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Review: Cro – "tru."

veröffentlicht: Freitag, 08.09.2017, 10:06 Uhr
Autor: Max





01. kapitel 1
02. forrest gump
feat. patrice
03. fkngrt
04. tru
05. hi
06. todas
feat. wyclef jean
07. baum
08. unendlichkeit
09. computiful
10. no. 105
11. noch da
12. paperdreams
13. fake you.
feat. ivy sole
14. alien
15. 0711
16. slow down
feat. ace tee
17. 2kx
18. tokyo 13317
(Bonus)
19. Unendlichkeit Video Edit (Bonus)
20. my life (Bonus)

Vorsicht bei Pressetexten! Sie können nämlich die Erwartungen auf ein Album nicht nur schüren, sondern auch zum Schlechten verändern. Erst jüngst geschehen bei der Ankündigung von Cros kommendem Werk "tru.". Hatte ich nämlich die neuen Singles für gut befunden und mich gerade nach der langen Wartezeit, die aber für im Mainstream erfolgreiche Rapper mittlerweile üblich geworden zu sein scheint (Casper, Cro, Marteria, um nur wenige zu nennen), auf den kompletten Langspieler gefreut, wurde eben diese Vorfreude mit nur sechs Wörtern zerschmettert: "Sein eigenes, kleines '808s and Heartbreak'" war nämlich im Pressetext zu lesen. Natürlich sollen die Ansprüche an einen selbst so hoch sein wie möglich und mit diesem Klassiker als Orientierung hat Cro sicherlich nicht die schlechteste Wahl getroffen. Und doch ließ es die für mich als eigentlich gut befundenen Singles (vor allem für "Unendlichkeit", das den schwierigen Drahtseilakt zwischen Melancholie und Eingängigkeit meistert, hat er völlig zurecht erste Erfolge verzeichnen dürfen) in einem anderen Licht erscheinen: Plötzlich nämlich fehlte etwas. Der große Wurf. Die große Innovation, der nächste Schritt in völlig neues Fahrwasser, der "808s and Heartbreak" ja zweifellos war. Die große Vorfreude wich einer subtilen Ernüchterung und der Befürchtung, dass ein Cro, der sich mehrere Jahre Zeit genommen hatte, um seine Musik in eine neue Richtung zu lenken, an seinen eigenen Ansprüchen scheitern könnte. Abgerechnet wird am Releasetag.

Carlo, bitte, bitte, bitte bleib echt/
Das hier bin zu 100% ich und kein Rap/

(Cro auf "hi")

