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Review: Bizzy Montana – Gift

veröffentlicht: Mittwoch, 02.05.2012, 19:45 Uhr
Autor: Florginal





01. Gift
02. Alles beim Alten
03. Kopfkino
04. Fliegen lernen
05. Bozz im Bizz
06. Stress
07. Die perfekte Welle
08. Was du willst
09. 100.000 Kilometer feat. Jonesmann
10. Bei mir
11. Engel
12. Um sich selbst
13. Alles kaputt (Ich? Nein, R!)
14. 2 Seiten feat. Moe Phoenix
15. Outro

"Gift". Eine "Substanz, die einem Organismus, trotz geringer Dosis, erheblich schaden oder ihn sogar töten kann." "Was dich nicht tötet, macht dich stärker!" – Viele schwören auf dieses Lebensmotto. Doch was, wenn das Leben und der Alltag dich durch die Probleme und den Stress täglich immer mehr vergiften. Stärker wird man dadurch eher nicht. So denkt Freund von Niemand Bizzy Montana wohl auch und präsentiert deshalb seine ganz eigene Auslegung von "Gift".

Nach seinem Mixtape "Ein Hauch von Gift", welches 2011 erschien, bringt Bizzy Montana nun sein erstes Soloalbum über Vegas Label Freunde von Niemand. Schon am Titel fällt auf: Das erste Album ist etwas Anderes, etwas Größeres. Es soll alles Vorherige in den Schatten stellen. Ein "Hauch" genügt nun nicht mehr, das gesamte "Gift" soll verbreitet werden, das sich über die Jahre im Inneren angesammelt hat.

"Nie wieder im Halbschlaf, vergiftet vom Alltag/
Endlich richtiges Business und nicht mehr auf Jagd nach Altglas/
"
(Bizzy Montana auf "Gift")

Es geht dem selbsternannten "Musiker aus der Unterschicht" nun also auch um das große Geschäft, welches er sich durch Rap erhofft. Wer will es ihm verdenken? Denn nach drei Streetalben, einem Mixtape, zahlreichen anderen Projekten und jahrelanger Szenepräsenz wäre wohl jeder hungrig nach mehr. So zeigt sich das frühere ersguterjunge-Member, insbesondere auf Battletracks wie "Bozz im Bizz", angriffslustig und stellt sich selbst über alle anderen Rapper. Raptechnisch glänzt Herr Montana hierbei durch einen sehr angenehmen Flow und saubere Reime und Reimketten. Auch versucht er, durch den ein oder anderen Vergleich aufzutrumpfen. Diese fallen aber, vor allem wenn man es als verwöhnter VBT-Zuschauer und Kollegah-Hörer nicht anders gewohnt ist, eher simpel und wenig spektakulär aus.

"Ich habe Großes vor und zieh' es durch wie Kiffertüten/
Spitte übel, ihr Küken zwitschert auf Twitter zum Vergnügen/
Die tickende Bombe t-tickt präzise im tiefen Süden/
Unkontrollierbar wie Vulkane, die in der Tiefsee wüten/
"
(Bizzy Montana auf "Die perfekte Welle")

