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Review: Cro – Melodie

veröffentlicht: Donnerstag, 10.07.2014, 11:47 Uhr
Autor: Redaktion





01. Intro – I can feel it
02. Meine Gang (Bang Bang)
feat. DaJuan
03. Erinnerung
04. Traum
05. Bad Chick
06. Never Cro up
07. 2006
08. Cop Love
09. Hey Girl
10. Rennen
11. Vielleicht
12. Jetzt
13. Wir waren hier II
14. Melodie


Bonus-Tracks:
15. I know
16. Nett Flanders
17. Nur Dich


Hitmaschine, Allround-Talent, Softie – viel wurde über Cro in den letzten Wochen und Monaten geschrieben und gesprochen. Von allzu privaten Interviews über die Person hinter der Maske bis hin zu rein raporientierten Analysen seines neuesten Werks war alles in der hiesigen Medienlandschaft zu finden. Und der 24-jährige Stuttgarter hatte auf alles eine Antwort, selbst wenn es aufgrund ständig wiederkehrender Fragen à la "Wie geht man mit dem Druck eines zweiten Albums nach einem derartigen Erfolg um?" auf Kosten der eigenen Nerven ging. Doch auch Cro selbst gießt fleißig Öl in das Feuer der Erwartungen: Reifer, persönlicher und smoother, ja, sogar raplastiger soll die neue Platte geworden sein. Und spätestens, wenn eine ganze Nation die erste Singleauskopplung nicht mehr aus dem Kopf bekommt, ist das Ölfass in der bereits lodernden Flamme entleert. Das Feuer brennt – macht "Melodie" genauso heiß oder ist es schon bald Schall und Rauch?

"Direkt auf die eins gechartet, letztes Album zweimal Platin/
Echo, Bambi, Scheiße, Wahnsinn – egal, welcher Preis, ich hab' ihn/
Und da ist noch 'ne Platte, weiterrappen, Schotter machen/
Eigentlich rapp' ich nur, weil ich mal gerade wieder Bock drauf hatte/
"
(Cro auf "Intro – I can feel it")

Zur Vergangenheit des Rappers muss wohl nicht mehr viel gesagt werden, denn das Nötigste hat er höchstpersönlich in diesen Zeilen zum Einstieg komprimiert. Und wenn das nicht reicht: Mit "Erinnerung", "2006" und "Wir waren hier II" ist die eigene Geschichte ein bestimmendes Thema des gesamten Albums geworden, über das der Spaßrapper durch Witze und Anekdoten gewohnt versiert zu erzählen weiß. Gerade dieses inhaltliche Geschick fördert er in vielen der Lieder zutage – ein großer Fortschritt im Vergleich zu seiner letzten Platte, die laut Aussage des Protagonisten selbst hauptsächlich auf eingängige Produktionen und Texte ausgelegt war. Cro zeigt auf Tracks wie "Traum" oder der poppigen Partyhymne "Jetzt" einmal mehr an genau den richtigen Stellen sein vorhandenes Potenzial, echte Hits zu kreieren. Und doch werden immer wieder melancholischere, anspruchsvollere und trotzdem musikalisch hochwertige Töne angespielt. "Vielleicht" stellt in dieser Disziplin wohl das beste Beispiel dar. Dem Interpreten gelingt es auf den Punkt genau, eingängige Aussagen mit allzu ernsten und nachdenklichen Zeilen zu kombinieren, wodurch ein unterhaltener und dennoch textlich angesprochener Hörer zurückbleibt. Inhaltliche Kritikpunkte sind einzig und allein an "Cop Love" festzumachen: Beim ersten Mal interessant, wirkt die durchaus kindlich erzählte Story vom Liebesabenteuer mit einer Polizistin bei mehrfachem Hören abgeflacht und wandelt sich demzufolge schnell zum Skip-Kandidaten. Mit dem Bonus-Track "Nett Flanders" ist uns dafür ein wahrer Geheimtipp geliefert worden: Wortspielereien in eine teils abstruse, teils schlicht und ergreifend witzige Geschichte verpackt, eröffnen eine ganz neue Seite des sonst so wenig verkopften Junggebliebenen.

