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Interview: Credibil

veröffentlicht: Montag, 25.08.2014, 08:36 Uhr
Autor: lupa




Ende 2013 fiel dem aufmerksamen Deutschrap-Fan ein Release vor die Füße, das einerseits von einem sehr jungen, sehr hungrigen, sehr neuen MC ans Tageslicht gebracht wurde und andererseits nicht nur von ihm, seinem Umfeld und seinem Leben handelt, sondern auch eine offensichtliche Beziehung zu absoluten Deutschrap-Legenden hat. Es dreht sich hierbei um ein Mixtape, bei dem Kennern der letzten Deutschrap-Jahrzehnte warm ums Herz wird, werden hier doch Klassiker wie Kool Savas' "Der Beweis", Beginners' "Füchse" oder Olli Banjos "Deine Sprache" auf eben altbekannten Beats und mit oftmals ähnlichen Textpassagen gelungen neu interpretiert. Zusätzlich durfte besagter MC auf herausragenden Support aus seinem Umfeld bauen und brachte so mit Hilfe seiner Freunde von der "Famefabrik" auffallend gute Videos zum Release an den Start. Das "Deutsche Demotape" war also der Startschuss eines interessanten neuen Rappers namens Credibil, "ein kurzes Hallo in die Runde", wie er selbst so schön sagt – ein Anklopfen an die Türen dieser Szene. Wir hatten kürzlich die Gelegenheit an einem der wenigen schönen Sommertage in diesem Jahr mit dem Fast-Frankfurter in geselliger Runde zu sitzen und ihm ein bisschen auf den Zahn zu fühlen.

rappers.in: Ende letzten Jahres wurde dein "Deutsches Demotape" veröffentlicht, das ein einzigartiges Konzept hatte: Du hast auf bekannten Deutschrap-Instrumentals gerappt und die Tracks textlich neu interpretiert. Gerade, weil du noch sehr jung bist: Waren alle Original-Songs auch Tracks, die du in deiner Jugend gefeiert hast?

Credibil: Es war auf jeden Fall Voraussetzung, dass ich die Songs kannte und irgendetwas daran gefeiert habe. Zum Beispiel bei "Füchse": Ich bin erst durch Sentino und "Ich bin deutscher HipHop" darauf gekommen. Dazu gibt es auch ein Video. Das heißt: HipHop ist gerade durch das Internet sehr leicht nachzuholen. Ich musste nicht aus der Zeit stammen, um das zu fühlen. Aber ich musste es dann fühlen, als ich es gefunden habe.

rappers.in: Hast du denn das Bedürfnis, deutsche Rap-Vergangeheit aufzuholen?

Credibil: Ja ...

rappers.in: Bist du auch ein Sammler?

Credibil: (überlegt und guckt Mikis (Anm. d. Red.: Famefabrik, Mentor v. Credibil) an) Bin ich ein Sammler?

Mikis: Er mag einfach Nostalgie, glaube ich. Zum Geburtstag hat er mir die ersten Songs auf einer CD geschenkt, die er mit neun aufgenommen hat. Er hat diese CD und ich hab' diese CD. Das hat einen großen emotionalen Wert für ihn.

Credibil: Ja. Niemand sonst hat das. Ich glaube, wenn man die Chance hat, sich zu verewigen – seinen Fußabdruck auf diese Welt zu setzen –, dann sollte man das tun. Wir haben nur ein Leben und das müssen wir nutzen. Und solange ich diese CD habe, bin ich neun. Ich bleibe für immer neun auf dieser CD. (grinst) Ich werde mir das anhören und mich erinnern, wie es damals war. Und ich glaube, auch deswegen ist das "Deutsche Demotape" entstanden. Weil ich dann sage: Wenn ich sowas irgendwann mal machen will, dann mache ich es am Anfang meiner Karriere. Ich komm' erstmal mit einem respektvollen "Hallo" in die Runde und es hat geklappt. Und währenddessen hat es mich auch gefreut, diese Nostalgie nachzuholen. Dieses "Wie habe ich damals gefühlt?"

rappers.in: Du hast mit neun schon gerappt ...

