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Interview: Cro: "Mir fehlt in Deutschland das Feingespür für künstlerische Freiheit"

veröffentlicht: Donnerstag, 22.03.2018, 17:57 Uhr
Autor: kollin


"tru." Clubtour in München: Keine zwei Minuten angekommen, schon war man Teil der "Tourfamilie". Ich sage bewusst Familie: Bruder, Schwester, Freunde, einfach alle waren mit dabei und packen an. Man fühlt sich wohl – nichts wirkt verkrampft und durch getaktet, aber dennoch spürt- und sieht man die Professionalität. Vor den Konzerten gibt es Teammeetings, die vergangenen Tage werden besprochen. Gut drei Stunden vor der Show treffen wir auf Cro, gut gelaunt und mit einem Xylophon am musizieren. Das kleine Backstage-Zimmerchen war voll, alle waren mit dabei: Badchief, Teesy, Geschwister, Collins, Psaiko, Sängerinnen und Freunde. In den nächsten 30 Minuten kam es zu einem Gespräch über "tru.", produzieren, Erfolg und mehr.





kollin (rappers.in): Hallo Cro! Freut mich, dass du dir auf deiner Tour ein wenig Zeit für uns genommen hast. Erst mal ganz locker: Wie geht es dir?

Cro: Gut geht's mir, gut. Super geschlafen, der Busfahrer fährt entspannt, alle können gut schlafen. Das ist heute die vorletzte Show und wir werden immer besser, Collins filmt, der Chief hostet immer wieder mal. Heute kickt er einen Part für seine Hometown. Alle sind gut drauf, die Family ist geil. Ich bin schon wieder ein bisschen traurig, dass das alles bald wieder endet.

kollin (rappers.in): Ich durfte ja eben schon mal die Halle und euer Bühnenbild anschauen: Das ist schon echt sehr aufwendig für so eine kleine Clubtour. Legst du da besonderen Wert drauf? Gestaltest du das selbst?

Cro: Ja, ich bin da immer mit dabei mit meinen Bros. Big Mula. Er kümmert sich um die großen Zahlen und schaut, dass das auch alles bezahlbar bleibt. Es hat aber tatsächlich nicht so viel gekostet, aber sieht geil aus.

kollin (rappers.in): Du meintest eben "wir werden immer besser" – bedeutet das, dass auch trotz der jahrelangen Erfahrung immer wieder Fehler passieren?

Cro: Klar, es gibt ja immer wieder ständig tausende Veränderungen. Heute hat sich schon wieder was verändert, gestern hat sich etwas verändert und das muss ja auch alles geprobt werden. Hier auf der Clubtour wollen wir auch gar nicht so durch getaktet und geplant wirken auf der Bühne. Ich höre mir immer Ideen an und dann lassen wir einfach mal live passieren.

kollin (rappers.in): Das ist ja nun auch die erste Tour mit den neuen Songs im Gepäck: Was meinst du, welcher der Tracks kam live bisher am besten an?

(Cro überlegt)

Cro: Computiful? (Fragt in die Runde) Computiful?

Collins: Safe computiful.

Cro: Ich glaube auch, der ist rund. Das funktioniert live, das bockt. fkngrt auch.

kollin (rappers.in): Du hast ja mittlerweile einige Alben gemacht und viele Hits landen können. Wie stellst du dir bei so einer Tour deine Setlist zusammen – bist du da auch gelegentlich traurig, dass es für einen Song dann mal nicht für die Setlist reicht?

Cro: Nein, gar nicht. Ich bin sogar eher traurig, dass ich manche Lieder nicht vier Mal spielen kann und dafür andere rein nehmen muss, die mir gar nicht mehr so gut gefallen, aber die die Menschen eben wollen. Das ist immer unterschiedlich, wenn du einen Song schon 400 Mal gespielt hast, ist das dann nicht mehr so schön. Ich komme bei einer Show meistens immer rein mit einer Bombe, lass es dann immer ein bisschen abflachen, um am Ende wieder mit einem Raketenstart irgendwohin rauszuschießen. Das ist so die Kurve.

kollin (rappers.in): Achtest du beim Produzieren und Musikmachen auch darauf, dass die Songs live geil klingen?

Cro: Ja, unbedingt. Früher tatsächlich nicht. Auch auf der Bühne, da war noch alles so irgendwie aber mittlerweile lauf ich rein und wenn es nicht gut klingt, dann eben nochmal. Mittlerweile fühle ich mich wie der Chef im Laden und lasse Schilder abschrauben, weil die Menschen dadurch nichts sehen. Also Tones findet's gut, dass ich da bin.

