Salvador Dali sagte einmal: "Am liebsten erinnere ich mich an die Zukunft." Nach dem Interview mit Battlerap-Legende Tone ist uns klar, dass dieser Satz eine gehörige Portion Wahrheit enthält. Denn ganz egal, wie groß der Zeitraum ist, in dem der Frankfurter mittlerweile nicht nur einer der Großen, sondern auch mehr oder weniger dauerhaft Aktiven im HipHop-Spiel ist – der Hunger auf mehr scheint nie gestillt zu werden. Hört man Tone über seine Musik, seine Arbeit, seine vergangenen und zukünftigen Pläne sprechen, wird klar: Stillstand scheint ein Wort zu sein, das Tone so fremd, wie seine Ausstrahlung beeindruckend ist. Es ist jedes Mal spannend, einen Künstler, der einen derartigen Erfahrungsschatz und Geschichtsbuch-Status wie der Reimroboter mitbringt, zu interviewen. Und gleichzeitig besitzt Tone eine derartige Präsenz, dass es uns wahrhaftig eine besondere Freunde war, ihn zum Gespräch zu bitten.
rappers.in: Auf dein Album "Zukunftsmusik", das ja ziemlich eingeschlagen hat, mussten die Leute eine ganze Weile warten. Und bis zu "Phantom" erging es ihnen nicht anders. Hier liegt der Gedankengang nahe, dass du eventuell nach "Zukunftsmusik" eine gewisse Spannung erzeugen wolltest, um dem neuen Album mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen...
Tone: Beim ersten Album war die Zeit, die es gebraucht hat, bewusst gewählt. Außer vielleicht das letzte Jahr, denn da gab's ein paar Dinge, die sich einfach gezogen haben und ein bisschen schwierig waren. Aber grundlegend war die Entwicklungszeit, die ich mir dafür genommen habe, bewusst gewählt. Nach der Trennung von Konkret Finn hab' ich erst mal gesagt: "Okay, komm klar. Werd dir klar darüber, was du machen willst und geh erst damit raus, wenn du damit zufrieden bist." Beim zweiten Album war der Punkt, dass ich spontan direkt drauf zugegangen bin, aber zu dem Zeitpunkt, als das Album fast fertig war, mich von meinem alten Produzenten-Team getrennt hab'. Und dann mit neuen Produzenten ein neues Album aus dem Boden gestampft habe. Völlig anderer Sound, andere Styles – und natürlich haben mich die neuen Beats inspiriert, auch rapmäßig noch mal völlig anders abzufahren. Wo man das ganz gut hört, ist auf "Bös", auf einem Beat von Lex Barkey. Ich hab', glaube ich, noch nie so langsam auf einen Beat gerappt, ohne Doubletime-Action hier und da zu machen. Ich hab' mich einfach auf diesen Beat chillig draufgelegt, so wie er halt cool vor sich hinrollt. Und so war das natürlich auch Inspiration für mich, rein technisch von diesen neuen Beats und den neuen Produzenten.
rappers.in: Dann hatte das also nur musikalische, aber keine marketingtechnischen Gründe?
Tone: Auf gar keinen Falle, nee. Ich will rauskommen, die Kreativität verlangt das von mir. Wenn man dann mit 'nem Album abgeschlossen hat, sagt: "Das Ding ist ready. Ich bin ready.", dann will man das den Leuten so schnell wie möglich zeigen. Ich glaub', da hat keiner die Geduld und die Nerven, zu sagen: "Darauf brüt' ich jetzt noch 'n Jahr rum. Ich wart' noch 'n bisschen." Nee, so kann man sich das nicht vorstellen.
rappers.in: Wie war das denn für dich, in einer Szene anzuknüpfen, in der die Leute weder Konkret Finn, noch "Zukunftsmusik" mehr so richtig auf dem Schirm haben?
Tone: Die Erinnerungszeit, in der den Leuten einfach noch was hängenbleibt, ist schon sehr kurz geworden. Das stimmt. Aber ich glaube, dass ein Großteil der Leute, die "Zukunftsmusik" mitbekommen haben, sich gefragt hat, was da los ist. Die haben gespürt, dass da Energie dahintersteckt, dass das jemand ist, der Musik mit Herz macht und ich denke, dass sich da ein großer Teil gefragt hat: "Da muss doch noch was kommen, das kann doch nicht ernsthaft alles gewesen sein?!" Und so, wie die Reaktionen waren, habe ich schon gespürt, dass da ein gewisses Vakuum war, was sich dann da zugesaugt hat – in dem Moment, als es dann rauskam. Was dann auch ein geiles Gefühl war, weil ich durch die Trennung von meinen Produzenten und die ganze Zusatzaction schon auf heißen Kohlen saß. Und dann erinnern sich die Leute doch noch zum großen Teil und freuen sich, feiern das – das war auf jeden Fall ein geiles Gefühl.
rappers.in: Gab es denn Resonanzen von Leuten, die dich vor "Phantom" nicht kannten?
