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Review: B-Tight – Drinne

veröffentlicht: Samstag, 08.12.2012, 00:12 Uhr
Autor: TonySunshine





01. Drinne
02. Wenn ich komme
03. Mary Jane
feat. Deine Lieblingsrocker & Christoph von Freydorf
04. Tittenmaus feat. Shizoe
05. Fame feat. Metrickz & Christoph von Freydorf
06. Die Zeit heilt nichts feat. Christoph von Freydorf
07. Sie verführt mich feat. Christoph von Freydorf
08. Schaumparty feat. Christoph von Freydorf & Shrödaz
09. Hawaii feat. Shizoe
10. Blitzlicht feat. Christoph von Freydorf
11. Albtraum feat. Shizoe & Christoph von Freydorf
12. Fesseln feat. Christoph von Freydorf
13. Biest feat. Christoph von Freydorf

"Keinen Bock mehr auf 'normalen' Sprechgesang, deshalb rappe ich jetzt auf Rockbeats, das ist kreativer." So in etwa lassen sich B-Tights Aussagen über die Entstehung des ersten Soloalbums seit mittlerweile vier Jahren zusammenfassen. Man tat sich unter anderem mit Mitgliedern der Münchner Alternative Metal-Band Emil Bulls, DJ Perez von den Beathoavenz und einem Mitglied der Blue Man Group zusammen. Nebenbei erwähnt nochmal für alle, deren Kinnlade gerade bis auf Kniehöhe heruntergeklappt ist: Diese weltweit bekannte Gruppe besteht wider der intuitiven Erwartung bei Weitem nicht aus nur drei blau angemalten Menschen. Nun gut, gemeinsam mit erwähnten Musikern arbeitete man jedenfalls an "Drinne", einem Crossoverprojekt, einer Mischung aus HipHop und Metal. Die Frage, ob das nun wirklich originell ist, lässt sich nach kurzer Überlegung vermutlich leichter und eindeutiger beantworten, als man denkt: Nein, nicht im Ansatz ist es das. Bands wie Linkin Park und Limp Bizkit wurden gegründet, bevor oder gerade als B-Tight überhaupt das erste Mal zum Mic griff. Sie sind über die Jahre erfolgreicher gewesen, als es vielen vielleicht lieb ist, und generell existiert wohl kaum ein deutscher Rapper, der im Jahre 2012 noch nie seine Rapspuren über harte Gitarrenklänge legte. So weit, so schlecht. Nur: So wenig innovativ das zwar auch sein mag, so sehr geht das Konzept einfach auf und so sehr gehen einige der Songs auf "Drinne" auch nach vorne.

"Viele Frauen kriegen feuchte Augen, wenn ich komme/
Für sie erfüllt sich dann ein feuchter Traum, wenn ich komme/
Ab und zu bin ick auch voll im Arsch, wenn ich komme/
Meistens rieche ich nach Alkohol und Gras, wenn ich komme/
"
(B-Tight auf "Wenn ich komme")

Anspielstation Nummer zwei, im Endeffekt das würdigere Intro als der Titeltrack selbst, versprüht eine Menge Energie und Spaß, wie man es vom "coolsten Ficker" gerade in den wenigen, teilweise fast ekelerregenden Freetracks und Features der letzten Jahre (einzige Ausnahmen: die Auftritte im "Blutzbrüdaz"-Soundtrack) absolut nicht mehr gewohnt war. Eine eingängig gesungene Hook, die textlich zwar aus nicht viel mehr als aus "Hey" und "Yeah" besteht, und B-Tights fast schon ungewohnt lockere Raps und Texte sorgen für einen positiven Track, der sich auf jedem "American Pie"-Sampler perfekt einfügen würde und von dem es auf "Drinne" liebend gerne viel mehr hätte geben können. Auffällig gerade hier auch B-Tights Stilwandel: Der großteilige Verzicht auf eine besonders harte Sprache. Er selbst nennt es den altbekannten, von Fans und Kritikern oft gefürchteten künstlerischen Reifeprozess. Klar ist das nur beschönigendes Pressetext-Gelaber. Für die Erkenntnis, dass "kommen" zweideutig, also auch ganz im Sinne der alten Zeit, verstanden werden kann und soll – gerade im Zusammenhang mit feuchten weiblichen Augen und "im Arsch sein" – benötigt es wenig bis kein Interpretationsvermögen. So fehlt eine Abkehr von alten Thematiken, die da Poppen, Party, Pot und Protzen lauten, fast gänzlich. Und auch das ist wieder wenig ideenreich, aber ebenso wenig schlecht. B-Tight war sicher nie ein lyrischer Totalversager, ein großer Poet aber genauso wenig und so übernimmt er sich mit der Ausführung der Thematiken nicht. Songs wie "Tittenmaus", das neu eingespielte "Fame", "Schaumparty", "Hawaii" und "Mary Jane" – der Inhalt entfernt sich nicht arg von den Titeln der Tracks – können auch textlich überzeugen, wenn man keine großen rhetorischen Kunststücke erwartet. Wirklich überfordert scheint B-Tight jedoch mit "Fesseln" gewesen zu sein. Hierbei handelt es sich nicht etwa um die lyrische Aufarbeitung von SM-Spielchen und dergleichen – was tatsächlich besser für sämtliche Beteiligte gewesen wäre – sondern um plumpe Kritik an "denen da oben" in dümmlichster "Viva la Revolution"-Manier. Das macht leider nicht den Eindruck, als ob der Text B-Tight auf der Seele brannte, sondern "Fesseln" eher nach dem Motto "Und jetzt noch ein Song gegen den Staat, dann ist das Album fertig" entstand. Dann doch lieber Folgendes:

