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Review: 23 – 23

veröffentlicht: Dienstag, 01.11.2011, 17:48 Uhr
Autor: TonySunshine





01. Intro
02. Mit nem Lächeln
03. Und schon wieder
04. So mach ich es
05. Willy 1 (Skit)
06. Engel links, Teufel rechts
07. Auch wenn es manchmal regnet
08. Erwachsen sein
feat. Peter Maffay
09. Bring mich heim feat. J-Luv
10. Ein Märchen
11. Willy 2 (Skit)
12. Haus aus Gold
13. Schattenseiten
14. 23
15. Verriegel deine Tür
16. Kopf kaputt
17. Schöne neue Welt
feat. Kay One

Ob man sie und ihre Musik jetzt mag oder nicht, mal ganz außen vor gelassen, eines steht doch wohl außer Frage: Interessiert war doch jeder, als bekannt gegeben wurde, dass Sido und Bushido nach jahrelanger Feindschaft doch tatsächlich ein gemeinsames Album veröffentlichen. Und eine größere Sache als wahrscheinlich die meisten Deutschrap-Kollaborationen zusammen ist es – in nahezu jeglicher Hinsicht – auch. Wie nicht anders zu erwarten, wurden zur Aufmachung und Promotion keine Kosten und Mühen gescheut, damit das Ganze auch ordentlich etwas darstellt. Gekrönt wurde das mit dem filmreifen, – wenn auch mir nicht ganz sinnerschließenden – grandiosen Video, dessen Produktion laut eigener Aussage die 100.000 Euro-Grenze weit überschritt. Königlich entlohnt werden beide Beteiligten auch geworden sein, so antwortete man auf Nachfrage nur mit einem Grinsen, man habe sein Geld bereits im Vorfeld erhalten. Nun ja, das alles will niemand schlechtreden, am wenigsten ich, doch was nützt das alles den Hörern und Kritikern, wenn die Kunst an sich dann nicht wirklich stimmt?

"Mein größter Feind isst mit mir heut' aus einem Teller/
Kein böses Blut, keine Leichen in meinem Keller/
"
(Bushido auf "Mit nem Lächeln")

"Aber jetzt hab' ich den Kopf frei/
Ich hoffe, ihr seid so bereit wie ich, denn hier kommt Deutschraps Top 2/
"
(Sido auf "Mit nem Lächeln")

Sich gegenseitig noch einmal betonen, dass man sich verziehen und wie sehr man sich jetzt lieb hat und Eierschaukeln bis hin zur absoluten Fremdscham – zugegebenermaßen war das abzusehen. Muss das sein? Was bereits auf "Carlo Cokxxx Nutten 2" auf den Tracks "Eine Chance" und "Zukunft Part 2" mit Fler schrecklich war, wird hier noch einmal locker überboten. Der einstige Sohn einer Junkiemutter, der man vor einigen Jahren noch sein bestes Stück verbal einverleibt hat, ist nun Bushidos neuer Busenfreund, ach wie schön. Und was eben auf "CCN2" nahezu die einzigen Totalausfälle waren, ist auf "23" qualitativ etwas unter mittig einzuordnen. Zusammengefasst hört sich das Album einfach danach an, als ob man die gut produzierten Beats mit Stimmen füllen wollte, damit es eben fertig ist, vollkommen egal wie. Es kommt selten so rüber, als würden die Themen, über die Sido und Bushido rappen, auch nur ansatzweise tangieren. So wird auf "Engel links, Teufel rechts" der typische Engel-Teufel-Zwist thematisiert. Schrecklich gewöhnlich und anspruchslos. Einen Track später wird ein wenig über Gott philosophiert, was vor allem in Sidos Part sehr beschämend ausfällt.

