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Review: B-Tight – A.i.d.S. Royal

veröffentlicht: Montag, 12.03.2018, 15:39 Uhr
Autor: Moody





01. Für den König
02. Alter Sack
feat. Die Säcke
03. Ahu
04. Ewige Liebe
05. Macht
06. Berliner Luft
feat. Harris
07. Hier geht’s um Rap 2018
08. Geil Man
09. Bescheiden
10. Wenn alle Stricke reißen
11. Nicht cool
12. Los geht's
feat. Blokkmonsta
13. HRSNE
14. Pörnchen feat. Orgi69
15. Hoch zum Dach
16. Generation MV
feat. Shadow

Ich muss gestehen: "Wer hat das Gras weggeraucht" habe ich mir nicht wirklich oft angehört. Raptechnisch war es durchaus in Ordnung, gut produziert ebenfalls – aber irgendwie konnte mich keiner der Titel zur erneuten Betätigung der Wiederholungstaste verleiten. Vielleicht das schlimmste, was einem Musiker neben einem totalen Fehlschlag passieren kann: wenn er einem egal wird, Wenn man nur noch das Gefühl hat, einer Routineübung beizuwohnen; zwar auf anständigem, soliden Niveau, aber dennoch: Routine.
Nur knapp ein Jahr später macht Robert Edward Davis auf seinem Weg, sich auf seine persönlichen Hochzeiten zu besinnen und sich an seinen alten Produktionen zu orientieren, weiter. Dieses Mal mit noch mehr (historischem) Bezug im Titel: Alles ist die Sekte. Relativ genau vor 20 Jahren begannen B-Tight und Sido als Untergrund-Duo im geschichtsträchtigen Label "Royal Bunker" aktiv zu werden. Und wenn auch Sido seit Jahren weit über die Grenzen des Deutschraps hinaus einen erheblichen Bekanntheitsgrad verzeichnen kann, so ist B-Tight bis heute nur innerhalb der Szene bekannt, trotz Youtube-Klicks, trotz hoher Platzierung in den deutschen Charts. Wie zuletzt sein Freund Paul orientiert sich B-Tight seit "Wer hat das Gras weggeraucht" wieder mehr hin zu seinen archaischen Ursprüngen, mit rauen Beats und simplen, provozierenden Phrasen. Doch lohnt es sich, dem Aufmerksamkeit zu schenken?

Alles Nutten, die schlucken für bisschen Fame/
Ich drücke mein'n Schwanz ganz tief in das Game/
So wie früher, nur 'n bisschen besser/
Für die Backpacker immer noch ein Wackrapper/

(B-Tight auf "Alles für den König")

Mit "Für den König" beginnt es. Und da ist es wieder, dieses Gefühl des Irrelevanten. Vielleicht weil man auf seine älteren Tage der Provokation entwachsen ist oder genauer: dieser Form von Provokation. Man selbst wird älter, die Lines, die früher den inneren Revoluzzer nährten, wirken längst nicht mehr auf die gleiche Weise. Die Drums sind betont blechern, der Beat besteht hauptsächlich aus einem trötenden Synthie, auf dem B-Tight "gut " rappt. Den Text, den man bei diesem Titel erwartet, er kommt genauso: Schnörkellos, derbe, manchmal zum Schmunzeln bringend, aber trotzdem vorherzusehen. Erheblich besser wird es bei Titel Nr. 2 "Alter Sack". Natürlich ist jedes denkbare Wortspiel vertreten, B-Tight in seiner selbstironischen Rolle als "Grandfather you like to fuck" ist durchaus unterhaltsam, allerdings richtig interessant wird es durch das erste, und meines Erachtens nach einzige gute Feature der Platte, "Die Säcke", eine Formation, die sich aus Urgesteinen wie Vokalmatador und Rhymin Simon unter anderem zusammensetzt. "AHU" besetzt das Ankreuzkästchen des deepen Titels für die Platte. Abhaken, kann man so stehen lassen.

