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Review: Bosca – Fighting Society

veröffentlicht: Dienstag, 20.12.2011, 01:18 Uhr
Autor: Akk-_-





01. Intro
02. Hebt eure Hand
03. Zeilen die für dich rappen
04. Zeit ist um
05. Tausende Stunden
06. So mächtig
07. Fighting Society
08. Bosca the heat
09. Scheinwelt
10. Der Beat schlägt
11. Doch wieder
12. Endmusik
feat. Vega
13. Kannst du sehen?
14. Keine Angst
feat. Chakuza
15. Goliath
16. Alles gesagt


Trotz meiner geographischen Nähe zu Frankfurt konnte ich mit den städtischen Rapgrößen des letzten Jahrzehnts nie wirklich etwas anfangen. Allen voran war mir Azad irgendwie zu düster, außerdem hab' ich ihn akustisch nie verstanden und ich war loyaler Samy-Fan. Weder Echte Musik, Tone oder mittlerweile die Azzlacks konnten mich musikalisch also irgendwie auf ihre Seite ziehen und meinen Rapstadtpatriotismus aufleben lassen. Doch als vor knapp zwei Jahren Vegas "Lieber bleib' ich broke" erschien, dicht gefolgt von "Kinokarte", dem Kollabo-Album von Bosca & Face, etablierte sich eine komplett neue und einzigartige musikalische Nische – nicht nur die des Frankfurter Raps, sondern auch national. Da kommen ein paar Jungs mit Lederjacken und Bauchtaschen um die Ecke, überzeugen mit unkonventionellem Rap und gründen das Label Freunde von Niemand, dessen erstes Release Boscas "Fighting Society" darstellt.

Schon die Promo-Videos zu "So mächtig" und "Bosca the heat" waren vielversprechend und machten Lust auf sein erstes Solo-Album. Er schafft es durch seine Musik und sein ehrliches Image eine fesselnde Atmosphäre zu kreieren, doch die große Frage, die sich stellt, ist, ob sich diese auf Albumlänge beibehalten lässt und es überhaupt wünschenswert ist.

"Denn ich zähl' lange schon die Tage, um nach oben zu gehen/
Und dieses Album ist ein Angriff auf die oberen Zehn/
"
(Bosca auf "Intro")

Bereits im "Intro" macht Bosca Klarschiff. Dieses Album soll den Hessen in Rapdeutschland etablieren, unterstrichen wird dieses Unternehmen alleine schon von der Konzeption der CD: Es ist 100% Musik, keine Lückenfüller in Form von Skits und lediglich zwei Featuregäste, was für die gegenwärtigen Releases doch irgendwie fast eine Besonderheit darstellt. Er möchte sich präsentieren und das gelingt ihm fabelhaft. Nach dem ersten Hören fällt zusätzlich eine weitere Eigenheit des Albums auf: Bosca macht seine Hooks selbst und unbearbeitet. So blöd das klingt, aber selbst das ist für zeitgenössische Releases ungewöhnlich. Keine Fremdhooks. Keine säuselnde Sängerinnen oder weinerliche R'n'B-ler, keine Effekte in den Hooks – purer Rap. Dass der Freund von Niemand nach eigener Aussage anfängliche kreative Schwierigkeiten in der Produktion seiner Refrains hatte, fällt nicht auf. Im Gegenteil, der rapkonservative Hörer freut sich über großartige und eingängige Hooks wie auf "Zeit ist um", "So mächtig" oder "Goliath".

"Und ich wusst' schon sehr früh, was ich tat/
Saß bei Regen und Nebel mit Tüten im Park/
Und um am Ende nach oben zu kommen/
Haben wir heute den Kampf gegen Goliath gewonn'/
"
(Bosca auf "Goliath")

Es fällt schwer, das Album thematisch zu beschreiben, wobei der Titel "Fighting Society" das Ganze schon ziemlich gut zusammenfasst. Es geht um den Kampf mit sich selbst und um Anerkennung, ein wenig Soziopathie, gleichzeitig gemischt mit Solidarität fürs eigene Team, natürlich Fußball, sowie den berühmten Rewe-Schnaps. Das alles wird in einer Art persönlichen und emotionalen Battlerap realisiert, der sich wie ein roter Faden durch alle Songs zieht.