Um es vorweg zu nehmen: Ein "Heartbreak"-Verschnitt ist es nicht geworden. Zum Glück, denn so gut Kanyes Gamechanger auch gewesen sein mag, mittlerweile ist er auch fast zehn Jahre alt. Und doch finden sich einige Prinzipien und Grundgedanken auf "tru." wieder, die zweifelsohne an gerade solche Klassiker erinnern, die vor allem durch eine tiefgreifende Veränderung des Künstlers auch zu einer tiefgreifenden Veränderung in dessen Musik geführt haben. Denn "tru." ist überhaupt nicht mehr mit vorigen Alben von Cro zu vergleichen: Nichts mehr zu sehen von irgendeiner Schwammigkeit, Ziellosigkeit oder, was vor allem "Melodie" schadete, fehlenden Themen. Dieses Werk hat Inhalte und davon eine Menge. Von der Liebe und der Selbstfindung und wie diese beiden alles bestimmenden Ideen, die gerade in der heutigen, digitalisierten Zeit wichtiger und doch schwieriger zu vereinen scheinen als je zuvor, immer wieder in Konflikt geraten, handelt dieses Album. Cro merkt, dass er sich nicht immer wieder selbst neu finden und erfinden kann, dass sein ständig sich veränderndes Leben nicht auf dauerhafte Liebe ausgerichtet ist. Dass er die einfachen Lösungen in diesen schnellen Zeiten vehement ablehnt, macht er mehr als deutlich, wenn er auf "computiful" voller Inbrunst, als müsste er sich aus den Ketten des Kurzweiligen befreien, "ich hab' auf Tinder kein' Bock" herausschreit. Er hat schlicht und ergreifend keine Lust, die Liebe auf dem Smartphone zwischen Konzertwahnsinn und Musikmachen zu suchen und zu verlieren. Cro hat keine Zeit und eigentlich genießt er diesen Wahnsinn, andererseits macht es ihm diese Rastlosigkeit umso schwerer, jemanden für ihn zu finden. Wie soll man die Eine, die Perfekte finden, wenn man jeden Tag alles sieht, sich nie sicher sein kann, was noch kommt? Will man sich dann noch festlegen? Die Spitze des Ganzen findet sich eben in Tinder, bei dem man sich mit jedem Swipe und jedem Match nie sicher sein kann, ob nicht noch ein besserer Gegenüber daherkommt, ob die Traumfrau nicht schon hinter dem nächsten Wischen wartet. Eigentlich müsste genau das zum Protagonisten passen, der ja selbst weitaus umtriebiger ist als die meisten von uns. Dennoch sehnt gerade er sich nach Festlegung und nach Treue, ohne dabei den eigenen Anspruch nach Perfektion aufgeben zu wollen. Dass dieser Widerspruch schmerzhaft sein kann, wird am deutlichsten in "paperdreams": Wie ein kurzweiliger Traum ist für Cro jede Frau vergänglich, obwohl er sich dagegen zu wehren versucht. Dieser Konflikt und Widerspruch schwebt über dem gesamten Album wie eine schwarze Wolke. Sie holt uns immer wieder ein und beschert uns die stärksten Momente des Langspielers: Hervorzuheben ist "no. 105", in dem Cro sich seine Traumfrau zurechtbastelt und dann doch feststellen muss, dass es so einfach und voller Harmonie nicht immer funktioniert. Wie er sich die perfekte Frau vorstellt und vor allem an äußerlichen Merkmalen festhält, mag manchen tumblr-Nutzer zum Sexismus-Aufschrei bewegen; die eigentliche Pointe findet sich jedoch erst darin, dass Cro auch von diesem Produkt, das, in seinem Kopf entstanden, real geworden ist, enttäuscht wird und sich letztlich selbst eingestehen muss, dass er nicht einmal eine realistische Vorstellung davon hat, was ihn glücklich machen und von diesem Konflikt befreien könnte. Statt also das Problem auf andere zu projizieren oder zu vereinfachen, sucht und findet dieser Song es genau dort, wo es eben auch seinen Ursprung hat: beim Protagonisten selbst. Ein Bild, das an Spike Jonzes "Her" oder natürlich den ovidschen Pygmalion erinnert – ob Labelkollege Tua hier wohl seine Finger im Spiel hatte?

Irgendetwas stimmt hier nicht/
Durchsuch' den Rechenweg nach Fehlern, doch ich find' ihn nicht/

[…]
Sie ist wunderschön und nett/
Doch man kann mit ihr nicht streiten, ich vermiss‘ Versöhnungssex/

(Cro auf "no. 105")