"Ich will auch nicht klagen, dir nicht sagen, wie's bei mir steht/
Ich will heute einfach nur mal fragen, wie's dir geht/
Wie geht's dir? Biste gut drauf?/
Oder stehste manchmal auch mit dem falschen Fuß auf?/
Wie läuft die Arbeit? Hier unten braucht's 'ne Menge Wunder/
Aber mach doch ruhig mal Urlaub, schick einfach die Engel runter/
"
(Sido auf "Auch wenn es manchmal regnet")

Generell zeigt sich Sido trotz besserer Raptechnik von einer wesentlich schlechteren Seite als Bushido. Die gerade gezeigten mittlerweile sidotypischen pseudocoolen, auf mich einfach nur peinlich wirkenden Formulierungen, aber viel mehr noch manche seiner Hooks sind unterste Schublade. Beste Beispiele dafür die Hooks von "Und schon wieder" oder des Titeltracks "23". Poprap von seiner ekligsten Sorte. Auch Peter Maffay kann nicht wirklich viel Gutes beitragen. Klar ist "Nessajah" (Der Track, der für "Erwachsen sein" herhalten musste) ein recht angenehmes Lied gewesen, aber was ist denn bitte so schwer daran "Bin ich ein Kind geblieben" auszusprechen, kann mir das mal jemand verraten?
Tatsächlich gibt es jedoch hin und wieder wirklich gute Ansätze auf den Tracks. Nachdem J-Luv in letzter Zeit für seine Verhältnisse fast nur enttäuscht hat, zeigt er auf "Bring mich heim" sein ganzes Können und macht den Song zu dem mit Abstand besten des Albums. Auch, wenn die Ähnlichkeiten zu "Bring mich nach Hause" der Band Wir sind Helden in der Hook kaum an einen Zufall glauben lassen: Hier hätten wir es endlich mal wieder mit einem unvergleichbar wunderschönen – klar: sehr kitschigen – J-Luv-Song zu tun, wären da nur nicht ärgerlicherweise Parts von Sido und Bushido. Selbst, wenn diese verhältnismäßig positiv ausfallen. Auch "Kopf kaputt" ist ein ordentlicher Song. Der beste Beat des Albums und zwei durchaus annehmbare Parts machen auch diesen Track zu einem der wenigen Favoriten. "Schöne neue Welt" hat mit Kay Ones Verse den besten Part des Albums und lässt mich zu einer Vermutung kommen: Bushido braucht lediglich den richtigen Einfluss, was Sido definitiv nicht ist. Aber bereits vor etwa zwei Jahren lieferte Sonny Black mit Fler ein recht gutes Album ab und 2010 mit selbigem und Kay One im Grunde ebenfalls. Und eben gerade im einzigen Track mit Kay One zeigt Bushido, dass er eigentlich doch noch sehr zu unterhalten weiß.

"Yeah, ich zeig' den Emanzen kein' Respekt/
Wenn ich rapp', wird Alice Schwarzer zwangsverheiratet/
Und vor meinem Haus teil' ich Ohrfeigen aus/
Das Arschloch deiner Mutter hat die Form einer Faust/
"
(Bushido auf "Schöne neue Welt")

Fazit:
Was soll man schon von einem Album erwarten, bei dem die Künstler im Vorfeld selbst zugaben, dass es sich dabei quasi um reine Geldmache handelt? Klar ist Geld scheffeln nicht die schlechteste oder unverständlichste Absicht und das Geständnis sehr ehrlich und sympathisch, aber bewertet wird an dieser Stelle eben nicht der Gewinn, der mit diesem Album erzielt wurde. Und musikalisch ist "23" schlicht inspirationslos, unspektakulär, absolut nicht hochwertig und im Endeffekt nicht der Rede wert. Selbstverständlich wird der ein oder andere – Sido und Bushido wohl mit inbegriffen – mit dem erwachsenen Alter der beiden Künstler oder gar mit dem neuerdings beliebten Ausdruck "künstlerischer Reifeprozess" argumentieren, doch mir fehlt einfach der Biss, der Charme, die Härte und die Innovation an der Sache. Wie dem auch sei: Sido und Bushido haben mit dem Album – oder besser gesagt der Tatsache, dass sie ein Album gemacht haben – für massig Gesprächsstoff gesorgt und eine Stange Geld verdient. Und genau das war doch das Ziel. Ist doch alles super, einen Grammy zu gewinnen oder nur eine positive Review bei rappers.in zu erhalten, hatten die Beiden gewiss ohnehin nicht vor.


(TonySunshine)



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