Angemeldet bleiben?

Interview: Chefket im Interview: "Ich muss nicht von jedem geliebt werden."

veröffentlicht: Sonntag, 30.09.2018, 14:50 Uhr
Autor: kollin




Hi Chefket, zu Beginn ganz locker: Wie gehtʼs?

Sehr gut, aber ziemlich heiß gerade. Ich habe die Ventilatoren alle angemacht.

Dein letztes Album ist mittlerweile knapp drei Jahre her. Kurz gesagt: Was ging in den letzten Monaten bei dir?

Viel, vor allem Tour und Festivalshows – 2016 waren es 60 Shows im Jahr. Dann noch andere Projekte und die Produktion des Albums.

In einem Pressetext steht, "Nachtmensch" gab dir "neue Möglichkeiten und damit einhergehend eine Gelassenheit". Wie wirkte sich diese Gelassenheit und die neuen Möglichkeiten auf dein Album aus?

Dadurch, dass man nun die Vision, die man hat, komplett umsetzen kann, ist das halt eine gewisse Gelassenheit, wenn man sagt, ich brauche Streicher und ich rufe irgendwie Freunde an, die Chöre einsingen, oder ich rufe meinen Piainisten an und wir nehmen so lange auf, bis alles perfekt ist. Das ist ein gewisser Luxus, den ich mir erlaube. Das hat dann eine Gelassenheit gegeben.

Hast du bei der Produktion daher auch einen geringeren Druck gehabt, für dich "abzuliefern"?

Also Druck nicht, eher so eine Chance, die ich gesehen habe. Das genauso zu machen, wie ich es mir vorstelle, und das habe ich dann auch glücklicherweise super hinbekommen mit Farhot. Wir sind teilweise nach Dänemark gefahren und haben da ein Haus gemietet oder nach Travemünde, und wir haben immer wieder Sessions an neutralen Orten gemacht, denn irgendwann langweilt es einen auch, immer in Berlin und Hamburg zu sein, und dann kann man auch cool arbeiten. Kein Internet, einfach Mucke machen.

Wie waren denn die Unterschiede im Entstehungsprozess bei "Nachtmensch"?

Bei dem Album habe ich nicht so viel direkt geschrieben, ich habe drauf geachtet, dass es so natürlich klingt wie möglich. Ich habe mich bei manchen Songs zurückgehalten, zu schreiben. Ich wusste genau, was ich sagen will, aber nicht, wie ich es sagen will. Da habe ich gar nicht erst geschrieben oder auf Reime geachtet, sondern eher versucht, es so ehrlich wie möglich zu formulieren.

Was ich retrospektiv nochmal zu "Nachtmensch" anmerken mag: Ich selbst finde es ein wenig schade, dass "Fliegen" nicht mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Ist das auch für dich ein Song gewesen, wo du dachtest "Okay, schade, dass hier kein Radio oder der Mainstream mal aufmerksam wurde"

Wie soll ich es sagen? Wenn man ganz lange im Keller gewohnt hat und dann im Erdgeschoss ankommt, dann kommt es einem vor wie im Himmel. Ich fand es schon super, dass da überhaupt etwas passiert ist. Und dass dann Beats by Dre den Song benutzt haben für eine Bayern-München-Werbung, das war cool. Ich war da in keiner Sekunde getrübt darüber, dass da irgendwie nicht Leute unter meinem Balkon standen und den Song singen. Ich habe dafür auch eine Akustik-Version gemacht, und wenn ich das live auf Konzerten gespielt habe, musste ich eigentlich auch gar nicht mehr selbst singen. Ich habe gemerkt, der Song ist bei jedem angekommen, bei dem er ankommen soll.

Das ist als Künstler ja auch schon mal ein großer Erfolg, stimmt.

Und manche entdecken den ja erst jetzt. Ich will, dass die Musik auch noch in zehn oder 20 Jahren gehört werden kann, und ich denke, "Fliegen" kann man eigentlich immer hören, auch wenn man den Song erst jetzt noch entdeckt.

