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Review: Bushido – Black Friday

veröffentlicht: Dienstag, 27.06.2017, 15:57 Uhr
Autor: Antagonist





01. Black Friday
02. Sodom und Gomorrha
03. Echte Berliner
feat. AK Ausserkontrolle
04. Fallout
05. Moonwalk
feat. Shindy
06. Geschlossene Gesellschaft
07. Gehen wir rein
feat. M.O.030
08. Papa
09. CCNDNA
feat. Fler
10. Ground Zero
11. Switch Stance
feat. Laas Unltd
12. Angst feat. Ali Bumaye
13. Oma Lise
14. So Lange


Mit "Sonny Black" schaffte Bushido eine nicht mehr für möglich gehaltene Rehabilitierung in der Deutschrapszene und bewies, dass man auch als millionenschwerer Familienvater einen überzeugenden lyrischen Amoklauf zurücklegen kann. Da allerdings weder das überstürzte und partnerlose "Carlo Cokxxx Nutten III" noch der bemühte Versuch, mit Shindy einen Instant Classic zu erzeugen, ähnlich überzeugen konnten, waren die Erwartungen an "Black Friday" im Vorfeld naturgemäß ungemein hoch. Statt wie auf dem zuerst angesprochenen Erfolgsalbum konsequent einen Stiefel durchzuziehen, sich durchweg kompromisslos zu präsentieren, versprachen schon die Auskopplungen eine deutlich höhere Variation. "Fallout" sollte da zunächst einen recht unspektakulären Vorboten darstellen, einen relativ generischen Representer, der noch keine Euphorie entfachen konnte. Sehr gespalten, da absolut atypisch für den Sound des Altmeisters geriet "Gehen wir rein" mit dem neuen ersguterjunge-Signing M.O.030, dessen Stil sich das Label-Oberhaupt anpasste. Das Trap-Instrumental lockt den Routinier aus der Reserve und zwingt Bushido seinen häufig als monoton kritisierten Flow aufzugeben und in den nächst höheren Gang zu schalten. Gleich mehrere Tracks in diesem Gewand wären für eine seine Solo-Platte sicherlich zu viel, doch als auflockerndes Element ist die Auskopplung dem Berliner sicherlich zuträglich oder richtet, so werden es andere sehen, keinen irreparablen Schaden an. Und so blieb nach ersten beiden Auskopplungen ein mulmiges Gefühl zurück, ob es dem Routinier gelingt, das Ruder herumzureißen oder ob am "Black Friday" auch die Aktien des eigentlich so treffsicheren Spekulanten fallen.

Yeah, hier rappen zwanzig Jahre Straßenschlachten/
Gold- und Platinplatten, das sind die harten Fakten/
[...]
Alles, was ich seh', sind Spinner mit 'nem Anglerhut/
Nach einem YouTube-Hit Gesichts-, Hals- und Handtattoos/

(Bushido auf "Sodom und Gomorrha")

Der Anfang der Platte knallt gleich richtig, um es salopp zu formulieren, da mit dem Titeltrack eine ideale Auswahl getroffen wurde, um in den Sonny Black-Kosmos einzutauchen. Gewöhnt düster starten die Streicher der eingespielten Produzenten-Equipe, bestehend aus Djorkaeff, Beatzarre und dem Rapper höchst selbst und betten dem Meister der gepflegten Beleidigung die Jungfrau. Und auch oder gerade weil die Telekom oder Grünen-Politiker wie "Partyhengst" Volker Beck zu Beginn der CCN-Ära nicht unbedingt ein potenzielles Angriffsziel dargestellt hätten, wirkt der Opener wie eine zeitgemäße Adaption dieses Geistes. "Sodom und Gomorrha", logische dritte Auskopplung und Speerspitze dieser Kompromisslosigkeit, steht diesem einschlagenden Einstieg in nichts nach und ist für mich persönlich definitiv einer der stärksten Bushido-Tracks, zumindest der letzten zehn Jahre. "Auf jeden Blitz folgt ein Donner" und wenn der Berliner poltert, ist das seit fast zwei Jahrzenten unüberhörbar, schon deswegen hat die Selbstinszenierung eine ganz andere Wirkung und auch wenn man um die Divergenz zwischen lyrischer und realer Person im Bilde ist, verliert sie hier dennoch nichts an Schlagkraft. An Aggressivität fehlt es AK Ausserkontrolle, der auf "Echte Berliner" als Featuregast in Erscheinung tritt, nicht, doch das halsige Krakeelen beißt sich mit dem dunklen Timbre des Stadtgenossen und so finden diese zwei Generationen Straßenrap nicht wirklich zueinander.

