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Review: Ali As – Amnesia

veröffentlicht: Dienstag, 27.01.2015, 17:24 Uhr
Autor: Felixxl





01. Amnesia
02. Flugmodus an feat. Megaloh
03. Hoodie x Chucks
04. Wenn Heino stirbt
05. Ballern
06. Deutscher / Ausländer feat. Pretty Mo
07. Gästeliste +0 feat. Muso
08. Nebelpalast
09. Coconut Grove
10. Geigenkästen
11. Ingrid
12. Richtung Lichtung
feat. MoTrip
13. Sonnenmaschine
14. BONUS: Zerrissene Jeans
15. BONUS: Hoodie x Chucks
feat. Eko Fresh & Samy Deluxe


Warum ausgerechnet Ali As derzeit als gefeierter Newcomer angepriesen wird, entzieht sich etwas meinem Verständnis, handelt es sich doch bei dem gebürtigen Münchener keineswegs um ein unbeschriebenes Blatt. Im Umfeld des neuen Südens entstanden einige Mixtapes, die letztlich auch einen gewissen Samy Deluxe auf den Plan riefen. Der Durchbruch blieb zwar aus, mehrere Mixtapes und ein Debutalbum auf hohem Reim- und Punchlineniveau sowie die Featureliste des vorliegenden Werkes lassen aber eigentlich darauf vermuten, es hier mit einem gestandenen Künstler zu tun zu haben. Doch trotz dieser Vergangenheit scheint sich etwas grundlegend geändert zu haben. Sei es das fehlende Dollarzeichen im Namen oder ein gewandeltes äußeres Erscheinungsbild – alles erweckt den Anschein einer durchlaufenen Entwicklung. Ob sich dieser Eindruck bestätigt oder hier doch nur eine geschickte Marketingtäuschung vorliegt, wird "Amnesia" hoffentlich zeigen.

"Ich les' selten einen Newsblog/ diese Welt ist eine Jukebox/
die nicht spielt was ich hören will – diese LP ist der Muteknopf/
sie melden ich sei zu soft?/ dann scheiß auf die/
Es ist wie Amaturen von K.I.T.T. – es spricht der Neid aus ihnen/
"
(Ali As auf "Amnesia")

Die Vorahnung bestätigt sich; eine gewisse Aufbruchstimmung liegt in der Luft, wenn der Beat zum einleitenden Titeltrack mit mächtigem Bass und hektischen Elektrosunds einsetzt. Die etwas profillose, perfektionistische Art von früher ist einer gewissen Roughness gewichen. Diese neu gewonnene Emotionalität steht dem Protagonisten hervorragend zu Gesicht. Wo früher glatt gebügelt wurde, eckt der neue Ali As mit Freuden an – die selbst besungene Umprogrammierung scheint erfolgreich zu verlaufen. Skilltechnisch braucht er sich sowieso vor den wenigsten in Deutschland zu verstecken, die Reimtechnik und Textstruktur spielt ohne bemüht zu wirken auf höchstem Niveau mit. Dass der Mann punchlinemäßig einiges auf dem Kerbholz hat und stets selbst mit den in Verruf geratenen Wie-Vergleichen zu unterhalten weiß, sollte eigentlich keine Neuigkeit sein. Das ist natürlich kein Grund für Ali , in 2015 nicht weiter "mächtige Dre Kicks wie in Eminem Songs" (Ali As auf "Flugmodus an") zu verteilen. Gelegentlich neigt der Protagonist dieses Stilmittel jedoch zu überreizen, was besonders in der gerade zitierten Featurenummer mit Megaloh sauer aufstößt. Hier wäre im sprichwörtlichen Sinne weniger sicherlich mehr gewesen, in den meisten Songs wird das Maß allerdings gehalten.

