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Review: Basstard – Zwiespalt: Weiss

veröffentlicht: Donnerstag, 14.07.2011, 14:37 Uhr
Autor: TonySunshine





01. Introduktion
02. Basstard City
03. Stehe mein' Mann
feat. Ozan
04. Den Teufel als Freund
05. BC Soldat
feat. Bass Crew
06. Keine Angst
07. Wohin geht, woher kommt
08. Der Kreis schließt sich
feat. Sera Finale
09. Wer ist schuld?
10. Wind der Freiheit
11. Was war der Grund
feat. Sady K. & Prinz Pi
12. Neonlichtgeschichten feat. Medizin Mann
13. Wenn es ernst wird
14. Niemand kennt unsere Namen 2
feat. Tony D.
15. Jetzt und gleich
16. Nach vorne!
feat. Dystrust & Die Atzen
17. Ewigkeit feat. Tarek (K.I.Z.)
18. Lächle feat. Muhabbet & Sady K.
19. Jeannie
20. Weiß


"Es folgt: MC Basstard – 'Zwiespalt (Schwarz & Weiß)' – Erscheint im Winter 2004". Ich musste etwas schmunzeln, nachdem ich gerade Basstards nahezu komplette Diskografie aus allen Ecken meines Zimmers zusammengesucht und in den Booklets nach Ankündigungen zu "Zwiespalt: Weiß" geforscht hatte. Die einleitenden Zeilen stammen aus dem Booklet seines 2003 erschienenen Projekts "Fegefeuer", als "Weiß" und "Schwarz" noch nicht als zwei einzelne Releases angedacht waren. Winter 2004... Jeder wird sich erinnern: Zu dieser Zeit kamen in Südostasien hunderttausende Menschen durch einen Tsunami ums Leben. Puh, wie die Zeit vergeht... Im Booklet des "Horrorkore"-Mixtapes, das Basstard 2006 in Zusammenarbeit mit dem damals noch frisch entdeckten Ex-und-wieder-Kumpel Massiv veröffentlichte, war bereits davon die Rede, dass "Schwarz" am 13.10.2006 und "Weiß" – getrennt davon – nur 4 Wochen später, also am 10.11. des gleichen Jahres, das Licht der Welt erblicken sollte. Und was geschah in diesen Tagen? Kurzer Blick in Wikipedia: Saddam Hussein wurde zum Tode verurteilt, doch von "Weiß" keine Spur. Als 2008 das Produceralbum "Dies sind die Raps, die ihr immer hören wolltet" des Horrorkore-Hausproduzenten DJ Korx auf den Markt kam, war bereits beschlossen, dass "Zwiespalt" mit "Grau" um einen Teil erweitert werden sollte. "Grau" erschien daraufhin recht bald Mitte 2008. Hier wurde man dann vorsichtig und begnügte sich mit einem "Demnächst erhältlich", was die Erscheinungsdaten der beiden Nachfolger anbelangte. 2009 freuten sich die immer noch tapfer gebliebenen Fans wohl schon auf den Januar des darauffolgenden Jahres. Dann nämlich sollte laut "Schwarz"-Booklet der letzte Teil der "Zwiespalt"-Trilogie erscheinen. Auch daraus wurde nichts. Mittlerweile schreiben wir den 24. Juni 2011 und nun heißt es tatsächlich:

"Dies ist der Anfang der Vollendung der Trilogie von Nima Najafi Hashemi, auch genannt Basstard'"

