Freidenker haben mehr vom Leben. Im Ernst! Als waschechter Freidenker kann man wirklich die abenteuerlichsten Dinge erleben – um dann später der rappers.in-Leserschaft ausführlich davon zu berichten. Wirklich, so jemand kann dir erzählen, Grönland wäre in Großbritannien und er habe mit Eisbären am Verhandlungstisch gesessen und irgendwie macht das dann auf einmal sogar Sinn. Wo wir vielleicht nur ein bisschen Gerappe, ein bisschen Getanze, Gemale und Ge... ähm DJing sehen, sieht ein Freidenker viel mehr so etwas wie einen Urlaubsort. Wo wir nur hören, wie uns mal wieder irgendjemand mit seiner Lebensgeschichte langweilen will, hört ein Freidenker möglicherweise seinen nächsten Song. Glaubt ihr nicht? Na, dann macht euch auf eine Überraschung gefasst. Free your mind and read on...
rappers.in: Der Name "Freidenker" ist ja eigentlich schön griffig, aber man kann sich anhand dessen jetzt noch nicht unbedingt vorstellen, was da für eine Musik dahintersteckt. Statt euch jetzt so standardmäßig vorzustellen: Überlegt euch doch mal ein paar vielleicht weniger kompakte, dafür aber bezeichnende Namen. So was wie "Zwei Rapper und ein DJ erzählen von..." oder "Die, die Rap machen, weil...".
Freidenker: Drei Jungs aus Heilbronn, die Mitte der 90er Jahre Rap für sich entdeckten, seither Musik machen und gar kein anderes Sprachrohr für ihre Gedanken und Gefühle kennen. Außerdem machen wir Musik zum Spaß, für uns und nicht zuletzt für unsere Fans.
rappers.in: Wunderschön! Vielleicht ja als Zweitname 'ne Überlegung wert... Aber als "Freidenker" habt ihr jedenfalls vor etwa fünf Jahren euer Debütalbum "Denk-zettel" veröffentlicht. Über Herbert Grönemeyers Label "Grönland Records". Danach habt ihr euch wegen künstlerischen Differenzen allerdings recht schnell wieder von "Grönland" getrennt. Was genau ist denn die Geschichte dahinter?
Freidenker: Zunächst: Herbert ist ein feiner Kerl, er mochte unsere Musik wirklich sehr gern und bekam auch ab und an von gewissen Freidenker-Tracks Gänsehaut. O-Ton! Das begann alles recht träumerisch an einem regnerischen Tag in einem kleinen Büro irgendwo in London. Da saßen wir auf einer roten Couch und rechts neben uns saß ein überlebensgroßer Teddy-Eisbär – zu sehen im Video von "Mensch". Dann kam er tatsächlich mit 15-minütiger Verspätung, nahm Platz, schnorrte eine Zigarette und gratulierte uns zu unserer großartigen Musik. Mit großen Erwartungen flogen wir wieder in die Heimat. Es gingen drei Jahre ins Land und tausende Tracks fanden ihren Weg nach London. Aus Studios wie Headrush, aus Koops mit Deichkind et cetera. Man fand schon während diesen Aufnahmen irgendwie keinen gemeinsamen Nenner. Herbert gefielen immer die Ursprungsdemoversionen am besten, dem einen A&R jene Version, dem anderen A&R diese Version. Es entstand ein heilloses Durcheinander, in dem wir selbst die Kontrolle verloren. Letztendlich spielt dann der Hauptgeldgeber – hier: Virgin – eine große Rolle. Ziel der Strategen war ein politisches Album. Ergebnis war Mittelmaß, ein Kompromiss zwischen allen Beteiligten. Jeder durfte etwas im Brei rühren, Virgin gab noch schnell 50.000 Euro dazu und durfte dann auch noch etwas im Brei rühren. Die Erwartungen waren hoch und wurden natürlich nicht erfüllt. Politische Alben laufen in Deutschland einfach nicht. Wir machten danach unbekümmert weiter, nahmen Lieder auf und schickten diese nach London, Herbert fand ein paar toll, die A&Rs fingen wieder an mit diesem Geschwafel, dass der politische Ansatz fehle. Es folgten ein Telefonat mit Herbert und eines mit dem Chef-A&R, danach war klar, dass wir getrennte Wege gehen.
rappers.in: Und seht ihr dieses Kapitel denn heute als verpasste Chance oder doch eher als bestmöglich genutzte? Sprich: Würdet ihr sagen, es kam damals, wie es kommen musste, oder würdet ihr heute Dinge vielleicht ganz anders machen, wenn ihr nochmal die Möglichkeit hättet?