Natürlich ist diese Metapher keine Neuerfindung. Doch das muss es auch nicht sein und eine Neuheit ist es für einen dennoch : Cro. Die Art, wie er mit diesem Konflikt umgeht, ihn in seine Lebensform überträgt und auch musikalisch verarbeitet – das hat es im Deutschrap sicherlich noch nicht gegeben. Andererseits ist zu Vorsicht geraten: Die Umsetzung ist nicht etwa revolutionär, weil Tracks eine hohe Spielzeit aufweisen, komische Namen haben oder aufgrund langer Instrumentals. Doch all das trägt zumindest seinen Teil zum Gesamtwerk bei und ist im Gegensatz zu anderen Alben, die mehr Kunst sein wollen, als sie es je sein können, passend. Ob ein fast zehnminütiges Instrumental auf "computiful" oder ein Duett mit Siri auf "0711" – irgendwie fügt sich alles in diese monströse Spielzeit ein und ordnet sich, wie auch die gezielt gesetzten Features, einem Cro unter, der sowohl raptechnisch als auch in der Arbeit mit seiner grandiosen Stimme Großes leistet. Bis auf wenige Ausnahmen ist für das, auf was Cro seine Stimme legt, die Bezeichnung "Beat" eine Beleidigung. Wenn er einen der eingängigsten Parts dieses Jahres wie auf "noch da" rappen will oder wie gewohnt auf dem ersten Track, diesmal namens "kapitel 1", einige Lines zum Besten gibt, dürfen Beats ein ums andere Mal den Künstler untermalen – ansonsten ist jedes Instrumental viel mehr ein eigenes Musikstück, was sich vor allem in den langen Phasen ohne Vocals bemerkbar macht oder in den Stimmungswechseln, die oft durch die Instrumentierung stärker hervorgehoben werden als durch den Text selbst. Nichts zu spüren von simplen Deutschpop-Konzepten oder HipHop-Versatzstücken. Natürlich kamen dabei auch so einige Hits heraus. Nur um mich einmal festzulegen und Angriffsfläche zu bieten: In Abhängigkeit davon, was noch ausgekoppelt wird, würde ich "todas", "fake you." und jedenfalls den ersten Minuten von "computiful" locker Goldpotential attestieren. Der Unterschied zu vorherigen Hits wird anhand dieser Songs besonders deutlich. Keine Tracks über Leichtigkeit und Hedonismus, sondern jeder noch so positiven Essenz folgt ein melancholischer Unterton, ein subtiles "Was wenn doch nicht?" und teilweise sogar ein verzweifeltes "Was brauche ich?". Im Gegensatz zu den meisten, die genau wissen, was sie brauchen und wollen und deren Fragen sich vor allem um das Wie drehen, problematisiert Cro das Was. Was braucht jemand noch, der eigentlich alles hat? Was mache ich morgen, übermorgen, in zehn, zwanzig Jahren? Wird ein Cro auch noch mit 40 so rappen wie jetzt? Was sonst? Natürlich kann man dies als Luxusprobleme abstufen, doch der Protagonist erweckt hier den Anschein von Ehrlichkeit, der nicht einfach mit einem "Dir geht’s doch zu gut!" weggewischt werden sollte.

Ich bin ein Alien, Alien, durchstreif' die Galaxie/
Allein mit meinem Partner hier, den keiner von euch sieht/
Nein, ich schlafe nicht, rase durch die Jahre bis/
Ich endlich jemand' begegne, der mich versteht und meine Sprache spricht/

(Cro auf "alien")

So viel mehr ließe sich über den Detailreichtum auf "tru." schreiben: Die Freude darüber, dass die Pianokünste des Interpreten hier viel mehr in den Vordergrund treten. Der Aufbau der Tracklist, die einen nicht von Hit zu Hit springen, sondern immer wieder dazwischen Ruhepausen lässt, um zwar die Musik weiter genießen, sich jedoch angemessen erholen zu können. Die Ungezwungenheit, die gerade im Kontrast zum eine Woche zuvor erschienenen, völlig überkonstruierten Casper-Album umso angenehmer und ehrlicher herüberkommt. Insgesamt scheint "tru." das Album zu sein, das Cro immer machen wollte, ihm der Erfolg aber nicht zu vergönnen schien. Doch er hat die Kurve gekriegt. Und zwar mit 180 Sachen – ohne aus der Spur zu fliegen. Das ist es, was Deutschrap brauchte, was vielleicht deutscher Pop insgesamt brauchte. Vor allem musikalisch: Denn Cro, der auch hier wieder selbst produziert hat, ruht sich nicht auf einem Trapentwurf aus, der höchstens in den Rapparts mit der Snare angedeutet wird. Viel mehr verarbeitet er organische mit elektronischen Elementen und hält sich weitestgehend von klassischen Schemata fern. Kaum ein Part-Hook-Part-Song, wechselnde Instrumentierungen, all das formt einen Rap-Pop-Entwurf, der auf "Raop" und "Melodie" höchstens angedeutet worden war, sich jedoch lediglich auf wenige Elemente und Ideen beschränkt hatte, während auf "tru." eindrucksvoll bewiesen wird, was Pop alles sein und wie er mit Rap interagieren kann, ohne sich dem simplen Rap-Part/Pop-Hook-Prinzip hinzugeben. Auch die Abstimmung zum Textlichen beschreitet unbeschrittene Pfade: Spätestens, wenn der Beat sogar ein "Alle meine Entchen", gesungen von Siri auf "0711", cool klingen lässt, wissen wir, das hier die Raop-Idee auf ein völlig neues Level gehievt wurde, in dem der Rap gleichermaßen auf die musikalische Untermalung zu hören hat wie andersherum. Ob man das als Oldschooler gut finden mag oder nicht; einen Weg zurück gibt es nicht und Cro schreitet im Jahr 2017 allen voraus.

