Angemeldet bleiben?

Review: B-Tight – Wer hat das Gras weggeraucht?

veröffentlicht: Sonntag, 26.02.2017, 16:04 Uhr
Autor: El-Patroni





01. Bob der Baumeister
02. So wie Du
03. So high 2017
04. Wer hat das Gras weggeraucht?
feat. Nura, Smoky, Sido, Plusmacher, Estikay
05. Spliffpolitik
06. Jeder pumpt es
feat. Juju
07. Übertreiber
08. Einen Scheiß wert
09. Rich Kids
10. Auf Tour
feat. Unoo, Viruz, Beathoavenz
11. Mörder feat. Frauenarzt
12. In einer Gegend
13. Wünsche
14. Gift

Wer hat das Gras weggeraucht? Eine Frage die schon seit Anfang des Jahrtausends die Rapszene beschäftigen würde, hätte B-Tight sie nicht direkt im nächsten Satz schon beantwortet. 2002 sorgte "der Neger" für einen Aufschrei und die erste große Kontroverse in der Szene: Die Brothers Keepers gaben sich empört, die Fans jubelten über die ironischen Zeilen ihres Lieblingsrappers, die Eltern konnte nicht glauben, was Sohnemann da hört und Aggro Berlin rieb sich die Hände in froher Erwartung des Erfolges, den die neu erworbene Aufmerksamkeit mit sich bringen könnte. Das Label mit dem Sägeblatt holte in den darauffolgenden Jahren alles, was es zu holen gab, spaltete die Gemüter und wurde gleichermaßen als Retter wie auch als Zerstörer von deutschem HipHop betrachtet. Während Sido, Fler und Bushido die Hauptaufmerksamkeit einsackten, blieb B-Tight von der breiten Masse eher unbeachtet und brüstete sich mangels Soloerfolges lieber mit dem Titel "Meistindizierter Rapper Deutschlands". Nach dem Ende von Aggro Berlin und einem eher erfolglosen Majoralbum wurde es erst mal ruhig um ihn, bevor er sich nach seinem Auftritt in Blutzbrüdaz mit einem Crossover-Album zurück meldete. Es folgten zwei weitere eher mäßig beachtete Soloreleases, die ich – und das gebe ich hiermit offen und ehrlich zu – nie gehört habe. Heute ist es allerdings soweit: Ich halte sein neues Release "Wer hat das Gras weggeraucht?" in den Händen, erwarte aufgrund des Titels schon einmal Großes und bin gespannt.

Komm ran, ich zeige dir mal unsere Welt/
Zu viel Platz in den Taschen für buntes Geld/
Der tägliche Bedarf wird auf Pump bestellt/
Gib ihm, solange wie die Lunge hält/

(B-Tight auf "Mörder")

Von Beginn an ist klar, dass B-Tight sich wieder auf seine alten Qualitäten besinnt, ganz im Stil der Zeit, als Die Sekte noch aktiv den Berliner Untergrund aufmischte, ist die Themenpalette des Albums eher begrenzt. Das Thema Gras zieht sich durch das komplette Release und bleibt auf kaum einem Track unerwähnt. Dies geschieht allerdings ohne stupides verherrlichen, denn vielmehr werden neben den bewusstseinserweiternden positiven Effekten auch die Schattenseiten und die Gefahren von exzessivem Kiffen beleuchtet. Auf "Bob der Baumeister" beschäftigt der Rapper sich einen ganzen Song lang intensiv mit der Kunst des Jointdrehens, auf "Mörder" bekommen die Hörer, unterstützt von Frauenarzt, einen Representer, der in genau diesem Stil auch schon vor 15 Jahren auf einem Sekte-Release gut funktioniert hätte. Die Texte sind zwar allesamt weder lyrisch noch technisch besonders anspruchsvoll, aber großteils ziemlich unterhaltsam, an anderen Stellen kommen die Gedankenstrecken allerdings so wirr und undurchschaubar daher, dass keine Frage mehr besteht, wer das Gras weggeraucht hat. Auch in puncto Beats wird in der Vergangenheit gestochert: Sämtliche Instrumentals weisen im Charakter enorme Ähnlichkeit zu Stücken aus den frühen 2000ern auf. Glücklicherweise sind sie allerdings zeitgemäß ausproduziert, spielen klar auf einem anderen Qualitätslevel und zeigen, dass zwischen einem professionellen Tonstudio und einer Playstation doch Welten liegen.

