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Interview: D-Bo

veröffentlicht: Freitag, 01.04.2011, 22:10 Uhr
Autor: ProRipper




Seit nunmehr 20 Jahren streift er bereits umher, dürfte so ziemlich alles, was heute eine gewisse Relevanz im deutschen Rap hat, von Anfang an miterlebt haben und ist stets auf der Suche nach dem Glück und sich selbst: D-Bo. Und selbst nach sechs Studioalben, der Mitgründung des erfolgreichsten HipHop-Labels Deutschlands und der Kreation eines eigenen Musikgenres namens "Realectronic" ist für den Geschäftsmann und Musiker aus Leidenschaft noch lange kein Ende in Sicht. Auf seiner beschwerlichen Suche legte der Berliner eine kurze Rast ein, um mit uns etwas über alte Zeiten, seine nächsten Reiseziele und seinem aktuellen Label Wolfpack Entertainment zu reden.

rappers.in: Du bist derzeit bekanntermaßen "Auf der Suche nach dem Glück" – aber wie sieht "Glück" für dich überhaupt aus? Woran wirst du es erkennen, wenn du es gefunden hast?

D-Bo: Glück ist eine Sache, die situationsbedingt ist. Wenn ich ein nettes Mädel sehe und denke, es wäre toll, wenn sie mich ansehen und mit mir ins Gespräch kommen würde, dann kann das Glück sein. Wenn ich krank im Bett liege, wäre es eventuell Luxus und ich empfände es als Glück, wenn ich einfach nur erst mal raus an die frische Luft könnte. In Bezug auf Musik musst du dir das so vorstellen: Ich bin kein Typ, der krank im Bett liegt. Ich bin der Typ, der schon draußen unterwegs ist. Frei... Offen für alles... Und was mir fehlt, ist halt irgendetwas, das mir das Gefühl gibt, dass mein Dasein richtig und wichtig ist. Die Musik, die ich mache, ist nun schon so weit, dass ich völlig frei und ohne Rücksicht auf Kritik mein Ding mache. Das ist ein großes Glück. Insofern ist mein Dasein "richtig". Es fehlt nur noch das "wichtig" – dass ich noch mehr Menschen etwas bedeute und man den Wert dessen erkennt, was ich vermitteln möchte.

rappers.in: Damit hast du ja schon ein ziemlich festgesetztes, aber auch nicht unbedingt leicht erreichbares Ziel – denkst du, dass du das in absehbarer Zeit erreichen könntest?

D-Bo: Was für einen Sinn würde es machen, meine Musik zu verkaufen, wenn ich nicht daran glauben würde?

rappers.in: Selbstvertrauen ist demnach also eine wichtige Eigenschaft, die ein Mensch haben sollte, wenn er sein Glück finden will. Richtig?

D-Bo: Also, ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch, der nicht an sich selbst glaubt, das Gefühl haben könnte, sein Leben richtig zu gestalten... Zweifel bringen jedoch eher Kummer als Glück, oder?

rappers.in: Richtig. In deiner Biografie beschreibst du deine Musik als "Selbstfindung" und distanzierst dich deutlich vom typischen Straßen- und Gangsterrap. Kann man annehmen, dass du dich selbst inzwischen gefunden hast, wo du doch jetzt eine neue Suche begonnen hast? Oder steckst du parallel weiterhin in diesem Prozess der Selbstfindung fest?

D-Bo: Naja, wenn wir jetzt zu zweit in der Wüste Gobi säßen. Neben uns grast meine Ziege, dein Kamel glotzt genervt in die Sonne und ich wüsste, mein Leben wird sich die kommenden 60 Jahre nicht verändern – dann könnte ich einschätzen, ob ich angekommen bin oder nicht. In unserer Gesellschaft und in meinem Leben passiert jedoch jeden Tag so viel und es ändert sich ständig alles, dass man das immer nur partiell beantworten kann. Habe ich den Partner, der mich glücklich macht? Habe ich die Berufung, die mich glücklich macht? Habe ich morgen, wenn es neue Technik und 'nen neuen Job gibt, immer noch dasselbe Gefühl? Somit sucht man meiner Meinung nach immer und immer wieder aufs Neue. Für das Projekt "Album Nr. 6" war ich angekommen und habe etwas erschaffen, was dem Zeitgeist entspricht und was mich mit Stolz erfüllt... Das kann in einem Jahr aber schon wieder völlig irrelevant sein.

