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Review: Bushido – Sonny Black

veröffentlicht: Sonntag, 02.03.2014, 20:14 Uhr
Autor: Max





01. Fotzen
02. Jeder meiner Freunde
03. Haifisch
04. Mitten in der Nacht
05. Crackdealer Sound
06. Sporttasche
07. Osama Flow
08. Gangsta Rap Kings
feat. Kollegah & Farid Bang
09. Messerstecherei
10. Blei-Patronen
11. John Wayne
12. Tausend Gründe
13. Baseballschläger
14. AMG
feat. Shindy
15. Nie ein Rapper II

Valentinstag 2014: Fernab von dem Zelebrieren des Feiertags für Paare und Trauertags für Singles beschäftigen sich die eingefleischten Fans deutschen Gangsta-Raps mit ganz anderen Themen. Wenn sie in die Elektronikfachläden dieses Landes pilgern, stellen sie sich folgende Frage: Was ist das neue Bushido-Album? Der Gipfel eines monatelangen Hypes um den Rapper, der eine selten da gewesene Präsenz in den Medien und im Fernsehen genießt (oder vielleicht auch erleidet)? Das neue Back-to-the-roots-Werk des – gemessen an Verkaufszahlen – erfolgreichsten Rappers Deutschlands? Oder die Speerspitze gegen den ehemaligen Weggefährten Kay One, mit dem seit nun knapp einem Jahr der vielleicht meistgesehene Beef der deutschen Rapgeschichte herrscht? Womöglich auch alles zusammen und noch viel mehr, denn der neueste Longplayer aus dem Hause ersguterjunge ist weit umfangreicher als nur ein Produkt aus Hasstiraden und Provokation.

"So ist das Leben, es lässt dich abstumpfen" (Bushido auf "Nie ein Rapper II") – so oder so ähnlich wird Bushido wohl an sein neuestes Werk gegangen sein. Denn es bleibt festzuhalten, dass sich "Sonny Black" nicht inhaltlich differenzieren lässt. Es geht gegen eine große Anzahl von Personen und Medien, Name-Dropping wird selten ausgelassen und Menschen aus allen beruflichen Ecken Deutschlands, die im Rampenlicht stehen, bekommen von der Attitüde bis zum äußeren Erscheinungsbild alles vorgeworfen und Bushidos persönliche Antipathie zu spüren. Dabei geht die Offensive gegen Musiker wie Culcha Candela oder natürlich Kay One, aber auch gegen Personenkreise fernab von Rap; unter anderem Oliver Pocher oder Guido Westerwelle. Besonders auf das direkte Diskreditieren bezogene Songs sind die erste Videoauskopplung "Mitten in der Nacht" und "Osama Flow". Dabei weiß "Mitten in der Nacht" nicht nur durch den polemischen Inhalt zu überzeugen, sondern ebenso durch stimmige Strophen, schlüssige Pointen und eine angenehme Hook. "Osama Flow" besteht hingegen leider aus aneinandergeketteten Substantivreimen, die über den wenig aussagekräftigen Beat daherplätschern und das Lied am Erzeugen einer Dynamik beim Hören hindern – ein schwächerer Track des Albums, inhaltlich wie musikalisch.

"Stress ohne Grund, respektlose Jungs/
Wir sind primitiv, aber Techno ist Kunst/
Yeah, Soldat, Vollbart, Diktator/
ersguterjunge, wenn ich komme, ist es Hardcore/
"
(Bushido auf "Osama Flow")

Auf Albumlänge wird wohl kaum ein Erwartungshorizont enttäuscht werden. "Sonny Black" steht auf dem Cover – und genau das bekommt man: 14 Tracks voll froher Aggressionen, Offensive, Selbstdarstellung und dies in höchster Qualität, denn auch raptechnisch hat Bushido einige Fortschritte gemacht. Vor allem auf dem Featuresong "Gangsta Rap Kings" mit der neuen Generation Kollegah und Farid Bang merkt man, wie sich der Berliner Rapper zwischen den beiden Düsseldorfern reim- und flowtechnisch nahezu nahtlos einreiht. Aber wer jetzt denkt, dass der 35-Jährige nur gerade in diesem Song solch starke Geschütze auffährt, um neben dem technikgewandten Kollegah gut dazustehen, hat sich geschnitten. Gerade in den Parts von "Blei-Patronen" oder auch der äußerst unterhaltsamen Hook von "Messerstecherei" sieht man, dass sogar ein Rapper, der kommerziell in 13 Jahren aktiver HipHop-Karriere alles erreicht zu haben scheint, noch lange nicht den Hunger verloren haben muss, sich weiterzuentwickeln – schön. Der andere Gastbeitrag ist hingegen nicht derart ausgereift gelungen, denn Shindy und Bushido wechseln sich auf "AMG" alle paar Lines ab und wirken dabei eher, als unterbrächen sie sich, als dass sie sich ergänzen – schade, denn die vergangenen Kollaborationen der beiden ersguterjunge-Musiker sind mit einer weitaus höheren Qualität in der Umsetzung verbunden gewesen.

