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Review: Absztrakkt & Snowgoons – Bodhiguard

veröffentlicht: Freitag, 14.11.2014, 14:52 Uhr
Autor: Cuttack





01. Bodhiguard
02. Gooddha
03. Skit 1
04. Silberummantelte Diamantgeschosse
feat. Aslan Neter
05. I shot the sheriff
06. Präsenzkraft
07. Skit 2
08. Monica Bellalutschi
09. Skit 3
10. Bodhishinobi
feat. Cr7z
11. Tru masta kill feat. Questgott, R.U.F.F.K.I.D.D. & Defekt36
12. Bad Karma feat. Jinx & Sirviva
13. Bodhicore feat. Defekt36 & Sirviva
14. Skit 4
15. Deep lieb
16. In allen Zeiten und Welten
17. Stadt des Lichts
18. Skit 5
19. Peace 2 the guards


Es gibt diese Rapper, die sich in ihrer Laufbahn einen so guten Status erarbeitet haben, dass sie sich in Rapdeutschland zu den Vorzeigefiguren des Untergrunds zählen dürfen. Auch, wenn diese Künstler gewissermaßen ein Nischendasein führen, und ihnen nur selten der große kommerzielle Erfolg vergönnt ist, gelten sie als Ausnahmetalente, und werden oftmals als Paradebeispiele für gute deutsche Rapmusik verwendet. Und selbst, wenn man sich mit dem MC selbst noch nicht auseinandergesetzt haben sollte, können Connections und Features dessen Stellenwert oft verraten. Sollte man den Lüdenscheider Rapper Absztrakkt also nicht sowieso schon zu ersterer Gruppierung zählen, erkennt man schnell, dass auch er sich zum exklusiven Club der deutschen Untergrundgrößen zählen darf, indem man nur einmal die Liste derer betrachtet, die ihm ein Shoutout haben zukommen lassen: Neben Prezident, Donato, Cr7z, Lakmann, Morlockk Dilemma und der Antilopen Gang bewerben sogar die englischsprachigen Acts Aslan Neter, Celph Titled und Apathy das Album. Folgerichtig gilt es nun also, herauszufinden, ob Absztrakkt an dieser Stelle nur sein Vitamin B ausgespielt hat, oder ob er diesen Erwartungen tatsächlich gerecht werden kann.

"Wir gelten als rare Exemplare/
X-Men, bei denen dein ätzend affiges Heldengehabe/
Letztends zu einem Felsen erstarrte/
Ich bin eine weiße Taube, doch ich fliege mit den Elstern und Raben/
"
(Absztrakkt auf "In alle Zeiten und Welten")

Der erste Eindruck, der vermutlich jedem Hörer bei Absztrakkt in den Sinn kommt, ist die immense Andersartigkeit. Seien es die Textinhalte, deren Präsentation, die Wortwahl, der Rapstil oder die Instrumentals: Ob man es nun mag oder nicht, es gibt in Deutschland beinahe nichts Vergleichbares. Statt überheblicher Selbstbeweihräucherung predigt Claudio nämlich Bescheidenheit und Demut, statt materieller Dinge liegt der Fokus auf spiritueller und geistiger Reife, und statt stumpfen Battletracks werden besagte Weisheiten in verworrenen Storytellern mit buddhistischen Motiven verwoben. Dabei im Zentrum steht immerzu Absztrakkt als der "Bodhiguard" – wobei es sich um eine Wortneuschöpfung aus "Bodyguard" und dem Sanskrit-Wort "Bodhi" für "Erwachen" handelt – und seine vorrangig in den Skits transportierten Verhältnisse zu denjenigen, die er beschützen soll. Ob diese nun als Rapszene interpretiert werden oder eine ganz andere Funktion einnehmen, darüber lässt sich natürlich streiten, und es gibt einige Möglichkeiten, den inhaltlichen Zugang zu finden. So ergibt sich die Rolle als Wärter des Lern-Entwicklungsprozesses der musikalischen Szene, sollte man diese Interpretation weiterspinnen wollen. Insgesamt entsteht über die Laufzeit des Albums ein äußerst vielschichtiges Bild des Rappers, das sich nicht nur durch die spezielle Erzählweise aus der Masse abhebt. Absztrakkts komplette Selbstdarstellung bleibt vielfältig und äußerst interessant, ohne dabei auch nur im Geringsten an Authentizität einzubüßen. Lediglich stören nur einzelne Formulierungen, und der Track "Monica Bellalutschi", der in seiner stumpfen Thematik genau wie seinerzeit "Goldständer" auf "Diamantgeiszt" einfach nicht so recht ins Albumkonzept passen will und beim Durchhören immer wieder negativ aufstößt.

