rappers.in-Adventskalender: Türchen #14 Stephan Szillus
Autor: lupa 14.12.2009
"Ein ordentliches Magazin braucht auch einen ordentlichen Jahresrückblick!" – diesen Leitspruch haben wir seit Bestehen des rappers.in-Mags jährlich kichernd im Nacken sitzen, während es von Tag zu Tag schneller auf Weihnachten zugeht und wir mit so wichtigen Dingen wie Glühwein, Plätzchen und Geschenken eigentlich eh schon vollauf beschäftigt sind. Bereits letztes Jahr haben wir darum versucht, uns ein bisschen vor ellenlangen Jahresrückblicken zu drücken und diese Aufgabe lieber den Kollegen (von welchen Webseiten und Magazinen auch immer) überlassen. Stattdessen haben wir unseren Lesern damals einen kurzen Einblick in das "HipHop-Jahr der Redaktion" gegeben und im Endeffekt dann die rappers.in-User noch einmal zu deren Meinung befragt. Doch wir wären nicht die rappers.in-Redaktion, wenn wir dies nun im zweiten Jahr als Tradition festigen und noch einmal wiederholen würden. Wir haben uns dieses Jahr lieber etwas Neues ausgedacht, was es unseres Wissens nach so bisher noch nicht gab: den rappers.in-Adventskalender. Denn statt ewigem "die Labels starben, die Verkaufszahlen gingen zurück und XYZ machte in unseren Augen das beste Album" wollten wir euch mal die andere Sichtweise aufzeigen – die der Künstler. Und teilweise auch die der Labelbosse. Und ganz teilweise auch die der Promoter und Journalisten. Wie sehen sie 2009 im Rückblick? Was hat sich für sie gravierend verändert, was hat sie besonders erstaunt? Und was waren denn nun aus Künstlers Sicht die besten drei Alben des Jahres?! In über 30 Interviews haben wir dieses Jahr für euch einen Jahresrückblick der anderen Art zusammengetragen und wünschen euch in diesem Sinne eine schöne Weihnachtszeit.
Türchen #14 Stephan Szillus (Chefredakteur bei der JUICE)
(Foto von Robert Winter)
rappers.in: Schon wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu. Was war 2009 für dich DER "Deutschrap-Moment" und was gerade daran das Besondere?
Stephan Szillus: Definitiv unsere JUICE JAM '09 vor wenigen Wochen im Münchner Backstage. Wir hatten monatelang auf dieses Event hingearbeitet und wollten damit zeigen, dass es Einigkeit und Respekt in der deutschen HipHop-Szene gibt – sowohl Generationen- als auch Sparten-übergreifend. Als Olli Banjo und die Stieber Twins oder Kool Savas und Too Strong jeweils parallel vor einem herrlich durchmischten Publikum von knapp 2.000 Besuchern spielten, wurde mir bewusst, dass wir nicht alles falsch gemacht haben konnten.
rappers.in: 365 Tage sind keine Ewigkeit und doch war auch dieses Jahr wieder einiges los. Was war in deinen Augen die wichtigste Veränderung innerhalb der Szene?
Stephan Szillus: Die endgültige Abwendung vom Gangster- und Straßenrap war sicherlich die augenfälligste Veränderung, aber auch die denklogische Konsequenz aus der Übersättigung der letzten Jahre. Es herrschte plötzlich Konsens in der Szene darüber, dass man eine bestimmte Art von Inhalten und Attitüden nicht mehr will – zumindest nicht in diesem Maße und in dieser Häufung.
rappers.in: Auch Überraschungen gab es wieder einmal mehr als reichlich! Mit was – oder vielleicht auch wem – hättest du in Bezug auf deutschen Rap so Anfang Januar noch auf keinen Fall gerechnet?
Stephan Szillus: Man hätte sicherlich nicht damit gerechnet, dass ein Orsons-Album charten, Fler in einem Kool Savas-Video auftauchen, Frauenarzt bei Kontor signen oder Sido sich als Ostdeutscher outen würde. Weniger überrascht hat mich die Aussöhnung zwischen Bushido und Fler, vielmehr hatte ich diesen Schritt aufgrund ihrer Geschichte und beidseitiger Andeutungen schon länger erwartet.
rappers.in: Überraschen konnte sicher auch das ein oder andere Outfit oder Accessoire... Welcher Modetrend ist für dich typisch Deutschrap '09?
Stephan Szillus: American Apparel-V-Necks. Enge bunte Jeans. Chucks. Komische Überohrfrisuren. Der Casper- oder wahlweise Kaas-Look. Aber letztlich läuft der durchschnittliche Festival-Besucher immer noch klassisch mit Hoodies, Baggies und Sneakern rum. „Erdton-HipHopper“ nennt Marc Leopoldseder diese Jungs in der ihm eigenen verbalen Treffsicherheit.
rappers.in: Zumindest einem Trend 2009 konnte wohl so gut wie jeder etwas abgewinnen: Comeback. Einige der ganz Großen haben sich zurückgemeldet. Welcher Wiedereinstand war für dich der gelungenste und wieso?
Stephan Szillus: Ich kann mich an kein echtes Comeback erinnern, das den Namen verdient und das mich dann auch noch beeindruckt hätte. Allerdings habe ich mich sehr darüber gefreut, eine neue Platte von Max Herre in den Händen zu halten und Cora E. in einem Underground-Video rappen zu sehen.
rappers.in: Ob nun alter Hase oder doch Newcomer: In der Haut welcher Persönlichkeit der deutschen Rapszene hättest du denn 2009 gerne mal für ein Jahr gesteckt und warum?
Stephan Szillus: In keiner. Ich bin ja ganz zufrieden mit meiner eigenen Haut. Am ehesten hätte ich noch mit Dendemann getauscht, dann wäre ich ein Jahr lang unsichtbar gewesen.
rappers.in: Von wem kamen deiner Meinung nach die Zeilen des Jahres? Und welche waren das?
Stephan Szillus: "Ich bin auf dem Rap-Film hängen geblieben" von Kool Savas.
rappers.in: Überzeugende Lines alleine ergeben aber ja noch kein überzeugendes Album. Zu guter Letzt nenn uns doch bitte noch deine persönliche Top3 2009 erschienener Deutschrap-Platten mit je einer knappen Begründung!
Stephan Szillus: Erstens: Kamp & Whizz Vienna mit "Versager ohne Zukunft" – "Das ist kein Album, das ist ein Schlafmohnfeld". Zweitens: Hiob & Dilemma mit "Apokalypse jetzt" – "Ihr alle werdet Zeuge sein, es kommt das Ende aller Heuchelei". Und drittens: Huss & Hodn mit "Der Stoff, aus dem die Regenschirme sind" – "Trends setzt der, der sich an keine hält".