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Review: Ahzumjot – Luft & Liebe

veröffentlicht: Montag, 06.03.2017, 12:31 Uhr
Autor: Max





01. Alles
02. Gut in der Nacht
03. Limbo
feat. Casper
04. Fuccbois Freestyle
05. Lowkey
feat. Chima Ede
06. Lowkey Edit
07. Geh Nicht
08. Luft & Liebe
09. Interlude
10. Koordinieren
11. Kdddv


Glaubt mir: Für Deutschrap-Journalisten gibt es nichts schöneres, als über Ahzumjot zu schreiben. Seine Karriere, seine Musik – sie geben uns Sicherheit, erwecken in uns die Hoffnung, wir könnten in Zeiten von Videointerviews, Facebook-Fanpages und Tweefs immer noch die kommerzielle Relevanz eines Künstlers durch so etwas wie eine Review oder ein Textinterview beeinflussen. Glücklich suhlen wir uns nach jeder positiven Bewertung seiner Releases im eigenen Ach-so-relevanten Charme, den wir ihm unentwegt mit jedem Text entgegenwerfen. Die Diskrepanz zwischen seiner musikalischen Qualität und dem kommerziellen Erfolg seiner Musik scheint wie geschaffen für Aussagen wie "der wird es noch weit bringen", "mit diesem Release, da wird er ganz oben ankommen" oder "lang verdient". Völlig egal, was, klar ist: Wenn er dann durchstartet, wir haben es gewusst. Und was gibt es schöneres für einen Musikjournalisten, ja für Journalisten generell, es vor allen anderen zu wissen? Schließlich ist es ja gerade seit einigen Jahren genau andersherum: Wir erkennen Hypes, wenn überhaupt, sobald sie so richtig da sind. Shoutout 187ers, Shoutout Yung Hurn. Deswegen setzen wir auf Ahzumjot. Er ist unsere Aktie, auf die wir Journalisten seit mittlerweile über fünf Jahren so verzweifelt bauen und mit jedem seiner Releases immer mehr investieren. Nun steht sein neuestes Werk "Luft & Liebe" gratis zum Download bereit. Zahltag?

Ein Problem dabei ist: Irgendwie scheint er es ja auch nicht so ganz zu wollen. Jedenfalls zwingt er sich nicht. In Zeiten, in denen der Inhalt deiner Promobox die Antwort auf die Charts-Frage ist, droppt der gute Mann so einige Releases mal eben for free. Die Krux dabei ist, dass sich zu verbiegen gerade die Voraussetzung für großen Erfolg zu sein scheint (so zumindest vermittelt es Ahzumjot einem oft genug, mit Sicherheit hat er da auch nicht ganz Unrecht), wenn er selbst also sich verböge, würde er erfolgreicher – wir Journalisten könnten uns aber nicht mehr für unseren Geheimtipp feiern. Ein schmaler Grat, den man bei Karriereberatungen deutscher Rapper beschreitet, vielleicht sollte man es als Außenstehender daher ganz lassen. Shoutout an HipHop.de.
Ein weiteres Problem: Seine Musik ist eben auch wirklich gut. Und wird weiterhin besser. So viel man sich windet und so viele Sprüche man auch bringt – am Ende des Tages enttäuscht dieser Interpret einen einfach nicht. Auf "Luft & Liebe" setzt er nämlich das konsequent fort, was er 2016 bereits geschaffen hatte. So beschreibt er es auch selbst in drei hämmernden Parts im Muster-Representer "Training", der es nicht einmal auf das fertige Album geschafft hat.

'QT02' war der Rebound/
'Die Welle' der Assist/
Alley Oop diese Scheisse dieses Jahr/
Als wär es nichts/

(Ahzumjot auf "Training")

Musikalisch beschreitet Ahzumjot im deutschsprachigen Raum nahezu unbekanntes Terrain. Der große rote Faden, der sich gefühlt durch jede einzelne Zeile zieht, ist Atmosphäre. Atmosphäre, Atmosphäre, Atmosphäre. Ob bei einem Einstieg, der von Bon Iver sein könnte, oder einem "Geh nicht", dessen Beat sich zu genau den richtigen Momenten zurücknimmt, um sich dann wieder voll zu entfalten. Auch mit den Outros lässt der Protagonist sich Zeit: Auf so ziemlich jedem zweiten Track gibt es ein einminütiges Outro, das die Stimmung des Songs noch einmal in sich auffängt. Kann einen langweilen, lässt man sich aber auf die Stimmung des Albums insgesamt ein, sind sie der perfekte Aufhänger und gleichzeitig Übergang. Innerhalb der einzelnen Tracks bekommt jede Zeile musikalisch sehr viel Raum, anstatt von Reimketten oder Instrumenten erdrückt zu werden. Das verleiht ihnen nicht nur mehr Nachdruck, sondern gewinnt dem Hörer auch eine größere Aufmerksamkeit ab. Und neben all der Finesse beim Produzieren und musikalischen Ausgereiftheit, die ganz ohne eingespielte Instrumente auszukommen scheint, begegnet uns ein Ahzumjot, der weder traurig noch euphorisch von sich und seinem Leben erzählt. Ganz ehrlich, völlig schnörkelfrei, ohne beim Hörer Mitleid oder große Freude wecken zu wollen:

