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Review: Bass Sultan Hengzt – Musik wegen Weibaz

veröffentlicht: Mittwoch, 27.05.2015, 20:19 Uhr
Autor: Antagonist





1. Intro
2. Bisschen mehr
3. I love Haters
4. Hände hoch
5. Flasche mit Licht (Ich feier mich)
6. Farben

7. Prototyp Frauenschwarm feat. Serk
8. Herz feat. Serk
9. Bombe platziert feat. Serk
10. Kein zurück mehr feat. Poprockz
11. Der Party Maker
12. Bad Girlz Feat. Harris
13. Ride on feat. Kaiserbase


Ein vermeintliches Albumcover, das Bass Sultan Hengzt am Anfang des Jahres auf seiner Facebook-Seite teilte, entfachte einen gewaltigen Wirbel und bescherte dem Rapper zahlreiche Schlagzeilen in nationaler und sogar internationaler Presse. Das Bild zweier sich küssender Männer, das der Berliner in diesem Fall verwendete, sorgte für Entrüstungsstürme breiter Teile seiner Hörerschaft und löste eine erneute Diskussion über Homophobie im HipHop aus. B.S.H. suchte die Flucht nach vorne und verwendete das Skandal-Cover tatsächlich für die Premium-Edition seines inzwischen siebten Studioalbums "Musik wegen Weibaz". Nachdem Hengzt auf der letzten Veröffentlichung mit seiner Battle-Attitude brach und in Interviews deutlich machte, dass er zurzeit nicht über genügend Hass für diese Art von Rap verfüge, erwartet man eine Fortführung von "Endlich Erwachsen". Der Hörer erhofft sich also ein gut produziertes Pop-Rap-Album, das durch die markante Stimme des Deutsch-Italieners und seinen unverwechselbaren Humor eine notwendige Eigenständigkeit erhält.

In der ersten Singleauskopplung "I love Haters", in der er den "Aufzählerstyle" entmumifiziert, konfrontiert B.S.H. den Hörer in den Strophen mit einzelnen Begriffen aus dem Internet-Slang, die teilweise doch recht wahllos aneinander gebastelt werden. Eine tiefergehende Message gibt es in dem Song schlichtweg nicht, die Wortketten in den Parts kooperieren nicht mit dem Refrain, warum er seine Hater liebt, bleibt absolut schleierhaft. Wenn man dem Album, das sich vom Sound sehr variabel präsentiert, man könnte auch sagen, ohne ein durchgängiges Konzept, einen roten Faden attestieren würde, dann sind es die durchweg katastrophalen Texte – beispielhaft ist hier "Hände hoch" zu nennen. Eine Instrumentierung, die teilweise an ein Boss-Hoss-Album erinnert, wird von Zeilen garniert, die aus Kalendersprüchen und ulkigen Facebook-Profilsprüchen von geradeso Teenagern zusammengeschustert scheinen. "Wenn das Leben dir Zitrone gibt, dann nimm es zum Tequila", ruft unangenehme Assoziationen an Sonya Kraus hervor und vertonte Kalauer wie "Investier in Alkohol, da kriegst du 40 Prozent" waren vermutlich das letzte Mal im Schützengraben ein flotter Spruch – im Ersten Weltkrieg wohlgemerkt.

"O-M-G, Smiley, L-O-L, haha/
Freundin, Passwort geknackt – Karma/
Religion, Rebellion, Arschloch, Politik/
Cybermobbing, aussichtslos, Suizid/
"
(Bass Sultan Hengzt auf "I love Haters")

Absolut unterirdisch wird es immer dann, wenn Hengzt den Partylöwen mimt, etwa auf "Flasche mit Licht" oder "Der PartyMaker". Der Gehalt der Lyrics, die auf penetranten Beats vorgetragen werden, befindet sich ganz unten auf der Atzen-Skala. Natürlich sind Partytracks in den seltensten Fällen mit den durchdachtesten Texten gesegnet, doch hier inszeniert sich ein Mann als Feierbiest, der nur wenige Anspielsstationen zuvor das fast kitschige "Farben" präsentiert hat, ein Lied mit absolut konträrem Inhalt. Dies führt zu einer inneren Inkohärenz, die sich auch in der musikalischen Gestaltung bemerkbar macht. Serk, der sich wie schon auf "Endlich Erwachsen" für die meisten Beats und Arrangements verantwortlich zeigt, bedient sich bei Rock, Pop, Country und diversen elektronischen Spielarten, ohne sich allerdings Gedanken zu machen, wie das ganze zusammenpassen soll. Es entsteht ein Flickenteppich, der zwar Experimentierfreude und den Mut, auch andere Stile für sich zu erschließen, beweist, jedoch keineswegs den Eindruck eines stimmigen Gesamtkonzepts vermittelt – dass das Album laut Amazon-Klappentext "in Rekordzeit entstanden" sein soll, passt da durchaus ins Bild.