Credibil: Haus auf Maus. Das war kein richtiger Rap-Rap, aber man hat sich Mühe gegeben. Und meine ersten Beats kamen von rappers.in ... (grinst) Ich habe damit angefangen, Songs zu nehmen und so zu tun, als ob ich das bin. Auf Klassenfahrt. Die Leute haben dann gesagt: "Heute Abend wieder Konzert!" und haben Absperrband vor einen Türrahmen gemacht. Ich stand im Türrahmen, vor mir das Band und hinter mir, immer wenn die Tür aufging, kamen Backstage Leute rein: "Ich bin aus Versehen auf der Bühne!" (alle lachen) Dann habe ich gerappt – ich kann bis heute kein Wort Englisch und dachte, ich bin Eminem. Ich hab' "8 Mile" gerappt, Kapuze hochgemacht: "Ja, nanana, nanana, nanana." Dann kamen die deutschen Songs, ich hab' Eko und Savas nachgemacht. Da war ich dann etwas älter, elf oder so.

Mikis: (grinst) Älter, ja?

Credibil: Älter als neun, man! Irgendwann saß ich mal im Bus und ich erinnere mich, dass ich mich gefragt habe: Was gab es wohl als erstes – den Text oder den Beat? Manche Tracks hatten am Ende Instrumental-Stellen, ich hab' dann vor- und zurückgespult und versucht, darauf zu schreiben. Irgendwann hat dann jemand zu mir gesagt: "Das heißt Instrumental und da gibt es Seiten für" – und dann ist man sehr schnell auf rappers.in gelandet und hat sich da die besten Beats rausgesucht. Ganz verrückt.

rappers.in: Hast du als Kind auch statt englischer Texte immer Fantasie-Texte mitgesungen?

Credibil: Jaaa. Genau das! (grinst)

Mikis: Kauderwelsch! Wie, wenn man Flows nachmacht. Wie Scatman John.

Credibil: Darüber könnten wir Bücher schreiben.

rappers.in: Da ihr beide gerade so schön zusammensitzt, würde ich gerne darauf zu sprechen kommen, wie ihr euch eigentlich gefunden habt. Soweit ich weiß, war Mikis' erster Künstler Philo. Irgendwann kamt ihr dann gemeinsam auf die Bildfläche. Auf mich wirkt das sehr großer-Bruder-ähnlich ...

Credibil: Wenn ich diese Geschichte erzähle, werden ihn hundert Leute anschreiben. Ich habe, als ich elf Jahre alt war, MySpace gehabt. Da hab' ich meine Freestyles und ein paar Songs hochgeladen. Damals wohnte ich noch in Marburg. Es war die Tiefphase von HipHop zu dem Zeitpunkt und er hatte damals angefangen, Videos zu drehen. Ich wollte irgendwas mit HipHop machen und anfangen, Geld zu verdienen, weil ich meinen Weg schon recht früh finden musste. Ich hab' ihn angeschrieben: "Ich würde auch gerne was mit HipHop machen, was machst'n du da so?" Dann hat er geschrieben: "Ich mach' so Art Director-Zeug." – "Ja, cool, wie komm' ich denn da hin?" – "Hmm, ich hab' es so gemacht, probier mal, Mediengestaltung zu lernen." – "Ok, wir seh'n uns!" Dann hat er erstmal nichts mehr von mir gehört. Mit 16 hab' ich ihm dann wieder geschrieben: "Ey, meine Schule ist bald vorbei, was mach' ich denn jetzt?" Und er war so: "Wer bist du nochmal?" – "Ja, ich hab' dich vor vier Jahren angeschrieben, erinnerst du dich?" Ich glaube, er wusste es wirklich noch, oder er hat es einfach so gesagt.