"Öfters im Studio als Gucci Mane im Knast/
und du hasst ein Asamoah wie rechte Hooligans am Platz/
meine Crew ist ständig wach – und tickt Sativa/
Bullen sind dicht auf den Fersen – wie Wiz Khalifa/
"
(Ali As auf "Geigenkästen")

Doch auch abseits von Battle- und Representerrap hat Ali As auf "Amnesia" einiges zu bieten: So wird die derzeit wieder besonders aktuelle Nazithematik auf unterhaltsame und tatsächlich innovative Art und Weise im Dialog mit Pretty Mo abgearbeitet ("Deutscher / Ausländer"), mit alten Weggefährten abgerechnet ("Gästeliste +0") und die Ambivalenz zwischen Revolution und dem Wunsch nach einem guten Leben zelebriert. Wie der Albumname schon vermuten ließ, nimmt auch ein gewisses, in Rapmusikkreisen recht beliebtes grünes Gewächs einen hohen Stellenwert ein, wobei hier allerdings keineswegs blind glorifiziert, sondern reflektiert und hinterfragt wird ("Nebelpalast"). Abgrenzung, Flucht und Außenseitertum sind ebenfalls stetig wiederkehrende Elemente auf "Amnesia", das eine Grundmelancholie mit sich trägt, die wohl im Zusammenhang mit der bereits vermuteten künstlerischen Entwicklung steht.

"Wir müssen nichts – wir flüchten bis/
zum Küstenblick – er ist endlos
Die Welt dreht sich hier nur in Slowmo – halt/
unseren Moment fest für ein neues Fotoalbum/
"
(Ali As auf "Coconut Grove")

Auch musikalisch hat sich einiges beim Herren As getan. Hießen die Produzenten zu Deluxe Records Zeiten noch Tracksetters, Tai Jason oder Goofiesmackerz, so hat man sich bei diesem Album bewusst auf ein kleines, familiäres Team reduziert. Als Hauptproduzent trat ELI mit tatkräftiger Unterstützung von David Ruoff und Max Gain in Erscheinung. Gemeinsam kreieren sie ein stimmiges Gesamtbild irgendwo zwischen organischen Samples, elektronischen Sounds, warmen Bässen und atmosphärischen Synthies, welches die Aufbruchstimmung und melancholische Trotzhaltung des Rappers passend einfängt und mitträgt. Man merkt, dass das kein bloßes Beat picken aus einer Liste von Produzenten war, sondern hier wirklich ein Gemeinschaftsprojekt vorliegt, in das sämtliche Beteiligte eine ordentliche Portion Herzblut gesteckt haben. Die Beats wechseln mit den Thematiken zwischen entspannt und druckvoll, wobei nie der Eindruck entsteht, dass es willkürlich sei, sondern stets ein roter Faden in der Arbeit der Produzenten zu erkennen ist. Die Featuregäste tun ihr übriges und erweitern das Album um eine abwechslungsreiche Note: Sei es Megaloh, der in "Flugmodus an" mit einer 16 Zeilen Reimkette wieder einmal beweist, dass man mit ihm als Feature nie falsch liegt oder der mir bisher zu meiner Schande unbekannte Muso, der mit seinem experimentellen Flow "Gästeliste +0" eine interessante Note verleiht. Lediglich MoTrip hinterließ bei mir keinerlei Eindruck, weder positiv noch negativ.

Fazit:
Ali As blickt eigentlich auf eine lange Karriere zurück und trotzdem bekommt man bei "Amnesia" das Gefühl, dass es gerade erst los geht. Technisch versiert flowt er sich durch seine Welt und macht den letzten Jahren Luft. Gut durchdachte Punchlines, intelligente Texte – an sich bekommt man alles geboten. Lediglich der starke Hang zu Wie-Vergleichen, die zwar manchmal sehr innovativ, gelegentlich aber auch arg altbacken daherkommen, stört vereinzelt den Hörgenuss. Ansonsten macht das Team um den Hauptakteur sehr viel richtig, besonders die neu gewonnene thematische Vielfalt und der eingeschlagene musikalische Weg hinterlassen den Eindruck, dass sich hier Menschen mit einer identischen Vision getroffen haben. Trotz kleiner Schönheitsfehler bereichert uns Ali As also schon im Januar mit einem Album, dass auch Ende 2015 noch in den Playlists der hiesigen Rapfans auftauchen sollte und wird.


Felixxl (Felix Bartsch)



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