Es ist B-Tight, den du mit den Kumpels siehst/
Es sind sie, wenn es irgendwo nach Gras riecht/

(B-Tight auf "Wer hat das Gras weggeraucht?")

Das klingt ja alles ziemlich gut, aber wo liegt das Problem? Es überrascht mich einfach zu keiner Sekunde. Ich habe B-Tight in einer Zeit kennen gelernt in der ich gegen meine spießbürgerlichen Eltern rebellieren wollte und da eignet sich wohl niemand besser, als der allen Frauen den Penis in den Bauch rammende, das ganze Gras weg rauchende, auf dessen Albumcover ein Oberkörper freier, dunkelhäutiger Muskelberg sich selbst eine goldene Faustfeuerwaffe ans Kinn hält. Ja mittlerweile verstehe ich, warum sie nur bedingt erfreut waren, wenn sie einen Blick in Sohnemanns Zimmer warfen. B-Tight bezog sämtliche Legitimation daraus, dass seine Soloalben, eins nach dem anderen indiziert wurden. Wir versuchten schnell noch irgendwie dran zu kommen, bevor Saturn die CDs wieder aus den Regalen entfernen musste und genau das machte den Mythos aus. Heute mit einigen Jahren Abstand und einem weniger gestörten Drang zur Rebellion, kommt beim Hören der neuen Platte zwar immer wieder die Erinnerung an Früher hoch, jedoch frage ich mich auch häufig, warum wir den Typ eigentlich so gut fanden. Rappen kann er und konnte er schon immer, das möchte ich hier nicht in Frage stellen, aber ansonsten hat B-Tight abgesehen von seiner Historie leider nichts mehr, das ihn wirklich von der Szene abhebt. Er wirkt wie ein alter Hund, der zwar immer noch sämtliche Tricks beherrscht, aber eben nichts Neues lernt. Er macht immer noch Sitz, Platz, und die seitliche Rolle, gibt Pfote wie eh und je und wenn er Männchen macht, sieht man ihm an, mit welcher Leidenschaft er dies tut, aber es sind die immer gleichen Tricks, mit denen er uns schon vor einer Dekade erfreuen wollte. So leid es mir auch tut, aber in einem Zeitalter, in dem die anderen Hunde Tischtennis spielen können, begeistert Sitz und Platz niemanden mehr.

Fazit:

"Wer hat das Gras weggeraucht?" ist alles andere als ein schlechtes Album. Jeder Beat wurde gut produziert, die Texte sind teilweise verdammt lustig und der Protagonist liefert gelungenen, klassischen Rap. Wer genau das hören will und bereit ist, sich auf eine Reise in die Zeiten von Aggro Berlin einzulassen, wird garantiert seine Freude an dem Release haben, wer allerdings etwas Neues hören, oder sich auch nur in irgendeiner Form überraschen lassen möchte, dem würde ich hiervon allerdings eher abraten. Es ist auch schwer vorstellbar, dass jüngere Semester, die B-Tight nicht zu seiner Glanzzeit erleben durften, wirklich verstehen werden, worin die Existenzberechtigung von "Wer hat das Gras weggeraucht?" liegt. Alles in allem also ein solides Deutschrap-Album, das zwar als Reise in die Vergangenheit gut funktioniert, aber sonst ohne Innovation daher kommt und so wohl eher in der Versenkung enden wird.


El-Patroni (David)



Bewerte diese CD:

Diese Review wurde 6772 mal gelesen
9 Kommentare zu dieser Review im Forum