"Ich trage im Herz diese Frau/
Mit der ich sieben oder acht Jahre zusammen war, ich weiß es nicht mehr genau/
Sie weiß das besser, vielleicht haben wir genau das gebraucht/
Vielleicht haben wir's aber auch endgültig versaut, mal gucken/
"
(Absztrakkt auf "Monica Bellaltuschi")

Auch musikalisch gilt, dass Absztrakkt ein absolutes Unikat der deutschen Szene darstellt. Seine raubeinige und markante Stimme kommt mit einem derartigen Druck daher, dass die nicht unbedingt intuitiv geführten Flowpattern durchaus dazu leiten können, dass man nicht auf Anhieb mit dem musikalischen Stil warm wird. Dennoch gilt für beinahe das komplette Album, dass die Tracks sich bei öfterem Hören von einem guten ersten Eindruck ins Großartige steigern, und die Art zu Rappen, die im ersten Moment sogar ein wenig offbeat erscheinen mag, mit jedem Hörgang mehr und mehr mit den Instrumentalen verschmilzt. Diese sind, wie man von der alteingesessenen Produktionscrew der Snowgoons erwarten dürfte, absolut hervorragend. Denn neben dem harten Sound zwischen Golden Era und asiatischen Klangeinflüssen findet sich auch hier immer wieder die positive und helle Note, die den Aussagen von Absztrakkt den letzten Nachdruck verleiht und das Gesamtprodukt abrundet. Dazu kommen eine kleine Palette an Featuregästen, die bis auf Aslan Nestler geschlossen aus dem 58Muzik-Camp stammen und eine ähnlich energetische Figur abgeben – und dabei weder hervorstechen, noch negativ herausfallen, sondern eher unauffällig am Hörer vorbeigehen. Natürlich hätte ich lieber einen Cr7z-Part mehr und dafür einen Defekt36 weniger gehört; aber man hat selbst während der Flut an Gastparts zu Beginn der zweiten Hälfte nie das Gefühl, dass das gerade wirklich stört.

"Kleiner, du verstehst mich noch nicht, und du hörst nicht richtig hin/
Aber hörst immer wieder, bis der Stern aus dir entspringt/
Und falls es dir gelingt, dass du dich infrage stellst/
Ist mein Rap eine Begegnung mit dir und deinem wahren Selbst/
"
(Absztrakkt auf "I shot the sheriff")

Fazit:
Sobald man den Zugang zur Musik von Absztrakkt einmal gefunden hat, entfaltet sich "Bodhiguard" als ein kleines Meisterwerk seiner Sparte. Findet man diesen nicht, wird man folgerichtig auch absolut keine Freude an der Platte haben, aber es zeugt von der Konsequenz des Musikers, dass gar nicht erst versucht wird, Hörer mitzunehmen, die sich der Thematik nicht öffnen können. Auf den musikalischen Hochkarätern der Snowgoons präsentiert sich der Lüdenscheider dabei facettenreich, ernst und absolut authentisch. Bis auf die wenigen kleinen Ausreißer sitzt jede Formulierung; jeder Track erfüllt seine Funktion. und auch die Featuregäste fügen sich perfekt zu einem Bild zusammen, das über 19 Anspielstationen inklusive fünf Skits zu einem intelligenten und avantgardistischen Gesamtprodukt verschmilzt. Sollte man also mit der Art und dem Stil auch nur ansatzweise etwas anfangen können, sollte man dem auf jeden Fall eine Chance geben – man wird es wohl kaum bereuen.


(Yannik Gölz)




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