rappers.in: Denkst du, dass es einfach im Wesen des Menschen liegt, diese Reise nie beenden zu können? Dass man einfach sein Leben lang auf der Suche ist und immer, wenn man denkt, sein Ziel erreicht zu haben, ein neues Ziel vor Augen hat?

D-Bo: Das Leben würde kein Sinn machen, wenn es anders wäre...

rappers.in: ..."Der Weg ist das Ziel"! Du hast vor kurzem bekannt gegeben, dass du keine weiteren reinen Rap-Songs mehr aufnimmst und experimenteller werden möchtest. Dein Album geht ja auch in eine sehr electro-poplastige Richtung – wirst du deine Produktionstechnik in diesem Bereich zukünfig noch weiter ausbauen oder könntest du es dir auch vorstellen, dich eventuell mal an gänzlich anderen Musikstilen zu versuchen?

D-Bo: Ich nenne das neue Zeug "Realectronic"... Das wird vorerst der beherrschende Musikstil bleiben. Was danach kommt, weiß ich noch nicht. Ich bin halt sehr mit dieser urbanen Musik verwoben – Electro, Dubstep, Drum'n'Bass, Rap, HipHop, Grime, House, Minimal... Das sind die hauptsächlich beeinflussenden Musikrichtungen. Soul, Rock, Klassik und so weiter spielen da eine weniger gewichtige Rolle.

rappers.in: Gibt es in der Szene vielleicht auch andere Künstler, die dich da etwas beeinflusst haben?

D-Bo: Naja... Max Mostley hat natürlich durch seine Produktionen 'nen großen Anteil, ansonsten finde ich andere Musiker aus anderen Gründen interessant. Ich wüsste auch nicht, dass es da musikalisch mit irgendwem Parallelen gibt... Eventuell mit Marteria. Das Ding ist nur, das mein Album schon lange fertig aufgenommen war, als Marteria veröffentlicht hat. Ich höre viel Mucke, die in England angesagt ist, das beeinflusst mich vielleicht.

rappers.in: Wie haben deine Fans den "Wandel" von raplastiger zu weniger raplastiger Musik aufgenommen? Hattest du vielleicht auch ein bisschen Angst, dass du gerade deshalb Hörer hättest verlieren können, weil du dich künstlerisch in neuen Genrebereichen betätigt hast?

D-Bo: Nee, auf keinen Fall... Die Sachen sind doch geil! Aber mir ist bewusst, dass man dadurch Hörer verliert... Aber auch gewinnt. Jeder, der dich für einen gewissen Song oder Sound schätzt, ist immer enttäuscht, wenn du ihm nicht das lieferst, was er erwartet. Die Leute wollen konsumieren. Die wollen jeden Tag dieselben Kippen rauchen und denselben Käse auf dieselben Brötchen und später beim Stammfrisör von derselben Frisörin zwar 'nen frischen Haarschnitt bekommen, aber das ist im Grunde derselbe Haarschnitt wie immer – nur zwei Strähnen anders gefönt. Die Leute hassen Veränderungen. Auf der anderen Seite sind die Leute gierig nach neuem Zeug. Es ist wichtig, immer als Erster etwas zu haben, was andere feiern. Man profiliert sich und steigert seinen eigenen Wert dadurch, dass man anderen etwas zeigt, was andere feiern. Und wenn ein Künstler etwas Neues macht, dann ist halt nicht sicher, ob die anderen dich dafür feiern, wenn du ihnen das zeigst... "Was zur Hölle bildet sich D-Bo ein? Denkt der Wichser, ich kann den anderen mit jedem Scheiß kommen?" – Na toll. Aber die Reaktionen der Menschen geben mir dennoch Recht... Nach und nach wird das Zeug gefeiert. Jetzt traut man sich wieder zu sagen: "Siehst du, ICH hatte schon DAMALS gewusst, dass D-Bo geiles Zeug macht!"



rappers.in: Mit reiner Rapmusik aufzuhören, scheint ja generell immer mehr zum Trend zu werden. Was denkst du, worin die Gründe dafür liegen und wieso sich immer strikt darauf festgelegt wird, dass man auf Rap verzichtet und nicht, dass man einfach die Musik macht, auf die man Lust hat – egal, ob da jetzt Rapelemente drin vorhanden sind oder nicht?