Freidenker: Ich glaube, wir hätten nicht viel anders machen können. Hätten wir nicht gemacht, was die Chefetagen wollten, wäre das Album entweder gar nicht rausgekommen oder einfach ins Regal gestellt worden. Weißt du, uns wurde damals klar, warum wir Musik machen. Natürlich geht man Kompromisse ein, aber alles hat seine Grenze. Es muss auch ein Stück von mir in meiner Musik stecken. Wenn ich über Amerika rappe und George W. Bush, dann bin das nicht unbedingt ich. Für uns beginnt Politik im Kleinen. Ein persönliches Lied kann genauso politisch sein. Nur das verstehen nicht alle Leute. Es musste so kommen. Abgesehen davon ist bei Grönland noch kein Act groß rausgekommen und ich bezweifele auch, dass das jemals passieren wird. Obwohl großartige Artists auf diesem Label sind und waren.
rappers.in: Ihr selbst seid nun ja jedenfalls bei Wortsport untergekommen und fangt dort quasi nochmal neu an. Euer zweites Album heißt jetzt "...und dann kamen die Touristen". Wer genau sind denn für euch "die Touristen" in der HipHop-Szene und was stört oder gefällt euch an ihnen?
Freidenker: Das stimmt so nicht! Wir sind nicht bei Wortsport untergekommen, wir haben dieses Kollektiv mit aufgebaut. Wortsport ist Ende der 90er aus Freunden, die Rapmusik gemacht haben, entstanden. In den letzten Jahren ist das Label gewachsen. Mit Dexter gehört einer der derzeit besten deutschen Produzenten zum Label. Wir gehören da gerne dazu und es ist alles sehr familiär. Zum zweiten Teil der Frage: Touristen sind wir grundsätzlich mal alle, wenn wir fremdes Terrain betreten. Es geht aber um den Respekt, den wir mitbringen gegenüber denjenigen, die schon da waren. Letztendlich kann man diese Metapher auf so ziemlich alles anwenden... Im Hiphop war es aber für uns so, dass wir Anfang der 90er anders waren als der Rest der Menschheit. Man fiel auf mit Baggy Pants, Caps und so weiter. Es ging darum, sich abzuheben. Das ist heute völlig anders. HipHop ist Einheitsbrei geworden, die Jugendkultur Nummer 1 auf der Welt. Das freut uns auf der einen Seite, macht uns aber auch traurig. Ähnlich, wie wenn du vor Jahren an einem wunderschönen kleinen Fischerdorf in Spanien Urlaub gemacht hast und jetzt kommst du wieder dahin und alles steht voll mit Hotelbunkern und die Speisekarten sind auf Deutsch.
rappers.in: Ja, verstehe. Und dieses Album ist jetzt quasi auch so, wie ihr schon zu "Grönland"-Zeiten eins hättet machen wollen? Und was wäre denn, wenn ich jetzt sagen würde, ich hab' das damals aber total gefeiert, wie es war? Denkt ihr, ich könnte das neue Ding letztendlich trotzdem wieder genauso gut finden?
Freidenker: Nein. Wir waren damals selbstverständlich auch politisch – sehr sogar. Aber es war eine andere Zeit. Irak-Krieg, elfter September et cetera. Wir wollten auch so ein Album, aber nicht so radikal, wie es dann war. Der Hörer bekam ein rohes Stück Fleisch ohne jegliche Zutaten oder Beilagen. Wenn du das damals gefeiert hast, ist das cool. Da hast du aber sehr viel Zeit und Ruhe für dieses Freidenker-Album gebraucht. Das neue Ding kannst du genauso feiern, weil du mit uns älter geworden bist. Deine und unsere Welt dreht sich heute um andere Dinge. Politische Resignation ist wahrscheinlich auch bei dir eingetreten, wie auch bei uns. Dennoch ist unser Interesse an Politik immer noch vorhanden. Wir kommentieren nur nicht mehr so viel. Musikalisch wie auch textlich ist das ganze viel ausgereifter. Das Themenspektrum ist breiter und du kannst die Platte auch einfach mal so nebenbei laufen lassen, was aber nicht heißt, dass die Texte oberflächlich sind. Es dreht sich einfach darum, ob Musik rund geworden ist und dieses Album ist defintiv mit das Rundeste, was es die letzten Jahre so auf die Ohren gab. Word!
rappers.in: Viele der Songs basieren auf jeden Fall auf realen Begebenheiten. Passiert sind die aber ja wohl meist nur einem von euch. Darüber rappen hört man euch trotzdem beide. Habt ihr eventuell eine bestimmte Vorgehensweise, mit der ihr den anderen nachträglich an euren Erlebnissen teilhaben lasst, damit er die Stimmung dann auch wirklich in seinen Raps einfangen kann?