Oder einfach formuliert: "Weiß" ist endlich draußen. Nun ja, gut Ding will eben Weile haben. Doch neben der Spannung auf das Album blieben bei mir immer einige Bedenken: Steht dem "kleinen Mann", dessen ellenlange Liste an bisherigen Veröffentlichungen zum allergrößten Teil doch sehr düster ist, weiß überhaupt? Nach mehrmaligen Durchhören muss ich leider feststellen, dass mir das Album zwar immer besser gefällt, ich als langjähriger Fan aber doch ein wenig enttäuscht bin. Der absolute Tiefpunkt des Albums wird – wie durch die Features der Atzen und der von mir bereits beim Vorgängeralbum verhassten Heavy-Metalband Dystrust kaum anders zu erwarten war – mit dem Track "Nach vorne!" erreicht. Zeilen à la "Wir feiern alle eine Party zusamm' und wir schmeißen alle unsere Smarties zusamm'" von Frauenarzt mögen auf der ein oder anderen Ballermann-Fete gute Laune versprühen, aber nicht unbedingt auf einem ernstzunehmenden Album wie "Zwiespalt: Weiß". Gleiches gilt für Manny Marc. Ich hoffe inständig, dass es Basstard bei seiner Freundschaft mit seinen beiden alten Weggefährten belässt, von weiteren musikalischen Zusammenarbeiten allerdings abgesehen wird. Auch der zweite Track, auf dem sich ein Feature von Frauenarzt befindet ("BC Soldat"), stellt eines der drei negativen Highlights dar. Viel zu nichtssagend vor allem der Text von MC Bogy, der hier auch einen Part abliefert und viel zu eintönig die Hook. Über eine eintönige Hook kann man sich bei "Jeannie", einer Coverversion des Falco-Klassikers, nicht beschweren, jedoch ist Basstards Adaption des 80er-Jahre-Hits kein Stück eigenständig. Sowohl was den Beat, den (Sprech)-Gesang, als auch den Text angeht – ein eingedeutschter Refrain, das war's aber auch schon an eigenen Ideen. Schade, ich sage es nur ungern, deswegen versuche ich, mich möglichst gewählt auszudrücken: Würde Falco in seiner Ruhestätte diese Interpretation seines Songs hören, würde er sich auf den Bauch bequemen, für den Fall, dass er gerade auf dem Rücken liegt...

Die vielleicht größte Problematik des Albums sind nicht direkt diese drei Totalausfälle, sondern vielmehr die Tatsache, dass viele Tracks – womöglich auch bedingt durch ihren "weißen" Charakter – einfach zu glatt sind. Die altbekannten Ecken und Kanten fehlen eben. Ein nicht zu verachtender Teil der Songs hätte ebenso gut von einem relativ beliebigen anderen Rapper stammen können, der nicht in der Horrorcore-Ecke angesiedelt ist. Basstards typische Kennzeichen wie seine verstellte Stimme finden sich verhältnismäßig selten, geschrien wird ohnehin fast nie, die düstere Stimmung fehlt logischerweise meistens, was oft zu wenig einzigartigen Ergebnissen führt. Verstärkt wird diese Wirkung noch durch viele Beats, die nicht nur nicht besonders dunkel ausfallen, sondern auch mehr oder minder austauschbar. Was mir zudem fehlt, sind Storytellingtracks. Diese sind zwar in Form von "Wohin geht, woher kommt" und "Was war der Grund" vorhanden, jedoch konnte ich deren Thematiken wenig abgewinnen. Erstgenannter Song ist darüberhinaus stellenweise nicht ideal formuliert und "Was war der Grund" meiner Meinung nach die bisher schlechteste der zahlreichen, größtenteils grandiosen Zusammenarbeiten mit Prinz Pi. Was hätte ich nicht alles für einen Track wie "Hafenbeckenschlächter" aus dem letzten Album getan...

Bei all der Kritik ist "Zwiespalt: Weiss" jedoch beileibe kein schlechtes Album. Wie nie zuvor beweist Basstard, dass er mit den Jahren und Alben vom absoluten Amateur zum vollständig gereiften, eigenständigen Künstler geworden ist. Bemerkbar macht sich das insbesondere textlich. So schreibt Basstard zahlreiche Zeilen, bei denen ich mir sicher bin, dass es diese in dieser Form und Qualität vor wenigen Jahren noch nicht gegeben hätte.