Teesy: Verantwortung übernehmen ist wichtig. Es ist gut wenn jemand da ist und klare Ansagen macht, sich die Crew nachmittags zusammen setzt und den letzten Tag auswertet. Das wirkt sich auf die gesamte Crew und die Show aus. Alle nehmen die Sache ernst und liefern noch einen Tick mehr ab als sonst.

Cro: Ja, das haben wir gemacht. Jeden Mittag zusammengesetzt und besprochen, was gestern dope war, nochmal alles bequatscht, Witze gerissen hier und da und ein bisschen was mitgenommen. Wie so eine Teambesprechung.

kollin (rappers.in): So wie ich heute aufgenommen wurde und wie wir hier zusammensitzen: Es ist auch echt ein ganz schöner familiärer Kreis geworden bei dir.

Cro: Auf jeden Fall! Mein Schwager, mein Bro, Homeboys, Schwestern, jeder macht hier irgendwas.

Badchief: Bro, das ist meine erste Tour und ich bin direkt gut aufgenommen worden von allen. Richtige Fam.



kollin (rappers.in): Kommen wir mal so langsam zum Album. Mittlerweile kann man es ja mit ein bisschen Abstand gut betrachten. Was ist denn dein Lieblingssong, gut sieben Monate nach Release?

Cro: Tones, was ist deiner? Meiner ist "alien".

Teesy: "alien" auch.

kollin (rappers.in): Mein Favorit ist "hi".

Cro: "hi" ist auch Heidi Klums favorite Track. Collins, was ist deiner?

Collins: "noch da", das ist dumm, dass du den noch nicht rausgehauen hast.

Cro:Chief, deiner?

Badchief: 2kx.

kollin (rappers.in): Wie hier einfach jeder einen anderen Favorite Track hat.

Cro: Ja, oder?

Collins: Das ist cool, es gibt nicht nur diesen einen Track. Jeder hat sein Ding.

kollin (rappers.in): Auch bei uns in der Redaktion sagt jeder was Anderes. Ich finde, du bist auch einer der ersten, die es schaffen, deutsche und englische Sprache in einem Song cool zu vereinen. Hast du dir da vorher Gedanken drüber gemacht, dass das eventuell auch floppen kann?

Cro: Ich wollte ja nur Klänge erzeugen, die gut klingen. Ich lauf durchs Haus und (Cro klopft überall rum) klingt geil! Genau so ist das auch mit den Stimmen und Menschen, die da waren. Deshalb habe ich auch Patrice angerufen und gesagt "Ey, ich mag deine Stimme" davor stand ich irgendwann mal besoffen vor ihm und er hatte zwei Drinks in der Hand und ich so "PATRICE! ICH MAG DEINE STIMME" und er hat keine Ahnung, wer ich bin. Er schaut mich nur so an und läuft weg. Aber so geht es mir auch mit Stimmen: Es kommt nicht drauf an, wer es ist und was er macht, sondern wenn es geil klingt, kommt's mit drauf. Wir haben auch ein paar Leute weggestrichen, weil es einfach nicht geil klang. Es geht um den Klang.

kollin (rappers.in): Du hast ja für die Beats richtig viel selbst aufgenommen ...

Cro: Jeder einzelne Ton auf dem Album ist durch meine Mikrofone gegangen oder durch meine Finger beim Schneiden.

kollin (rappers.in): Auf "todas." durftest du dir mit Wyclef Jean ein Wunschfeature erfüllen. Wie sieht's aus, wer ist noch auf der To-Do-List? Gibt es da noch ein paar?

Cro: Ja, unbedingt. Es gibt noch so viele krasse Dudes da draußen. Zum Beispiel Kendrick, Travis, Miguel.

kollin (rappers.in): Post Malone!

Cro: Viele meinen auch immer "Mach doch mal was mit Post Malone". Mal gucken, yo!

kollin (rappers.in): Mit dem Album konntest du nicht an die vorherigen Erfolge anknüpfen, eine goldene steht noch aus und bei den erfolgreichsten HipHop-Alben 2017 konnte man dich leider auch nicht finden. Bist du da ein wenig enttäuscht?

Cro: Mir ist es egal, weil ich weiß, was das Album mir bedeutet, aber ich wünschte mir, es hätten mehr Leute gehört, weil es einfach gut ist. Nur weil die Zahlen vielleicht nicht an den alten Alben drankommen, heißt es nicht, dass es nicht erfolgreich war. Ich bin sehr stolz auf das Album, auf die Reaktionen. Viele haben darüber gesprochen und ich glaube, ich hab da ein ganz gutes Zeichen damit gesetzt.

kollin (rappers.in): Du hast neulich auf Twitter gepostet: "Entweder man liebt mich oder man hasst mich" – ist das vielleicht auch das Problem?