Freidenker: Zunächst ist dieses Album tatsächlich eine ziemlich autobiografische Geschichte geworden. Passiert sind uns aber viele Geschichten auf ähnliche Weise. Die Vorgehensweise ist so, dass ich meistens den ersten Part einrappe und Heiko kann fast immer etwas damit anfangen. Wenn nicht, holen wir uns Jaques Shure oder Fleisz ins Studio, dann ballern die noch einen Part rein. Wortsport 2009! Am besten ist es übrigens, wenn man bei Musik gar nichts erklärt. Man kommt am nächsten Tag ins Studio, da ist ein Rap drin, mit dem du so nicht gerechnet hast, der den Song eben auf eine andere Art und Weise bereichert. Sonst braucht man keine Band, sondern könnte das Ganze auch solo machen.
rappers.in: Bleiben wir noch kurz bei diesen biografischen Inhalten. Einiges basiert ja auch, wenn schon nicht auf euren eigenen Erfahrungen, vielleicht auf denen von Leuten aus eurem Bekanntenkreis. Ich denke da etwa an "Das verflixte Siebte" mit der nach sieben Jahren gescheiterten Beziehung. Zeigt ihr solche Songs eurer Quasi-Muse denn vorher beziehungsweise bittet vielleicht sogar vorab um Erlaubnis, so etwas machen zu dürfen?
Freidenker: Nein, das tun wir selbstverständlich nicht. Es war aber tatsächlich schon so, dass ein Homie von mir mal längere Zeit stinksauer auf mich war, weil ich aus seiner Geschichte einen Song gemacht habe. Ich sehe das aber recht entspannt, weil jeder Künstler, der schreibt, gewisse Erfahrungen widerspiegelt oder aus seinem Umfeld erzählt, reflektiert et cetera. Woher soll er sonst seine Geschichten nehmen? Er braucht ja eine gewisse Basis, mit der er arbeiten kann. Es besteht dann die Kunst darin, das Ganze zu überspitzen beziehungsweise einen künstlerischen Anspruch daraus entstehen zu lassen. "Das verflixte Siebte" ist aber völlig fiktiv und lehnt sich tatsächlich an einen Artikel in der NEON an, den ich wirklich ziemlich lustig fand und mir dachte, daraus müsste man mal einen Rap-Song machen.
rappers.in: Achso, okay. Aber was ist mit eurer Single "Weit weg" zum Beispiel? Also, die ist doch wirklich mehr oder minder einem Freund gewidmet, der von jetzt auf gleich vom Fernweh gepackt wurde und weg war. Hatte der denn inzwischen die Chance, das Lied selbst einmal zu hören?
Freidenker: "Weit weg" ist in erster Linie für unseren Homie Musti in Berlin. Musti hat den Song inzwischen selbstverständlich gehört und war zu Tränen gerührt. Mit der Story kann sich aber auch jeder identifizieren, weil jeder von uns schon Freunde wegen der plötzlichen Distanz verloren hat. Nur stellt sich eben immer die Frage, was man daraus macht und dass man eben den "Link" zueinander nicht verlieren darf.
rappers.in: Anderes Thema: Ihr unterscheidet euch in vielen Dingen ja doch recht deutlich vom Großteil der aktuellen Rap-Szene, distanziert euch teils auch von ihr. Fühlt ihr euch denn überhaupt noch als Teil davon? Oder – gerade auch, weil eurer Musik ja auch andere Einflüsse wie etwa aus dem Reggae-Bereich anzumerken sind – fühlt ihr euch letztlich vielleicht einem anderen Genre auf gewisse Art näher, auch wenn ihr eben immer noch Rapmusik macht?
Freidenker: Wir haben gesprüht, gebreakt, aufgelegt und heute rappen wir nur noch, aber was will uns denn jemand aus der heutigen HipHop-Szene über HipHop erzählen? Wir waren von Anfang an dabei, wir haben alles miterlebt – vom 20-Mann-Jam bis heute. Was die aus unserem HipHop gemacht haben, dafür können ja wir nichts, dafür kann niemand etwas. Und HipHop ist entstanden aus sehr vielen Einflüssen. Der Ursprungsgedanke ist ja, dass da ein DJ verschiedene Platten – Soul, Funk et cetera – ineinander mixt und einen neuen Sound daraus macht. So ist HipHop entstanden irgendwo in der Bronx. Insofern sind wir mehr HipHop denn je.
rappers.in: Gerade auch wegen diesem "Wer will uns denn was erzählen?": Wie sehr beschäftigt ihr euch denn dann noch mit dem, was eure Rap-Kollegen und -innen so treiben? Und sofern ihr das tut: Seht ihr da auch positive Entwicklungen?
