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Special: Bild trifft Rap – Kommentar zum Rap-Podcast der Bild

veröffentlicht: Montag, 04.03.2019, 21:15 Uhr
Autor: Vincentbl3003

Die beiden Rap-Journalisten der Bild-Zeitung steigen mit einem umstrittenen Youtube-Podcast ein in die Schlammschlacht um Bushido, Capital Bra, Arafat & Co. Sie stellen sich dabei eindeutig auf Bushidos Seite und lassen ihrem Ärger an Deutschrap freie Luft. Bei ihrer Szenenkritik treten sie dabei in jedes einzelne Fettnäpfchen, nicht ungewollt.

Man kann sich schon fragen, wieso die "Bild" nach einer jahrelangen Fehde mit Bushido, die beidseitig hemmungslos und unterhalb der Gürtellinie geführt wurde, sich jetzt, wenn Bushido einen so schweren Stand wie wohl noch nie in seiner Karriere hat, so stark auf seine Seite schlägt. Man kann sich darüber hinaus fragen, wieso die "Bild" bei einer Berichterstattung über die Auseinandersetzung zwischen Musikern keinen Musikjournalisten damit beauftragt, sondern zwei Reporter, die zwar liebend gern mit ihrem von der Polizei weitergereichten Wissen über Clankriminalität schwadronieren, aber keinen Schimmer von der Musik haben. Und tatsächlich ist sowohl der "Bild"-Zeitung als auch den beiden Journalisten das ganz und gar bewusst, was treibt sie also dabei an?



Zwei Dinge muss man sich von Beginn an klar machen.
Erstens ist der Umgang mit Clans und der Polizei im Deutschrap immer schon ein brenzliges Thema gewesen, nicht erst in den letzten Jahren. Da sich mit Rap aber momentan so leicht Geld verdienen lässt wie mit keiner anderen Musikrichtung, haben sich da die Beziehungen zu kriminellen Großfamilien intensiviert. "Bild" hat Bushido genau diese Nähe jahrelang vorgeworfen, also dem Vorreiter eben der Entwicklung, über die sich fachfremde Redakteure jetzt so empören. Zweitens hat "Bild" in den letzten Jahren eine Kampagne losgetreten, die sich rabiat gegen die in Clanstrukturen lebenden Menschen in Deutschland richtet und bei der sie Seite an Seite mit der Polizei steht, die in Berlin tatsächlich einen verdammt schweren Job hat. "Bild" fordert mehr Härte und eine klare Kante der Polizei, von Präventionsmaßnahmen oder Resozialisierungs-Ideen hört man nichts. Ihren Lesern, von denen sich die wenigsten mit dieser Subkultur beschäftigen, setzt sie klare Bilder in den Kopf und baut auf Klischees, die bei vielen ihrer Leser schon vorhanden sind. "Raub-Rapper", "Rüppel-Rapper" und andere unvorteilhafte Beinamen werden den Künstlern immer wieder gegeben und damit redet die Boulevardzeitun ein vielfältiges Genre pauschal schlecht. Was die Szene von den "Bild"-Leuten denkt, war denen schon immer egal, daran halten sie auch jetzt fest, wenn die Szene so groß ist wie noch nie.

Daraus ergibt sich der Sinn und Zweck dieses Podcasts, die Verunglimpfung und Dämonisierung einer Musikrichtung weiterzuführen und die Rap-Fans gezielt zu provozieren, nicht nur die von Capital Bra, Samra oder Fler. Denn dieser Podcast ist nicht nur respektlos gegenüber einzelnen Artists, sondern gegenüber einer ganzen Kunstform. Die falsche Aussprache quasi jeder Person, über die sich die Reporter echauffieren, fünf Werbepausen bei einem nicht mal 30 Minuten langen Video und die Bezeichnung der Rapszene als "geistig eingeschränktes Milieu" führen logischerweise zu fast dreimal so vielen Dislikes wie Likes. Und trotz dieser unverschämten Nicht-Auseinandersetzung schafft "Bild" es dennoch in die Videos der Rap-News-Youtuber. Weil die Redaktion a) schwachsinnige Vermutungen der Szene widerlegt – wie, dass Bushido ja ausgesagt haben muss, da er jetzt Polizeischutz erhält –, was ihr Sympathien von den etwas gebildeteren Zuhörern einbringt. Und da sie b), dank des guten Drahts zur Polizei, mit dem sie sich auch brüstet, immer wieder neue, nicht unwichtige Fakten in die öffentliche Debatte einfügt. Natürlich nur solche, die für Bushido sprechen. Dass jetzt "Bild" mit diesen zwei Redakteuren Bushido einzige öffentliche Verteidigung ist und damit dessen Position bei Fans nicht gerade besser wird, ist wohl die Ironie des Schicksals. Denn diese beiden verkörpern genau die Art von Rap-Journalismus, die Bushido jahrelang sämtlichen Medien vorgeworfen hat: Sie setzen sich nicht mit der Szene auseinander, sondern versuchen nur ihre negativen Vorurteile zu bestätigen, ohne jeden Respekt.

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