Mikis: Nee, ich hab' mich wirklich erinnert. Weil ich das so krass fand. Ich hab' einmal geschrieben, was er machen kann, er sagt "Ciao" und kommt vier Jahre später, um zu fragen: "Und was mach' ich jetzt?"

Credibil: (lacht) Währenddessen hab' ich immer noch gerappt. Ich hab' gesagt: "Ey, meine Schule ist bald vorbei und ich will Fachabi machen. In welche Richtung ...? Ach, übrigens: hier, ein Song." Da hatte ich gerade "Fremde" gemacht. Und er hat es erstmal nicht angehört. Er hat mir gesagt, auf welche Schule ich gehen soll: "Ok, aber hör mal den Song!" – "Ja, ich tu's bald." – "Hast du den Song gehört?" – "Ja, ich tu's bald." – "Hast du den Song gehört?" – "Digga, ruf mich an! Hier, meine Nummer." Dann haben wir uns miteinander in Kontakt gesetzt und ich hab' ihm gesagt, ich rappe, weil ich einfach Bock darauf habe.

Mikis: Es hat einfach keinen Sinn ergeben. Er schickt mir diesen Song. "Das kann nicht sein. Schick mir keinen Song von deinem großen Bruder – schick mir einen von dir!" – "Nee, der ist von mir." Es hat für mich keinen Sinn ergeben, dass man sich mit 16 so 'nen Kopf machen kann.

Credibil: Das war zur Sarrazin-Debatte. Und der Rest ist History. (grinst)

rappers.in: Du hast eben erwähnt, dass du ursprünglich gar nicht aus Frankfurt stammst.

Credibil: Nein, ich wurde in Marburg geboren und bin erst mit 14 nach Frankfurt gekommen. Meine Mutter hat meinen Stiefvater irgendwann kennengelernt, er ist aus dem Bahnhofsviertel. Dann bin ich da mit 13 immer wieder aufgetaucht. Seitdem bin ich da aufgewachsen.



rappers.in: Kommen wir nochmal auf das "Deutsche Demotape" zurück: Gab es Momente beim Entstehungsprozess des Tapes, in denen du dir selbst bezüglich des Konzepts unsicher geworden bist?

Credibil: Vielleicht wegen den Rechten. Da haben wir ein bisschen Paranoia gehabt. Irgendwann wurde es ernst – wir investieren so viel Zeit und Geld in die Sache, dass es sich auch irgendwie lohnen muss. Was machen wir, wenn alles gesperrt wird? Dann haben wir uns einen Vimeo-Account angeschafft, den wir bis heute nicht richtig nutzen. (grinst)

rappers.in: Du hast ja offenbar die Kurve gekriegt, dass selbst die Künstler, deren Songs du neu interpretiert hast, gesagt haben, dass es gut ist. Das hätte auch anders ausgehen können. Kam nie Kritik von einem der besagten Künstler?

Credibil: Nein. Die haben das wirklich verstanden. Ich habe da keinen Profit daran gehabt und aus keiner Idee und keinem Beat Geld geschöpft. Ich bin mit Respekt an die Sache gegangen und der ist auch zurückgekommen von den Leuten, von denen ich es erwartet hab'. Die einzigen, die sich nicht gemeldet haben, sind Samy und Bushido.

Mikis: Das ist eben auch dieses "freundliche Hallo". Da sitzen die ganzen alten HipHop-Nasen an einem Tisch und dann kommt ein junger Kerl rein und sagt: "Ey, du bist geil wegen ... und du bist geil wegen ..." Wer wären sie, wenn sie sagen würden: "Verpiss dich"?!