Tone: Auf jeden Fall. Und auch vom Produzentenwechsel her ist ein Album entstanden, das auf die Leute gezielt hat, die mich von Konkret Finn kannten und die deswegen das Album abfeiern. Meine Herangehensweise war eher, einfach im Hier und Jetzt zu flashen. Also sich nicht auf irgendwelchen alten Lorbeeren ausruhen und sagen: "Ihr müsst mich respektieren, weil ich damals, irgendwann mal was gemacht hab'." Man muss Musik machen, die zukunftsweisend ist und nicht die ganze Zeit in die Vergangenheit gucken.
rappers.in: Ich hab' es so empfunden, dass die Reaktionen auf "Phantom" verhaltener waren, als auf "Zukunftsmusik". Siehst du das auch so?
Tone: Ne, ich kann das nicht so bestätigen. Das, was ich mitbekommen habe, ist, dass die Leute darauf durchdrehen. Und auch auf dieses neue musikalische Gesicht, das ich verpasst bekommen habe. Sie flashen darauf und sind froh, dass ich am Start bin.
rappers.in. Ich meinte auch, dass weniger darüber diskutiert wurde. Also gar nicht auf die Wertung bezogen.
Tone: Kann ich dir gar nicht so sagen. Wir sind damals, glaub' ich, mit "Zukunftsmusik" auf Platz 50 gechartet in der ersten Woche und dieses Mal war's mit "Phantom" Platz 57, was jetzt mit den permanent zurückgehenden Verkaufszahlen eigentlich noch 'ne sehr gute Sache ist.
rappers.in: Beide Alben sind also vergleichsweise hoch gechartet. Welche Erwartungen hast du dann an dein nächstes Album? Willst du das toppen?
Tone: Also, Chartplatzierungen mehr als Maßstab zu nehmen, ist eh nicht mein Ding – als Prophezeihung oder Prognose, wo das nächste jetzt hingehen muss. Für mich zählt, dass ich mich weiterentwickel, dass ich ein Album abliefer', auf das ich selbst vollkommen durchflashe. Und alles, was danach kommt, wird die Zeit zeigen. Mir ist es das Wichtigste, dass die Leute darauf flashen und Spaß haben. Aber wenn ich mich hinsetze, dieser kreative Prozess, das ist mein Ding. Das muss mich wegflashen. Dann geb' ich's raus und guck, wie die Resonanz ist. Ich bin da nicht so der Prognosen-Typ.
rappers.in: Du hast gerade gesagt, dir wurde ein musikalisches Gesicht verpasst. Kommen wir doch mal auf deine Arbeit mit den Produzenten zu sprechen. Ist es dir lieber, wenn sie eine Idee haben und du setzt diese raptechnisch um, oder magst du es mehr, wenn du eine Idee hast, die sie dann für dich umsetzen?
Tone: Es ist eigentlich beides gegeben. Jetzt bei dem Album war's natürlich so, dass der Großteil der Texte stand und ich auf zwei, drei neue Beats geschrieben habe. Beats, auf die ich auch anders geschrieben habe, weil sie aus dem Rahmen gefallen sind. Aber im Großen und Ganzen hab' ich einen Beat, flash' auf den, guck' welche Geschichte, welche Bilder, welchen Vibe habe ich da vor mir und es kristallisiert sich mit der Zeit raus, was passiert. Aber es ist auch so, dass ich ein komplettes Thema schon habe, weiß, wie ich darüber schreiben will. Hab' vielleicht schon einen Text oder eine Hook und bin dann auf der Suche nach 'nem Beat. Weil, dass das zusammenpasst, Text und Musik, ist für mich so ein elementarer Move. Dann bekommt das die meiste Energie. Wenn man einen Text hat, der durch eine Melodie, einen Vibe noch weiter an jemanden herangetragen wird – das macht es eigentlich ganz spannend. Das ist für mich Musik, ab dann.
rappers.in: Es wird immer gesagt, du hättest als Battlerapper einen Meilenstein für Rapdeutschland gelegt. Was war denn für dich persönlich der letzte Meilenstein, der gesetzt wurde und von wem?
