst. Ist nicht alles super, ist nicht alles unfassbar scheiße, ist eben alles, wie es ist. Und durch meine Zielgruppe habe ich inzwischen auch eine ganze Menge mitbekommen. Es gibt da draußen einfach unheimlich viele Leute, die abgefuckte Sachen erlebt haben. Da ist keine Story, da ist kein Rap drüber. Und ich bin auch nicht deren Vertreter, das ist alles ein wenig wie mit dem Gangster-Rap so. Es gibt mega-reale Gangster und es gibt Gangster-Rapper. Und ich mach halt den Kram für die Psychotiker, Emos und Gottes vergessene Kinder. Und das wird langsam zum Objekt der trendigen Mitläufer, das hat mich auch am Anfang total an Casper genervt, obwohl ich ihn inzwischen echt gut finde. Macht Mucke für die Emo-Phasen von Schulkindern, ein bisschen. Und ich muss dann halt trotzdem impulsiv eingreifen und sagen: "Fick dich, das sind gar keine Emo-Phasen, ich zeig dir richtige Emo-Phasen.". Im Endeffekt ist es irgendwo so eine Art Emo-Battle-Track.

rappers.in: Es gibt erschreckend viel Sinn zu sagen, die Emorapper seien die Gangster der 2010er: Diese Emo-Kredibilität verläuft sehr ähnlich wie das Realness-Argument bei den Gangstern.

Destroy Degenhardt: Ja, genau. Es ist das gleiche Geficke, es geht immer darum, wer ist am abgefucktesten, wer hat am meisten auf dem Kerbholz. Aber ist es nachher gut, der Krasseste, Abgefuckteste zu sein? Nein, nicht wirklich. Grundsätzlich ist das die Sache. Im dritten Part geht es ja auch um meinen Punkt. Früher habe ich mitbekommen, wie ich mich verändert habe. Das Kennenlernen von Leuten, musikalisch und privat. Und die denken erst, ich müsste voll der Psycho sein, ein totales Wrack. Aber am Ende des Tages lauf ich hier auch nicht mit dem Messer durch die Gegend. Das ist ja leider auch das Bild in der Gesellschaft von geistiger Gesundheit, von Leuten, die diese Schatten oder diese schwarzen Wolken haben. So Leute wären in dem Zustand ja in der Geschlossenen. Wenn es mir gut geht, bin ich entspannt, gehe mal auf ein HipHop-Konzert und das triggert mich dann auch nicht so sehr, trinke ein Bier mit den Leuten und alles ist gut. Habe einen guten Abend. Und am nächsten Tag kann ich trotzdem Panikattacken und Angststörungen haben, dann gehe ich weder raus noch schreibe ich Facebook-Kommentare. Dieses Emo-Ding wird irgendwo halt vermarktet. Wenn du das hast, bist du eben immer traurig. Und so inszenierst du das auch nach außen. Aber ich will schon irgendwo Leute, denen ich diese Kredibilität zutraue. Die ehrlich sind.

rappers.in: Das habe ich eben auch mit der Frage nach den Gatekeepern gesucht. Gerade in den Staaten wird dieser Lebensstil ja immer weiter zum Accessoire, wenn man sich das Instagram oder die Peripherie von bestimmten Leuten anschaut, da wird schon aus Anxiety und Depression eine ganz bestimmte Ästhetik gezogen und für ein Publikum aufbereitet.

Destroy Degenhardt: Jeder, der sagt, Gangster-Rap zu machen, der stützt sich ja darauf, nur die Geschichten seiner Bekannten und Freunde zu erzählen, die sprächen ja nur von der Straße. Aber das stimmt nicht: Man proklamiert es. Zu einem gewissen Anteil ist es dokumentarisch, aber wenn man Dinge undokumentiert dastehen lässt, dann propagandiert man die ein Stück weit eben indirekt auch. Und das habe ich auch gemacht. Einfach alles ausgekotzt und den Leuten hingeschmissen. Aber wenn man diese Dinge herauskramt, dann muss man wohl schon auch sagen, was die Position ist, wo man dazu steht. Sobald man das nur irgendwo positiv oder auch nur interessant als Produkt verpackt, dann ist das ein Stück weit Propaganda. Wenn ich auf melancholischem Klavierbeat beschreibe, wie ich als Kind missbraucht wurde und was es mit meinem Kopf macht, dann mag das safe sein. Aber sobald du das irgendwie ein bisschen gut darstellst, dann verkaufst du das. Sei es das Ticken für die Gangster oder die Depression für die Emo. Jedes bisschen gutes Licht ist ein Propagieren. Man stellt eine positive Variante dar. Und eigentlich ist das nicht cool.

rappers.in: Gibt es denn andere Ansätze, mit diesem Thema umzugehen, die du gut findest?

