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Interview: Alligatoah: "Ich wollte nicht den alten Alligatoah aus der Kiste holen"

veröffentlicht: Mittwoch, 03.10.2018, 10:32 Uhr
Autor: InsertPointlessName


"Schlaftabletten Rotwein", die längst als abgeschlossen geglaubte Mixtape-Spielwiese, erlebt zwölf Jahre nach dem ersten Teil ihr Revival. Alligatoah wagt nach Gold- und Platinauszeichnungen mit "StRw V" plötzlich den Spagat zwischen Alt und Neu – oder etwa doch nicht? Wir haben mit ihm über seine alten Releases, sein Terroristen-Image und Blumensamen gesprochen.




rappers.in: Der vierte Teil deiner "Schlaftabletten Rotwein"-Reihe ist inzwischen über vier Jahre her. Woran hast Du festgemacht, dass es jetzt an der Zeit für einen fünften Teil ist?

Alligatoah: Ich glaube, es hatte damit zu tun, dass viele Leute genau das schon abgeschrieben hatten und dachten, ich würde meine Vergangenheit komplett hinter mir lassen. Für mich ist allerdings wichtig, dass das was ich davor gemacht habe und was ich jetzt mit "StRw 5" mache, alles in einem Zusammenhang mit meiner Entwicklung steht. Das heißt, wenn ich jetzt ein Album mache, das thematisch keinen roten Faden hat und in alle Richtungen schießt, dann ist klar, dass das ein "Schlaftabletten Rotwein"-Teil wird und ich niemals mit der Tradition brechen werde, die ich mir im Alligatoah-Kosmos aufgebaut habe. Auch wenn das Soundbild der neuen Platte wie bei jedem Album wieder komplett anders geworden ist.

rappers.in: Hat sich die Arbeit dadurch für dich anders angefühlt als bei den beiden "normalen" Alben davor?

Alligatoah: Tatsächlich war alles viel kleinschrittiger. Während ich bei den Alben davor ziemlich genau wusste, dass der Schwerpunkt auf Liebe oder Gesellschaft liegt, hatte ich bei diesem Album kein Modell vor mir, bevor ich angefangen habe, zu arbeiten. Deswegen habe ich jetzt über die Zeit Stück für Stück Ideen gesammelt, ohne auf ein gesamtes Bild zu achten. Erst am Ende konnte ich dann zurücktreten und betrachten, was da im Blindflug entstanden ist.

rappers.in: Sozusagen wie ein Maler.

Alligatoah: (schmunzelt) Ja, wie ein blinder Maler. Oder ein Maler, der ganz nah dran ist an der Leinwand, weil er ne Hauswand bemalt und erst am Ende 100 Meter weg geht und sich das mal anguckt.

rappers.in: Den ersten Teil von "StRw" hast du wahrscheinlich irgendwo im Schrank eingerappt. Gab es trotz dem professionellen Umfeld heutzutage etwas, das dich an die "alte Zeit" erinnert hat?

Alligatoah: Wenn ich bei "StRw 1" klug genug gewesen wäre, es im Schrank einzurappen, hätte es vermutlich sogar noch ein bisschen besser geklungen. Aber dass ein Schrank die Akustik verbessert, wusste ich beim ersten Teil nicht und habe es einfach am PC sitzend im Raum aufgenommen – und entsprechend laienhaft klingt es auch. An diese Art habe ich jetzt nicht angeknüpft, sondern eher ans Prinzip, einfach konzeptlos an die Sache heranzugehen. Was ich auch gemacht habe, war alte Songkonzepte aufzugreifen, die ich schon seit Längerem herumliegen habe, aber nie so richtig auf die jeweiligen Alben gepasst hätten – Songs wie "Freie Liebe" oder "Füttern verboten".

rappers.in: Hast du dir deine alten Mixtapes auch nochmal extra vorher angehört?

Alligatoah: Ich habe alle zwei bis drei Jahre so Phasen, wo ich mir wirklich mal die Zeit nehme, um mir so ein "Schlaftabletten Rotwein 3" oder sogar "Schlaftabletten Rotwein 2" anzuhören. Das sind dann meistens Abende, wo ich ganz alleine mit mir bin und einfach mal Lust habe, in meiner Vergangenheit zu stöbern. Erstaunlicherweise kann ich diese ganz alten Sachen heutzutage besser hören als damals. Als ich die gemacht habe, war mir immer schnell klar, wo das Mikrofon geknackt hat und wie schlecht manche Aufnahmen einfach waren. Jetzt mit dem Abstand kann ich das alles wesentlich entspannter hören und auch akzeptieren, dass es ne andere Zeit war, in der ich manche Sachen cooler und vielleicht witziger fand als heute. Manchmal freu ich mich sogar über Stellen und denke: "Wow, das ist mir damals schon ganz gut gelungen".

rappers.in: Das macht ja auch ein bisschen den Charme der ganzen Reihe aus.

