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Review: Audio88 – Sternzeichen Hass

veröffentlicht: Freitag, 30.06.2017, 18:47 Uhr
Autor: DealerThomasHeck





1. Dosenpfirsiche
2. Treibjagd feat. Morlockk Dilemma
3. Lied vom Tod auf dem Theremin feat. Doz9
4. Trottel
5. Selfies feat. Lakmann & Megaloh
6. Vom Wollen und Brauchen
7. Ab nach Hause
8. Direkter Vergleich

Hass. Kaum ein anderes deutsches Wort erfährt im gesamtgesellschaftlichen Kontext eine ähnlich inflationäre Verwendung. Von Alltagssituationen (ich hasse es, wenn der Nachbarshund in meinen Vorgarten kackt), über Beziehungsprobleme (ich hasse es, wenn du mich so anschaust), bis hin zu Banalitäten (ich hasse Biersorte XY). Jeder von uns kennt die Tage, an denen man mit dem Leben auf Kriegsfuß steht und von allem und jedem regelrecht angewidert ist. Die Dummheit der Anderen: Hass. Das eigene Unvermögen: Hass. Dabei ist Hass so ein starkes, scharfes Wort und ließe sich in den meisten Fällen durch weniger polemische Ausdrücke ersetzen. So kann man zum Beispiel jemandem gegenüber einen Groll hegen, ohne ihn gleich zu hassen. Ich möchte aber nicht abstreiten, dass es gute Gründe gibt, zu hassen. Viele Menschen hassen Donald Trump und sie haben Recht. Gotteskrieger hassen mit Inbrunst den Westen mit seinen Werten. BVB-Fans hassen Schalker und vice versa. Aber richtiger, selbstverständlicher Hass? Dafür muss man schon ein Misanthrop sein. Und Audio88 ist ziemlich sicher einer. Ein Widersacher, der der konsumgeilen Gesellschaft unversöhnlich gegenüber steht und ihr den Spiegel vorhält. Ein (dumme) Menschen-Hasser. Genau der Richtige also, wenn man mal wieder abgrundtief hassen will.

Richtig und Falsch oder Gut und Böse/
Erkennt man in Deutschland an Falafel oder Klöße/
Warum das so ist, kann ich nicht genau benennen/
Hab' die Gründe nicht verstanden, denn im Hof kläfft ein Köter

(Audio88 auf "Dosenpfirsiche")

Es ist schwierig bis unmöglich, Nicht-Audio88-Fans davon zu überzeugen, es durch die neue Platte zu werden. Genauso wenig Sinn würde es ergeben, Day-One-Fans erklären zu wollen, "Sternzeichen Hass" wäre schlechter als seine bisherigen Releases. Mit Musik von Audio88 verhält es sich wie mit dem Lieblingsessen eines Durchschnittsdeutschen: Was man nicht kennt, isst man nicht, und wenn kein Muskat im Kartoffelbrei ist, darf Mutti wieder zurück an den Herd. Bis auf Yassin und Morlockk Dilemma, die beide auch auf dem Projekt auftauchen, gibt es in Deutschland niemanden, der Missstände so schonungslos aufzeigt, den Finger beziehungsweise die ganze Faust in die Wunde legt, darauf spuckt und wartet, dass es anfängt, zu eitern. Teilnehmer an Großsportevents werden weggesprengt, die Überlebenden weggesnipert und wer danach noch am Leben ist, mit Senfgas zur Strecke gebracht ("Dosenpfirsiche"). Gegen Dorf-Nazis und konsumgetriebene Alles-Käufer wird zur "Treibjagd" geblasen. Und Alibi-Montagsdemonstranten und Fussballerfrauen wird der Tod gewünscht, um nur an der Oberfläche zu kratzen. Zwischendurch werden natürlich auch wieder Wack MCs filetiert, Schmutz beseitigt und Spasten als Spasten abgestempelt. Ich kenne im Übrigen niemanden, der das Wort Spast so genüsslich ins Mic rotzen kann. So voller Verachtung. Herrlich.

