"Ein ordentliches Magazin braucht auch einen ordentlichen Jahresrückblick!" – diesen Leitspruch haben wir seit Bestehen des rappers.in-Mags jährlich kichernd im Nacken sitzen, während es von Tag zu Tag schneller auf Weihnachten zugeht und wir mit so wichtigen Dingen wie Glühwein, Plätzchen und Geschenken eigentlich eh schon vollauf beschäftigt sind. Bereits letztes Jahr haben wir darum versucht, uns ein bisschen vor ellenlangen Jahresrückblicken zu drücken und diese Aufgabe lieber den Kollegen (von welchen Webseiten und Magazinen auch immer) überlassen. Stattdessen haben wir unseren Lesern damals einen kurzen Einblick in das "HipHop-Jahr der Redaktion" gegeben und im Endeffekt dann die rappers.in-User noch einmal zu deren Meinung befragt. Doch wir wären nicht die rappers.in-Redaktion, wenn wir dies nun im zweiten Jahr als Tradition festigen und noch einmal wiederholen würden. Wir haben uns dieses Jahr lieber etwas Neues ausgedacht, was es unseres Wissens nach so bisher noch nicht gab: den rappers.in-Adventskalender. Denn statt ewigem "die Labels starben, die Verkaufszahlen gingen zurück und XYZ machte in unseren Augen das beste Album" wollten wir euch mal die andere Sichtweise aufzeigen – die der Künstler. Und teilweise auch die der Labelbosse. Und ganz teilweise auch die der Promoter und Journalisten. Wie sehen sie 2009 im Rückblick? Was hat sich für sie gravierend verändert, was hat sie besonders erstaunt? Und was waren denn nun aus Künstlers Sicht die besten drei Alben des Jahres?! In über 30 Interviews haben wir dieses Jahr für euch einen Jahresrückblick der anderen Art zusammengetragen und wünschen euch in diesem Sinne eine schöne Weihnachtszeit.
rappers.in: Schon wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu. Was war 2009 für dich DER "Deutschrap-Moment" und was gerade daran das Besondere?
Phreaky Flave: Für mich persönlich war die Zusammenkunft fast aller "Beweis"-Remix-Teilnehmer für die Liveshow in Bochum am 11. Januar das Geilste dieses Jahr, weil Unity in dieser Szene seit den Neunzigern eher verloren gegangen ist. Und, dass sie dank Leuten wie uns ein Revival erleben durfte. Außerdem war die JUICE JAM am 31.10. in München seit Jahren mal wieder ein traditioneller Jam, der mir das Feeling von damals gegeben hat!
rappers.in: 365 Tage sind keine Ewigkeit und doch war auch dieses Jahr wieder einiges los. Was war in deinen Augen die wichtigste Veränderung innerhalb der Szene?
Phreaky Flave: Dass klar geworden ist, wie unsicher das Rapmusik-Geschäft geworden ist. Optik, Aggro, Bozz schließen ihre Pforten. Wenn die besten Labels der erfolgreichsten Künstler hierzulande schließen, ist das schon ein sehr, sehr trauriges Jahr für uns alle, die sich mit der Kultur identifizieren...
rappers.in: Auch Überraschungen gab es wieder einmal mehr als reichlich! Mit was – oder vielleicht auch wem – hättest du in Bezug auf deutschen Rap so Anfang Januar noch auf keinen Fall gerechnet?
Phreaky Flave: Mit Haftbefehl zum Beispiel, von dem ich bis vor kurzem noch überhaupt nichts wusste. Er ist ziemlich talentiert, hat geile Punches und einen sehr eigenen Style. Außerdem hätte ich nicht gedacht, dass es ein Farid Bang von der Talkshow ins Game schafft und auch noch Fans findet. (lacht)
rappers.in: Überraschen konnte sicher auch das ein oder andere Outfit oder Accessoire... Welcher Modetrend ist für dich typisch Deutschrap '09?
Phreaky Flave: Irokesen, Vokuhila, Karottenjeans, pinke T-Shirts... Hab' ich was vergessen?
rappers.in: Zumindest einem Trend 2009 konnte wohl so gut wie jeder etwas abgewinnen: Comeback. Einige der ganz Großen haben sich zurückgemeldet. Welcher Wiedereinstand war für dich der gelungenste und wieso?
Phreaky Flave: Also, ich hab' da drei Comebacks im Auge: einmal Bushido und Fler, von denen ich jetzt keinem mehr irgendwas abkaufen kann. Dann Samy, der immer noch einer der Besten ist. Und Tone, der wohl das interessanteste Comeback für mich darstellte, weil der Mann einfach immer sich selbst treu geblieben ist und einfach sein Ding macht. Das Album fand ich zwar nicht so einschlägig wie "Zukunftsmusik", aber dennoch in meinen Augen das gelungenste Comeback dieses Jahr. Und Afrob hat mich mit seiner ersten Single "Wo sind all die Rapper hin" saumäßig beeindruckt! Ich glaube, seit "Reimemonster" hat der mich nicht mehr so geflasht, der gute Robert! Props an Tone und Afrob!
rappers.in: Ob nun alter Hase oder doch Newcomer: In der Haut welcher Persönlichkeit der deutschen Rapszene hättest du denn 2009 gerne mal für ein Jahr gesteckt und warum?
Phreaky Flave: Ich bin froh, dass ich der bin, der ich bin... Aber ich wäre gerne mal für 'ne Zeit Kay oder Sido, damit ich mich mal um deren Chicks kümmern könnte. Das wäre mein einziger Wunsch, glaube ich! (lacht) Das sind die einzigen Rap-Atzen hier im Land, aber nur wegen deren Frauen...
rappers.in: Von wem kamen deiner Meinung nach die Zeilen des Jahres? Und welche waren das?
Phreaky Flave: Also die überzeugendste Line, die ich dieses Jahr gehört habe, ist: "Manchmal könnt' ich über euch Huren bloß lachen, aufs Gummi scheißen und 'nen Hurensohn machen!" Geil, oder? Ist von mir...
rappers.in: Überzeugende Lines alleine ergeben aber ja noch kein überzeugendes Album. Zu guter Letzt nenn uns doch bitte noch deine persönliche Top3 2009 erschienener Deutschrap-Platten mit je einer knappen Begründung!
Phreaky Flave: Das beste Release ist meiner Meinung nach Savas' "Brainwash"-Edition mit "Rapfilm" – bester Song des Jahres! Dann mein Mixtape-Album "Zu ehrlich fürs Game" und Raros "Das Vorspiel". Einfach aus dem Grund, dass die Wahrheit auf anderen Releases keine Rolle spielt. Unsere Releases sind der Spiegel unserer Seele und Situation und sollten viel, viel mehr Anerkennung hierzulande finden... Und an alle Deutschrap-Fans: Phreaky und EF Movement wünschen euch allen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch in ein besseres 2010! One Love!