"Ich sage: 'Schon okay, man/
Bruce, bringst ihn halt zurück, ich brauch' ihn morgen free, man'/
Leg' wieder auf, bin am Beach mit Miley/
Sie hat Fred Durst, also hole ich ihr Ice Tea/
"
(Cro auf "Nett Flanders")

Auch musikalisch sind einige Weiterentwicklungen zu verzeichnen: Teilweise neuartige Einarbeitungen von Posaunen und Trompeten ("Intro") neben ruhigen, eingängigeren Samples, beispielsweise auf "Rennen". Smoothe Synthie-Samples reihen sich nahtlos in Sommergefühle vermittelnde Trompeten-Untermalungen ein. Eindrucksvoll, vor allem da die Instrumentals bis auf vier Ausnahmen komplett von Cro selbst produziert worden sind – und das merkt man spätestens, wenn nicht nur jeder Takt überlegt gesetzt wirkt, sondern sich auch der Musiker selbst raptechnisch perfekt auf seine Produktionen abstimmt und einen donnernden Flow hervorbringt, der auf diese Art von leichten, gefühlvollen Untermalungen seinesgleichen sucht.

Dennoch gibt es immer noch so viel mehr, was dieses Album zu bieten hat. "Hey Girl" zum Beispiel avanciert mit seinem unterhaltsamen, berührenden Text, gepaart mit der lockeren Vortragsweise eines kleinen Jungen und der eingängigen, nicht traditionellen Ohrwurm-Hook, zu einem persönlichen Highlight. DaJuan auf "Meine Gang (Bang Bang)" ist als einziges Feature mit hohen Erwartungen belastet ... und enttäuscht nicht. Ein bisschen Geballer, eine knallende Hook und ein DaJuan, der seit seinem Mixtape noch hungriger geworden zu sein scheint, liefern eine Kombination, bei der selbst der größte Hater spätestens live das Mitgrölen nicht mehr verweigern kann. Blickt man auf die gesamte Musikalität des Albums, ist vieles positiv zu verzeichnen. Dennoch mangelt es auf "Never Cro up" an dem Aufhänger, einer Hook oder zumindest einer äußerst treffenden Line. Ein letztes Kapitel von "Melodie" sei mit dem Titeltrack selbst aufgeschlagen. Hier sind Stimmung und musikalische Weise des gesamten Langspielers zusammengefasst, von vielen Höhen über Tiefen, von Leichtigkeit zum Ohrwurm, vom kleinen, nachdenklichen Moment zum pompösen Orchester der positiven Gefühle für den großen Hit.

"Und immer, wenn die Angst mich verfolgt und die Zweifel mich fast wieder kill'n/
Wenn ich nicht weiß, was passiert, ich will schrei'n, aber bleib' lieber still/
Und wenn die Zeit nicht vergeht und es einfach nicht läuft, wie man will/
Dann kommt diese Melodie, dieses Lied, ich war nie so verliebt, war noch nie so verliebt/
"
(Cro auf "Melodie")

Fazit:
Obwohl es an kleinen Ecken noch zur Perfektion fehlt, ist das Album letztlich eine riesige Steigerung im eigenen Werdegang und im Rapgenre das wohl melodischste Stück der letzten Monate. Für jeden, der schon mit "Raop" etwas anfangen konnte, ist etwas dabei, das meiste wirkt bis ins kleinste Detail mit Liebe gemacht und die raptechnischen Fähigkeiten des Pandamaskenträgers sind schlicht und ergreifend nicht mehr zu verkennen. Es ist reifer geworden, es ist persönlicher geworden, es ist smoother geworden und ja, es ist um einiges raplastiger geworden. Und all das macht riesen Spaß. Natürlich scheint es schwierig, als jahrelanger Underground-Rapfan diesem poppigeren Sound im Rap eine Chance zu geben. Ganz passend bezüglich der Verbindung von Rap und Pop, wie sie auf diesem Album immer noch zweifellos stattfindet, erscheint mir zum Abschluss ein Zitat von Eminem aus "Rap God": "Well, that's what they do, when they get jealous, they confuse it: 'It's not HipHop, it's Pop', 'cause I found a hella way to fuse it".


(Max)



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