Also alle mal gut aufgepasst/
Wenn du mit Spasten hängst/
Bist du höchstwahrscheinlich auch ein Spast

(Audio88 auf "Lied vom Tod auf dem Theremin")

Apropopopow Verachtung: Doz9 stiehlt mit einem an Wahnsinn grenzenden Feature-Part den anderen Brüdern im Geiste die Show. Was geht nur im Kopf dieses Mannes vor sich? Lila Wolken so wie Schwanzkuppen auf Steroiden? Schweineformfilet und danach Longies dreh'n? Das ist gleichermaßen absurd wie erfrischend. Auf "Selfies" geben sich General Lakman und Megaloh die Ehre. Ersterer bestätigt Gurus Zitat, dass die Stimme immer noch die wichtigste Waffe eines MCs ist. Letzterer lehnt sich für seine Verhältnisse sogar zurück und flext sich entspannt durch seinen 16er, dafür passt jede Zeile. Zusammen sitzen die drei in Deutschraps egozentrischer Mitte, beobachten die Scheiße um sich herum und schießen auf alles, was auch nur entfernt nach Schmutz aussieht. Da darf gerne ein Kollabo-Album kommen. Wie eingangs schon erwähnt, hat auch Philipp Halver einen Gastbeitrag auf "Sternzeichen Hass", allerdings beschränkt sich dieser auf einen kurzen aber nicen Gesangsbeitrag am Ende von "Ab nach Hause". Als Konterpart zur leicht monotonen Vortragsweise von Audio88 ist das aber eine willkommene Abwechslung, denn auf Dauer kann die zugegebenermaßen hohe Tonlage an den Nerven zerren und ich kann mir vorstellen, dass die Audio88-Kritiker genau das als Grund anbringen werden, warum man seine Musik, wenn überhaupt, nicht länger als ein paar Minuten am Stück hören kann. Andererseits gibt es auch Menschen, die Kendrick Lamar seinen Status in Abrede stellen wollen, nur weil sie seine Stimme nicht mögen. Alles in allem trifft die Auswahl der Features auf "Sternzeichen Hass", sowohl was die Anzahl als auch die Qualität der Beiträge angeht, die viel gepriesene goldene Mitte. Einzig Enoq hätte ich mir noch gut vorstellen können, aber der macht sich seit seinem Debut-Release Anfang des Jahres ja auch wieder rar.

Und insgesamt war alles leicht/
Objektiv betrachtet, im direkten Vergleich/
Aber wer will den ziehen?/
Ich sicher nicht/
Aber wer, wenn nicht wir?

(Audio88 auf "Direkter Vergleich")

Wo wir gerade bei Vergleichen sind: Im Gegensatz zu den vorangegangenen Soloprojekten ist "Sternzeichen Hass" etwas eingängiger und geht besser in Ohr. Bis vor ein paar Sekunden war ich mir auch noch sicher, zu wissen, woran das liegt, da in meiner Erinnerung Yassin als Executive Producer genannt wurde. Jetzt sehe ich, dass neben dem eben genannten und einigen mir nicht bekannten Produzenten auch Lord Scan (!) einen Track produziert hat. Allen Beats gemein sind staubige Samples, knarzende Basslines, eine niedrige BPM-Zahl und stolpernde Drums. Ein perfekter Nährboden für die zwar generell wütende aber eher zurückgenommene und gerne von Pausen versetzte Reimtechnik von Audio88. Ein auf Technik fixierter Rapper wird er in diesem Leben (zum Glück) auch nicht mehr werden. Stellt sich nur noch die Frage: Wie zum Teufel sind die Jungs an ein Theremin gekommen?

Fazit:
Möchte man "Sternzeichen Hass" etwas vorwerfen, dann ist es die kurze Laufzeit. Acht Tracks mit maximal dreieinhalb Minuten Laufzeit sind schnell vorbei und kaum ist man mental in einem Strudel aus Gewalt, Abscheu und Abneigung angekommen, ist es auch schon wieder vorbei. Gute Laune und Schönwetter-Hörer sind hier sowieso fehl am Platz, aber ich wage auch zu bezweifeln, dass ein potentieller neuer Hörer auf der Suche nach positiver Musik ausgerechnet eine EP mit dem Namen "Sternzeichen Hass" wählen würde. Insofern sind die Claims also abgesteckt: Die alten Fans freuen sich über neue Musik, die in die Fresse ballert wie eh und je und eine eventuell infrage kommende neue Hörerschaft wendet sich, ob der Stimme und nicht groß anwesender Themenvielfalt, ab. Bleibt nur zu hoffen, dass uns Audio88 (und Yassin) bis zum nächsten Release nicht lange zappeln lassen. Denn ich hasse es, zu warten.


DealerThomasHeck



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