D-Bo: Kann ich so nicht unterstreichen. Bei mir sind ja noch Rap-Elemente drinnen... Dass das Genre-Thema immer so wichtig ist, liegt an den Rappern und den Rap-Hörern selbst. Diese Musik hat halt viele Leute, die Musik ohne Qualität machen. Wenn wir ehrlich sind, unterhält ein Farid Bang genauso wie ein Money Boy und hat inhaltlich eigentlich nichts mitzuteilen, was einen Wert hätte. Aber er ist halt ein krasserer Typ, weil er krassere Ausdrücke sagt und seine Beleidigungen von Wortwitz zeugen. Oder Savas – der hat seit fünf Jahren keine Message mehr in seinen Texten gehabt und seine Produktionen können mit anderen etablierten Musikern auf keinen Fall mithalten. Aber er rappt halt unnormal gut... Deshalb ist Rap, deshalb ist das Genre so wichtig. Die Musiker und die Hörer würden ganz schnell an Legitimität verlieren...

rappers.in: Denkst du, dass jemand wie Savas heute noch die gleichen Chancen wie damals hätte, wenn er als absoluter Newcomer in die Szene eintreten würde? Oder muss man heutzutage doch noch etwas mehr zu bieten haben?

D-Bo: Also, man muss nicht unbedingt mehr zu bieten haben – Savas wäre auch heute ein geiler Rapper, der Rap-Fans genau das liefert, was sie hören wollen. Allerdings wäre es schwer für ihn, mit einem Song wie LMS Aufmerksamkeit zu bekommen. Da müsste er schon eher LMSDDHTFDMBN als Text haben, damit es jemanden juckt.

rappers.in: Du hast Bushidos ersguterjunge-Team damals freiwillig, ohne Streitereien, verlassen, um dein eigenes Label "Wolfpack Entertainment" auf die Beine zu stellen – hast du lieber alles selbst in der Hand, als auf andere angewiesen zu sein? Und inwiefern hat es deine Arbeitsweise verändert, jetzt nicht nur Musiker, sondern auch Labelchef zu sein?

D-Bo: Also, ich habe ja grundsätzlich etwas dagegen, dass diese egj-Fanpropaganda einfach so von allen als richtig hingestellt wird. ersguterjunge wurde gegründet von Bushido UND D-Bo, erguterjunge wurde geleitet von Bushido UND D-Bo... Irgendwann habe ich mich aus den Entscheidungen, die getroffen wurden, zurückgezogen, weil ich eine andere Philosophie hatte und habe. Das bedeutet nicht, dass ich andere Arbeitsweisen kritisiere – ich habe nur gemerkt, dass eine Diktatur im Musikgeschäft besser funktioniert, als eine Demokratie. Die anderen Jungs haben Bushido als Alphatier angesehen – so gesehen lag nahe, dass er die Geschicke dann leitet. Ich habe mein Ding dann soweit es ging alleine weitergemacht und mich von ihm getrennt, sobald ich es für richtig hielt. Bushido und ich haben davor schon mit ILuvMoney Welle gemacht. Dazwischen war er bei Aggro, davor war ich bei Distributionz und wir beide waren wesentlich für die Grundlagen dieser wichtigen Eckpfeiler der deutschen HipHop-Szene verantwortlich. Er und ich haben Dinge immer lieber selber gemacht, anstatt sie anderen zu überlassen. Das war auch so, als es um Basketball ging. Mir hat nicht gepasst, wie der Verein das gemacht hat, also habe ich das Ruder übernommen. Ich habe mich noch nie in meinem Leben einfach vom Strom treiben lassen, ich habe das Wasser immer dorthin geleitet, wo ich meine Samen auf den fruchtbaren Boden gestreut habe. Für mich ist das keine neue Situation. Ich war immer Chef meiner Musik und werde es immer bleiben. Bis heute rufen mich viele Künstler an und fragen mich um Rat, bitten um Kontakte oder darum, dass ich ein gutes Wort einlege. Die Leute, die im Netz ihr Halbwissen posten, tun dies aus oben genannten Gründen – sie wollen sich profilieren. Leider ohne Substanz.