Das Leben will mich ärgern/
Trotzdem gebe ich nicht auf/
Mein Wille versetzt Berge/
Schaff' mir Wege, die ich brauch'/
Marschiere wie 'ne Herde, ahu/

(B-Tight auf "AHU")

Was man beim besten Willen nicht so stehen lassen kann, sind Track 5 bis 7. Da geht der Leistungsindex stark nach unten, besonders Anspielstation Nr. 5 ("Macht") ist vermutlich nur mit (Ergänzung: einem Haufen) Gras zu ertragen. Die Beats verströmen alle ein gut produziertes und fein abgestimmtes Retro-Feeling, hauptsächlich bestehend aus scheppernden Drums, diversen Synthesizern und wahlweise einer wabbelnden Bass-Line.
Aber besonders textlich werden hier starke Abnutzungserscheinungen sichtbar. Auch das Feature mit Harris lassen wir zu dessen Gunsten unbesprochen. Und wenn wir schon bei verkappten Features sind: Blokkmonsta und Orgi69 bedienen bestenfalls eingefleischte Fans, zu denen zähle ich mich an dieser Stelle nicht. Shadow kannte ich nicht, sein Auftritt in "Generation MV" animiert mich auch nicht, ihn kennenlernen zu wollen. Habe ich Abnutzungserscheinungen erwähnt? Ich wiederhole mich vielleicht – und tue es damit dem Protagonisten der Scheibe gleich. Was will man auch zu textlichen Glanzversen wie "Ich bin ein Killer, das Mikrofon meine Knarre/ Meine Klinge, meine Basey, mit der ich dir Beine mache" ("Los geht’s") sagen? Das ist alles so ausgelutscht, dass ich mich an den armen, dicken Jungen erinnert fühle, der seit gefühlt einem Jahrhundert Werbung für Werther's Echte macht und Sahnebonbons futtern muss.

Gibt’s auch etwas Positives? Durchaus. B-Tight kann rappen. Das konnte er früher schon überdurchschnittlich gut, heute würde man das "über" wohl streichen. Der Flow kann immer noch begeistern, die Stimme zwischen rotzig-frech und ernst-glaubhaft hin- und herschwingen, überzeugend zu hören auf "Ewige Liebe" und "Bescheiden". Das wirkt geradezu "authentisch". Ein grauenhaftes Wort, um Rap zu beschreiben, aber es stimmt. Auch die Produktion, für die neben Sido und J.s. Custer auch B-Tight selbst verantwortlich ist, kann man an dieser Stelle loben, die phonetische Retro-Gewandung sitzt ausgesprochen gut.

Doch was B-Tight damals bekannt machte, seine Texte, die dafür sorgten, dass seine Tapes und Alben indiziert und – seien wir mal ehrlich – vielleicht auch erst dadurch interessant wurden, die reißen mich heute nicht mehr vom Hocker. Und wenn noch so viele Schwänze in Fotzen gedrückt werden und Fotzensekret gleich Hektoliterweise vergossen werden, während B-Tight sich über dem ganzen Szenario einen Joint nach dem anderen reinpfeift – FUCK! – ist mir langweilig.

Was bleibt? Von Zeit zu Zeit hör ich den Alten gern, aber wenn jemand mal eine frische Idee gebrauchen könnte, dann wohl B-Tight. Ein sauber produziertes, neues "altes" Album für die Nostalgiker und den inneren, bereits abgestumpften Fankreis. Für alle, die sich etwas Abwechslung im monotonen Deutschrap-Kosmos wünschen, geht die Suche weiter. 2 Mics für die Produktion und ein halbes aus Sympathie.


Andreas "Moody" Haase

PS: An den netten Menschen, der auf B-Tights Website die Album-Beschreibung verfasste, ein wenig "Authentizität" würde wohl auch Dir nicht schaden.



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