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Review: Crack Ignaz - Marmeladé

veröffentlicht: Samstag, 17.12.2016, 15:55 Uhr
Autor: baurau





1. Intro (Ball wie)
2. K1 Zeit
3. Swah
4. HWG
feat. Juicy Gay
5. Nu an drahn
6. Coupe Coupe
feat. FKN SKZ
7. James Dean (Lazy Remix)
8. Frauenquote in Rap feat. DJ Tereza
9. Ois koid
10. Prada
11. Obailochned
12. Ned sein wie ihr
13. Mastercard
14. Wue i seng
15. Aurora 2 Preview
feat. LGoony
16. Überschwemm den Block
17. Lobe
18. Lila Lila
19. Jeder Tag
20. Outro


Gschaftln duada! Wenn man Crack Ignaz eines nicht vorwerfen kann, dann ist es mangelnder Output. Mit "Geld Leben" und "Aurora" ist der Salzburger dieses Jahr bereits an zwei nicht gerade kurz geratenen Veröffentlichungen beteiligt gewesen, mit beiden konnte er in einem umkämpften Feld bereits Lorbeeren einheimsen, in dem viele Nischen bereits besetzt sind: Denn Yung Hurn ist wolkiger, Juicy Gay schriller und LGoony trappiger. Musikalische Breite ist beileibe nichts Schlechtes, allerdings bietet Salzburger Mundart nur bedingt Distinktion. Dafür hat Crack bislang ein einfaches Rezept gefunden: Hervorstechen durch Qualität. Ob er diese Formel aufrechterhalten kann, dieser Frage wollen wir uns in dieser Review zum neuesten Werk "Marmeladé" widmen.

Dieses wurde ja mit einigem Buhei vertrieben, musste man doch am Karlsplatz in der schönsten Stadt der Welt die limitierten Exemplare aus dem Kofferraum erstehen, zugleicht mit T-Shirts und am besten noch einem Ticket zur Jahresabschlussshow des Künstlers. Ignaz sah wohl selbst ein, dass ein solcher publicity stunt affig ist und verschenkte, wie zu erwarten war, sein Mixtape anschließen digital beziehungsweise gab es zum Streaming frei. Stürzen wir uns also ins Geschehen und beginnen dabei gemeinerweise mit dem Track, der im Titel eine weiche Flanke zeigt, da er fast "Liebe" heißt und das kann zumeist nur in die Hose gehen: "Lobe". Als alter Sack weiß ich natürlich nicht, was die dammischen Kids in Austria felix da heutzutage darunter verstehen, ich kenne das nur als Ohrläppchen. Was mir Greis aber im Refrain sofort auffällt, ist die Parallele zu einem meiner Lieblingssongs, nämlich "Wilhelm, das war nichts" von Tomte, in dem von L.Y.B.E. die Rede ist, und auch hier setzt unser MC eine Paranomasie ein, um den feinen Unterschied in der Liebe, die sie gerne hätte und in der Liebe, die er bereit ist, zu geben, auszudrücken, was durch die sich durch den Track ziehende Stimmendopplung noch unterstrichen wird:

Baby, bei mia findst du kaa Liebe (findst du kaa Liebe)/
Du kannst die Hawas playen, oba mi ned/
Nenn es Feedback/
Shorty, komm zu mir, zaag da wie's geht (ja zaag da wie's geht)/

(Crack Ignaz auf "Lobe")

Kurzum: Fein gemacht und dass der Track ein absoluter Banger ist, schadet auch nicht. Das Kopfnicken setzt quasi ab Sekunde null ein, der Österreicher rappt on point, fühlt sich mit der satten und treibenden Produktion, die der von Wandl durchaus ähnelt, offensichtlich pudelwohl und liefert eine authentische und mitreißende Performance am Mic ab. Langsam nähern wir uns dem Kern dieser Review: Das sitzt hier einfach alles, angefangen bei Cracks Performance: Er setzt seine Stimme als Instrument ein, bildet eine synästhetische Synergie mit den Beats. Er dominiert die Tracks, gleichzeitig aber fließen sein Flow und die Produktion aneinander schmiegend zusammen, um zwischendurch breit und reißend wie die Salzach zu werden und dann wieder friedlich und verspielt ineinander fließend zu koexistieren. Das ist durchaus verwunderlich, berücksichtigt man die stolze Produzentenriege um K-Wash, Stunnah Beatz, Birdiebands, Mark Murrille, Jett Dean, Supasavage, Baby Blanc, 101, unknown und Asadjohn, die an diesem Release alle mitgewerkelt haben – und da Ignaz auf seinen bisherigen Veröffentlichungen eng mit dem Produzenten Wandl zusammengearbeitet hat. Umso positiver, dass der MC anscheinend nicht nur in seinem Stamm-Metier brilliert, sondern ein feines Händchen im Beatpicking (Das Telefonklingeln in "Prada"! Das Summen in "Coupe Coupe"!) und der künstlerischen Leitung zu haben scheint, weshalb sich Hit ("K1 Zeit") an Hit ("Prada") an Hit ("James Dean" war in der "Geld Leben"-Version schon Wahnsinn und wird hier noch besser) an Hit ("Jeder Tag") reiht – um Sum41 zu zitieren: all killer, no filler. Der Sound und die Produktion knüpfen weniger an "Aurora" als an "Geld Leben" an, den Hörer erwarten also erneut satte Bässe und ein insgesamt lebendiges und verspieltes Klangbild, gepaart mit klassisch aufgebauten Songs ohne unnötiges Fett, die meist um eine gute Idee herum aufgebaut sind. Diese treibende und mit Drang ausgestattete Verspieltheit, die schon Songs wie "Hello Kitty" und "Moch Cash" ausgezeichnet hat und den Salzburger von Cloud und Lean deutlich unterscheidet, ist hier an allen Ecken und Enden wiederzufinden.

