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Special: Classics Revisited: Snaga & Pillath – Die linke & die rechte Hand Gottes (2005)

veröffentlicht: Sonntag, 19.03.2017, 19:49 Uhr
Autor: El-Patroni

Als ältestes Redaktionsmitglied hat man es nicht leicht. Während die jungen Redakteure ausgelassen über neue Trends sinnieren, sitzt man zuhause, eine verstaubte Stieber Twins-Platte eiert am Grammophon und man will einfach nicht verstehen, was alle mit diesem "Sheesh" meinen. Hipsterrapper, Tweef und Money Boy. Money Boy ... was soll das eigentlich schon wieder sein? Früher haben wir noch gekifft und jetzt trinken die allen Ernstes Hustensaft – den trinke ich zwar auch, aber nur, weil ich früher eben viel gekifft habe. Von den engen Hosen will ich gar nicht erst anfangen. Wie ich die gute alte Zeit vermisse. Rap war noch real und Star Wars noch kein Disney-Franchise. In den Battles nennen sie sich neuerdings "Hurensohn", das hätt's früher auch nicht gegeben, diese Kinder – sowas von respektlos. Nicht weiter drüber nachdenken, lieber ins Bett, ist ja immerhin schon halb neun und der Morgenspaziergang erledigt sich nicht von selbst. Wenn nur diese Nachbarskinder etwas leiser wären. Also Ihr Lieben, kommt ran, Opa erzählt jetzt von einer Zeit, als das Gras noch grün war und Rapper noch Rapper sein durften:




01. Intro (Die Linke & Die Rechte Hand Gottes)
02. Warm up
03. Die Snaga Situation Pt. 1
04. Das ist gutter
05. Jetz' da
06. Koka-Musik
07. Niemals Angst
feat. Oso
08. Die Snaga Situation Pt. 2
09. Ercan auf 180 Skit
10. Geile Hunde
feat. Ercandize
11. Tear it up Remix feat. NKNA
12. American Dream
13. Stavros Skit
14. Komm mit mir
15. Wie es geht
feat. Erc Kelly
16. Put 'em up
17. Die Snaga Situation Pt. 3
18. Keiner
19. Fick
feat. Faust
20. Was ich mach'
21. DJ Eathy Skit
22. Fick Dich bezahl mich
feat. Illmat!c
23. Ride mit uns
24. Nur für euch
feat. Ercandize

Betrachtet man die bisherigen Kandidaten in dieser Kolumne, so besteht in keinem Fall Diskussionspotential: Namen wie Azad, Sido und Samy Deluxe sind – ungeachtet ihres aktuellen Schaffens – mit Legendenstatus behaftet. Bei Snaga & Pillath sieht das schon anders aus, ihre Namen sind jüngeren Semestern außerhalb des Ruhrgebiets teilweise gar kein Begriff mehr, was in erster Linie daran liegen könnte, dass der riesige Erfolg langfristig bis heute ausblieb und ihre Karrieren zwischenzeitlich sogar als beendet galten. Heute sind die beiden zwar auf Solopfaden ins Rapgeschäft zurückgekehrt, warten aber weiterhin auf den ultimativen Durchbruch. Dennoch wage ich es, das Mixtape des Duos "Die linke & die rechte Hand Gottes" aus dem Jahr 2005, zum Teil auch sinnbildlich für ihre gesamte Diskografie, als Klassiker zu bezeichnen. Was es nun genau ist, das "Die linke & die rechte Hand Gottes" so von seinen Zeitgenossen abhebt, lässt sich nur schwer beantworten. Beattechnisch mutet es heute eher an wie ein Worst-Of des Dipsetzeitalters; da wird bei Amigrößen abgekupfert, was aus heutiger Sicht in erster Linie generische Plastikbeats, auf denen kurze, eingängige Synthpassagen von drückenden lauten Drums und gewaltigen Bässen getragen werden, bedeutet. Im Jahr 2005 war genau dieses, aus heutiger Sicht doch recht unspannende Soundgerüst allerdings eine willkommene Abwechslung nach Jahren voller BoomBap und Soulsamples.

Was ist jetzt, mein Freund? Es macht *brrap*, mein Freund/
Das beste an dei'm Album, sind die Pausen nach den Tracks, mein Freund/
Ich bring dich deinem Ende näher/
Jetzt stehst du da mit deinen teuren Goldringen, doch hast leider keine Hände mehr/

(Pillath auf "Das ist Gutter")

Auch auf textlicher Ebene überzeugt das Duo nicht aufgrund ausgeklügelter Songkonzepte oder verschachtelter, sprachlich anspruchsvoller Textstellen, sondern viel mehr dadurch, eine neue, bis zu diesem Zeitpunkt kaum existente Art von Lyrics im Deutschrap aufzuziehen. Snaga & Pillath hatten ihren eigenen Entwurf von Punchlines parat: Als eine Art dreckiges, rohes Gegenstück zu Kollegahs zeitgleich aufkommenden, durchdachten Wortspielereien und in erster Linie auf Mehrsilbigkeit ausgelegten Substantivreimketten fuhren die beiden mit simplen, aber treffenden und pointierten Punches auf, die zu keiner Zeit erzwungen wirkten. Trotz ihrer Einfachheit erzeugten die Lyrics Bilder in den Köpfen der Hörer, wenn Snaga drohte "Ich hol dich ab und nehm' dich Toy mit zu mir/ Und ich zeig dir, wie man einen Kellerboden neu betoniert/" war auch ohne gewaltige Reimtechnik und massig Wortwitz alles klar. Die Vortragsweise der Protagonisten kam – passend zum Mixtapecharakter des kompletten Releases – derart locker und mit einer scheinbaren Selbstverständlichkeit daher, dass man als Hörer den Eindruck bekommen konnte, die beiden würden ganz genau so auch im Alltag miteinander reden. Wenn ein kahlköpfiger 130kg schwerer Pillath es allerdings wagt, sich selbst als gutaussehend zu bezeichnen, kommen berechtigte Zweifel über die Selbsteinschätzung der beiden Herren auf. Inhaltlich ist dann mit "Wir cool, Rurpott cool, du scheiße, deine Frau – geile Titten" auch schon fast alles gesagt, was uns auf den 24 Tracks geboten wird und so findet sich dann eben auch noch Platz, um Werbung für den Laden eines Freundes machen:

OK, Alter, bevor irgendwas
Wenn ihr in Gelsenkirchen seid, besucht meinen Mann Alper
Besucht seinen Laden – Airline. Ihr kriegt da alles, Alter
Egal, ob Auto, für Kind, Essen, Trinken, Waffen
Ihr kriegt da alles, Alter, weißt, wie ich mein?!
OK, back to Topic Alter. Let's go

(Snaga auf "Warm Up")


El-Patroni (David)

Bisherige Ausgaben:

Eins Zwo – Gefährliches Halbwissen

Creutzfeld Jakob – Gottes Werk und Creutzfelds Beitrag

Curse – Feuerwasser

Samy Deluxe – Samy Deluxe

Azad – Leben

Sonny Black & Frank White – Carlo Cokxxx Nutten

ASD – Wer hätte das gedacht?

Sido– Maske

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