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Review: Celo & Abdi – Akupunktur

veröffentlicht: Samstag, 19.07.2014, 18:16 Uhr
Autor: Florginal





01. Das ist erst der Anfang
02. Sektor 6-0
feat. Hanybal
03. Akupunktur (Interlude)
04. Akupunktur
05. Undergroundchiefs
06. Zurück in die Zeit
feat. Yasha
07. Duo Numero Uno
08. Es ist wie es ist
feat. Azad
09. Renaissance
10. Generation Tschö!
11. Neuro Linguale Programmierung
feat. Haftbefehl
12. Chivato feat. Capo
13. Fifa Street
14. Nur noch 60 Sekunden
feat. SSIO
15. Top10rapper feat. MoTrip
16. Ratten & Füchse
17. Hadouken
feat. Veysel
18. Finito Bandito

"Der Jugo und Arab – auf der Street wie Classics" – noch gut kann ich mich erinnern, wie ich das "Intro" von Celo & Abdis letztem Album "Hinterhofjargon" gehört habe. Nach dem überzeugenden "Mietwagentape" konnte das Debütalbum noch einen drauf setzen und Deutschraps wohl sympathischstes Duo endgültig in der Szene etablieren. Alles war "rrrrasiert", wie Celo sagen würde. Zwei Jahre später wird statt zum Rasierer zur Nadel gegriffen: "Akupunktur" heißt das neue Album der beiden Azzlackz. Zeit, zu überprüfen, ob der starke Vorgänger getoppt werden kann oder ob der Style, den die beiden fahren, langsam überholt ist.

"Track eins, step' rein, Intro-Part/
Guck, es geht, mit 'nem Tape, was bewegt – GIF-Format/
Nicht normal, wie wir in die Charts krachen/
Mietwagen, Piece-Platten auf der Digitalwaage/
"
(Celo & Abdi auf "Das ist erst der Anfang")

Schon die ersten Zeilen, die man auf "Akupunktur" zu hören bekommt, machen unmissverständlich klar, dass sich die beiden Jungs treu bleiben. Trotz des Rufs als Spaßvögel wirkt ihr Rap hart wie eh und je. Die Themen bleiben klassisch: Drogenvertickerei, Stress auf der Straße und Geld stapeln stehen an der Tagesordnung. Doch etwas anderes möchte man von den beiden Frankfurtern auch nicht hören, vermögen es doch nicht viele Rapper, die klassischen Straßenrapthemen so unterhaltsam, aber auch authentisch zu verpacken, wie Celo & Abdi es tun. Dies zeigt beispielsweise auch eindrucksvoll "Sektor 6-0", der zweite Track des Albums, auf dem die beiden von Azzlackz-Kumpane Hanybal unterstützt werden. Eine düstere Piano-Melodie im Hintergrund und knallende Drums bilden die Kulisse, die von den drei Rappern gekonnt durch harte Texte mit Atmosphäre gefüllt wird.

"Scheiß' auf die Rechtslage/
Reich werden, Cash stapeln, Ekstase/
Cokeboys verbreiten Viren/
Frankfurt Main, der Wirt, so läuft's in mei'm Bezirk/
"
(Abdi auf "Sektor 6-0")

Apropos "düster": Die bedrohlichste Stimmung des gesamten Albums hat wohl der Track "Es ist wie es ist" inne, auf dem Altmeister Azad gefeaturet wird. Eine finstere Orgelmelodie bildet die Grundlage des Beats, Celo & Abdi "rrrasieren" den Takt und wenn dann Azad mit seiner betonharten Stimme einsetzt, ist die bedrückende Straßenhymne perfekt. Doch "Akupunktur" hat auch hellere Seiten zu bieten. Das wohl beste Beispiel hierfür ist "Zurück in die Zeit", das durch seinen leichtfüßigen, fast Reggae-artigen Beat und die Ohrwurm-verursachende Hook von Featuregast Yasha locker als Sommerhit durchgehen könnte. Neben dem Sound ist aber auch das Thema interessant: Wie der Titel schon vermuten lässt, behandeln die Rapper hier ihre Kindheit und Jugend und dürften damit bei so manchem für ein nettes Flashback in die '90er sorgen.