Alligatoah: Das musste ich auch selbst erstmal begreifen, was manche Fans und Hörer an diesen alten Sachen finden, die man selber als unausgereift abtut. Damals hat man sich noch geärgert, dass der Sound nur aus einer Box kommt weil man keine Ahnung hatte, wie man ein Mikrofon einstellt; heute sehen die Leute vielleicht genau darin den Reiz.

rappers.in: Steht hinter deinem neuen Album der Wunsch, deine alten und neuen Fans zusammenzubringen?

Alligatoah: Nein, eigentlich nicht. Was ich auf gar keinen Fall wollte, war "den alten Alligatoah" aus der Kiste zu holen. Das hab' ich noch nie gemacht und werde ich auch nie machen, weil sowas immer nach hinten losgeht. Ich kann das nicht leiden, wenn Rapper ein neues Album ankündigen und versprechen, es wird wieder "der Alte" sein. Und beim nächsten sind sie dann der "noch Ältere". Das klingt immer wie ein schlechter Marketingmove. Ich habe immer das Experiment gesucht und versucht, mich nicht zu wiederholen.

rappers.in: Auf deinem Albumcover bist du als Blume zu sehen und in der Box liegen Minz- und Ringelblumensamen bei. Was ist die Saat, die du gerne säen möchtest?

Alligatoah: Wir hatten da ein paar Schwierigkeiten, was das Ganze anging, da das Album schon im Sommer kommen sollte. Jetzt erscheint es im September und wir mussten feststellen, dass da gar nicht mehr so viel blüht. Laut den Tabellen haben Ringelblume und Minze aber noch gute Chancen, wenn man sie jetzt aussät! (schmunzelt) Ich würde ganz gerne einen Baum pflanzen, weil man auf Bäume klettern kann und man zwischen zwei Bäumen eine Hängematte aufhängen kann. Ich würde also zwei Bäume pflanzen.



rappers.in: Die meisten Songs auf "StRw 5" sind Konzept-Tracks und beschäftigen sich mit einem bestimmten Thema. Sind das immer Dinge, die dir besonders am Herzen liegen oder reicht auch eine witzige Idee?

Alligatoah: Es ist manchmal schwierig, wenn mir ein Thema wichtig ist, ich aber keine gute Hookzeile dazu habe. Oder eine gute Hookzeile habe, aber nicht weiß, wie ich die Strophen schreiben soll. Wenn die Sterne günstig stehen und das Universum auf meiner Seite ist, dann passt auch irgendwann mal beides. Erst wenn alle Faktoren passen, wird ein Song draus.

rappers.in: Auf "Meinungsfrei" machst du dich beispielsweise über den gesellschaftlichen Reflex und Versuch lustig, immer beide politische Seiten zu verstehen.

Alligatoah: Tatsächlich ist es so, dass der Song "Meinungsfrei" im Grunde genommen eine Parodie auf mich selbst ist. Ich bin selbst eine Person, die oft zwischen den Stühlen steht und gezwungen ist, beide Seiten zu verstehen, um im Freundeskreis Frieden zu schaffen. Ich bin oft die Person, die die Gegenposition einnimmt, um ein Gespräch ausgewogener zu machen. Das mache ich ja auch irgendwie mit meiner Musik, in der ich den Blickwinkel von sehr radikalen Figuren einnehme, deren Meinung oftmals komplett abwegig ist. Dieses "Meinungsfreie" und "Neutrale" habe ich auch an mir selber beobachtet und genauso parodiert, wie ich eben alles parodiere. Ich will nicht auf andere zeigen, sondern auf alle. Und davon nehme ich mich selber nicht aus.

rappers.in: Würdest du dir trotzdem mal von Helene Fischer ein klares Statement gegen die AfD wünschen?

Alligatoah: Ich würde es mir nicht wünschen, weil ich glaube, dieses Statement würde nicht gut … (zögert) sein. Vielleicht würde es in einem Schlagersong daherkommen, vielleicht wäre es aufgeladen mit falschen Emotionen oder Überschwänglichkeit, die im Grunde auch nichts bewirkt. Ich plädiere dafür, dass man dann ein Statement abgibt, wenn man sich seiner Sache sicher ist. Dann bin ich auch großer Freund davon, wenn sich Leute positionieren.

rappers.in: Ist das bei deinem eigenen Album eigentlich die Idee, Leute zum Denken anzuregen oder stört es dich sogar, wenn Leute zu viel in deine Texte hineininterpretieren?