Mittlerweile ist Deutschrap auch sehr auf Singles ausgelegt. Man hört weniger ganze Alben, man konzentriert sich mehr auf auf die Streamingplattformen. Was mir aufgefallen ist: Die Songs auf deinem Album gehen nahtlos ineinander über. War das ein bewusster Move von dir, dass die Hörer das Album mehr am Stück hören, als sich nur Singles zu picken?

Ja, das ist so das Hauptziel, wenn ich Alben schreibe. Ich finde es nicht verkehrt, wenn man die Geschichte langsam erzählt, zum Beispiel mag ich Filme, die zwei Stunden gehen und wo alles schnell erzählt ist, aber ich mag auch Serien, wo die Story zwar langsamer, aber dafür detaillierter erzählt wird. Ich glaube, dass man das Album auch ein bisschen langsamer erzählen kann, je nachdem, wie man die Singles rausbringt. Ich habe ja schon drei Singles rausgebraucht, aber erst seit der dritten Single "Alles Klar" geht es um das Thema des Albums. Wenn die Single direkt rausgekommen wäre, das hätte man nicht verstanden. Deswegen finde ich es gar nicht verkehrt, wenn man alles an Singles rausbringt, aber das Album dann komplett draußen ist und die Puzzzlestücke alle zusammenkommen, woraus sich ein klares Bild ergibt. Was du kritisieren möchtest, ist eigentlich, dass man nur noch Hits landen will, oder?

Genau, ich vermisse ganze Alben mittlerweile.

Ja, das ist halt schon das Ziel gewesen. Wenn man das Album anmacht und durchhört, ist man in einem Film, aber man kann auch jedes einzeln hören – wie eine Folge.



Trotz Wandel von Deutschrap ist die Platte vom Sound deinen letzten Releases treu geblieben; viel Rap, viele Soul-Elemente und musikalisch. Findest du das auch?

"Nachtmensch" war ja auch schon sehr musikalisch und meine anderen Alben auch, nur da hatte ich nicht die gewissen Mittel, um es so umzusetzen, wie ich es machen will. Es muss mir Spaß machen und gefallen, dann ist es auch egal, was alle anderen machen. Wenn man nicht alle Trends mitmacht, dann bleibt man auch ein bisschen einzigartig.

Obwohl "Glücklichster Rapper" auf dem vorherigen Album erschienen ist, passt der Titel zu dieser Platte fast noch besser, findest du auch?

Das finde ich gut. Ich glaube auch, dass viele immer denken, wenn es ein bisschen melancholischer wird, dass es direkt traurig ist. Ich finde aber, da spielt das Glück auch immer mit eine Rolle und überhaupt den Luxus zu haben, sich mit Themen wie diesen auseinanderzusetzen.

Auf "Aufstehen" thematisierst du einmal einen langweiligen Job und einmal das Leben für die Kunst und für sich, allerdings stellt dort das Finanzielle das Problem dar. Hast du für dich mit der Musik die perfekte Mitte gefunden oder wünschst du dir auch dort manchmal noch Abwechslung?

Ne, eigentlich nicht. Ich bin komplett happy mit dem Job, den ich habe, und da habe ich genug zu tun. Für mich ist es einfach ein Luxus, aufzustehen wann ich will und ins Bett zu gehen, wann ich will. Das Ziel habe ich mir erarbeitet und ich hoffe, dass jeder etwas findet, das er liebt. Wenn man etwas tut, nur weil es die Eltern von einem erwarten – die Eltern sind auch irgendwann mal weg und du hast dann ein Job am Hals, den du gar nicht wolltest. Das finde ich verrückt.

Was würdest du jetzt machen, wenn das mit Musik nicht geklappt hätte?

Wahrscheinlich wäre ich Leichtathlet. Ich habe lange Fußball gespielt und viel geskatet, aber ich glaube, das wäre so ein Ding gewesen, wo ich denke, da will ich meine Grenzen herausfinden.

Man hört ja immer, dass manche Songs Jahre in der Entstehung brauchen und manche in wenigen Stunden fertig sind. Welche waren bei deinem Album diese Songs?