Ohnehin sind Gastauftritte "Black Friday" mitunter ein zweifelhaftes Vergnügen: Durch das Wachsen des egj-Camps gibt sich wie auf sämtlichen neueren Veröffentlichungen des Labels Ali Bumaye, der in Themenwahl und Flow gewohnte Pfade bestreitet, die Ehre. Und auch wenn die Zusammenarbeit mit M.O.030 (zweimal hoch scrollen beim Schreiben, ob der wirklich so geschrieben wird) neue Facetten des Albuminterpreten zutage fördert, liefert der Newcomer selbst wenig, was eine große Zukunft zwingend nahelegen würde. Bis auf in der Trivia recht unterhaltsame Backpack-Lines von Shindy wirkt auch diese Zusammenarbeit mehr wie ein Abhaken auf der Checklist. Nach Enttäuschung und Mittelmaß ragen die verbliebenen Gäste, namentlich Fler und Laas Unltd deutlich heraus: Während ersterer auf dem ursprünglichen CCN wie ein Schatten Sonnys wirkte und man die Bewunderung für seinen Partner förmlich spürte, präsentiert er sich hier als profilierter Künstler, der durch starke Betonungen und eine eingängige Hook den Song maßgeblich prägt. Auch der abgeworbene Schreibassistent liefert, nachdem er sich die Punchline des Albums eingefangen hat ("Ihr wollt beweisen wie hart ihr seid, ich hab Laas gesignt"), durchaus gut ab und zeigt durch zahlreiche Flowvariationen und interessant gesetzte Reime, warum ihn bis heute das Attribut "unterbewertet" zugeschrieben wird. So wichtig wie es Bushido war, sich als Interviewgast ausschweifend zu den ersten persönlichen Titeln seit fünf Jahren zu äußern, können "Papa" und "Oma Lise" nicht unerwähnt bleiben. Gut gemachter Kitsch wäre das negativste Urteil, das ich mir hier erlauben würde, gerade dem Lied zur Erinnerung an seine verstorbene Mutter baut durch den durchgängigen Text und das Verlieren in Details eine hohe Emotionalität auf. Dass die Art, wie man sich diesen Themen nähern soll, ein langer Arbeitsprozess war, betonte der Rapper und das wirkt hier bei jeder Kalkulation, die man dem Geschäftsmann vorwerfen möchte, auch authentisch.

Hört es von den andern Eltern, wenn sie reden auf dem Spielplatz/
Andre Papas tragen keine Jogginghosen oder Sneakers/
Andre Papas sind nicht auf den Titelseiten/
Andre Papas zahlen nicht bei Toys "R" Us mit lila Schein/

(Bushido auf "Papa")

Fazit:
Was bleibt also von "Black Friday", außer dass man Bushidos kompletten Stammbaum samt Namen ausfüllen kann? Gewiss das Bewusstsein, dass es dem Altmeister immer noch möglich ist, Representer mit hoher Schlagstärke aufzulegen, bei welchen er es schafft, Historie und Errungenschaften so stilsicher zu inszenieren, dass man eine gewisse Unangreifbarkeit attestieren muss. Zudem gelingt es meiner Meinung nach auch durch das Einstreuen privater Facetten, dem Profil wieder etwas mehr Tiefe zu geben als das auf Vorgängeralben der Fall war. Das ist zwar nicht das, was ich und viele andere Hörer sich erhoffen, doch andere Teile seiner Anhängerschaft, die sich in den vergangenen Jahren vernachlässigt gefühlt haben, holt der Rapper so, ohne sich künstlerisch verrenken zu müssen, ab. Was als Rahmen äußerst gut anlässt, über das generell sehr hohe Produktionsniveau muss man da noch kein Wort verlieren, beinhaltet allerdings doch diverse Titel, die vermutlich bis zur nächsten Platte längst in Vergessenheit geraten sind. Des Weiteren sind die Entwicklungen im Label zwar durchaus interessant zu beobachten, doch eine reduzierte Anzahl Features beziehungsweise eine bessere Auswahl dieser hätte der Platte sicherlich gut gestanden. So bleibt ein etwas überdurchschnittliches Werk, mit einzelnen Tracks, aus welchen die breite Hörerschaft picken kann, das einen Klassikerstatus allerdings deutlich verpasst.


Lennart Gerhardt



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