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Review: AZAD – Leben II

veröffentlicht: Montag, 08.02.2016, 20:50 Uhr
Autor: KDePa





01. Intro
02. Dreh ab
03. T-Rex
04. Brenn

05. RAP feat. Motrip
06. 187 feat. Gzuz und Bonez MC
07. Werte feat. Jeyz
08. Blind feat. Blut &Kasse
09. Narben & Tränen
10. Phoenix II
11. Veritas (Skit)
12. Nicht wie ihr
feat. Schatten und Helden
13. Kaiserrap
14. Manifest
15. Weltbild
16. Who the Bozz?


Einige Fans hatten schon gar nicht mehr daran geglaubt, AZADs seit einer gefühlten Ewigkeit immer wieder angekündigtes, zwischenzeitlich auch "Nebel" getauftes Album werde eines Tages doch noch einmal in den Plattenläden des Landes zu finden sein. Nach einigen Durchhalteparolen und Entschuldigungen seitens des Künstlers, kurz bevor es zum deutschen Pendant zu Dr. Dres "Detox" zu werden schien, hieß es dann im letzten Jahr schließlich doch, das Album werde definitiv erscheinen. Und nun, fünf Jahre nach seinem letzten Release und mit fünfzehn Jahren Abstand zum nominellen Vorgängerwerk steht AZAD mit "Leben II" wieder mitten im Fokus der Deutschraphörerschaft – wenn auch einigen jüngeren Hörern gar nicht mal mehr so bekannt – und sieht sich einem Sturm gemischter Erwartungen ausgesetzt.
Kann er auch im Jahre 2016 als Oldie der Szene noch überzeugen? Wird die Platte im Schatten des Klassikerstatus des Erstlingswerkes verkümmern oder hat sich die lange Wartezeit der Fans auf Neues vom Bozz gelohnt?

Schon das "Intro" ist eine klare Ansage: Vor Selbstüberzeugung nur so strotzend vergleicht es den Entstehungsprozess des Albums mit Geburt und Heranwachsen eines Neugeborenen. Gleichzeitig verdeutlicht diese Analogiebildung aber auch, wie viel "Herz", "Blut", "Schmerz" und "Liebe" der Rapper in diese Platte gesteckt hat und erklärt somit auch die lange Dauer bis zur Fertigstellung.
Voller Neugier geht es in die ersten Songs auf "Leben II". Hier spielt die "Faust des Nordwestens" ihree erste Trumpfkarte "Härteste Härte" aus und fährt die gnadenlose Battle-Schiene. Auf "Dreh ab" wird zum Rundumschlag ausgeholt. Mit treibenden, druckvollen Stimmeinsatz geht AZAD keine Kompromisse ein und teilt ordentlich aus. "T-Rex" und "Brenn" schlagen in die gleiche Kerbe, wobei Wortwahl und Attitüde den Anschein erwecken, als ob der 42-jährige Frankfurter tatsächlich auf den Großteil vom Rest der Szene, welcher von ihm immer wieder so schön als Picos, Schmock oder Khabas bezeichnet wird, herabschauen kann und es wirklich nicht nötig hat, sich über Chartplatzierungen oder YouTube-Klicks Gedanken zu machen. Keine Phrasen, keine Übertreibungen, dafür ein detailliert ausgefeiltes Soundbild und Atmosphäre, an denen die von DJ Rafik und AZAD selbst gesetzten Cuts keinen geringen Anteil haben. Der Bozz will sich nicht nur durch den reinen Ausspruch vom gemeinen Durchschnittsrapper absetzen, sondern versucht, seinen Worten auch Taten in Form brachialer Produktionen, für die sich m3, X-Plosive, Brisk Fingaz oder Gee Futuristic & Hookbeats verantwortlich zeigen, sowie lyrische Qualität vom Feinsten folgen zu lassen.

"Der Typ, von dem dein Leben mit 'nem Vers hier zerfickt wird/
Ist A-Z-A-D – ich werd's dir diktieren/
Das ist der Typ, aus dessen Scheiße sie entsprungen sind/
Ist immer noch der Typ, der sie mit Zeilen jetzt umbringt/
Der Typ zeigt euch, wie ein Großmeister der Kunst klingt/
Und ihr seid die Typen, die dann leider gebumst sind/
"
(AZAD auf "T-Rex")