rappers.in: Also warst du generell schon immer Musiker und Geschäftsmann, als letzterer aber eher im Hintergrund aktiv?

D-Bo: Definiere mal "Hintergrund".

rappers.in: Im Hintergrund stehen für mich die Personen, die den Großteil der Arbeit erledigen, ohne dass ein Außenstehender viel davon mitbekommen würde. Die Lorbeeren werden quasi von anderen geerntet.

D-Bo: Dann stand ich im Hintergrund.

rappers.in: Mit deinem Label Wolfpack Entertainment hast du dich da ja jetzt etwas hervorgehoben und gibst auch anderen Künstlern ihre Chance – etwa Chakuza und Bizzy Montana, der sein neues Tape ja auch über Wolfpack releasen wird. Wie kam's dazu, dass beide von egj quasi zu Wolfpack wechselten? Und wie sieht das überhaupt vertragstechnisch aus – releasen sie nur über das Label oder gehören sie zum festen Bestandteil?

D-Bo: Wolfpack ist ein Label ohne diesen Crewgedanken. Die Jungs können bei mir zu fairen Konditionen veröffentlichen. Ich rede ihnen nicht rein, sondern sorge nur dafür, dass das alles in der Gewinnzone bleibt. Promo und so weiter machen sie selber. Dafür kassieren sie aber auch viel mehr Prozente als wo anders.

rappers.in: Also ist Wolfpack einfach eine Plattform für ambitionierte Künstler, die ihre Musik verbreiten wollen? Was für einen Stellenwert hat dieser "Crewgedanke" in der Szene denn für dich?

D-Bo: Wolfpack kann alles, was ersguterjunge kann. Wolfpack bietet das den Leuten aber aktuell nicht, weil ich dafür nicht genug Zeit hätte... Also gibt es einen anderen Deal, der fair ist. Diesen Crewgedanken halte ich für Blödsinn. Welche Crew von vor fünf Jahren ist denn heutzutage noch eine Crew? Die fantastischen 4 eventuell, die waren aber auch schon Freunde, bevor sie Musik gemacht haben. Diese ganzen Egos in der Branche sorgen nur dafür, dass sich ganz schnell Zweckgemeinschaften bilden und um den anderen aussaugen zu können, muss man halt so gut wie möglich mit ihm sein. Bruder hier, Bruder da – aber im Herzen heißt es nur: "Du Opfer, ich spucke hinter deinem Rücken auf den Boden und geier' deine Freundin notgeil an, wenn ich fünf Bier gesoffen habe..."

rappers.in: Man hört auch immer wieder, dass früher angeblich alles besser war. Unter anderem auch, weil jeder Rapper, der vor zehn Jahren im Untergrund aktiv war, heute scheinbar nur noch auf Mainstreamerfolge abzielt. Als eines der ersten Beispiele wird hier auch immer wieder Bushido aufgeführt, bei dessen Werdegang du ja von Anfang an mit dabei warst und der sich seit seinem Debüt "Vom Bordstein bis zur Skyline" zum nicht mehr "realen" Businessrapper entwickelt haben soll. Wie hast du persönlich diese Entwicklung in der Rapszene im letzten Jahrzehnt miterlebt? Bist du auch der Meinung, dass früher alles besser war?