Alligatoah: (lacht) Das ist immer ein schönes Experiment, wenn ich einen Song herausgebracht habe, auf Genius die Interpretationen durchzulesen. Ich freue mich immer, wie viel von dem, was ich in meine Text reinstecke, auch wirklich rausgefischt wird. Und hier und da sind dann auch mal Sachen dabei, die ich auch zum ersten Mal über meine Songs erfahre. Ich glaube, meine Hörerschaft erwartet das inzwischen auch und macht da ein richtiges Spiel draus, alle Doppeldeutigkeiten herauszufinden.

rappers.in: Auf dem Track "Terrorangst" überzeichnest du das Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung. Macht es das zurzeit schwierig, all deine Charaktere zu verkörpern? Früher bist du ja mit Sturmmaske aufgetreten und hast dich als Terrorist inszeniert.

Alligatoah: Nein. Ich bin auf meinem Albumcover zwar eine Blume, aber eine Blume mit Terrormaske. Von dieser Darstellungsform würde ich nicht abrücken, nur weil die Zeiten anders geworden sind. Ich fand im Zusammenhang mit dem Terrorismusthema allerdings die Angst und Paranoia wesentlich spannender, als nochmal selbst als Terrorist Bomben hochzujagen. Das ist auch das, was ich vorhin meinte: Ich will mich nicht auf jedem Album wiederholen.

rappers.in: Ich würde gerne noch auf deine letzte Tour zu sprechen kommen. Statt auf große Stadiontournee zu gehen, hast du bei "Akkordarbeit" deine Songs in kleinen Akustik-Gigs neu aufgelegt. Wie kam es dazu?

Alligatoah: Poah, das ist eine weit gefasste Frage. Anfangs war das gar nicht mit großen Plänen verknüpft. Ich saß damals mit meinem ehemaligen Gitarrenlehrer Sandro Giampetro für ein Video zusammen und habe zum ersten Mal gemerkt wie es ist, nicht über seine Beats vom USB-Stick zu rappen, sondern zusammen mit jemandem zu musizieren. Da ich zur gleichen Zeit erstmals größere Hallen gefüllt habe, fand ich es ganz schön, eine kleine Tour als Gegengewicht zu spielen. Und so war die "Akkordarbeit" geboren und damit die Idee, das jedes Jahr mit einem anderen Instrument zu machen. Damit zwinge ich mich, meine Songs immer wieder neu zu interpretieren und meine Zuhörer, sich mal einen ganzen Abend lang nur mit einem einzigen Instrument auseinandersetzen zu müssen (lacht). Das macht großen Spaß und hält am Ende meine Musik auch lebendig.

rappers.in: Gibt es noch ein Live-Konzept, das du gerne ausprobieren würdest?

Alligatoah: Es gibt noch diese kleinen, schwitzigen Club-Shows, bei denen große Künstler mit Band richtig Alarm machen und alle springen und moshen durch die Gegend und der Schweiß tropft von der Decke. Diese Art Konzert habe ich zu Gunsten der Akkordarbeit nie gemacht, aber irgendwann nochmal so eine richtig kleine Show zu spielen, da hätte ich schon Lust drauf. Und ich würde gerne in der Natur spielen! Vor Niemandem.

rappers.in: Vor Niemandem?

Alligatoah: Genau. Nur für die Natur. Vielleicht kommt das ja bald.

rappers.in: Ist "Schlaftabletten Rotwein" mit dem fünften Teil eigentlich für immer beendet oder kommt da in ein paar Jahren vielleicht doch noch ein Teil?

Alligatoah: Schon als "Schlaftabletten Rotwein 3" erschienen ist, dachten die Leute, damit wäre die "Trilogie" jetzt abgeschlossen. Da war es mir ganz wichtig, "StRw 4" hinterherzuschießen, denn die Reihe ist keine Trilogie, auch keine Quadrologie, sie ist gar keine -ogie. Sie ist auch keine Ideologie. Wenn es dann mal so sein sollte, dass ich genug Songs habe, die zu keinem Thema passen, wird es auch einen neuen Teil geben. Das ist immer eine offene Tür.

rappers.in: Vielen Dank für das Gespräch! Jetzt ist noch Platz für die Worte an die fünf Leute, die schon vor zehn Jahren Trollkommentare unter deine Tracks geschrieben haben.

Alligatoah: Ähhhh, rappers.in, ja. Was geht? Wisst ihr noch, als auf der rappers.in-Seite mein "In Gottes Namen"-Banner oben und unten und überall eingebaut war und sich alle Leute beschwert haben, dass die Seite nur noch aus Alligatoah-Werbung besteht?... Das waren noch Zeiten.




(Friedrich Steffes-lay)

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