Also vom Schreiben her ist es anders als von den Produktionen, es gab ganz viele verschiedene Versionen. Aber nur vom Schreiben her war „Fremd“ am einfachsten. Ja, „Fremd“ ging sehr schnell und „Aufstehen“ hat sehr lange gedauert.

Du hast auf "Fremd" ein Intro von einem, ich glaube, Taxifahrer. Wie lautet die Geschichte dahinter?

Wir hatten ein Auftritt in Zürich und der Taxifahrer hat angefangen zu erzählen und ich habe es aufgenommen, ich habe ihm das danach auch gesagt. Ich habe von ganz vielen Taxifahrern Mitschnitte, weil sie sehr gute Zuhörer sind. Deshalb sind sie auch sehr gute Erzähler. Das hat da einfach perfekt reingepasst und es gab viele Parallelen zu Deutschland, da er über Frankreich spricht. Bei „Guter Tag“ habe ich auch einen Taxifahrer aus Russland drauf, der über die Kriminalität in Deutschland im Vergleich zur Kriminalität in Russland spricht. Ich habe da ganz viele.

Du thematisierst dort, dass du dich nie wirklich zuhause fühlst. Der Song passt erschreckend gut zu der ganzen MeToo-Debatte derzeit.

Das Problem ist ja für mich, der in Deutschland geboren ist und sich eher als Deutscher sieht, dass das nonstop ein Thema ist, weil immer Leute einem einreden, dass man anscheinend fremd ist. Ich habe damit einfach nochmal ein Statement gemacht, das ist für mich okay. Dass ich mich nicht mehr mit Rassismus beschäftige liegt daran, dass der Rassist sich damit aufhält, indem du dich rechtfertigst und dich zu erklären. Du bist plötzlich damit beschäftigt, irgendeiner ignoranten Person zu erklären, wie es eigentlich ist, und das ist nicht meine Lebensaufgabe. Ich will mich entfalten, ich will mal Filme drehen und Drehbücher schreiben oder Theaterstücke, weißt du? Ich kann mich nicht die ganze Zeit mit der Dummheit von Menschen auseinandersetzen, und wenn diese Leute mich als Fremder sehen, dann will ich sowieso nicht dazugehören. Ich habe früher auch immer gedacht, dass es vielleicht an mir liegt, aber das liegt nicht an mir. Das ist alles wie so ein Sommerloch gerade.

Hast du bei so politischen Songs eigentlich auch mal Angst vor Gegenwind?

Eigentlich nicht, weil, es ist ja gut, wenn es bei den Hörern überhaupt etwas auslöst. Und wenn es Gegenwind ist, ist es auch okay. Ich muss nicht von jedem geliebt werden.

Wie liefen die Produktionen eigentlich ab? Farhot ist ja einer der angesagtesten Produzenten in Deutschland. Hat es deshalb auch etwas länger gedauert mit dem Album?

Dass er busy ist, ist klar, aber ich habe dieses Mal auch sehr viel selbst produziert mit BenDMA und meinem Pianisten und danach wurde alles zu Farhot geschickt; er ging nochmal drüber und hat Feedback gegeben. Ich lasse mir dann aber auch immer Zeit, wenn ich was schreibe. Was gut ist, bleibt dann übrig. Das braucht dann einfach seine Zeit. Ich nehme da die ganze Schuld auf mich.

Wie kam es eigentlich zu dem Feature mit Crackaveli?

Ich feiere ihn schon sehr lange. Als wir uns irgendwann mal bei einer Party von Celo und Abdi getroffen haben, ist er auf mich zugekommen und wir haben uns die ganze Zeit nur gegenseitig Props gegeben und meinten dann irgendwann, wir müssen mal was zusammen machen. Das hat dann zum Glück geklappt und ich finde ihn auch als Mensch richtig killer. Seine Stimme, sein Flow und was er auf dem Part sagt, löst immer Gänsehaut aus bei mir. Einfach krass.

Vielen Dank für das Interview. Die letzten Worte gehören dir.

Danke für das Interview! Bald bin ich auf Tour mit dem Album und der gesamten Band!



Autor: Lukas Kollin

Dieses Interview wurde 3958 mal gelesen
1 Kommentare zu diesem Interview im Forum