Credibil: Ja, das hätte keinen Sinn gemacht. Es wäre natürlich blöd, würde ich das jetzt nicht zugeben und sagen: "Das ist meins und ich hab' das alles selber so und so gemacht" – nein, ich hab' das "Deutsche Demotape" gemacht, weil ich es so gefühlt hab'. Und die Songs fühl' ich immer noch. Selbst, wenn irgendeiner dieser Rapper irgendwas gesagt hätte, von wegen: "Ey, das ist voll der Mongo, lasst das sperren, damit will ich nichts zu tun haben" ... So, wie ich neun auf der CD bin, die Mikis hat, so sind diese Rapper immer das, was auf dieser CD ist. Egal, ob sie mich abfucken würden oder nicht.

rappers.in: Habt ihr das Tape denn den Künstlern der interpretierten Tracks zugeschickt?

Credibil: Nur Moses. Da brauchten wir den Beat. Wir haben ganz normal angefragt und er hat gesagt: "Ja, klar – aber ich find' den Beat leider nicht." Dann hab' ich gesagt, ich meld' mich, wenn der Song fertig ist. "Hallo, hier ist der Song. Hör mal rein."

Mikis: Du hast den Beat dann geloopt, ne?

Credibil: Genau, genau. (lacht) Mit HipHop Magix 2. Demoversion. Ohne das Eingeben. Immer weiterdrücken, kennst du's? Und dann wollen sie irgendwann wirklich was haben und dann löschst du es einfach und installierst es neu. (alle lachen) Auf jeden Fall habe ich wirklich versucht, von jedem das Ok zu bekommen. Aber wie zum Teufel soll ich einen Bushido fragen, ob es okay ist?! Das hat nicht geklappt. Obwohl der Congo im Bushido-Forum gesagt hat: "Ich möchte auf dem nächsten Bushido-Album gerne Credibil haben".

rappers.in: Hast du auf dem Tape denn eigentlich einen Lieblingstrack?

Credibil: Ich glaub' "Will lieber". "Der beste Tag" war der Ursprung, bei dem ich gesehen habe, dass das ganz gut funktioniert hat. Und "Will lieber" war so: "Wir haben jetzt zehn Monate nichts gemacht – klappt das jetzt wirklich? Oder sagen die Leute: 'Das ist der von Savas, der hat mal irgendwann ein Video rausgebracht, das war schwarz-weiß und er hat gegrinst, das war ganz süß ... lass mal jetzt!'" Aber es hat doch hingehaun.

rappers.in: Dein Track "Meine Sprache" war lyrisch, aber auch videotechnisch auf einem sehr hohen Niveau. Schwebte dir die Umsetzung des Liedes mit dem Inhalt des Videos denn die ganze Zeit vor? Gerade die Einschübe mit der Gebärdensprache treffen sehr gut auf die Hook zu.

Credibil: Meine beste Freundin, die auch in dem Video mitspielt, muss wirklich Gebärdensprache sprechen, weil ihre Eltern taub-stumm sind. (an Mikis gerichtet) Weißt du noch, als wir Shisha rauchen waren? Wir saßen draußen auf der Schaukel und ich hab' gesagt: "Ey Bruder, wie sieht's aus, 'Meine Sprache', so ist der Song und ich hab' mir vorgestellt, ..." Und du hast gesagt: "Ja, machen wir so und so, und dann soll sie wirklich mit den Händen ..."? Mir ist es während des Schreibens gekommen. Es ist mehr als nur: Wir reden jetzt miteinander und sie versteht nicht, was ich gerade von ihr will. Wir konnten es dann eben auch visuell darstellen ...

rappers.in: Kommen wir doch mal auf die Zukunft zu sprechen. Entweder kannte ich nicht alle Tracks, die du auf dem Splash! gespielt hast, oder es waren neue dabei ...

Credibil: (grinst) Es waren neue dabei.

rappers.in: Woran arbeitest du denn aktuell? Oder bist du gerade fröhlich, absolvierst deine Auftritte und das war's?