"Ultraviolettes, gleißendes Weiß/
Glüht in der Nacht auf, die Leiber voll Schweiß/
[...]
Einfach verwelkt, kein Tropfen gegossen/
Das Wasser ist mit der Hoffnung verflossen/
"
(Basstard auf "Neonlichtgeschichten")

Positiv aufgefallen sind mir weiterhin die melodischen, sehr eingängigen Hooks. Zu hören sind diese unter anderem auf "Keine Angst", "Wind der Freiheit", "Jetzt und gleich", "Weiß", "Neonlichtgeschichten" oder "Ewigkeit". Diese heben sich vom Rapstil meist stark von den Strophen ab, wodurch keine Langeweile aufkommt, besonders deutlich auf "Keine Angst". Der Song "Lächle", der in einer anderen Version bereits zuvor auf dem Best Of-Album "Des kleinen Mannes größten Hits" veröffentlicht wurde, und dem Titeltrack "Weiß" sind musikalisch gesehen möglicherweise die größten Überraschungen und fallen insgesamt auch sehr positiv auf. Fast schon poppig, aber kaum kitschig wirken beide Tracks. Während "Lächle" trotz der Hook von Muhabbet und Sady K. immer noch ein wenig negativ daherkommt, zeigt sich Basstard auf "Weiss" vielleicht das erste Mal überhaupt bedingungslos glücklich. Das hätte selbst Kaas, mit dem für das nächste Album eine Kollaboration angedacht ist, kaum toppen können.

"Deine Gedanken sind die eines Kindes/
Ich kann sie erraten, es reicht, wenn du blinzelst/
Und die Sonne geht auf/
Keine Dunkelheit mehr, kein Schwarz, kein Grau/
Nein, nur noch wir sind geblieben/
Lass uns alles vergessen und ineinander verlieben/
"
(Basstard auf "Weiß")

Trotz dieser ganzen Liebe und Fröhlichkeit ist "Weiß" nicht der absolute Höhepunkt auf dem gleichnamigen Album. Bedingt durch die zwei besten Gastbeiträge, die zwei besten Beats und die zwei besten Hooks, streiten sich das bereits vorhin zitierte "Neonlichtgeschichten" und "Ewigkeit" um den Titel des besten Tracks des Albums. In Sachen Hooks liegt wohl "Neonlichtgeschichten" vorne ("Lasst uns eine große Stadt aus Neonlicht errichten"). Was den Beat angeht, liegen beide gleichauf. Das beste Feature ist jedoch auf "Ewigkeit" in Form von Tarek (K.I.Z.) zu finden. Meines Wissens nach haben wir hier den ersten wirklich ernsten, in keinster Weise ironischen Part des "Kannibalen in Zivil". Und so spaßig seine Auftritte sonst auch sind, so sehr geht seine Strophe hier unter die Haut, sodass er auch Basstard überbietet.

Fazit:
"Zwiespalt: Weiß" ist ein Album, das sowohl die Skip-, als auch die Repeat-Taste strapaziert. Wahnsinnig tolle Tracks treffen auf absolute Nullnummern, ein paar gute Lieder und viele Songs, bei denen der Funke einfach nicht komplett überspringen will. Qualitativ ist "Zwiespalt: Weiß" das vielleicht beste Album Basstards, so merkt man deutlich, dass dieser seine eigenen Parts nicht veröffentlicht hat, bis er nicht voll und ganz zufrieden war. Umso ärgerlicher sind dann beispielsweise Parts der Atzen, die vermutlich in Rekordzeit geschrieben wurden oder Beats, denen man die Massenproduktion anmerkt. Mein abschließendes Urteil: Obwohl sich hier mitunter die besten Tracks aus Basstards Karriere finden, ist "Zwiespalt: Weiß" im Gesamtpaket definitiv nicht sein bestes Album. Schwarz steht ihm besser!


(TonySunshine)




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