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Review: Big Boi – Boomiverse

veröffentlicht: Montag, 31.07.2017, 11:16 Uhr
Autor: DealerThomasHeck





1. Da Next Day feat. Big Rube
2. Kill Jill feat. Killer Mike & Jeezy
3. Mic Jack feat. Adam Levine
4. In The South feat. Gucci Mane & Pimp C
5. Order Of Operations feat. Eric Bellinger
6. All Night
7. Get Wit It feat. Snoop Dogg
8. Overthunk feat. Eric Bellinger
9. Chocolate feat. Troze
10. Made Man feat. Killer Mike & Kurupt
11. Freakonomics
12. Follow Deez feat. Killer Mike & Curren$y

Outkast werden für immer als eines der großartigsten Duos in der Geschichte des HipHop genannt werden. Diese Aussage überrascht insofern wenig, als das, angefangen bei Deinem Kumpel Oskar über Onkel Hartmut bis hin zu Oma Hildegard, jeder Hinz und Kunz wenigstens "Roses" auswendig rezitieren kann, bei "So Fresh, So Clean" mindestens die Hook mitsingen kann und von "Ms. Jackson" wollen wir erst gar nicht anfangen. Lange bevor Outkast mit voller Gewalt, aber ohne ihre künstlerische Identität zu verlieren, mit Lowridern in den Mainstream krachten und Bomben über Bagdad abwarfen, veröffentlichten sie mit "Southernplayalisticadillacmuzik" eines der besten und eigenständigsten Debütalben überhaupt, mit "ATLiens" eine meiner persönlichen Top-5 Platten of the foreverever und mit "Aquemini" einen ebenbürtigen Nachfolger. Mit "Stankonia" verließen sie vollends die zuvor von anderen ausgetretenen Pfade und schossen in einem vor Kreativität strotzendem Raumschiff – mit Perücke und gekleidet in seltsamen Klamotten – in die kommerzielle Mitte, die einige alte Fans verschreckte, dafür viele, sehr viele neue Fans dazu gewann. Der Rest ist Geschichte. Wie in jeder guten Band wurden mit dem Erfolg nicht nur die Beträge auf den Konten größer, auch die Egos wuchsen auf Überlebensgröße an und so kam es, wie es kommen musste: zum Bruch. Vorher veröffentlichte man allerdings noch das fulminant erfolgreiche, als Outkast getarnte Solo-Doppelalbum "Speakerboxx/The Love Below" und landete Hit nach Hit nach Hit. Auf dem, wahrscheinlich für immer, letzten Outkast-Album "Idlewild", ihrem einzigen "schlechten" Album, war der Lack dann schon komplett ab. Während man von Andre 3000 seitdem nur noch hin und wieder als gern gehörten Feature-Gast Notiz nimmt, macht Big Boi seit 2010 sein Solo-Ding mit schwankender Qualität. War "Sir Lucious Left Foot" noch eine Hitabfahrt sondergleichen und eines der besten Alben des Jahres, so war "Vicious Lies And Dangerous Rumors" ein an fehlender Identität krankendes, mit wenig Struktur versehendes Album, ohne großartigen Impact. Seine mit Phantogram als "Big Grams" betitelte und stark auf den Mainstream abzielende EP verbuchen wir mal unter der Rubrik "kreative Freiheit". Jetzt ist Big Boi relativ überraschend mit "Boomiverse" zurück und ich bin gespannt, in welche musikalische Richtung er sich dieses Mal bewegen wird. Denn eines ist sicher: Wie früher bei Outkast weiß man auch bei einem Big Boi Album vorher nie, was einen erwartet. Spannung ist garantiert.

I think it's time for us to stir the pot/
Like the feelings in the bitter broad/
Because you hurt a lot/
And yes I've been abroad/
Because I work a lot

(Big Boi auf "Da Next Day")

"Boomiverse" also. Nunja. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich schlimmer finde: den Albumtitel oder das Cover. Als im Osten geborenes Kind der Achtziger muss ich bei "Boomiverse" immer an "Bummi" denken, eine damals populäre Kinderzeitschrift mit einem gelben Bären auf der Titelseite. Der fehlt zwar auf dem Cover zu "Boomiverse", dafür sehen wir Big Boi, wie er dem Betrachter einen rot funkelnden, wahrscheinlich warnenden Blick zuwirft. Im Weltall. Und einen Würfel. Aber sind wir mal ehrlich: Schon die Cover zu "SLLF" und "VLADR" waren keine Meisterwerke. Was zählt, ist ja zum Glück immer noch die Musik. Aber falls das eine Warnung sein sollte, dann ist sie gelungen. "Boomiverse" beginnt mit "Da Next Day", einem klassischen Representer. Die Instrumentierung schreit förmlich nach Organized Noize, dem Produzententeam, das schon auf den alten Outkast-Klassikern die musikalischen Strippen gezogen hat. Sogar Big Rube droppt seine in Gedichtform gegossenen Weisheiten. Einstieg geglückt. Es folgt die schon bekannte Single "Kill Jill", an der ich mich persönlich nicht satt hören kann. Das Sample killt mich jedes Mal aufs Neue und wenn der Beat droppt, ist alles vorbei. Killer Mike gehört der erste Part und er macht mit diversen Flowwechseln und immensem Druck in der Stimme klar, warum er in keiner Top 5 Rapper Alive Liste fehlen sollte. Auch Big Boi liefert, man kann es erahnen, souverän ab. Mehr als 20 Jahre Rap Erfahrung reichen, um einen MC zu formen und wenn man Big Boi so zuhört, dann spürt man die absolute Kontrolle und Routine in seinen Doubletime Parts. Darin liegt allerdings auch das Dilemma, welches ohne seinen ehemaligen Partner Andre 3000 umso mehr zu Tage tritt: Ihm fehlt die Varianz. Natürlich ist seine Technik extrem sauber und stellenweise sogar ziemlich beeindruckend, aber die immer selben Reimschemata und die fehlende inhaltliche Tiefe können auf Albumlänge nicht kaschieren, dass es an Substanz fehlt. Das schmerzt. Das, und die immer wieder auftretenden Ausfälle, die es auf jedem seiner Soloalben zu hören gibt. Den ersten liefert Big Boi im Zusammenspiel mit Adam Levine von Maroon 5 auf "Mic Jack" und wem diese gnadenlos auf Hit gebürstete Featureauswahl nicht schon von vornherein die Nackenhaare aufstellt, höre sich bitte den Song an. Und danach nie wieder. Es folgen glücklicherweise zwei sehr starke Stücke. "In The South", der Quasi-Nachfolger zu "Shine Blockas", wieder mit Gucci Mane und einem Pimp C Sample in der Hook, und "Order Of Operations", einer meiner Favoriten.