Freidenker: Ich beobachte ganz genau, was raptechnisch so abgeht. Heikouality und DJ Kaiser dagegen wissen nichts und es interessiert sie auch sehr selten. Ich muss auf jeden Fall sagen, dass ich Leute wie Damion Davis oder aktuell Tim Plus sehr abfeiere. Ich finde auch Morlockk Dilemma sehr fresh, wenn es auch nicht ganz mein Sound ist. Ich finde es vor allem wichtig, dass es auch noch um Skills geht, weil die in den letzten Jahren eigentlich fast keine Rolle mehr gespielt haben!
rappers.in: Irgendwie will man euch ja doch ziemlich schnell in diese "Studentenrapper"-Schublade stopfen. Räumt doch mal ruhig ein bisschen mit diesem Klischee auf und überrascht uns mit etwas über euch, was da mal so gar nicht reinpassen will. Also, vielleicht hat jetzt keiner von euch 'ne Schusswunde zu zeigen, aber trotzdem... Oder fügt ihr euch eigentlich bereitwillig in diese Rolle?
Freidenker: Mir persönlich ist egal, was für ein' Hintergrund jemand hat. Es geht mir am Ende des Tages um die Musik. Diese Studentenrap-Backpack-Diskussion ist doch völlig überflüssig. Wir sind zu alt, um uns mit solchen Themen zu beschäftigen. Glaubst du denn, dass wir so langweilig und studentisch sind? Ich hab' mal studiert und das ziemlich lange, was das aber mit meinem Rap zu tun hat, weiß ich nicht. Meine beiden Bandkollegen haben nicht studiert, insofern ade Klischee. Wir haben keine Vorstrafen und keine Schusswunden. Wir können in der Richtung also keine Promo machen, sorry.
rappers.in: Okay, dann fassen wir doch nochmal zusammen: Ihr hattet schon einen namhaften Vertrieb im Rücken, Rotation im Fernsehen und so weiter, habt euch dann aber dagegen und für mehr künstlerische Freiheit entschieden. Ihr habt den Anspruch an euch selbst, Geschichten aus dem wahren Leben zu erzählen. Was also wollt ihr mit eurer Musik erreichen? Worum geht es euch bei all dem letztlich?
Freidenker: Wir haben uns nicht dagegen entschieden. Wir wollen immer noch im TV laufen, aber Musikfernsehen gibt es ja leider nicht mehr. Wir müssen für uns selbst authentisch bleiben, sonst ist eh alles im Arsch. Du bist nicht glücklich mit Millionen auf dem Konto, aber mit niveauloser Scheiß-Musik im Rücken. Du musst ja deine Mucke feiern, sonst ergibt das alles keinen Sinn. Zumindest nicht für uns.
rappers.in: Okay, also in nächster Zeit keine niveaulose Scheiß-Musik von euch. Stattdessen? Euer zweites Album ist nun erhältlich, wie geht es denn in nächster Zeit mit euch weiter?
Freidenker: Das wissen wir nicht. Die Medien haben das Album teilweise sehr gut angenommen, das Radio mag uns wohl und wie der Rest läuft, das ist auch immer so eine Glückssache... Ich hab' letzte Woche zwei Songs fürs nächste Album geschrieben. Also, wenn wir jetzt nicht Top10 gehen, dann 2010.
rappers.in: Aber hallo! Abschließend dürft ihr eurem Crew-Namen jetzt nochmal alle Ehre machen und die Gedanken frei wandern lassen – und sie uns dann mitteilen, versteht sich. Die letzten Worte gehören ganz euch und ihr dürft loswerden, was immer euch in den Sinn kommt...
Freidenker: "Die Gedanken sind frei" klingt doch schon mal gut. Was soll man da noch hinzufügen? Bier schmeckt gut? Keine Ahnung. Wir wünschen euch viel Spaß mit "...und dann kamen die Touristen". Ihr könnt auf www.frei-denker.com ein 20-minütiges Snippet runterladen und die Single. Ihr bekommt also einen guten Eindruck, ohne einen Cent auszugeben. Zieht's euch rein beziehungsweise runter. Peace!
rappers.in: Okay, alles klar. Dann danke fürs Interview!