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Review: Antilopen Gang – Anarchie und Alltag

veröffentlicht: Montag, 06.02.2017, 15:50 Uhr
Autor: Cuttack





01. Das Trojanische Pferd
02. Patientenkollektiv
03. Pizza
04. Fiasko
05. Tindermatch
06. ALF
07. Liebe Grüße
feat. Fatoni
08. Hilfe
09. Baggersee
10. Fugen im Parkett
feat. Schorsch Kamerun
11. Flop
12. RAF Rentner
13. Lob der Lüge
14. Gestern war nicht besser


"Weltfrieden durch Pizza: Die Antilopen Gang ist die politische Hip-Hop-Band der Stunde" – so titelte jüngst Spiegel Online. Generell schwemmte der Feuilleton der deutschen Presse zum Release von "Anarchie und Alltag" wie bereits um Vorgänger "Aversion" herum einige mehr oder weniger brauchbare Artikel zum Phänomen Antilopen Gang an Land. Was sind die nur politisch! So links und so ironisch, so bissig! Man könnte fast meinen:

Denn wir gelten für die Medien als moralisches Gewissen/
Narrenfreiheit bei der Industrie, man lädt uns gerne ein/
Auf die Quotenrebellen kann sich jeder irgendwie einigen/
Ein bisschen frech, aber schlau und so witzig und politisch/
Und man schmückt sich mit uns, denn man gibt sich kritisch/

(Koljah auf "Das Trojanische Pferd")

Da habt ihr es auf den Punkt gebracht. Ihr werdet dieses Zitat übrigens auch in jeder anderen Einleitung für jede andere Review des Albums lesen, denn "Das trojanische Pferd" stellt vermutlich eine der treffendsten Selbsteinschätzungen dar, die je in einem Rapsong getätigt wurden. Während gleichzeitig die bisherige Karriere resümiert wird, wird erfrischend deutlich auch die Kehrseite problematisiert, die Paradoxie des Untergrundbegriffs aufgearbeitet und ein Verständnis für den Konflikt einer politischen Randgruppe im Mainstream hergestellt. Als Langzeitfan der Gang ging mir mit der Veröffentlichung dieses Tracks das Herz auf, es klang wie die genau richtige Entwicklung nach "Aversion" und "Abwasser". Und dann erschien "Pizza".

Oh, ich glaube fest daran/
Dass uns Pizza retten kann!/
Sie verbündet diese Welt/
Baby, lass uns Pizza bestell'n!/

(Danger Dan auf "Pizza")

Und ich mochte "Pizza" nicht. "Pizza" war, als hätten sie alle Risiken und potentiellen Probleme, die sie auf dem Vorsong noch grandios richtig benannt und eingegrenzt hatten, ignoriert und frontal in die Scheiße geritten. Wenn es so klingt, als wäre die größte thematische und musikalische Inspiration "Holz" von den 257ers gewesen, hilft es auch nichts, ein wenig stereotyp linkes Vokabular in den Song zu streuen, um ihn als ein Politikum zu verkaufen, genauso wie es kaum hilft, zehn Schichten Ironie einzuführen, wenn sich darunter im Grunde doch nichts verbirgt, außer einem schwach gerappten, lasch produzierten Scherz-Song, der offensichtlichst darauf hechelt, über den kleinsten gemeinsamen Nenner und den "Lol-XD"-Faktor irgendwie viral zu gehen. Nach diesen beiden kompletten Kontrastpunkten blieb ich komplett überfragt damit zurück, was ich denn nun von "Anarchie und Alltag" erwarten solle. Eine Frage, die mir auch der Konsum des Albums nicht so recht beantworten wollte, denn: Das Tape ist ein heilloses Selbstfindungschaos.