"Schöneberg, Tempelhof, Messerstecherei/
Neukölln, Kreuzberg, Rapper fressen Blei/
Nutte, trau dich mal in unser Wespennest herein/
Weil ihr Lästerschwestern seid, gibt's 'ne Messerstecherei/
"
(Bushido auf "Messerstecherei")

Zu den aggressiven, gut gerappten Texten kommen die eingängigen Beats, die sich perfekt den Thematiken anpassen und deren Auswahl wirklich großartig gelungen ist. Viele der Beats sind von Bushido selbst, Shindy oder dem Duo Beatzarre und Djorkaeff, die schon auf dem Langspieler des Labelpartners mitgewirkt hatten. Doch gerade DJ Desue ist mit dem Beat zu "Sporttasche" ein wahres Goldstück gelungen. Harte Drums und simple Instrumentierungen sind allgemein die Devise; einwandfrei umgesetzt in einer Vielzahl der Anspielstationen. Dank dieser Produktionen klingt das Album genau nach dem, was das Rap-Urgestein seinen Hörern von damals und heute bieten möchte, was er auch eindrucksvoll schafft: "Egal, wie viel Aufmerksamkeit ich bekomme, ich kann immer noch rappen und repräsentieren, was ich will." Genau wie 2003 mit Aggro Berlin. Über diese Grundeinstellung mag jeder denken, was er will. Wichtig ist: Der "Multimillionär", wie er sich gern oft nennt, vermittelt dieses Prinzip und das mit einer Überzeugung, die jeder spürt. Der einzige Song, der diese Message nicht nur subtil zu zeigen vermag, ist der letzte: "Nie ein Rapper II", die Fortsetzung des 2005 auf "Carlo Cokxxx Nutten 2" erschienenen Features mit Baba Saad, kommt diesmal nur mit Bushido daher. Vielleicht kein Highlight, aber inhaltlich und musikalisch etwas ruhiger und bestimmter als der Rest des Albums – die einzige Ausnahme zwischen den sonst so schweren Schüssen gegen alles und jeden. Im Kopf hängen bleiben letztlich viele Dinge: Womöglich die eingängige Hook von "Tausend Gründe", der unerwartet aggressive Einstiegstrack "Fotzen" oder die epische Instrumentierung von "Haifisch". Wovon wenig hängen bleibt, ist Negatives.

"Es gibt tausend Gründe, warum ich dich töten muss/
Doch der plausibelste von allen ist, wie blöd du guckst/
Halt die Fresse, kack dich ein, dann bleibst du unversehrt/
Ich komm' nicht drauf klar, wenn einer denkt, dass er 'ne Nummer wär'/
"
(Bushido auf "Tausend Gründe")

Fazit:
Ziehen wir mal Stern-Cover, "Stress ohne Grund"-Indizierung, Fehden mit Kay One und sonstige Aufsehen erregende Geschichten der letzten Monate ab. Was bleibt? Einer der großen deutschen Rapper, der sich auf seine Ursprünge besinnt und dies mit technischem und musikalischem Fortschritt tut, an dem wohl jeder traditionelle Bushido-Fan wenig zu meckern haben wird. Hinzu kommt der bereits erwähnte Hunger, der sich gerade in der aggressiven Rapweise und dem kämpferischen Vokabular manifestiert. Denn man bekommt, was angekündigt wurde ... und davon vielleicht noch ein wenig mehr. "Sonny Black" ist ein Album zum Abbauen von Aggressionen, zum Trainieren oder zum Autofahren – wenn auch aufgrund der Wortwahl mit geschlossenen Fenstern.


(Max)



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