Destroy Degenhardt: Ne, ich weiß nicht, weil ich so etwas eigentlich gar nicht höre. Ich höre zum Beispiel auch nicht Private Paul oder so, obwohl das perfekt passen müsste. Auch zu meinen dunklen oder schönen oder dunkel-schönen Momenten nicht wirklich. Dabei ist er ja einer der wenigen echten Typen, dem ich das komplett glaube, der es deswegen auch sehr gut macht, er hat es auch alles komplett beschrieben. Aber das will ich gar nicht, ich will etwas hören und das selbst entdecken. Ich will lieber einen Filmsoundtrack hören und dann meinen eigenen Film dazu fahren, es mit meinen eigenen Bildern und Erfahrungen aufladen. Ich will nicht, dass mir das alles schon vorgekaut wird. Niemand muss wissen, wie es sich anfühlt und es mir dann erzählen. Das sollte offen sein. Wenn ich einen Film bräuchte, müsste ich etwas Freies hören. Eliot Sumner zum Beispiel, die Tochter von Sting. Gute Musik.



rappers.in: Inwiefern behandeln andere Genres oder vielleicht sogar Medien dieses Thema für dich denn verwertbarer?

Destroy Degenhardt: Ich höre zum Beispiel sehr viel Indie oder Rock. Momentan, seit einem halben Jahr höre ich diese Eliot Sumner. Die ist sehr Tomboy-mäßig, fantastische Stimme und macht ganz leicht angsty anleihende Musik, aber krassester Scheiß der Welt.

rappers.in: Die Empfehlung ward ausgesprochen.

Destroy Degenhardt: Sonst höre ich auch verschiedene Sachen. Ich bin professioneller Film-Fahrer. Auch jetzt nicht, um cool zu sein, aber ich habe echt obskure Platten, sei es Folk, Electro, ein seltsames Musical. Ich kann mir sehr gut Filme aus verschiedenen Sachen fahren. Samantha Fox, wenn dir das etwas sagt. So eine Poptante aus den Achtzigern. Wenn man zum Beispiel von der das ganze Album hört, dann stößt man erst auf die interessanten Sachen. Klar kennt jeder die Hits, aber wer hört da denn die ganzen Alben? Das sind dann nicht mehr nur Songs, die offensichtlich für Männer produziert worden sind, da sind dann auch mal ehrliche Momente. Gerade HipHopper hören so etwas nicht, das höre ich aber viel. Ich komme ins Nachdenken und kann meinen ganz eigenen Film dazu fahren.

rappers.in: Gerade jetzt hat man ja eine größere Spanne denn je, was unabhängige und ehrliche Musik angeht.

Destroy Degenhardt: Definitiv. Ich meine, kennst du das, wenn etwas komplett funktioniert? Ich will einen Song haben, den finde ich schon einmal mindestens schön, muss auch emotional oder inhaltlich etwas ansprechen. Dann wäre es aber noch cool, wenn vielleicht die Person dazu passt, da irgendwie ein gewisses Etwas im Auftreten oder den Bewegungen liegt. Und das kommt dann alles zusammen, bis man denkt: Geil! Das ist ein kompletter, echter Mensch! Das finde ich so toll, wenn es Menschen gibt, die einen über Alben hinweg hin zur Gänze begeistern kann, die dich mitreißen.

rappers.in: Wer wäre so eine Person für dich?