Fazit:
Hätte mir vor ein, zwei Jahren jemand gesagt, dass das nächste große Ding von Cro kommt, ich hätte es mir nicht wirklich vorstellen können. Erwartungen übertroffen, einmal meine Vorurteile völlig über den Haufen geworfen und nicht zuletzt Deutschrap alt aussehen lassen. All das leistet "tru." mit Leichtigkeit. Bis auf wenige, klug platzierte, an "808s & Heartbreak" erinnernde Elemente, wie beispielsweise der Einspieler am Anfang von "fkngrt" oder ausschweifende Instrumental-Intermezzi, hat Cro nämlich sein völlig eigenes Werk geschaffen. Allein das würde schon ausreichen, um 90% der Deutschrap-Szene hinter sich zu lassen. Doch damit lange nicht genug: Dieses eigene Album entwickelt das selbst geschaffene Genre weiter und ist schlicht und ergreifend verdammt gut. Wirklich. Ich habe keine Ahnung, was ich daran kritisieren soll. Natürlich, wer suchet, der findet. Das Outro von "baum" nutzt sich nach mehrmaligem Hören ab, bei den Bonustracks tröpfelt "my life" vielleicht zu sehr daher. Na und? Dafür findet man im Rest der Tracks zigmal das, was andere auf eine ganze Diskographie verteilen. Vom "kapitel 1" über grandiose Hits und ein so wuchtiges "computiful", das trotz seiner innewohnenden Geduld auch nicht beim fünften Mal langweilt, bis hin zu "2kx". Über eineinhalb Stunden Spielzeit, von denen sich jede Sekunde lohnt. Selten war ein so langes Album so gut, auch und vor allem, da es auf unnötige Skits verzichtet. Noch Vieles wird über dieses Album geschrieben werden, viele werden Kritikpunkte ausmachen können. Warum viele Tracks so lang sind. Warum Cro auf einmal viel mehr auf Englisch rappt. Warum es mit Bonustracks insgesamt 20 Anspielstationen gibt. Es wird sich in Klischees verhakt werden und Notizen bemüht, doch dieses Werk passt auf keine Abhakliste. Eines wird es daher am Ende doch mit "808s and Heartbreak" gemeinsam haben: Erst Jahre später wird jeder kapiert haben, was da für ein unglaubliches Album geschaffen wurde, ohne Frage das Beste der Karriere Cros, das nicht nur Deutschrap verändern, sondern die gesamte Musiklandschaft hierzulande nachhaltig prägen und, und das ist entscheidend, voranbringen wird in der Größenordnung eines "Stadtaffe" oder "Bambule". Dieses Album ist deutscher Rap 4.0: Nach den 90ern, dem Gangsterrap der 2000er und der erneuten Welle der 2010er-Jahre hat nun Cro ein Werk geschaffen, dessen Einflüsse die 2020er-Jahre dominieren könnten. Das ist die Zukunft, das ist "tru.".


Max



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