Cro: Nee, ich glaub einfach weil sich die Menschen immer mehr nur noch sehr schnelllebig für Mucke interessieren und alles ist nur noch so schnell hin und her gewischt. Und wenn man da nicht unendlich viel Werbung dafür macht und es den Menschen rein presst, dass ich ein neues Album hab, geht es an den meisten vorbei. Wenn ich nun ein neues Album hab und das nicht im Radio stattfindet und jeden Tag 1000-mal läuft, kriegt es die Hälfte gar nicht mit, sondern nur die Liebhaber und die, die durch Zufall dazu kommen

kollin (rappers.in): Was meiner Meinung auch ein Problem ist: Dieses Schubladendenken, dadurch sind viele Menschen bei dir total voreingenommen. Wenn wir nun etwas über Cro teilen, schreiben viele in den Kommentaren "Das ist doch kein Rap", dabei hast du doch ausschließlich Rapsongs auf der Platte.

Cro: Das Traurige daran ist echt, dass die, die haten, man innerhalb von drei Sätzen maultot machen kann. Die kommen irgendwann nicht mehr weiter in ihrer Argumentation, außer halt zu sagen "ist meine Meinung, es ist kein Rap". Mehr gibt es dann irgendwann nicht mehr und wenn ich frage, habt ihr was gehört dann gibt's ein "nein". Die haben nicht viele Argumente, außer halt ihren Geschmack.

Collins:Du hast da gewissermaßen auch einen Erziehungsauftrag!

Cro: Ja, das ist auch ein gutes Wort. Es ist auch wichtig, das es welche gibt, die es nicht mögen. Wäre ja auch dumm, wenn sich alle komplett einig sind.

Collins: Die Diskussion führt man ja bei Bausa und Rin genau so.

kollin (rappers.in): Das stimmt. Aber bei den Kritikern hast du dieses Jahr echt gut abgeräumt. Du bist auf allen Top-Listen der HipHop Medien mehrfach platziert. Ist dir das auch wichtig?

Cro: Stimmt, bei den Juice-Awards habe ich so gut wie jedes Ding gewonnen.

kollin (rappers.in): Bei HipHop.de und rappers.in ebenfalls.

Collins: Bei dem Album ging es meiner Meinung nach auch nicht um so kommerzielle Sachen, sondern auch darum, so die Medien und die richtigen Hiphop Heads abzuholen.

Teesy: Du triffst sowieso niemanden. Wenn du so einen richtigen wacken Kommentar liest: Ich habe noch nie jemand von denen getroffen, der das gesagt hat, wie "Das ist voll wack, der ist überhaupt nicht Rap". Das habe ich noch nie gehört.

Cro: Ich habe noch nie jemanden getroffen, der es mir ins Gesicht gesagt hat. Das ist krass, ja.



kollin (rappers.in): Bei deiner Colors Premiere sind die Amis gut abgegangen. Kannst du dir vorstellen, auch mal einen komplett englischsprachigen Track zu releasen?

Cro: Auf jeden Fall, das ist nicht weit weg, vor allem, da ja auch die Grenzen im Internet gesprengt sind. Deshalb wird auch langsam die Welt zusammenwachsen irgendwann und es gibt 'ne Multilanguage – "yo bro is lit as fuck"; da fängt es schon an.

kollin (rappers.in): Wenn du an einem Album arbeitest, wie läuft das dann eigentlich ab? Machst du immer genau so viele Songs, wie du brauchst, oder eher so 50 und pickst dann die besten?

Cro: Ich mache gefühlt 8000 seit Neuestem. Früher habe ich Punktlandungen gemacht tatsächlich. Man macht täglich drei Beats, das sind dann mal 15 in der Woche und einer kommt fett und alle flippen drumherum aus und dann entsteht automatisch ein Track und der kommt dann in den Tracks-Ordner. Irgendwann hat man dann 30-40 Tracks und davon nimmt man die besten 10. Dann muss man das noch so zusammenstricken, dass es von Anfang bis Ende zusammen gehört. So habe ich es bei dem Album gemacht.

kollin (rappers.in): Ich selbst finde, dass dein Album richtig langlebig ist. Nach gut sechs Monaten kann man es immer noch super hören.

Cro: Auf jeden Fall, zwei Jahre lang habe ich da nun rum gewerkelt. Man kann es lange hören, das ist krass.

kollin (rappers.in): Das Album ist ja nun ein wenig her. Hättest du im Nachhinein noch etwas anders gemacht?