D-Bo: Ach, bitte... Bushido hat seine Schwächen und es gibt vieles, das auch ich an ihm kritisieren würde, aber die Leute, die am lautesten rumheulen, sind die, die ganz genau so handeln würden. Dieses Gejammer bedeutet doch nur, dass man nicht fassen kann, dass Bushido und nicht man selber DER Topverdiener im deutschen HipHop ist. Dabei kann man doch so geil flexen und alle Jungs aus der Straße, in der man wohnt, sagen jeden Tag, wie geil man doch ist und die Prostituierten aus der O-Burger sagen auch immer, man sei der krasseste Ficker, den sie kennen... Dieses blöde Gelaber nimmt doch keiner ernst...



rappers.in: Was ist für dich der größte Unterschied, wenn du dich heute mit dem D-Bo von vor zehn Jahren vergleichst?

D-Bo: Naja... Damals hatte ich einfach nicht so geilen Sex wie heute... (lacht) Nee, Spaß, du willst jetzt sicher etwas in Bezug auf Musik lesen, oder?

rappers.in: In Bezug auf deine Musik, wie du deine Entwicklung als Künstler miterlebt hast, was du damals für Ziele mit deiner Musik hattest, was heute... Was dir einfällt!

D-Bo: Damals hatte ich einfach Bock, etwas nachzumachen, was ich geil fand. Dann habe ich gemerkt, dass man damit etwas transportieren kann – also mit Musik. Und da war mir eigentlich klar: Das Größte, was einem zuteil werden kann, ist, wenn mich die Menschen auch in der Zukunft als jemanden wahrnehmen, der damals den Zeitgeist getroffen hat. Wenn meine Texte zitiert werden oder meine Songs als Klassiker im Radio laufen... Das war damals mein Ziel und das ist es auch heute noch. Wobei ich heute viel weniger auf das höre, was andere mir raten. Ich mache mein Ding letztendlich dann am besten, wenn ich einfach nur auf mein Herz höre... Und mal ganz allgemein gesprochen: Oftmals sind auch die Sachen am schönsten, die sich selbst bedingen. Ich mache Musik, weil ich Musik machen möchte.

rappers.in: Deine ersten Erfahrungen mit HipHop hast du laut Biografie vor knapp 20 Jahren mit amerikanischen Crews wie N.W.A. oder Public Enemy gesammelt, aber dennoch hatten deine Lyrics nie den Anspruch, "Gangster" zu sein – eher im Gegenteil, deine Texte regen oftmals zum Nachdenken an. Lässt man sich normalerweise nicht ein wenig von seinen Vorbildern inspirieren, anstatt eine komplett andere Richtung einzuschlagen?

D-Bo: Also, Public Enemy waren weit davon entfernt, Gangster zu sein und N.W.A. hatten damals eine andere Qualität, als man es heute interpretiert. So wie Jesus zum Beispiel heute als Prophet und Gründer des Christentums verehrt wird, war er doch genaugenommen einfach nur ein selbstbewusster Typ, den die damalig vorherrschende Kirche – das Judentum – angekotzt hat. Er wollte keine neue Kirche gründen, im Gegenteil – N.W.A. wollten auch einfach nur radikal sein. Ihren Unmut und ihren Hass so verpackt wiedergeben, wie es für sie nur logisch war. Public Enemy waren ähnlich radikal, nur auf einer politischen Ebene. Und auf mich bezogen hieß das: Ich war der Erste, der sich getraut hat, einen auf Player zu machen, ich war der Erste, der sich getraut hat, für Untergrund-Rap einen Vertrieb zu gründen, ich war der Erste, der zusammen mit Bushido ohne den Background im Business, den zum Beispiel die Aggro-Chefs hatten, ein Indie-Label für Straßenrap gründete und ich bin jetzt der Erste, der Electrobeats mit ernsten Texten verbindet und der mit Wolfpack ein völlig neues Geschäftsprinzip etabliert. So gesehen eifere ich meinen Vorbildern nach. Nämlich in der Qualität dessen, was man tut. In der Konsequenz, in dem Selbstbewusstsein – immer aber auf meine Lebenssituation angepasst. Denn das haben die Jungs damals auch getan – Bestehendes auf ihre Lebenssituation angepasst und das ganze qualitativ hochwertig und konsequent durchgezogen.

rappers.in: Also hast du mit diesen Vorbildern von Anfang an schon da hingearbeitet, wo du heute bist? Was denkst du, wie deine Karriere verlaufen wäre, wenn du durch andere Genrevertreter zu HipHop gelangt wärst?