Einer der musikalisch ansprechenderen Titel ist die bereits erwähnte Single "Farben". Harmonisch eingespielt, entsteht hier mit einer eingängigen Serk-Hook und angenehmem Flow ein wirklich radiotaugliches Lied. Textlich bewegt man sich hier auf einem annehmbaren Niveau. Eine gewisse Seichtigkeit kann man verzeihen, denn das Gesamtprodukt wirkt wie bei "Bisschen mehr" sehr rund. Wie man auch in den Studio-Versionen, die B.S.H. bei Youtube veröffentlicht hatte, sehen kann, handelt es sich hier allerdings mehr um Singer-Songwriter-Material als straighten Rap.

"Das Herz auf Eis trifft irgendwann auf eins aus Stahl/
Egal wie reich man ist, irgendwer kann mehr bezahlen/
Wie die Kugel, die den Pfeil überholt hat/
Trotz Zufriedenheit geil auf mehr Wohlstand/
"
(Bass Sultan Hengzt auf "Bisschen mehr")

Man sollte Zeitreisen alleine schon aus dem Grund entwickeln, um dem Hengzt zu "Rap braucht kein Abitur"-Zeiten mit seinem jüngsten Werk zu konfrontieren. Mit dem Bild möchte ich natürlich nicht jede Art von Veränderung verteufeln, eine konsequente Neuorientierung wäre bei dem inzwischen 32-Jährigem durchaus altersgerecht und mit einem natürlichen Reifeprozess zu erklären. Die Reduzierung von Fäkalsprache etwa ist ein nachvollziehbarer Schritt, allerdings kann man nicht wirklich von einem Reifeprozess sprechen, wenn sich die Texte auf einem derart flachen und teilweise gar infantilen Niveau bewegen. Schon der Album-Titel macht stutzig: "Musik wegen Weibaz" soll nach "Endlich Erwachsen" eine weitere Entwicklung sein – ich weiß ja nicht. Das neueste Release als Soloalbum zu bezeichnen, ist eigentlich nicht gerechtfertigt, da Bass Sultan Hengzt auf lediglich drei (!) der zwölf Tracks ohne fremde Unterstützung auskommt. Besonders Serk, der als Feature-Gast auf mehr als der Hälfte der Tracks in Erscheinung tritt (auf der offiziellen Playlist aus kosmetischen Gründen unterschlagen), wirkt deutlich überrepräsentiert. Zwar ist dieser wahrlich kein schlechter Musiker und seine Refrains zu "Farben" und "Bisschen mehr" sind durchaus gelungen, ein dosierter Einsatz hätte der Platte allerdings deutlich besser getan.

Fazit:
"Meine Texte haben Sinn und der Beat ist geil", preist sich Hengzt in Anlehnung auf ihn selbst, eine Einschätzung, die ich nicht wirklich teilen kann. Es sind insgesamt kaum Lines vorhanden, die über das Hören hinaus (positiv) im Gedächtnis bleiben, dabei war doch gerade das Finden von markanten Schlagworten und zitierfähigem Material eine der größten Stärken der ehemaligen Berliner Schnauze. Die Neuorientierung ist noch nicht abgeschlossen, "Musik wegen Weibaz" wirkt nach "Endlich Erwachsen" wie ein Treten auf der Stelle und es gilt weiterhin zu beweisen, dass Bass Sultan auch außerhalb der Domäne Battle-und Straßenrap funktionieren kann. So bleibt schlussendlich ein sehr schwaches Album, mit den eklatanten Kritikpunkten wie Textqualität und musikalischer Konzeptlosigkeit zurück, das lediglich von Hengzts markanter Stimme und seinem Flow vor einer kompletten Katastrophe gerettet wird. Einen Titel, der komplett ohne Kritikpunkte auskommt, gibt es in meinen Augen nicht, Tracks mit passablem Hörgenuss werden durch nichtige Lyrics soweit heruntergezogen, dass die Repeat-Taste unangetastet bleibt. Die Halbwertzeit von "Musik wegen Weibaz" ist also gleich null und so bleibt ein uninspiriertes Machwerk zurück, das zweifelsohne die schwächste Veröffentlichung aus der Feder Hengzts darstellt.


(Lennart Gerhardt)



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