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Review: Bushido & Shindy – Cla$$ic

veröffentlicht: Mittwoch, 18.11.2015, 16:26 Uhr
Autor: Rogozhin





01. Brot brechen
02. Cla$$ic
03. G$D
04. Megalomanie
05. Gravitation
feat. Marteria
06. Sonny
07. Verlieren hassen
08. FAZ
09. Adel
10. $hindy
11. Freier Fall nach oben
feat. Yasha
12. Rap leben
13. Glänzen
14. Über alles
feat. Ali Bumaye
15. Mama weiß auch
16. Ist nicht alles


Lange wurde es erwartet, jetzt ist es tatsächlich da: "Cla$$ic", das neue Werk von Bushido und Shindy erhebt bereits im Namen einen Anspruch, an dem sich die wenigsten Künstler messen lassen könnten. Wer einen solchen Titel wählt, schmückt sich mit Vorschusslorbeeren, die danach erst noch verdient werden müssen, schließlich stellt man sich in eine Reihe mit großen Künstlern wie beispielsweise Homer, Tolstoi oder Dr. Dre, um nur einige zu nennen. Dass die beiden zusammen funktionieren können, haben sie auf diversen Kollaborationen bereits eindrucksvoll bewiesen und mit "Stress ohne Grund" mehr oder weniger kalkuliert einen medialen Zirkus ausgelöst, den selten noch ein Song aus dem Deutsch-Rap verursachen kann. Die Boulevardpresse jedoch ist ein schnelllebiges Geschäft und steht in starkem Kontrast dazu steht das Konzept des Klassikers. Selten nehmen Künstler sich vor, einen Klassiker zu zu schaffen und so entpuppten sich viele epochale Kunstwerke erst im Nachhinein als zeitlose Monolithen von Kunst und Kultur. Doch geht so etwas überhaupt, ein Meisterwerk auf Knopfdruck?

"Ob ihr wollt oder nicht, das ist moderne Literatur/
Ich bin der neue Heinrich Heine, nur mit frischer Rasur/
"
(Shindy auf "Megalomanie")

Mit "Brot brechen" legen die beiden Berliner vorerst einen langsamen Start hin: Seichtes Piano, eine hübsche Melodie, ein durchschnittlicher Bushido-Part. Noch will hier nichts außergewöhnlich klingen und bis zum Schluss will das Instrumental einfach nicht so recht zünden. Alles vergeben und vergessen, denn mit dem Titeltrack wird der Hörer mehr als entschädigt. Auf eine Hook wird verzichtet, dafür gibt es arrogante Sprüche und zwei verschiedene Beats, die die Marschrichtung für den Rest des Albums vorgeben: Warme Samples, grobe, oft zurückhaltende Drums, und gelegentliche Unterstützung durch kratzige Synthesizer. So minimalistisch, wie dies in der Theorie klingt, so angenehm und effektiv ist es in der Praxis. Nach dem noch einmal in die härtere Richtung gehenden "G$D" folgt dann eine ganze Reihe von nach dem gleichen Prinzip gebauten Tracks, mit denen das Album deutlich an Fahrt aufnimmt. Das letzte bisschen Grobschlächtigkeit weicht einer interessanten, weichen Atmosphäre. Der traditionelle Sample-Beat wird von den Beschränkungen des BoomBap gelöst und bekommt den Anstrich der Avantgarde, und zwar mit beträchtlichem Erfolg. Langeweile kommt dabei nicht auf, denn obwohl die nächsten Songs sich durchaus ähneln, wird mit der Wahl unterschiedlicher Samples auch stets ein anderer Vibe erreicht, worin nicht zuletzt die Schönheit des Samplens an sich besteht. Zwar ist die Produktion leicht gewöhnungsbedürftig, da man wohl auch beim Abmischen neue Wege gehen wollte und die teilweise ungewöhnlich stark verzerrten Klänge nicht immer gewollt klingen, dennoch kann sie eindeutig im oberen Bereich eingeordnet werden.