D-Bo: Ich denke, der Einfluss von musikalischen Vorbildern wird überschätzt. Ich bin jemand, der sich nur schwer beeindrucken lässt. Ich fand Michael Jordan geil, meinen Opa cool und hab' gerne draußen am See rumgehangen und mir vorgestellt, es sei die amerikanische Westküste. Ich hab' gerne gegrillt und bei mir zu Hause Super-Bowl-Partys gemacht, hab' gerne mit den Jungs Fußball geguckt und Mädels in den Hintern gekniffen. Was ich sagen will... Ich bin wie ich bin und das ist nur sehr bedingt durch die Musik geformt worden. Eher hat mein Sein bestimmt, dass ich immer Musik gehört habe, die ICH geil fand und nie etwas, weil es bei uns im Freundeskreis gefeiert wurde.

rappers.in: Der bekannte Literat Paulo Coelho schreibt über Glück: "Seine Gefährten meinen: 'Was hat er doch für ein Glück!' Denn ein Krieger des Lichts erreicht oft mehr, als seine Fähigkeiten erwarten lassen." Kannst du dieses Zitat irgendwie für dich verwenden?

D-Bo: Also... Ich bin ein Krieger des Lichts, oder wie?

rappers.in: Sagen wir mal: Ja!

D-Bo: Okay, dann korrigiere ich das Zitat in Bezug auf mich mal: Ein Krieger des Lichts hat zwei Eigenschaften. Die erste: Er scheint selber und reflektiert nicht einfach nur andere Strahlen. Und die zweite: Er vermeidet es, Leute zu blenden.

rappers.in: Sprich: "Echtheit" spielt eine große Rolle. Oder?

D-Bo: Fake sein ist die größte Sünde im HipHop. Aber alle Sünder werden verehrt... Ich bevorzuge Realness. Schon immer. Deshalb bin ich eventuell auch ein sehr schlechter Lügner. Wenn ich zum Beispiel zu Hause vertuschen musste, dass ICH es war, der die Schokolade auf den weißen Teppich gekrümelt hat... (lacht)

rappers.in: Wie stehst du denn dann zu dem immer ausgeprägteren "Imagerap"? Überhaupt nicht dein Fall?

D-Bo: Was ist das? Das konnte mir nie jemand erklären.

rappers.in: Nehmen wir Kollegah als Beispiel. Kollegah erschafft eine eigenständige Person, mit der der Rapper, der tatsächlich dahinter steht, nichts zu tun hat. Eben wie ein Schauspieler, der in eine Filmrolle schlüpft, um das Publikum zu entertainen. Musik ist ja irgendwo auch Entertainment...

D-Bo: Achso... Na, das finde ich cool! Marsimoto-mäßig. Ist wie Theater, kannste machen, was du willst... I like!

rappers.in: Zum Abschluss: Hast du schon neue Reiseziele ins Auge gefasst, wenn du dein "Glück" endlich gefunden hast?

D-Bo: Ich sag' mal so: Das Glück zu finden, wird schwer. Ich nehme an, dass man dann thematisch in eine ganz andere Richtung gehen muss, um wieder Feuer in den Songs zu haben. Also... Geplant ist nichts. Ich konzentriere mich jetzt weiter auf das aktuelle Album und das, was im Herbst noch kommen soll.

rappers.in: Wenn du das hier schon so frech ansprichst: Darüber willst du uns jetzt nichts Konkretes mehr verraten, oder? (lacht)

D-Bo: Naja, "Die Suche nach dem Glück" ist ja im Grunde "nur" der Vorbote für das, was im Herbst kommt... Deshalb war das jetzt auch kein Ding, dass ich nicht gechartet bin. Ich lasse mich am nächsten Album messen.

rappers.in: Okay. Na, dann: Viel GLÜCK!


(Florence Bader & Pascal Ambros)

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