Bin nicht reich, bin nicht arm, ist okay/
Der Hype ist schnell vergang', ist okay/
Der Familie geht's nicht gut, doch ist okay/
Hab' nicht viel, doch ist genug, ja, ist okay/

(Ahzumjot auf "Lowkey")

Keine Zeilen, die auf ein Zitat beim nächsten Instagram-Post abzielen, keine, die irgendwie nach Aufmerksamkeit schreien. Diese Ehrlichkeit und Authentizität trifft absolut den naturalistischen Zeitgeist, ohne dass der Interpret dies bewusst gewollt zu haben scheint. Er beschreibt finanzielle Probleme, den Zwiespalt zwischen Viel und Sich verkaufen und einzelne Liebesgeschichten, ohne dabei aber in Pathos oder großartige Melancholie abzudriften. Er stellt sich dar, wie er und sein Leben nunmal sind, mit Höhen und Tiefen, und hüllt das Ganze in ein großartiges Gewand. Selbst seine zwei Gäste Chima Ede und Casper wirken einwandfrei platziert. Gerade bei "Limbo" werden sich viele gefragt haben, was der Wenig-Macher Casper zu sagen hat, viel interessanter ist aber doch, wie der Protagonist mit einem solchen Schwergewicht als Gast umgeht. Die Antwort vorweg: Er macht es einwandfrei. Jeder gibt einen starken Representer-Part zum Besten auf einem minimalistischen Beat, der dem Gast genug Raum für seine einzigartige Stimme gibt, ohne dabei Ahzumjot in den Hintergrund zu rücken. Gut aber dennoch, dass der "Fuccbois Freestyle" danach das Ganze ein wenig auflockert.

Ihr habt die Singles, doch ich hab‘ die Diskographie/
Nur blickt ihr Pisser das nie/
Dass ich gottverdammt nochma‘ Geschichte mit schrieb/

(Casper auf "Limbo")

Und so sehr die amerikanischen Einflüsse nicht zu leugnen sind, so sehr ist Ahzumjot immer noch deutsch und gleichzeitig eigen; da geht auch mal ein Shoutout an den Steuerberater, ohne fehlplatziert zu wirken. Denn auf "Luft & Liebe" beweist sich Ahzumjot weder als die x-te Travis-Scott-Kopie noch als ein festgefahrener Deutschrapper. Er hat Ideen und die setzt er um. So auch auf den letzten beiden Tracks, die mit jeweils fast sechs Minuten etwas vollgepackt von Kreativität wirken. Beide erweisen sich jedoch als eingängig, vor allem "Koordinieren" vergeht wie im Flug. Wieder persönliche Themen, wieder stark gerappte Parts. Und nebenbei eine Mischung aus Eingängigkeit und Komplexität, die es im Deutschrap selten, vermutlich sogar gar nicht, gibt.

Fazit:
Selten lief ein Tape so gut durch, ohne langweilig zu sein. Der Dirigent setzt genau an den richtigen Stellen die richtigen Elemente, um eine über mehrere Tracks aufgebaute Stimmung bewusst zu lenken beziehungsweise aufrechtzuerhalten. Dabei wirkt er jedoch alles andere als versteift. Spätestens, wenn er zum Rappen ansetzt, verfliegt all die musikalische Komplexität und wirkt so locker und gereift, dass es nichts weiter als Spaß macht, dieses mit Sicherheit beste Album einer bisher nicht tadellos verlaufenen Karriere zu hören. An dieser Stelle ist es wohl angebracht, mit den Gepflogenheiten eines Magazins zu brechen. Denn wenn Ahzumjot selbst keine Werbung machen will, machen wir das heute Mal direkt: Leute, hört Euch dieses Album an. Gibt es überall gratis. Ihr werdet daraus etwas mitnehmen. Einigen werden vielleicht auf Dauer die langen Outros aufstoßen, andere am Ende skippen, da sie sich nur schwerlich auf die beiden Anspielzeiten einlassen können. Doch wenn man das Album wirklich ernsthaft und bewusst hört, kann man es nur großartig finden.
Ahzumjot ist das gute Gewissen Deutschraps und allein deswegen, vor allem aber, weil sein neuestes Tape wohl eines der musikalischsten, innovativsten und einfach besten der letzten Jahre ist, hat er weitaus mehr verdient. In diesem Sinne: Er wird es noch weit bringen, mit diesem Release wird er ganz oben ankommen, er hätte es lange schon verdient. Schade, denn vor allem die dritte Aussage passt zu niemandem besser als zum Macher dieses tollen Werkes. Weiter so.


(Max)



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