Die wichtigste Beobachtung zuerst: "Anarchie und Alltag" ist nicht sonderlich politisch. Nicht, weil es das nicht versucht, sondern schlicht und einfach, weil es nicht einmal großartig Lust darauf zu haben scheint. Und der Clue daran ist – das sollte eigentlich niemanden überraschen. Ja, es gibt eine gute handvoll politischer Songs von Gangmitgliedern, die sich durchaus als solche sehen lassen. Gehen wir aber mal die großen Songs ihrer Diskographien durch: "Ölsardinenindustrie" von Danger Dan, "Kontaktanzeige", "Fick die Uni", "Leben und Sterben des Friedrich Kautz", "Aschenbecher", "Motto Mobbing", große Teile ihres Schaffens war Musik über das Beobachten von Menschen, über die Gesellschaft und ihre Absurditäten, blinde Polemik und schräger Humor. Ich verstehe, dass "Soziologen-Rap" ein nicht ganz so interessantes Stigma hergegeben hätte (und wahrscheinlich würden sie es mehr hassen, als Kurt Cobain "Smells Like Teen Spirit" gehasst hat) und genauso verstehe ich, dass die Gang selten unpolitisch war. Aber in meinen Augen waren sie selten explizit links, sondern hatten viel mehr ein linkes Weltbild als Fundament ihrer Musik. Doch die Nische der "linken Rap-Band", die sich insbesondere nach dem Überraschungserfolg des (großartigen) Songs "Beate Zschäpe hört U2" etwas verselbstständigt hat, wurde ihr Eingangsticket in die Welt von Talkshows und Feuilleton und damit auch Grundlage für einen nie für möglich gehaltenen Erfolg der Gang.

Nur stehen sie nun mit einem neuen Album in den Startlöchern und man merkt, dass sich die thematischen Schwerpunkte gar nicht so sehr um linken Establishment-Kampf und Punk Rock drehen, sondern viel mehr bei Altbewährtem bleiben. Die von Panik Panzer und Danger Dan produzierten Instrumentals klingen immer noch routiniert nach Kinderzimmer-HipHop, was immer wieder durchaus angenehm klingen kann, aber eben doch auch seine Schwächen mitbringt; so wurden immer wieder Elemente in die Produktion geworfen, die einfach nur in der Routine des Schaffensprozess dazuzugehören schienen, wie die zumeist komplett deplatzierten Trap-Hats, die aus irgendwelchen Gründen in fast jedem Song irgendwo an der Seite leiern und den Songs zumeist absolut nicht hinzufügen, genauso wie die teils etwas schwammigen Mixdowns, durch die Songs mit griffigen Riffs oder Melodielines wie "Patientenkollektiv" oder "Hilfe" weniger griffig geworden sind, als sie es hätten sein können. Genauso kränkeln die Hooks des Projekts: Zwar hört man aus jedem Refrain eine Idee heraus, die dann aber irgendwo in der Umsetzung zerfällt. Mal liegt das am Mix, manchmal aber auch an der fehlenden handwerklichen Fähigkeit, oft ist es eine Mischung aus beidem. Dazu kommt, dass Panik Panzer intuitiv dazu neigt, immer wieder die gleiche Kadenz zu singen, was zunächst irritiert, dann gefällt, aber beim fünften Mal dann doch wie ein etwas abgenutzter Trick anmutet. Was bleibt, ist ein musikalisch solides Album, das ein wenig an die "Aschenbecher"-Zeit erinnert, im Vergleich zu "Abwasser" oder "Aversion" dennoch einen deutlichen Rückschritt darstellt. Und textlich:

"Ich hielt mich für eine allwissende Lichtgestalt/
Doch das war nur das Spiegelbild meiner eigenen Nichtigkeit/
"
(Koljah auf "Patientenkollektiv")