"Das ist das Update für Kanackenrap/
Pack' die Gage in den LV Duffle Bag/
Fickfinger für Streber, Lehrer und Pädagogen/
Classic, sowie die Titanic auf dem Meeresboden/
"
(Bushido auf "FAZ")

Auf "Cla$$ic" werden die – Verzeihung – klassischen Themen behandelt; hauptsächlich die eigene Überlegenheit, Coolness und Berühmtheit und im Umkehrschluss die dahingehenden Defizite der deutschen Kollegen. Dazu kommen ausschweifende Berichte über Mode-Exzesse und allerlei Popkulturverweise, auf die in bisher ungekanntem Maße auch Bushido zurückgreift. Wie von Shindy gewohnt ist die Vortragsweise betont laid back und möglichst arrogant, wobei Bushido, der sich alle Mühe gibt sich seinem Kollabo-Partner stiltechnisch anzunähern, hier von Shindy deutlich in den Schatten gestellt wird. Von dieser meisterhaften Delivery lebt das Album zu großen Teilen, denn nur deswegen spielt es keine so große Rolle, was eigentlich gerappt wird, lyrisch ist "Cla$$ic" nun wirklich kein besonders großer Wurf.
Die kleinen Experimente in Sachen Songstruktur sind ebenfalls positiv zu erwähnen, wobei es auch die anbiedernde Popnummer zu bemängeln gibt. "Freier Fall nach oben" heißt der Song, der eigentlich einen entspannten Beat und besonders hochkarätige Parts mitbringt. Ein Kreuz zu tragen hat der Song trotzdem, namentlich an Yasha, der dem Hörer durch seine unpassend poppige Hook einen Schauer über den Rücken laufen lässt. Hier hätte man sich einen größeren Gefallen getan, stattdessen einige Takte den Beat durchlaufen zu lassen, wie das auf anderen Tracks sehr positiv umgesetzt wurde. Das Marteria-Feature hat den gegenteiligen Effekt, durch einen passenden und etwas anderen Stil bereichernden Einfluss zu nehmen, während der von Ali Bumaye beigesteuerte Gastbeitrag kaum mehr als eine Randnotiz darstellt. Das letzte Drittel des Albums bietet schließlich noch ein wenig Abwechslung, denn Shindy und Bushido lassen sich hier teilweise in die Karten schauen. Unfassbare Coolness und unermesslicher Reichtum haben auf einmal auch ihre Schattenseiten und sind nicht nur Selbstzweck. Ein wenig Reflexion steht den beiden auf jeden Fall gut an, auch wenn, realistisch gesehen, doch eine unüberbrückbare Distanz zwischen Künstler und Publikum bestehen bleibt.
Die letzten Zeilen gehören Money Boy und Hustensaft Jüngling, die es sich nach dem entspannten, nachdenklichen Outro "Ist nicht alles" nochmal auf dem Beat von "Adel" gemütlich machen und ein paar Lines zum Besten geben. Manche möchten in diesem Hidden Track wohl ein Statement sehen, andere werden zurecht die Disparität in Produktionsqualität und Textniveau kritisieren. Wie dem auch sei, die Überraschung ist gelungen und der komische Effekt bleibt nicht aus. Nur ganz vielleicht nicht der passendste Ausgang für einen Klassiker, schließlich ist der entscheidende Eindruck selten der erste, sondern vielmehr der letzte.

"Ja ich bin ein gottverdammtes scheiß Konsumopfer/
Launisch wie das Frühlingswetter/
Ich guck dich an und weiß ich bin nicht besser/
Aber unter uns: Ich fühl' mich besser/
"
(Shindy auf "Glänzen")

Fazit:
Wer nach den vorangegangenen Videoauskopplungen skeptisch ist, ob er sich dieses Album einmal zu Gemüt führen sollte, dem darf man dies wärmstens empfehlen, verbirgt sich doch noch so viel mehr in diesem Werk, als auf den ersten Blick sichtbar wird. Die Instrumentierung weiß durch gekonnt erzeugte Stimmung und schlichte Eleganz, seit jeher essentielles Merkmal eines Klassikers, zu überzeugen. Dabei werden, ausgerechnet aus dem Subgenre des Straßenraps, das dafür normalerweise nicht sonderlich bekannt ist, neue Akzente in Richtung musikalische Weiterentwicklung gesetzt. Die Reize des Tonträgers stehen und fallen dabei allerdings damit, ob der Hörer mit dem Stil der beiden Neureichen anfangen kann, ob er bereit ist über fehlende inhaltliche Tiefe hinwegzusehen und einfach nur unterhalten werden möchte. Eine Fortsetzung im gleichen Stil sollte trotz allem nach Möglichkeit ausbleiben, da sich das Konzept in einem Aufguss wahrscheinlich recht zügig abnutzen würde. Eine gewisse Menge an kleineren Mankos ist auf jeden Fall vorhanden, einen wirklich schlimmen Fauxpas sucht man zum Glück vergebens. Wenn man davon absieht, hat "Cla$$ic" berechtigte Chancen, wirklich Klassiker-Status zu erreichen.


(Rogozhin)



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