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Review: Bonez MC & RAF Camora – Palmen aus Plastik

veröffentlicht: Montag, 26.09.2016, 10:40 Uhr
Autor: baurau





01. Intro
02. Ciao Ciao
03. Palmen aus Plastik
04. Mörder feat. Gzuz
05. Ohne mein Team feat. Maxwell
06. Erblindet
07. Evil feat. Tommy Lee Sparta
08. Attackieren feat. Hanybal
09. Killa feat. D-Flame
10. Ruhe nach dem Sturm
11. Vaporizer feat. Trettmann
12. Dankbarkeit
13. Skimaske feat. Gzuz
14. Cabriolet
15. Daneben feat. Trettmann


Interessante Typen sind sie auf jeden Fall. Beide recht erfolgreich, mit sehr unterschiedlichen Hintergründen. Bonez MC, Mitglied der in letzter Zeit sehr erfolgreichen 187 Straßenbande, Marihuana-Verfechter, Gangstarapper aus Hamburg, volle Stimme, tiefer Rap – der aber auch gerne mal eine Hook singt. RAF Camora, Italo-Wiener, Dancehall-Rapper, ehemaliger Chakuza (s/o!) -Produzent mit entsprechender Neigung zum Pop-Appeal und eher mediokrem Album dieses Jahr (das Kollege David gnädig bewertete). Die Frage stellt sich, ob die beiden eine sinnvolle Symbiose eingehen können, denn zum einen sind ihre musikalischen Ansätze recht unterschiedlich, und dass auf Albumlänge die Rollenverteilung "1 Rapper und 1 Hooksinger" langweilig werden kann, haben kürzlich erst Paul Banks und RZA bewiesen. Zum anderen leiden sie als Musiker unter einigen gemeinsamen Schwächen: Ihr starker Fokus auf Hooks und einfache Melodien, beliebige Lyrics und allgemein ein etwas zu sehr "professionell" wirkendes Arbeitsverständnis, vulgo mangelnde künstlerische Authentizität. Sind die über 15 Millionen Views der Videos ihrer Single-Auskopplungen ein gutes Omen? Kommt da auf "Palmen aus Plastik" zusammen, was zusammengehört?

"Palmen aus Plastik" heißt auch einer der Songs des Albums und da er auch noch Single ist, bietet er sich als Startpunkt einer genaueren Betrachtung ja geradezu an. Die beiden Künstler besingen hier etwas erratisch die Unbarmherzigkeit urbaner Betonwüsten mit gleichzeitigen stolzen Verweisen auf ebendiese ihre Heimatorte:

Wird es heiß, wird Berlin zu meinem Panama/
Hab' ganz Wien hinter mir wie David Alaba/
Statt mit Vatos Locos häng' ich ab mit Araba'

(RAF Camora auf "Palmen aus Plastik")

Stadthymnen sind halt so lala, das war schon bei Seeed peinlich und wurde durch Sido nicht besser. Das Songkonzept ist also leider scheiße, aber wie man an den drei Lines ganz gut sieht, sind die Lines selbst sauber und beinhalten schöne Sprachbilder. Die Verbindung zwischen Wien und Berlin ist natürlich vollkommen sinnlos, hier biegt sich der Inhalt gerne mal für den Reim; nicht immer elegant, aber handwerklich durchgehend solide.

Ahh, auf der Suche nach Sex/
Ein, zwei ostdeutsche Groupies im Bett/
Die Hure, mich kennt sie von studiVZ/
In Deutschland erfolgreich die Jugend verpestet

(Bonez MC auf "Attackieren")

Auf "Attackieren" geht es darum, dass die beiden und ihr Kumpel Hanybal attackieren, und zwar 1) dich, 2) deine Freundin, 3) den lokalen Drogenmarkt, 4) andere Rapper, 5) deine Stadt etc. pp. Die inhaltliche Textanalyse stoppen wir an dieser Stelle einfach und stellen fest, dass die beiden auf jedem Track einige gute Lines liefern, das war's dann aber auch.