Credibil: Beides. Es kommt ein Stück Musik auf Deutschland zu. Es heißt "Molokopf" und ich arbeite daran, einen eigenen Sound zu haben. Das Problem an einem "Deutschen Demotape" ist, dass man natürlich diese Karte nutzt, wie man am liebsten klingen würde. Aber es ist nicht mein eigenes Ich, von dem ich sage: Das will ich darstellen. Das ist auch schwer – was ist man schon, woher kommt der Einfluss, was nimmt man mit?

rappers.in: Bist du denn nun auch an den Produktionen beteiligt?

Credibil: Ja. Ich hab' mich mit The Cratez zusammengeschlossen, zwei super Produzenten ... Ich bin ein riesen Kendrick Lamar-Fan. Mikis hat immer gesagt: "Wenn du so ein Album machen willst, dann schließ Dich mit einem Produzenten zusammen, setz euch hin und macht ein Stück Musik." Man sieht die Handschrift, wo jemand sein Pünktchen oder seinen Strich setzt und wo nicht. Und deswegen habe ich mich mit den beiden zusammengeschlossen und gesagt: "Lasst uns neue Musik machen". Und dann sitze ich da und sage schon: "Das ist nicht cool und mach die Trompeten rein." Ich liebe Trompeten ... So ist dann der erste Track entstanden. Der hieß "Molokopf" und daraufhin hab' ich gesagt: "Ich möchte diese EP so nennen". Zu meinem Team gehört aber nicht nur ein Musiker und die Produzenten, sondern auch ein Videomann und ein Manager. Selbst meine Mutter hat Mitspracherecht.

rappers.in: Hast du Bedenken in Bezug auf die Reaktion der Leute, wenn du irgendwann mit einem ganz eigenen Sound um die Ecke kommst?

Credibil: Jetzt nicht mehr – denn ich habe gestern gespielt und sie haben's gefeiert. (lacht)

rappers.in: Ich denke mal, du hast die alten Sachen auch so eigen neu interpretiert, dass es ja doch ein großes Stück von dir war, das du mit dem Tape veröffentlicht hast.

Credibil: Eben. Und was bin ich schon ...? Ich bin ein Rapper, ich hab' meine Stimme und meinen Inhalt. Wenn ich das beibehalte, darf ich in der Musik tun und lassen, was ich will. Wenn ich wirklich kredibil bin, kann ich klingen, wie ich will. Ich wollte nur nicht den typischen Straßensound mit Geige und Piano machen, weil andere schon so klingen. Es bringt mir nichts, etwas anderes zu sagen, aber gleich zu klingen.



rappers.in: Du hast ja eben schon erzählt, dass du bereits mit neun Jahren auf Deutschrap gestoßen bist. Wer hat dich denn so früh darauf gebracht?

Credibil: Meine Mutter. Sie hat Missy Elliot gehört. Sie ist mit 17 nach Deutschland gekommen und es ist wirklich so, dass Frauen, die alleine in ein neues Land kommen, sehr emanzipiert sind. Sie stehen für sich selber, haben ihre Familien in der Heimat gelassen, haben hier einen Mann geheiratet, müssen die Sprache lernen, Klo putzen, Führerschein machen und nebenbei eine Ausbildung. Meine Mutter ist genau so eine Frau. Und Rap ist einfach Selbstbewusstsein in seiner Form. Zu sagen: Ich bin etwas. Und sie hat diese schwarze Frau gesehen, wie sie in den Videos rappt und selbstbewusst ist und meine Mutter hat gesagt: "Killer!" Ich weiß noch, als sie zum Berufsinformationszentrum gefahren ist und ihre Friseurlehre angefangen hat. Ich saß im Auto und hab' Missy Elliot gehört. Und dann kamen wir zu Eminem. Dann ging ich auf die Straßen und da gab es auch zwei, drei HipHop-Heads. Und dann bin ich ... Rapper geworden. (lacht)

rappers.in: Und was sagt sie zum "Deutschen Demotape"?