"Doch das Leben, was sie führen, lehne ich Danke sagend ab/
Weil mein Verstand es nicht mehr schafft/
Zu unterscheiden, wer ist gut und wer ist schlecht/
Schieb' ich auf andere einfach Hass/
"
(Bosca auf "Doch wieder")

Generell ist "Fighting Society" ein pathetisches und intensives Release mit gesellschaftskritischen Ansätzen, auf dem Bosca bis auf wenige Ausnahmen ("Kannst du sehen", "Zeilen die für dich rappen") mit konstant voller Power und musikalischer Aggressivität zu überzeugen weiß ("Denn ich kann nichts besser, als diese wutgefüllten Songs zu machen"). Boscas Intensität mündet mit dem outroartigen "Alles gesagt" in einem musikalischen Feuerwerk, das – insbesondere durch die Steigerung der Dramatik in der Hook – Gänsehautfeeling verursacht und ein würdiger Abschluss des Albums ist.

"Habe alles gesagt, doch jeder Satz ist einzig/
Denn meine Hand beginnt zu fliegen übers Blatt, als würde sie von einer Macht geleitet/
Versuch' die Bäume gerade rauszureißen/
Denn ich konnt' niemals stehenbleiben, weil die Träume mich zum Laufen treiben/
"
(Bosca auf "Alles gesagt")

Für den musikalischen Teppich, auf dem Bosca wütet, sind neben 3Nity, Cristal und Beatlefield hauptsächlich Jonny Pepp und Cubeatz verantwortlich. Die Instrumentals haben alle dieselbe dunkle Farbe, eben wie man es von bisherigen Releases rund um Bosca und Vega gewohnt ist, und passen zu dem Hessen, wie die Faust aufs Auge – hier gibt es nichts zu bemängeln. Man könnte im Gegenteil eher die Beats von "Tausende Stunden" und "Zeit ist um" positiv hervorheben. Zu den Featuregästen bleibt nicht viel zu sagen, Vega bleibt meines Erachtens zwar etwas unter seinem Niveau, trotzdem sind die beiden natürlich musikalisch wie füreinander geschaffen. Auch mit Chakuza harmoniert Bosca auf "Keine Angst" besser, als ich es erwartet hätte. Beatlefield-Member Chakuza trägt atmosphärisch einiges bei, weshalb ich mich hier nur dezent darüber amüsieren werde, dass es textlich mal wieder nicht seine beste Vorstellung ist ("Mal unter uns Männern, ich würd' Känguruhs schwängern").

So positiv sich die Review auch gestaltet, gibt es doch einige negative Aspekte, die irgendwie die Nebenwirkung einiger Pluspunkte sind und neugierig gewordenen Lesern nicht vorenthalten werden sollten. Einerseits gefällt mir die besagte Konstitution als reine Rapplatte, andererseits fehlen aber die einen oder anderen Elemente konzeptioneller Natur. "So mächtig" geht zwar in die Richtung eines Thementracks, ist aber im Endeffekt keiner. Ein wenig Storytelling hätte das Album ebenso aufgelockert; dass Bosca durchaus dazu in der Lage ist, hat er ja bereits auf Kinokarte ("Der letzte Kampf") unter Beweis gestellt. Ein offensiverer Einsatz von Samples hätte der Platte auch nicht geschadet. Trotzdem läuft das Album seit seiner Ankunft bei mir auf Repeat, weil für mich persönlich die genannten Defizite nicht sonderlich ins Gewicht fallen und ich mich über die musikalische Qualität von "Fighting Society" freue – einer gekonnten Mischung zwischen Straßen-/Battlerap und Pathos. Lieber Bosca, für mich ist dein "Angriff auf die oberen Zehn" gelungen und als Belohnung dafür und dass ich mich endlich in Rapdeutschland heimisch fühlen darf, bekommst du 5 Mics.


(Philipp Pausewang)



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