"Ich will mit deinem Busen schmusen/
Komm, lass mal deine Hupen tuten/
"
(B-Tight auf "Tittenmaus")

Was "Drinne" von häufigen Fehltritten im Crossover unterscheidet: B-Tight rappt lässig und verzichtet auf den oft genretypischen platten Hau-Drauf-(Nicht)-Flow. Klassisches Beispiel dafür: Mike Shinodas Auftritt auf der aktuellen Linkin Park-Single "Burn it down". Den Eindruck "Was machen diese Rocker da mit unserer Musik, wieso klingen die wie vor 20 Jahren?" dürften die B-Tight Playaz bei HipHop-Puristen zumindest nicht hinterlassen. Und so macht B-Tight selbst auf kompletter Albumlänge wider dieser Befürchtungen kaum etwas falsch. Auch der dreifache Featuregast Shizoe fügt sich als Hooksänger perfekt ins Geschehen ein und bereichert das Album mit eingängigen Gesangsmelodien, insbesondere auf dem bereits erwähnten "Tittenmaus" – eines der Highlights der Scheibe. Die Produktionen, größtenteils von Emil Bulls-Frontmann Christoph von Freydorf, bereichern "Drinne" in weiten Teilen – auch, wenn meinen persönlichen Geschmack der zweite Bestandteil der Genrebezeichnung "Alternative Metal" eher weniger trifft und harte Gitarrenklänge dezenter und seltener eingesetzt hätten werden können. Was der Qualität dann jedoch häufig wirklichen Abbruch tut, ist, wenn der Produzent das Verlangen verspürt, selbst zum Mikrofon greifen zu müssen. Und das ist zu meinem Entsetzen in weit über der Hälfte der Tracks der Fall. Was auf "Fame" oder der überraschend gut gelungenen – und einzigen – Ballade "Die Zeit heilt nichts" dank der eher zurückhaltenden Stimmlage nicht negativ ins Gewicht fällt, lässt etwa "Albtraum" für mich kaum noch hörbar werden und gibt dem ohnehin schon ausreichend schauderhaften "Fesseln" noch den Gnadenstoß. Melodischer Gesang hört sich in meinen Ohren anders an, "Grölen" trifft es für mich besser, und wenn es Brüllen darstellen soll, dann hätte auch Tony D – übrigens sehr kurz vertreten auf "Schaumparty" – seinen Job wesentlich besser gemacht. Nun ja, diese Art von Gesang war und wird nie meinem Geschmack entsprechen, Metal nie zu meinen bevorzugten Genres zählen und der Fairness halber verbleibe ich dabei, dass sich die Vorzüge mancher Elemente dieser Musikgattung mir einfach nicht erschließen wollen. Anbei ein Zitat aus einem mir behaglicheren Auftritt des Herrn von Freydorf:

"Die Tage vergeh'n und es tut immer mehr weh/
Ich treibe im Nichts, ich kann kein Land mehr seh'n/
Sekunden werden zu Stunden und die Zeit heilt nichts/
Wenn du denkst, es ist gut, dann kommt der nächste Stich/
"
(Christoph von Freydorf auf "Die Zeit heilt nichts")

Fazit:
Was ich aufgrund mehrerer Faktoren als puren Reinfall vermutet hätte, entpuppt sich vollkommen überraschend – leider mit einigen Abstrichen – zu einem der stimmigsten Deutschrapalben dieses Jahres. B-Tight schafft es nach langer Zeit wieder, dem Hörer den Spaß an der Musik deutlich vermitteln zu können. Wenige Songs könnten durchaus als seine unterhaltsamsten, seit einst die Frage "Wer hat das Gras weggeraucht?" in den Raum geworfen wurde, durchgehen. Musikalisch hätte es für mich lieber auf kompletter Albumlänge mehr in Richtung poppigeren Rock wie "Wenn ich komme" und "Tittenmaus" gehen dürfen. Mit Teenie-Rock- oder Pop-Punk-Bands wie Blink 182 oder Good Charlotte als Vorbild und Shizoe als ausschließlichen Sänger hätte "Drinne" eventuell tatsächlich eines meiner Alben des Jahres werden können. Aber auch so bleibt es ein überdurchschnittliches Album eines von mir zugegebenermaßen längst abgeschriebenen Rappers.


(TonySunshine)



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