Viel interessanter ist das Zusammenspiel der beiden MCs. Die Delivery der beiden nähert sich ganz klar an, jedoch geht Bonez auf RAF Camora zu. Hier wird kaum gerappt, das hier ist ein Popalbum mit Dancehall-Einschlag. Das komplette Album durch benutzen die beiden gefühlt denselben Vocoder, was einerseits künstlerische Kohärenz schafft, andererseits aber auch leicht ermüdet. Problematischer ist, dass sich die beiden dadurch ähnlich anhören, und dann geht ein Stück weit der Witz an einer Kooperation natürlich verloren. Positiv wiederum ist zu vermerken, dass Bonez MC ein guter RAF Camora-Imitator ist, streckenweise sogar ein besserer, da seine ungelenke Art authentischer wirkt als das doch manchmal arg glatte Pseudo-Ge-Drake seines Palmen-Partners. Der ausschlaggebende Pluspunkt dieses Albums, der es über Durchschnitt hebt, ist jedoch das Songwriting: Die Songs bleiben größtenteils nach dem ersten Hören hängen und heben sich deutlich voneinander ab, und das trotz ihrer inhaltlichen und stilistischen Ähnlichkeit. "Evil", "Vaporizer" und "Cabriolet" sind souveräne Arbeiten von Profis, die funktionieren. Es gibt zu wenig Kanten, dafür steht aber auch nichts über, kein unnötiger Ballast, keine peinlichen Passagen, durchgehendes Kopfnicken. Einen Laid-back-Song wie "Daneben" muss man so erstmal durchziehen können, man merkt, dass sich die beiden in ihren neuen Rollen tatsächlich wohlfühlen.

Die Feature-Partner passen sich dem Grundton des Albums an und fallen nicht weiter auf. Fast schon selbstverständliche Ausnahme: Der deutsche Dancehall-Direktor Trettmann liefert wie immer deutlich über Durchschnittsniveau ab und bereichert die beiden Songs, an denen er beteiligt ist, deutlich. Dadurch zeigt er, ebenso wie der andere Dancehall-Featuregast Tommy Lee Sparta, aber halt leider auch, wie Dancehall eigentlich geht und wie man das Ganze etwas komplexer aufziehen kann, und führt den Hauptakteuren ihre Grenzen vor.

Die Beats, für die RAF Camora, der im Kosmos der beiden bekannte KitschKrieg und eine ganze Reihe an weiteren Produzenten verantwortlich zeichnen, sind recht klarer Pop-Dancehall, Experimente in Richtung Roots, Calypso oder Dub finden keine statt, lediglich in "Ruhe nach dem Sturm" wird ein 08/15-Reggae-Pattern ausgepackt. Die Songs sind klar auf Festivaltauglichkeit ausgerichtet, Bass dominiert. Fein ausgearbeitete Songs wie bei Trettmann oder intelligente Versuche, Dancehall weiterzudenken (was außer Wizkid und Diplo an guten Tagen leider eh fast niemand tut), findet man hier keine. Die Beats funktionieren, ein instrumenteller Totalausfall findet sich nicht. Da das Songwriting wie bereits erwähnt auch stimmt, leidet das Album nur weniger unter seiner musikalischen Homogenität.

Zu guter Letzt muss doch noch einmal eine Verbindung zu den Texten gezogen werden: Die passen tatsächlich nicht ins Bild, auch die in den jeweiligen Lines nicht. Die beiden MCs interchangieren nämlich etwas zu frei zwischen aggressiven Punchlines und entspanntem Dancehall-Gesinge. Ein Sommeralbum ist "Palmen aus Plastik" nicht, dafür ist es viel zu aggressiv. Ein Gangsterrap-Album ist es aber auch nicht, dafür passt die oftmals ausgelassene Stimmung nicht. Eigentlich muss man sich da ja auch nicht festlegen, aber hier brechen sich die verschiedenen Einflüsse etwas und ergeben in der Albumatmosphäre weniger als die Summe ihrer Teile. Schönes Beispiel dafür: das Cover. Sieht das nach einem Partycover aus? Aber deep oder Gangster ist es auch nicht, in der Levelumgebung eines bosnischen Serious Sam 3-Mods zu stehen, oder?

Fazit:
"Palmen aus Plastik" ist ein gutes Album. Trotz der geringen Produktionszeit ist dieses Album durchdacht und stimmig und auch, wenn es nicht ganz schafft, einer etwas stiefmütterlich behandelten Musiknische eine künstlerische Facette hinzuzufügen, gibt es nur wenige deutsche Dancehall-Alben, die auf so konstantem Niveau abliefern.
Bedenkt man, dass es sich hier um die erste Kollaboration auf Albumlänge der beiden MCs handelt, diese auch noch sehr erfolgreich ist und die zwei jetzt schon so souverän mit der Materie umgehen und teilweise die richtigen Feature-Gäste haben, dann wird man das Gefühl nicht los, dass der gemeinsame Flirt mit Dancehall keine amour fou ist, sondern von Dauer sein und noch an Tiefe gewinnen könnte. Ich tippe darauf und hoffe, dass das Pendel beim nächsten Mal noch etwas mehr weg vom Pop ausschlägt, dann können Bonez MC und RAF Camora noch Großes für den Dancehall leisten. Shell dung!


(Franz Xaver Mauerer)



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