Cro: Schon, als es gepresst wurde, dachte ich mir, hier und da. Am Ende musste man mir es einfach wegnehmen, sonst mache ich immer weiter. Auf was ich in nächster Zeit Bock hab, sind ein paar Jungs, sperren uns ein, machen super schnelle Beats, rappen irgendetwas drauf, trinken Hennessy und machen ganz schnell irgendeinen Sampler und hauen ihn einfach raus. Was schnelles, wo jeder weiß "Okay, die haben es in einer Woche gemacht" und nicht dieses Verkopfte "Das mach ich jetzt als nächstes", das ist dope.

kollin (rappers.in): Man konnte in deinen Storys schon sehen, dass du wieder produzierst. Kommt da wieder etwas?

Cro: Immer, ich bin immer am Mucke machen. Man kann davon ausgehen, immer. Egal wo ich hinkomme, bekommen wir auf Tour auch Instrumente, der nächste rappt, es hört einfach nicht auf.

kollin (rappers.in): Man konnte zum Album auch einige Kritiken finden, da ging es häufig um Seximus-Vorwürfe. Was sagst du selbst dazu?

Cro: Ich glaube, ich weiß schon, worum es dort geht. Die schreiben ja auch immer "Geiles Album, wenn man davon absieht, das das Bild von Cros Wahrnehmung von Beziehung sehr stupide ist". Da denk ich mir, Moment mal, alles was ich auf dem Album sage, ist, dass ich alleine bin und die eine suche, die die Königin wird. Mir fehlt in Deutschland immer noch ein bisschen das Feingespür für künstlerische Freiheit, als Künstler Situationen und Bilder auch einmal etwas überspitzt darzustellen und bewusst zu polarisieren. Vielleicht haben mir das viele auch nicht zugetraut, dass letztlich überall eine Message drinsteckt. Ich bin nun einmal gewissermaßen ein Spiegel der Gesellschaft und da ist einfach nicht immer alles aalglatt, wunderschön mit happy end.

kollin (rappers.in): Wir haben da ja auch etwas zu geschrieben. Es gab ein Artikel für jede Seite.

Cro: Das habe ich mir auch durchgelesen. Finde ich auch gut, dass das auch so auseinandergenommen wird. Das ist gut. Das konnte man bei den alten Alben nicht. Da war einfach nicht so viel Raum zum interpretieren. Da war einfach Sonne und gute Laune.

kollin (rappers.in): Du hast bei HipHop.de ja ein Voting-Award als bester Produzent national gewonnen. Hast du auch mal vor, für andere zu produzieren oder sind deine Beats eher "deine Babys", die du ungern hergibst?

Cro: Auf jeden Fall! Ich habe auch schon mal hier und da für andere produziert: Für Ivys Album jetzt und für Danjus Album damals. Hab auch Tones mal 'n Beat rübergeflankt. Ich bin schon hier und da am machen. Ich hätte aber auch mal Bock auf Amis. Da sind wir auch dran gerade, dass das alles läuft. Ich habe zuhause aber auch alle Möglichkeiten, ich habe gefühlt jedes Instrument der Welt, das ist dope, wie ein Spielplatz. Bei manchen hat es auch schon mal nicht funktioniert, für die musste ich produzieren und ich kam irgendwann nach zwei Wochen aus dem Studio oder am anderen Tag und dachte mir, das geht nicht.

kollin (rappers.in):Was heißt "muss"?

Cro: Eine Zusage: "Ich mach was für euch", dann mich hingesetzt und es hat mir einfach nicht gepasst.

kollin (rappers.in): Noch eine Frage in eigener Sache: Wir beerdigen dieses Jahr schweren Herzens das VBT. Die RBA hat auch kaum neue Anmeldungen. Siehst du mit Battlerap eine sterbende Kunstform im HipHop?

Cro: Ach, ich denk, da kommt was Neues. Da kommt immer was Neues auf. Lass uns ein TV Format gründen, was so Latenight-Flavour bisschen hat und auch weniger ... "BOX DICH DURCH MAMAS UNTERLEIB ZURÜCK IN PAPAS SAAAAMENLEITERN". Also mehr so auf Chance the Rapper hostet und Beyonce kommt noch kurz vorbei. So Latenight, dope, alle zusammen sind Homies.

kollin (rappers.in): Dann vielen Dank fürs Interview! Hast du noch Abschlussworte?

Cro: Seid gespannt, es kommen große Dinge, große Movements werden gestartet. Es bleibt nicht still. Immer wenn man von uns nichts hört, machen wir am meisten – und in Zukunft wird es laut.



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