Tone: Das kann ich dir jetzt nicht sagen, weil ich gestehen muss, dass ich nicht so viel Deutschrap höre und mich mit der Szene auch nicht so ultrakrass auseinandersetze. Irgendwann in den 90ern hab' ich Abstand genommen. Ich konzentrier' mich mehr auf meine Sachen und probier' Musik zu machen, die mich flasht. Vielleicht ein bisschen ignorant, es hat aber auch ein was mit Zeit zu tun. Ich hätte gern die Zeit, Musik zu konsumieren. Im Allgemeinen, nicht nur deutschrapmäßig gucken, was geht. Aber ich bin einfach in dem Fluss, meine eigene Mucke zu machen. Und man hört hier und da Sachen, die einen flashen, aber zu sagen, wer den letzten Meilenstein gelegt hat... Das kann ich mir nicht anmaßen.
rappers.in: Hörst du dann gar keine Musik, oder einfach das Gleiche seit Jahren?
Tone: Ich bleib hier und da mal bei was hängen, aber so Musikrichtungen... Ich hör' sehr viel R'n'B und Soulmusik, aber auch gern so alte Hardcore-Rapscheiße. Das Letzte, was mich richtig geflasht hat, amiraptechnisch, war Big Punisher von Terror Squad. Das hat so ein Feuer in mir gecatcht, aber danach kams mir so vor, als ob auch die Amis so ultrakommerziell geworden wären. So oberflächlich kam mir das alles vor. Und da hab' ich dann auch den Anschluss verloren. Aber natürlich gibt's hier und da den Ultraflash.
rappers.in: Setzt du deinen Dialekt beim Rappen bewusst ein?
Tone: Nee, nicht wirklich. Zum Zeitpunkt von Konkret Finn haben wir so richtig draufgehauen. Aber so haben wir auch normal geredet. Doch jetzt hab ich gar nicht das Gefühl, so ultra hessisch oder frankfurterisch zu reden. Hier und da kommt's mal raus, das ist klar, aber ich setz' da nicht extra einen drauf. So wie es rauskommt, so ist es halt.
rappers.in: Du warst ja immer jemand, der der Szene raptechnisch weit voraus war. Viele Rapper haben sich an dir orientiert. Wie würdest du die Entwicklung beschreiben, die du technisch gegangen bist?
Tone: Ich denke, was mir besser gelingt als früher, ist, auf Beats, Rhythmen und Vibes einzugehen. Und dass ich nicht an einem festen Reimschema festhalte, das ich für krass halte. Und das dann quasi dem Beat aufdrücke. Was dann funktioniert, wenn man Geschwindigkeitsmäßig im Takt ist. Nur: Der Beat gibt auch immer was vor. Und man schafft noch mehr Energie, wenn man sich mit dem Beat vereinigt. Wenn man richtig mit ihm mit fließt und durchdreht. Da hat sich bei mir auf jeden Fall einiges getan. Und ich bin auch runter von diesem übertrieben Sportflexen. Wo's darauf ankommt, immer übertrieben durchzuballern und nie Luft zu holen. Sondern auch einfach mal cool sein, Luft holen und gezielt eine Pause einsetzen, die viel mehr Schwung in die Sache bringt, als wenn man sich da jetzt durchquälen würde.
rappers.in: Wo siehst du denn deine heutige Position im Vergleich zum Rest der Szene?
Tone: Schwierige Frage. Ich mach' mein Ding. Weil ich die Szene nicht so verfolge, denke ich auch nicht so darüber nach. Das juckt mich nicht so viel. Ich für mich persönlich weiß, dass das, was ich mache, krass ist und reinballert. Und das ist mein Ansatz, da probier' ich mich selbst wegzuflashen. Und mit dieser Überzeugung, mit dem Anspruch an mich weiß ich, dass ich etwas Wertvolles mache. Und deswegen vergleiche ich das nicht. Ich bin ich und die anderen sind die anderen.
rappers.in: Über den langen Zeitraum, in dem du Musik machst, hat sich bestimmt ein riesiges Repertoire an eigener Musik angesammelt. Gibt es da einen Track oder ein Album, das du dir selbst immer wieder anhörst, weil es dir richtig am Herzen liegt?
Tone: Bei "Phantom" ist das Ding, dass das ein Album ist, was ich selbst richtig krass feier. Beim Training leg ich Songs auf, beim Autofahren leg ich Tracks rein – da sind sehr viele Sachen für jede Stimmung drauf. Und da hab ich immer Songs, die ich sehr gerne höre. Mir das reinziehe und sage: "Yeah, verfluchte Scheiße." Weil so viel bei diesem Album funktioniert hat. Wo ich auch im Detail sage, ich bin richtig zufrieden und fahr' voll drauf ab. Das ist eine richtige innere Befriedigung, das zu hören. Das hatte ich in der Form bei "Zukunftsmusik" nicht. Das war für mich ein Album, das ich so haben wollte, aber es gab hier und da Sachen, die ich beim nächsten Mal besser haben wollte. Und da bin ich bei diesem Album so nahe am Optimum, dass ich das selbst gerne höre und das auch selbst feiere.
rappers.in: Hast Du denn bestimmte Tracks um dich in verschiedene Stimmungen hinein zu versetzen?