Credibil: (überlegt) Sie ist, was deutschen Rap angeht, sehr informiert, weil ihr Junge halt Deutschrap-Fan ist. Als Sido und Bushido das Album gemacht haben, saß sie vor mir und hat gesagt: "Warum machen die das Album zusammen? Die haben doch gestritten!" (alle lachen) Sie weiß das! Das ist doch verrückt! Meine Mutter hat auch einen anderen Standpunkt als andere Raphörer. Wenn Savas mich sieht, dann ist das erste, was er fragt: "Wie geht’s deiner Mutter?" Und meine Mutter sagt: "Jaja, grüß den mal! Der kommt keinen Tee trinken, aber grüß den mal!" Auf ironische Art und Weise. Sie kriegt das alles mit und ist sehr, sehr stolz. Vor allem, dass ich daran glaube. Ich bin 20 Jahre alt. Ich verdiene nicht die Million. Jeder Song, den ich mache, könnte der erste Schritt Erfolg sein – oder der letzte. Und sie glaubt so sehr daran, wie die Leute, die mit mir sind, dass wir dieses Risiko eingehen.

Mikis: (grinst) Mama ist Team Credibil.

rappers.in: Du hast ja als Kind auch viele Musikvideos deutscher Rapper auf MTV und Viva angesehen. Hattest du zu diesem Zeitpunkt den einen Rapper, der dein absolutes Vorbild war?

Credibil: Bushido.

Mikis: Azad?

Credibil: Azad auch. Aber Bushido lief halt mehr im Fernsehen. Bei Azad war es immer so: Oah, Hessen, der kommt aus unserer Ecke. Aber den hat man nur sehr selten im Fernsehen gesehen. Es gab zwei, drei Songs, die hat man immer mal wieder gespielt. Aber Bushido war durchgehend da. Der hat alle acht Monate ein Album rausgebracht und war durchgehend im Fernsehen. Ich weiß noch, wie durchgehend "Nie ein Rapper" lief. Und ich wollte genauso sein. Ich wollte auch so ein Video haben und habe meiner Mutter gesagt: "Schneid mir auch solche Haare!"

rappers.in: Dabei ging es dann aber weniger um den Rap, als um das ganze Drumherum.

Credibil: Guck mal, ich komme aus einem armen Umfeld. Ich bin kein reicher Kerl. Meine Mutter kam mit 17 hierher, mein Vater hat seine Ausbildung als Maurer abgeschlossen und ging danach arbeiten in der Kabelfabrik. Ich bin leider kein Kind, dem es egal sein kann, ob er die neuen Hot Wheels bekommt oder nicht. Jetzt ist da jemand im Fernsehen, der hat die gleiche Fresse wie ich und sieht aus wie mein scheiß Onkel. Er hat dieselbe Haarfarbe und dieselbe Haut. Er erzählt von denselben Problemen, die ich auch habe. Wenn die Kinder nicht zu mir nach Hause kommen wollten, wo ich gesagt habe: "Kommt doch alle zu mir nach Hause!" – "Nee, lass mal." Und deswegen war der Identifikationsfaktor mit diesen Personen so hoch. "Wie, er zündet in dem Video sein scheiß Auto an?! Warum fährt er so ein schönes Auto? Ihm geht's gut, er hat Nike-Pullover! Ich möchte das auch." Und genau deshalb ist es so wichtig, dass es solche Leute gibt. Egal, was die da rappen. Wenn man Bushido gehört hat, dann hat man einen Vibe bekommen. Er ist mit der Grund, warum man sich gut fühlt am Tag. Gerade als Jugendlicher, weil HipHop immer noch eine Jugendkultur ist.

rappers.in: Wir würden gerne kurz über deine beiden Trist & Grau-Kollegen Frustration und Belabil sprechen. Was sind denn die besonderen Alleinstellungsmerkmale der beiden, die sie für dich auszeichnen?