Bei mir läuft, es duad jeda schrei'm/
Während du läufst, fohr i im BMW vorbei/
Ja, sie kaufen se jeden Like/
Ned gscheid, oba i glaub s'muass des Ego sei/

(Crack Ignaz auf "Ned sein wie ihr")

Cracks Mundart ist natürlich ein wesentlicher Bestandteil seiner Delivery, erlaubt sie ihm doch zum einen, authentisch rüberzukommen, zum anderen nimmt er sich so natürlich Freiheiten, die ein Grimmsches Deutsch nicht bieten kann, und biegt und dreht Wörter gerne mal ohne Rücksicht auf den Salzburger Sprech so, dass sie zum Track passen und fügt erratisch englische Begriffe ein. Dabei sind seine Texte aber nicht beliebig oder inhaltsleer, sondern Farben, mit denen er malt. Man hat zu jeder Zeit den Eindruck, dass es keine Alternative zu dem gab, was er gerade erzählt, sondern dass genau diese Line jetzt einfach determiniert war. Hinzu kommt, dass der MC zwar altbekannte Themen behandelt, diese aber nur auf den ersten Blick oberflächlich streift. In "K1 Zeit" wird der Abschied vom bisherigen Leben und einer Beziehung verdrängt ("wüi ned traurig sein", "duad ma no imma so leid"), in "Mastercard" Drogenabhängigkeit aus Dealer-Sicht betrachtet, im hier remixten "James Dean" Todessehnsucht personifiziert und in "Ois koid" das eigene maskuline Rapper-Selbstverständnis völlig überspitzt in Frage gestellt (indem eben alles "koid" und nicht "Gold" ist):

I hob de Haar so wie Dragonball/
I fick dei Girl und sie nervt mi voll/
I schick sie heim und sie ruft mich an/
Owa i heb nicht mehr ab bei der/

(Crack Ignaz auf "Ois koid")

Die letzte Line, obgleich bösartig, ist natürlich herrlich und lustig, womit Ignaz immer wieder dieses stellenweise aggressive und düstere Mixtape auflockert, am eindringlichsten auf "Frauenquote in Rap" und "Aurora 2 Preview". Hier ist übrigens nichts zu lang, wenn, dann ist dieses Ding zu kurz. Wer sagt, dass dieses Release mit 20 Tracks überfrachtet ist, der findet auch "Shenmue 2" zu komplex oder "Der Kuss" von Klimt zu facettenreich. Sich in seiner Stärke zu suhlen, ist jedem Künstler vergönnt, und die Stärke von "Marmeladé" ist sein Fluss, seine Kohärenz, vom "Intro (Ball wie)" bis zum "Outro". Dieses Mixtape kann nur zu viele Tracks haben, wenn Venedig zu viele Kanäle haben kann.
Perfekt ist das alles leider trotzdem nicht, denn auch in diesem Kunstwerk finden sich verbesserungswürdige Lapsus: So manche Tracks mäandern zwar geschickt zwischen plakativer Ostensität und Meta-Ebene, "Swah" und "HWG" zum Beispiel sind aber reine (großartige!) Party-Songs. Und das wäre an sich natürlich völlig in Ordnung, aufgrund fehlender dezidiert komplexer Songs kippt aber die Balance etwas zu stark, denn ein "Jeder Tag" ist zwar düster, aber auch eindimensional. Ihr merkt, Meckern auf ganz hohem Niveau, ich tu mich wirklich schwer, hier sonst noch Makel zu erkennen.

Fazit:
Ignaz fing mit "Kirsch" gut an, wurde über "Geld Leben" und "Aurora" exzellent und ist in aktueller "Marmeladé"-Form einer der prägenden deutschsprachigen Rapper. Dieses Mixtape schmeichelt dem Zuhörer, es ist mit Bedacht und viel Drogenkonsum geschrieben, mit Sorgfalt produziert und von einem Rapper, der jederzeit auch komplexe und anspruchsvolle Beats beherrscht, ausgeführt. "Marmeladé" ist nicht nur für sich alleine betrachtet ausgesprochen gelungen, es zeigt deutschsprachigem Trap und Cloud, welche Variation und welche Distinktion diese Stilrichtungen erlauben würden und gleichzeitig zeigt es der Konkurrenz mit überschäumendem Talent und Spielfreude ihre Limitierungen auf. Bitte einfach immer mehr davon, und die Ernsthaftigkeit, die in die Produktion dieser Musik so offensichtlich fließt, nutzen, um den Tracks mehr Tiefe zu verleihen.


(Franz Xaver Mauerer)



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