Tone: Nee, aber die ziehen mich direkt rein. Beim Training hau' ich Dinge rein, die aggressiv nach vorne gehen und wenn ich chillen will, leg' ich entsprechende Songs rein. Und das geht bei diesem Album besonders gut, weil von allem etwas dabei ist.
rappers.in: Und was ist davon dein Lieblingstrack?
Tone: Also, was ich sehr oft höre, ist "Durch den Regen". Ich fahr auf die Mucke total ab, das Thema lag mir lange am Herzen. Aber auch aggressivere Sachen wie "Mörderrap", "Gorillas" und "Bös", weil das auch eine neue Facette von mir ist, auf 'nen geilen Beat von Lex Barkey, auf dem ich durchdrehe.
rappers.in: Bist du jemand, der die Lieder, die er macht, auch immer veröffentlicht? Oder wählst du da gezielt aus?
Tone: Die meisten Dinge, die ich mache, kommen auch drauf. Ich hab' nicht viele Sachen, bei denen ich sag': "Da wird nie was, scheiß drauf." Davon gibt's 'ne Hand voll vielleicht. Aber manchmal liegt es auch an der Reihenfolge vom Album. Es gibt Songs, die findet man geil, aber egal, wo auf dem Album – er bleibt immer ein Fremdkörper. Das ist für mich auch eine ganz wichtige Sache bei der Zusammenstellung eines Albums. Dass die Songs auch ein harmonisches Zusammenspiel ergeben. Und dass einfach ein harmonischer Fluß entsteht. Und mir ist es auch wichtig, Lieder zu machen, die sich gegenseitig relativieren. Lieder wie mein "Traum"... Für sich allein denk' ich: Wie bös weichgespült! Aber in so einem gewissen Zusammenhang entsteht so ein Kompletteindruck. Und das ist mir oberwichtig bei 'nem Album. Also ich könnte nicht eine Ansammlung von Liedern, die ich geil finde, rausbringen. In einer gewissen Weise müssen sie ein Gesamtwerk ergeben.
rappers.in: Gab es Sachen, bei denen du zu einem Zeitpunkt dachtest, die kommen nicht aufs Album – aber im Nachhinein ist dir aufgefallen, dass sie doch ziemlich gut sind?
Tone: Nee, so nicht. Diese Entscheidungen sind total durchdacht. Dass ich denke, lieber so – das gibt's bei mir nicht. Also was jetzt 'ne Albumreihenfolge angeht: Da bin ich mir eigentlich sehr sicher.
rappers.in: Das hört sich alles so an, als wärst du jemand, der sehr straight seinen Weg geht. Wenn du auf deine ganze musikalische Karriere zurückblickst, gibt es da etwas, wo du sagst, das bereu' ich?
Tone: Nee, so wirklich... Also, wenn ich den Kopf von jetzt hätte und zurückreisen könnte, wär's 'ne geile Sache mit dem ersten Album nicht zehn Jahre zu warten. Aber diese Überlegungen machen keinen Sinn. So ein Mensch bin ich nicht. Ich habe diese Zeit damals bewusst gewählt und der Grund war, dass ich dem, was ich abliefern wollte, den Vorrang vor irgendwelchen Marktsituationen gegeben habe. Dementsprechend nehm' ich die Konsequenzen, die es natürlich hatte, weil eine traumhafte Marktsituation an mir vorbeigezogen ist, in Kauf. Und da gibt's Konsequenzen. Weil's natürlich jetzt ein ultra harter Kampf ist. Genug Leute raffen, was ich hier mache, aber mit dem Schritt damals wär's einfach gewesen. Aber ich hab' das damals bewusst so gewählt und in dem Sinne drehe ich mich nicht um, das ist für mich uninteressant.
rappers.in: Was ist denn in Bezug auf ein neues Album geplant? Kannst du da schon Infos rauslassen?
Tone: Nee, das geht noch nicht. Ich sag nur: Die Pipeline ist voll. Die platzt bald. Schneller als ihr denkt.
rappers.in: Tone, vielen Dank für dieses Interview!
(Pauline Staigle, mitgeführt von Martin Gattinger)