Plantation mentality making a laughable salary/
That'll never be me but that's you in actual reality/
I'm King Cole like Natalie and her daddy be/
My thing swole, pole dancers, shit, they be adding me

(Big Boi auf "Order Of Operations")

Der von Scott Storch Co-produzierte Banger hat alles, was man sich von einem Track wünschen kann: Einen Rapper, der mit dem Beat eine symbiotische Beziehung eingeht, eine eingängige Hook und Lebensweisheiten zum Thema "Was fange ich mit der ganzen Kohle an, wenn ich in jungen Jahren zu so viel Reichtum gekommen bin?". Aber Big Boi wäre nicht Big Boi, wenn er dieses kurze Hoch nicht direkt wieder mit einem big "Fuck You!" einreißen würde, denn mit "All Night" folgt der nächste Tiefpunkt der Platte. Stellt euch einen betrunkenen Pianospieler vor, der von einem ebenso betrunkenen Gast gebeten wird, "etwas Lustiges" zu spielen. Dazu einen grausamen Refrain und inhaltliche Leere, fertig. Nach diesem Tiefschlag gibt es wieder ordentliche bis gute Musik zu hören. "Get Wit It" dürfte das Kunststück schaffen, trotz reduziertem Sound klanglich sowohl an der Westcoast als auch im dreckigen Süden Gehör zu finden, was sicherlich auch an Snoop Dogg als Feature liegt. Auch "Overthunk" funktioniert trotz gewöhnungsbedürftigem Beat erstaunlich gut, dank Eric Bellinger, der die beste Hook des Albums beisteuert. Wie wir aber mittlerweile gelernt haben, folgt nach maximal zwei guten Stücken ein großer Haufen Kuhdung, und der nächste heißt dann auch passenderweise "Chocolate". Als Rezensent dieser Platte muss ich mir zwangsläufig jedes Lied anhören, meistens mehrfach. "Chocolate" habe ich kein einziges Mal bis zum Ende ausgehalten. Wenn ich ehrlich sein darf, bin ich nicht mal über die erste Minute hinausgekommen. Falls "Chocolate" danach noch die Kurve bekommen haben sollte und ich dem Stück hiermit Unrecht tue, dann tut es mir leid. Nur fehlt mir der Glaube. Mit "Made Man" ist Boomiverse dann wieder obenauf. Killer Mike und Kurupt als Gäste, was soll da auch schief gehen? Der Beat wird getragen von einer Art Orgel, Big Boi steigt schlecht gelaunt ein, Killer Mike macht noch schlechter gelaunt weiter und Kurupt ist einfach der Inbegriff eines real OGs. Klares Highlight. Mit "Freakonomics" folgt ein Song, den ich nach bisherigen Kriterien eigentlich verabscheuen müsste, erfüllt er doch genau die Voraussetzungen, die auch "Mic Jack", "All Night" und "Chocolate" zu schlechten Songs gemacht haben. Trotzdem ertappe ich mich dabei, wie der Beat mich zum Wippen animiert und die Mundwinkel leicht nach oben gehen, was wahrscheinlich daran liegt, dass "Freakonomics" wirklich funky klingt und nicht, als hätte jemand seine 98er-Shareware-Version vom Playstation Music Maker rausgeholt. Den hat Mannie Fresh nicht nötig. Auf "Follow Deez" ist er verantwortlich für einen basslastigen, wobbelnden, von Scratches durchzogenen Beat, auf dem neben Big Boi auch Curren$y und, natürlich, Killer Mike vertreten sind und für einen gelungenen Album-Closer sorgen.

Fazit:
Was für eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Wie bei allen Outkast-Alben ab "Stankonia" und den vorangegangenen Big Boi Soloprojekten, ist auch "Boomiverse" eine Hit Or Miss Veranstaltung geworden, wenn auch im erträglichen Rahmen, da die Anzahl der gelungenen Tracks die der wirklich grauenhaften locker überwiegen. Es ist eine abwechslungsreiche Platte geworden, bei der man aber leider auch das Gefühl bekommt, dass Big Boi und sein Produzententeam auf zu vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen wollten. Raptechnisch ist das alles ohne Fehl und Tadel, wobei klar Killer Mike mit gleich drei Auftritten den Showstealer spielen darf. Letztendlich ist "Boomiverse" also kein Urknall geworden, der die Rapwelt in seinen Grundfesten erschüttert, aber ein gerade noch gutes Album mit einigen wirklich tollen Momenten und der Gewissheit, dass Big Boi seinen Prinzipien treu geblieben ist und in Zukunft wohl auch weiterhin bleiben wird.


DealerThomasHeck



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