Destroy Degenhardt: Eliot Sumner wäre da zu nennen, Lana del Rey früher gewissermaßen auch. Die Ästhetik, das Auftreten, die Texte, die Art und Weise. Zumindest am Anfang, das hatte etwas sehr Eigenes. Rummelsnuff. All die, bei denen man sich das Gesamtwerk reinziehen kann und einfach geflasht ist. Leute, die einfach ehrlich, ehrlich interessant sind. Nicht präsentierte Menschen, wirkliche Künstler. Es gibt Leute, die machen Musik und Kunst als Arbeit, und das ist ja auch okay. Aber schau mal auf Nick Cave, das Aussehen, das Auftreten, die Art von Nick Cave. Das sind Menschen.



rappers.in: Es gibt ja diese Theorie, dass in der modernen Zeit der Künstler und seine Person zu einer einzigen, großen Narrative verschmelzen.

Destroy Degenhardt: Das ist so ein bisschen Perlen vor die Säue. In Zeiten von Snapchat und Insta, es gibt nur noch Promi. Es gibt keine Musiker, es gibt nur noch Prominente. Das hat mit den It-Girls angefangen und ist immer schlimmer geworden ...

rappers.in: Naja, ich würde schon sagen, dass dieses Interesse am Künstler hinter der Musik schon immer bestanden hat.

Destroy Degenhardt: Klar war das früher auch schon da, aber ich glaube, damals ist es nicht so sehr aufgebauscht worden wie heute. Da hast du halt die Möglichkeit gehabt, jemanden rundherum zu kennen. Aber heutzutage kann ich ja sogar wissen, was die Frau von Eko Fresh auf YouTube treibt und wie sie da ihre Tageseinkäufe erledigt. Und das muss man zur Person dazu addieren. Früher waren die Fans halt skrupellos. Heute machen die Medien das möglich. Heute brauchst du es gar nicht mehr wollen, du kannst es einfach haben. Du hast alle Möglichkeiten, du kannst den Promi sofort haben.

rappers.in: Ist das dann auch ein Ventil für diese ausverkaufte Abgefucktheit?

Destroy Degenhardt: Im Grunde kann man das ja in alle Regenbogenfarben machen. Das kannste als Bodybuilder und als Emo gleich machen. Was auf der einen Seite die unglaubliche Banalität von Eko Freshs Alltag ist, ist auf der anderen eben die Spritze im Arm von irgendeinem Emo oder irgendwelche andere Sachen. Das ist die Transparenz. Es funktioniert auch in allen Instanzen. Wenn man weiß, man hat ein Publikum, dann ist man als Künstler auch eher verleitet, so etwas zu zeigen und vorzulegen. Die Webpräsenz verfolgt einen dann dahingehend in den Alltag, dass man doch eher die Präsentationsfläche sieht, in Social Media oder auch in Interviews oder auf Tour diese Seite zu zeigen, um ein gefordertes Bild zu bestätigen. Gerade, wenn man weiß, dass es gut ankommt. Davon kann man sich auch nicht freimachen, darauf zu reagieren. Sei es Ablehnung, Bestätigung oder Mittelmaß. Der Markt ist da.

rappers.in: Wenn wir es schon vom Rückklang der Fans haben. Gab es irgendeine Resonanz, die du dir von dem Album erhofft hast? Was war die Ambition im "Handbuch des Giftmischers"?

Destroy Degenhardt: Die hat sich ja auch geändert. Bisher war es ja immer so, dass ich immer nur ein kleiner, ehrlicher Emo war, der geliebt werden will, der cool gefunden werden will, der gesagt bekommen will, dass er geil ist. Da bin ich eben doch Fanboy, ich wollte immer, dass vielleicht doch irgendwer über mich sagt, dass ich so mega-cool bin, wie ich selbst andere mega-cool finde. Natürlich will ich das grundsätzlich. Oder wollte ich. Weiß ich nicht. Aber da ich jetzt im Wandel mit dem Album gemerkt habe, dass es ideal wäre, dass es doch vielleicht irgendjemandem hilft. Mich würde es am meisten freuen, wenn es jemandem, der sich schlecht oder gut fühlt, sich einen Film daraus fahren kann. Einen richtig schönen Film, genau wie ich. Das wäre mein künstlerisches Ziel. Und ganz ehrlich: Ich möchte Platten machen können. Ich möchte Konzerte spielen können. Ich will nicht wie früher Videos von meinem eigenen Geld bezahlen müssen. Ich will immer Vinyl pressen können und die an meine Wand hängen können. Das wäre cool. Alles gut.


(Yannik Gölz)

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