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Review: Destroy Degenhardt – Das Handbuch des Giftmischers

veröffentlicht: Donnerstag, 02.11.2017, 16:51 Uhr
Autor: El-Patroni





01. Dr. Schlingensief
02. Eine Nacht Fuer Niemand
03. Carhartt Depression
feat. Prezident
04. Otaku Shore
05. Silke Bischoff Deluxe
06. Puaka Starlight
07. Die Nacht Der Langen Messer
feat. Yaesyaoh
08. Aldi Und Das Meer
09. Fuchur
10. Fuchur 2
feat. Koljah
11. Think About Mutation
12. Zu Kalt
13. Strassentechno

14. Ende

Künstler nach Likezahlen zu beurteilen ist in der HipHop-Szene bei weitem nicht der richtige Weg. Der Umstand, dass ein Reimfetischist im Schwammkostüm ohne nennenswerte Begabung auf die halbe Million zumarschiert, während Ausnahmetalente sich häufig mit Bruchteilen dessen zufrieden geben müssen, kann sinnbildlich für die gesamte Szene genannt werden. Auch wenn ich mich an diesen Umstand längst gewöhnt habe und mein Interesse an der Thematik sich in Grenzen hält, ist und bleibt es eine einzige Katastrophe, wenn ein großartiger Rapper wie Destroy Degenhardt sein Dasein im vierstelligen Likebereich fristet und sein Schaffen demnach von viel zu wenigen wahrgenommen wird. Ein wichtiger Aspekt der Arbeit eines Musikredakteurs sollte es deshalb auch sein, den Lesern solche unbeachteten Ausnahmemusiker näher zu bringen:

Ich will die Kratzer von Tim Burton ich will Yelawolfs Gesicht/
Und meine erste warme Nacht mit Sierra Kidd/
Ich will den Style von Shacke One vs die goldenen Zitronen/
Ich will die Mädchen mit den Narben und die Jungs mit den Drogen/

(Destroy Degenhardt auf "Dr. Schlingensief")

Wo fangen wir am besten an? Natürlich am Anfang! "Dr. Schlingensief" eröffnet "Das Handbuch des Giftmischers" direkt mit einem der stärksten Lieder des gesamten Albums: Die ersten 35 Sekunden bestehend aus dem ruhigen, fast schon einschläfernden Instrumental und akustisch langgezogenen Betonungen des Rappers wirken wie eines von vielen profillosen Intros, die Stimmung für das kommende Album aufbauen wollen, dies aber nicht schaffen. Wer allerdings der Versuchung zu skippen widersteht, wird belohnt, denn was nach etwas mehr als einer halben Minute der Langeweile folgt und einsetzt, sobald der Beat schneller wird, ist ganz einfach großartig. Degenhardt fasst mit energiegeladenen Rapparts quasi zusammen, was den Hörer thematisch in den nächsten 50 Minuten erwartet. Genauso muss man ein Album eröffnen, um Lust auf mehr zu machen. Und diese Lust wird auf "Das Handbuch des Giftmischers" voll und ganz befriedigt. Ob nun das sanft dahinplätschernde, leicht psychedelisch anmutende "Eine Nacht für Niemand", der klassische HipHop-Beat auf "Die Nacht der langen Messer", oder das elektronisch verzerrte und bassgewaltige Beatgerüst von "Think about Mutation" und "Straßentechno"; jedes Instrumental weiß in seiner Einzigartigkeit auf ganzer Linie zu überzeugen, fügt sich aber auch im Albumkontext perfekt zu einem großen Ganzen zusammen.

Es funktioniert nicht vor und auf der Bühne mit und ohne Bier/
Es funktioniert nicht. So lange es nicht glänzt und explodiert/

(Destroy Degenhardt auf "Fuchur")

Bei all dem Schwärmen für die Beats ist und bleibt der Star auf "Das Handbuch des Giftmischers" aber immer noch Destroy Degenhardt, der mal aufbrausend auf den Takt einhämmert, nur um im nächsten Track mit schleppendem Flow langsam aber beharrlich übers Instrumental zu gleiten. Thematisch ist die Platte bei weitem keine leichte Kost: Der Protagonist erzählt von Sex, Alkohol, Drogen und den daraus resultierenden Suchtproblemen, er berichtet aus dem Leben eines gesellschaftlichen Außenseiters und Misanthropen, wobei sehr gut aufgezeigt wird, wie das eine zum anderen führte, allerdings wird bis zum Ende hin nicht wirklich ersichtlich, was von beidem nun zuerst da war. Was beim Zuhören allerdings schnell auffällt, ist die Tatsache, dass Degenhardt zu keiner Sekunde bemüht wirkt, sich selbst gut darzustellen oder in ein besseres Licht zu rücken. Vielmehr kommt er so schonungslos ehrlich wie nur sehr wenige Musiker der aktuellen Zeit und scheint sich mit all seinen Eigenarten und persönlichen Schwachpunkten gut arrangiert zu haben. So entstehen die größten Gänsehautmomente, wenn der suchtkranke, psychisch labil wirkende, menschenhassende gesellschaftliche Außenseiter eher unterschwellig beschreibt, wie er das Schöne in den kleinen Dingen des Lebens erkennt, was bei all der negativen und bedrückenden Stimmung fast schon einen Hauch von Kitsch versprüht. Degenhardts Stimme, die wie ein Hybrid aus Desinteresse, leichter Resignation und purer Verachtung anmutet, unterstreicht diese Themenpalette und verleiht dem gesamten Release erst die Stimmung, die nötig ist, um sich voll und ganz hineinzuversetzen.

Ich hab' 'ne Mondscheinterrasse und mehr Spielzeug als früher/
Chronisch zerkratzte Stimme. Alle Kinder sind Lügner/
Bier trinken, Hirn ficken – alles was bleibt/
Meine Plattensammlung wächst, mein Menschenhass steigt/

("Destroy Degenhardt" auf Straßentechno)

Fazit:
Degenhardt scheint seit seiner Kindheit in einer Außenseiterrolle zu leben, beschreibt auf dem Album, wie es sich anfühlt, lässt aber auch durchklingen, dass er mit dieser Situation mittlerweile sehr gut umgehen kann und auch seine persönlichen Vorteile daraus zieht. "Das Handbuch des Giftmischers" durchbricht die Hörgewohnheiten klassischer Rapfans ein ums andere Mal durch eigenwillige Songstruktur, unkonventionelle Reimschemata, teilweise sogar den Verzicht auf einen Reim und die gewöhnungsbedürftige Sampleauswahl. Krachende Beatelemente, akustische Ausreißer und teilweise unangenehmes Heben der Stimme reißen den Hörer immer wieder aus dem semikomatösen Zustand, in den man sich gerne beim Musikhören begibt und zwingen, bei den häufig sehr unangenehmen Lyrics zuzuhören, auch wenn es manchmal weh tut.

Das wird dann wohl diese Kunst sein, von der immer alle reden.


El-Patroni (David)



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