Doch genug vom Meckern auf hohem Niveau! Alles in allem lassen sich die Battlerapsongs auf "Gift" gut anhören, was nicht zuletzt den – passenderweise – synthielastigen Beats zu verdanken ist. Jedoch gibt es natürlich noch viel mehr, was das erste Album des Müllheimers zu bieten hat. Bizzy besticht vor allem durch seine Begabung, Geschichten zu erzählen und Bilder beim Hörer zu erschaffen. Durch seine metaphorischen Fähigkeiten schafft er es, das "Gift" des Alltags durch die Musik abzubilden. Aufgrund dieser Bildlichkeit gelingt es Bizzy Montana tatsächlich, ein "Kopfkino" im Gehirn zu erzeugen, so dass jede seiner Geschichten wie von selbst vor dem inneren Auge abläuft. Diese Eigenschaft führt dazu, dass die ohnehin schon nachdenkliche und düstere Stimmung des Albums zusätzlich unterstrichen und fühlbar gemacht wird. Besonders bei Tracks wie "Stress" kommt dies zum Vorschein. Hier werden gleich mehrere Storys in jedem Part erzählt. Auf die eine folgt sofort die nächste. Jeder der Charaktere in diesem Song hat mit seinem eigenen "Stress" im Leben zu kämpfen, welcher von Bizzy nur kurz beleuchtet wird. Diese schnelle, fast abgehackte Abfolge von Erlebnissen lässt den Track wie einen Kurzfilm mit extrem vielen Schnitten wirken, was durch das angehobene Tempo des Beats zudem noch untermalt wird. Dieses Zusammenspiel von Beat, Text und Thematik des Lieds macht es zu einer wahren Storytelling-Perle. Bizzy Montana kann also stimmige Atmosphären erzeugen. Allerdings schafft er es leider viel zu selten, diese aufrechtzuerhalten. Häufig werden sie von völlig stumpfen Phrasen, die klischeehaft oder unpassend und beinahe zusammenhanglos im Text eingebracht werden, unterbrochen und endgültig zerstört, so dass man nur noch kopfschüttelnd weghören kann. Auf diese Weise wird zum Beispiel der eigentlich stimmige Track "Fliegen lernen" durch den wirklich sehr dürftigen Vergleich "Ich heb' das Glas und sag's wie Nelson zu Bart: Ha ha! Ha ha!" unfreiwillig total ins Lächerliche gezogen, was auch die Grundstimmung des Albums etwas stört. Allerdings gibt es nicht in jedem Lied einen solchen "Stimmungskiller". Bestes Exempel hierfür ist "Bei mir". Diesen Song möchte ich noch einmal besonders hervorheben, weil auch hier wieder eine sehr schöne Atmosphäre durch das Zusammenspiel von Flow, Text und Beat geschaffen wird. Denn anders als bei den meisten Raptracks mit einem solchen Thema berappt Bizzy einen etwas schnelleren Beat, was zum einen seinem Flow zugute kommt, zum anderen die Rastlosigkeit und das Gefühl des Vermissens, welches die Themen des Liedes darstellen, gut übermittelt.

"Das Lächeln, das du mir dann schenkst im Halbschlaf/
Lockert kurz die Fesseln und die Ketten meines Alltags/
Dann vergess' ich all den Stuss und bleib' noch bisschen bei dir/
Bevor ich gehe, wart' ich, bis du schläfst, und küss' deine Stirn/
"
(Bizzy Montana auf "Bei mir")

Überraschenderweise fallen die Features auf "Gift" – wenn man das Album mit den vorherigen Werken Bizzys vergleicht – eher mager aus. Lediglich Jonesmann und Moe Phoenix bereichern "Gift" auf zwei Tracks mit klangvoll schönen Gesangshooks. Auch beattechnisch frappiert "Gift". Anders als vorangegangene Releases, die noch zu einem größeren Teil von Bizzy Montana selbst produziert waren, steuert er hier nur zwei Beats bei. Für die restlichen Produktionen zeigen sich Chakuza, Johnny Pepp, Beatdown Audio, Timecy – Chessa/Cutheta, Abaz, Trinity und Phillip Buchholz verantwortlich. Diese Abweichungen von seiner üblichen Vorgehensweise machen deutlich, dass ihm sein erstes Soloalbum durchaus wichtig ist. Hier steht sein Rap und nicht seine Beats oder die Features im Vordergrund.

Fazit:
Bizzy Montanas "Gift" ist nicht mit der allgemeinen Definition eines Toxikums vergleichbar. Wird man erst einmal von seinem Rap infiziert, bedeutet das nicht, dass man geschwächt wird. Das Album hat zwar eine eher negative Grundstimmung und klingt düster, aber insgesamt schaffen es die Texte, eine positive Botschaft zu übermitteln. So bildet das Album summa summarum ein Gegengift für das "Gift" des Alltags und man fühlt sich nach dem Hören gestärkt und ermutigt.


Florian Peking (Florginal)



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