Im Grunde genommen sind die Texte das große Highlight der Platte. "Patientenkollektiv" ist wie oben beschrieben eine Abhandlung über die großen Krankheiten einer Gesellschaft, die sich selbst nie verstanden hat. "ALF" handelt vom Missverstanden sein, von Soziophobie und dem Hang zum antisozialen Verhalten. "Liebe Grüße" pöbelt heiter gegen die Anhänger des Spießbürgertums, "RAF-Rentner" philosophiert darüber, wie sich ein Leben nach der Rebellion anfühlen könnte und geht subtil mit der Frage um, ob das Spießbürgertum nicht doch vielleicht der richtige Weg gewesen sein könnte. Typische Antilopen-Themen also, politisch nur bedingt, dafür viel überzeugender in der Beobachterrolle, die messerscharfe Kritik an der Gesellschaft und sich selbst gleichermaßen wirkt nachvollziehbar und anschaulich, der Zynismus fühlt sich echt an und fungiert als doppelbödiges Spiegelbild zur frappierenden Unsicherheit der Platte. Weniger ansprechend hingegen die "politischen" Songs des Albums: "Baggersee", die wohl punkigste Nummer und dementsprechend vielleicht auch die musikalisch rundeste Anspielstation ist eine nichtssagende Ansammlung von Plattitüden, die antideutsch und edgy klingen sollen, aber auch hinter dem zehnten Layer Ironie eben keinen cleveren politischen Kommentar abgibt, sondern einfach nur einen Punksong abliefert, der vor allem ein großes Merkmal des Genres absorbiert: die Scheinsubstanz. "Tindermatch" kommt sich selbst ein wenig subtiler vor, als es ist, denn im Grunde genommen ist der Vergleich von Deso Dogg und Lutz Bachmann mit dem Verweis auf die generelle Ähnlichkeit von Extremismusformen eine sehr konsensfähige Aussage und vergibt irgendwie auch die Chance, eine Diskussion über Linksextremismus zu führen. Hätten die beiden sympathischen Dudes denn auch ein Tindermatch mit Ulrike Meinhof eingefahren? Oder ist Linksextremismus vielleicht doch etwas anderes, erstrebenswerteres? Hey, ich habe keine Ahnung, aber das hätte mich wirklich interessiert, das hätte tatsächlich mal eine spannende, heikle politische Auseinandersetzung ermöglicht, genau wie Koljahs Polemik gegen die besorgten Bürger auf "Beate Zschäpe hört U2". Aber so tief geht die Gang politisch konstant nicht. Zumeist versteckt man sich hinter bloßen Namechecks und dem Abhaken von typisch linken Begrifflichkeiten. Und das funktioniert insgesamt gar nicht einmal so gut.

Fazit:
Uff. Ich mag die Gang. Ich mag die Gang ja eigentlich sogar sehr. Doch ich habe das Gefühl, eine Mischung aus Erwartungshaltung und Nischendruck haben dazu geführt, dass die Antilopen selbst nicht mehr zu hundert Prozent wissen, wo sie selbst eigentlich einzuordnen sind. Man hat das Gefühl, dass irgendwo über der Platte in großen, kapitalen Lettern die Worte "POLITISCH" und "LINKS" prangern, während das Album selbst auf dem politischen Spektrum vielleicht etwas links von der SPD einzuordnen wäre. Denn aller Edginess und allen Vokabeln zum Trotz, hier wurde keine Atombombe über Deutschland abgeworfen. Hier wurde nicht einmal ein Punkt für die Abschaffung der Bundesrepublik gemacht, den daraufhin irgendjemand sinnvoll begründet hätte. Die Stellen, die wirklich politische Substanz mitgebracht haben ("Tindermatch", "RAF-Rentner"), bleiben inhaltlich eigentlich recht gemäßigt und konsensfähig. Spannend wird es dafür immer dann, wenn es über die Gesellschaft und Menschen generell geht, wenn die Antilopen wieder im Aschenbechermodus sind. Vielleicht bräuchten sie ja den Mut, unpolitischer zu werden. Also nicht mehr ums Verrecken an jeder Ecke betonen zu müssen, ach so links und ach so kritisch zu sein, sondern einfach das zu machen, was sie augenscheinlich wirklich beschäftigt und das eigentlich schon immer das Zentrum ihrer Musik dargestellt hat. Könnte man sich wirklich mit gutem Gewissen darauf fokussieren, würde vielleicht auch ein musikalisch konzentrierteres und stringenteres Album entstehen. Aber klar, das Linkssein ist eben aller Ironie zum Trotz Teil der Vermarktung geworden und Geld will eben auch verdient werden (Querverweis: "Die neue Antilopen Gang"). Aber wenn schon linker Rap, dann bitte auch richtig. Dann will ich auf dem nächsten Album aber auch mindestens einen Part darüber, der mir in aller Ernsthaftigkeit erklärt, warum die Bundesrepublik denn abgeschafft gehört. Bis dahin bleibt "Anarchie und Alltag" ein schwammiges und unsicheres Album von einer Antilopen Gang, die musikalisch wie thematisch irgendwie neben sich steht und versucht, das mit sehr vielen Ironieschichten zum Selbstbild zu machen. Funktioniert stellenweise, funktioniert aber nicht durchgehend. Mehr Konsequenz, bitte!


(Yannik Gölz)




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