Credibil: Das geht schnell. Frustration ist der Erfinder von Trist & Grau. Er ist wirklich derjenige, der den Film als allererstes gefahren ist. Ich hab' den erst teilweise mit 14 aufgenommen. Diesen ehrlichen, poetischen Straßenrap. Trist ist die Liebe zur Melancholie und Grau ist der perfekte Ausgleich zwischen schwarz und weiß. Es ist die Mitte. Er hatte schon immer krasse Lines, selbst Vega hat ihn zitiert. Frustration ist immernoch kein großer Rapper, aber er wird irgendwann hoffentlich größer sein als ich. Er schreibt Sachen wie: "Ich will ein Leben ohne Zaun. In meiner Gegend ist der Regenbogen grau." Das ist dasselbe, wie wenn ich sage: "In meiner Gegend ist die Hoffnung verloren. Aber deutsche Dichter werden in Betonblocks geboren." Du kommst von unten, aber wir sind mehr als nur das. Dieses Gefühl habe ich in mir gefunden, als ich ihn gehört habe. Und bei Belabil ist es so, dass er den Sound dafür kreiert hat. Er ist der Beatproduzent unter uns. Aber er ist auch einfach ein krass ambitionierter Rapper, der vielfältiger, als wir beide es je sein könnten, ist. Er rappt auf Trap-Sachen: Es klingt kredibil. Er rappt auf Nie-ein-Rapper-Snare und Geige und Piano: Es klingt kredibil. Es klingt immer echt. Und das ist so verrückt an den beiden. Egal, wie lange es dauert, ich werde die mit hochziehen, so gut ich kann. Deshalb hab' ich auch bei "Paradox" am Ende des Videos Bela mit reingepackt. Manche haben es gar nicht gefeiert, andere haben es totgefeiert. Es war ein riskanter Schritt für mich. Als jemand, der gar kein Standing hat, jemanden noch hinten ranzupacken – hätten wir nicht machen müssen. Aber wir haben das Team und das steht zusammen. Wir haben alle zusammen Bock auf echten, schönen Rap.

rappers.in: Loyalität scheint bei dem Ganzen ja auch eine große Rolle zu spielen.

Credibil: Ich bin halt auch Fan ... (überlegt) Mein bester Freund ... er ist kein Rapper. Aber wir haben ein Feature – wir haben "Nie ein Rapper" zusammen gemacht. Das habe ich aus Loyalität gemacht, weil ich Bock darauf hatte, diesen Song mit ihm zu machen. Wenn er aber morgen sagt: "Ey, ich hab' keinen Bock darauf, mehr weiter zu rappen, sondern möchte nur noch Backstage mit dir rumhängen und Wodka trinken", dann tue ich das mit ihm, weil ich Bock darauf habe. Aber: Ich bin Fan von Belabil und ich bin Fan von Frustration. Und ich war derjenige, der rausgerannt ist im Regen mit einer CD in der Hand, und hab' sie Vega gegeben und gesagt: "Hör ihn dir an, er will aufhören zu rappen. Ruf den mal bitte an und sag ihm, er darf nicht aufhören." Und Vega hat's getan. Deshalb hat Frustration nicht aufgehört zu rappen. Ich bin stundenlang als Kind mit Kopfhörern in der Nordi rumgerannt und hab' Azad gesehen, der kannte mich noch gar nicht. Ich hab' gesagt: "Hier, Bruder, hör mal!" Und warum? Weil ich Fan dieser Musik bin. Das ist mehr als Loyalität.

rappers.in: Kommen wir zum Abschluss noch zu unserer Lieblingsfrage ... Wenn du dir eine Zeit im Deutschrap aussuchen könntest, in der du gerne aufgewachsen wärst: Welche wäre das und warum?

Credibil: Genau jetzt. Weil ich jetzt selber Rapper sein darf. Genau deswegen will ich jetzt und hier alles, was ich erlebt habe. Genauso, wie es jetzt ist, ist es perfekt.


(Florence Bader & Kristina Scheuner)
(Fotos von Mikis Fontagnier)


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