Auch die Auswahl der Gastauftritte scheint sehr klug gewählt. MoTrip, einer, der wie kaum jemand anderes das Rappen über Rap versteht, ergänzt AZAD perfekt, wenn dieser auf "RAP" eine Ode an die genannte Musikrichtung liefert, erzählt, wie er ihr begegnete, und dabei seinen US-amerikanischen Jugendidolen Tribut zollt. Man merkt spätestens hier, dass für Bizzo HipHop immer noch bedeutsam ist, nicht nur als Kunst, an der er immer wieder feilen und tüfteln muss, und Ausdrucksform innerer Zustände, sondern als Sinn stiftende Lebenseinstellung und sich ständig ausdifferenzierendes Lebensgefühl. Zusammen mit den beiden Durchstartern des Vorjahres, Gzuz und Bonez MC von der 187 Straßenbande, zeigt AZAD dann auf der Anspielstation "187", dass Straße auch 2016 noch auf innovative und authentische Art und Weise in deutschen Rap stattfinden kann. Zu einem düsterem Beat wird hier am wohl deftigsten auf "Leben II" rumgepöbelt, bevor es die Hörerschaft dann in eine Art zweite Phase der Tracklist führt, auf der der Frankfurter seinen nächsten und wahrscheinlich noch größeren Trumpf aufspielt: "Deepeste Deepness".
Auf "Werte" und "Blind" gibt es feinsten Conscious Rap auf die Ohren. Unterstützt von Kollege Jeyz sowie Blut & Kasse, die beide jeweils eine gelungene Hook beisteuern, klagt AZAD Kälte, Härte und Empathielosigkeit in der Gesellschaft an. Mit typisch ruhiger, markanter Stimme wird auf sanften Instrumentals auf die prekäre Situation deutscher Renner und Arbeitsloser, auf Armut in Entwicklungsländern oder Krieg in weiteren Teilen der Welt aufmerksam gemacht. Seine "Narben & Tränen" wirken nicht nur deshalb statt pseudo-melancholisch eher grundehrlich, da es auch um aktuelle Katastrophen in seinem kurdischen Herkunftsgebiet geht, sondern weil sich AZAD einfach als mitfühlender, reifer Mensch mit großem Gerechtigkeitssinn zeigt, ohne sich dabei konkreten politischen oder religiösen Lagern zuzuschreiben. Dabei schafft er es, seine Forderungen nicht naiv, vielmehr konkret und mitreißend klingen zu lassen. Den Abschluss dieser Reihe von thematisch ähnlichen, jedoch nicht langweilenden Songs bildet "Weltbild", auf dem das stimmgewaltige Feature Schatten und Helden, ein Duo, das vor allem durch Cover-Versionen von Deutschrap-Songs auf YouTube auf sich aufmerksam gemacht hat, für die einzigen Gesangsmomente auf dem Album sorgt.

"Egoismus und Missgunst/
Nur geradeaus ist die Richtung/
Alles dreht sich nur um Geld im Krieg/
Es ist 'ne Lügenstaffelei, auf der das Weltbild liegt/
"
(AZAD auf "Weltbild")

Schließlich will uns der Künstler auch noch seine technischen Fertigkeiten aufzeigen und flext auf "Kaiserrap" mit perfektem Flow und Stimmeinsatz über einen schnellen, virtuosen Beat hinweg. Und bevor man aus dem Album entlassen wird, gibt es zum Abscheid auch noch eine ordentliche Portion Humor und Wortwitz auf "Who the Bozz?" serviert. Neben einigen Spits wie "Die Leute fragen sich, ob Toxik Wikinger ist/ Die Leute sagen sich bei mir: 'Wuh, wie King er ist!'/" sorgen auch lustige Vergleiche à la "Der Name steht für Bozz, jeder kennt mich/ Deiner steht für Würstchen, wie 'mein Auto' auf Englisch/" für das ein oder andere Schmunzeln.
Aufgrund der kontrastierenden Themenblöcke auf dem Album ließe sich eventuell dem Künstler Inkonsequenz vorwerfen oder ein roter Faden vermissen, doch da dieser gerade für dafür steht, dass Musik genau wie die Menschen, die sie produzieren, manchmal mehrere Gesichter haben kann, und dies auch offen thematisiert, verbuchen wir AZADs Facettenreichtum doch einfach positiv auch als ein solches."Leben II" zeigt uns einen Deutschrap-Veteranen, der über die Jahre seine Fertigkeiten in sämtlichen Facetten dieses Musikgenres ausgefeilt hat, ohne sich dabei durch Endlos-Reimketten oder Geprotze über Money und Bitches zu profilieren. Im Gegenteil: auf "Nicht wie ihr" verurteilt AZAD sogar sexistische Raptexte. Mir persönlich würde es noch besser gefallen, wenn er auf dem nächsten Album in fünf weiteren Jahren auch noch weniger hypermaskuline und keine homophoben Textelemente zur Identitätsbildung und Abgrenzung verwendet. Aber das ist Meckern auf hohem, im Kontext Deutschrap eher utopischem Niveau.

"Ich hab' vor Frauen Respekt und schreib' nicht sexistische Texte/
Sohn einer Frauenrechtlerin, erzogen mit diesem Denken/
[…]
Und ich hab' Respekt vor jeder Religion, mir ist egal, wie sie heißt/
Bin kein Antisemit, ich bin Frieden und mein Name ist frei/
[…]
Bin nicht so wie ihr, guck, ich trag' Werte in mir/
Brauch' kein Geld, um mich zu profilieren, denn ich hab' mehr in mei'm Hirn/
"
(AZAD auf "Nicht wie ihr")

Fazit:
"Leben II" war die lange Wartezeit wert. AZAD erfindet sich nicht neu. Was er auf der Platte auffährt, ist der gewohnte Facettenreichtum, welcher bereits vorherige Releases auszeichnet. Ob brachiale Härte oder Melancholie, alles wirkt echt und authentisch, dabei perfekt ausgearbeitet und -produziert. Die 16 Tracks starke Scheibe überzeugt durch enorme Kompaktheit, wobei je nach Geschmack einzelne Highlights auftauchen können, das Niveau jedoch an keiner Stelle merklich abflacht. Zudem fügen sich die Features sowohl inhaltlich als auch atmosphärisch gelungen in das Gesamtpaket ein. Es gibt auf "Leben II" nichts Überflüssiges oder Überschwinglichkeiten, keinen falschen Pathos oder unreifes Dissen, dafür bekommt man echte Leidenschaft und Herzblut zu hören. Es ist das Album eines erwachsenen Mannes, der es nicht nötig hat, fragwürdige Konsumentenbedürfnisse zu befriedigen. Dieser wollte uns nicht zeigen, dass er der "beste Rapper", sondern lediglich ein "anderer Mensch" als die meisten anderen Protagonisten der deutschen HipHop-Landschaft ist. Letzteres ist ihm gelungen und in den Ohren vieler vielleicht doch auch Ersteres.


Maximilian Lippert



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