Doch egal, ob Celo & Abdi nun auf "Nur noch 60 Sekunden" mit SSIO Autos klauen, auf "Chivato" mit Capo Verräter an den Pranger stellen oder auf "Generation Tschö!" Geschichten einer gescheiterten Jugend erzählen – sie bleiben stets ihrem einzigartigen Style treu: Verrückte Substantiv-Aufzählungen als Reimketten, ein regelrechtes Arsenal an Schlagwörtern aus allen möglichen Sprachen der Welt und ausgefuchste Flows, die sich an den Takt schmiegen. Celo & Abdi haben Rap verstanden und benutzen den Sprechgesang so gekonnt, dass sie ihm einiges an Facetten hinzufügen können.

"Blockstyle-Musik, du siehst mich mit Hipstern auf MTV/
Bring' die Street wieder auf VIVA, Lyrics bleiben explizit/
Fick' den Markt, 16 Bars, Kameras, Entertainment/
Geld, Para, Haze Buster, sag mir: Was hat sich verändert?/
Trendsetter, Genre Gangster, Backyard-Slang, A-Doppel-Z'er/
Eova, auch ohne Major skalpier' ich die komplette Szene/
"
(Celo auf "Undergroundchiefs")

Ein weiterer Faktor, der Celo & Abdi als Duo so besonders macht, ist die Stimmigkeit, die sie auf den Liedern beweisen. Sie funktionieren als Team sowohl flowlich als auch textlich einfach harmonisch und ergänzen sich nahezu perfekt. Wenn beispielsweise Celo auf "Undergroundchiefs" mit einem schnellen, fast hektischen Flow einsteigt und nach acht Zeilen von Abdi mit einem langsam gestyleten "Aw yeah, was geht'n" abgelöst wird, dann passt das einfach einwandfrei. Und auch Beats und Features sind so gewählt, dass sie diesen stimmigen Eindruck an fast keiner Stelle untergraben. Die Azzlackz-Kollegen Haftbefehl, Veysel, Capo und Hanybal liefern alle überzeugend ab, wer allerdings etwas vermisst wird, ist 385i-Zögling Olexesh. MoTrips Part beziehungsweise der gesamte Track "Top10rapper" allerdings wirkt auf dem Album etwas wie ein Fremdkörper. Weder Trip, noch Celo & Abdi selbst schaffen es, hier mit der Kreativität des Restalbums – was Sprache, Stimmeinsatz und Flows angeht – mitzuhalten. Ebenfalls etwas deplatziert wirkt das "Akupunktur (Interlude)", für das man wohl einen ganz speziellen Humor besitzen muss. Und auch der Titeltrack "Akupunktur" kann sich wegen des Vocoder-Effekts in der Hook als zu anorganisch nicht in den restlichen Sound des Albums einfügen. Instrumentell gibt es kaum Schwächen, wofür hochkarätige Produzenten wie m3 und Abaz Sorge tragen.

Fazit:
"Akupunktur" reiht sich nahtlos in die überzeugende Diskographie der beiden Azzlackz-Member ein. Sie fahren weiterhin ihren eigens etablierten Style und meistern so ein weiteres Mal den schwierigen Spagat zwischen Sympathie und Härte. Ihre Individualität können sie durchgehend erhalten und weiter ausbauen: Keiner textet so wie die beiden Frankfurter und keiner flowt wie sie. An Eigenständigkeit und Kreativität fehlt es ebenso wenig wie an Rapskills und Humor. Das alles macht Celo & Abdi in meinen Augen zum besten Deutschrap-Tag-Team der letzten Jahre. Zum Meisterwerk fehlt es bei "Akupunktur" noch an ein paar Ecken. Doch sie sind auf einem sehr guten Weg dorthin.


Florian Peking (Florginal)



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