Wer kennt sie nicht? Die Werbung, mit der gefühlte 13 Millionen Amateurrapper in Form von Privatnachrichten in hiesigen Internetforen, Profilkommentaren auf MySpace oder Massenmails im Instantmessenger täglich unschuldige Konsumenten befeuern: „Hey, ich habe mein Album (Mixtape, Streettape, Streetalbum, Streetmixtape, Tapemixstreet… diese Liste lässt sich beliebig fortführen) fertig gestellt. Es ist vielseitig, individuell und hebt sich von allen anderen ab“.
Es wäre schön, wenn jedes Release qualitativ so hochwertig wäre wie angekündigt, aber bei der Masse an Rappern, die seit Internet in Deutschland rumgeistern, ist das nahezu unmöglich.
Die Folge: Der enttäuschte Raphörer bleibt bei Altbewährtem - da kann er ja (meistens) nichts falsch machen - während viele Releases, die bei weitem mehr Aufmerksamkeit verdienen, in der Masse untergehen.
Mit dieser neuen Rubrik habe ich mir das Ziel gesetzt, Releases an die Öffentlichkeit zu bringen, die meiner (!) Meinung nach mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hier werden weder die Releases überhypeter Internetgrößen anzutreffen sein, noch von Marketingspezialisten, die nach ihrem zweiten geschriebenen Text schon ein eigenes Label, eine Webseite mitsamt Promoteam und ein von Papi im Hinterhof gefilmtes Musikvideo besitzen.
Es geht ausschließlich um die Qualität der Musik, um das Produkt.
ONDYs O-Würmer
Soweit ich das verstanden habe, ist dies eine Art „Best Of“ der letzten drei Releases „Paradox“ (2005), “Süchtig” (2006) und “Super Gau” (2007) des schon acht Jahre aktiven Baden-Württembergers Ondy, der vor allem durch seinen außergewöhnlichen Rapstil besticht und eine Stimme, die sich teilweise so anhört, als hätte er statt einzuatmen einen kräftigen Zug an einer Kippe genommen und sei unbedingt darauf aus, diesen in der Lunge zu behalten, bis der Part vorbei ist. Kann irgendwie was.
Neben Ondys extravagantem Style ist vor allem auch die musikalische Untermalung bemerkenswert: Von elektronisch gehaltenen Beats mit hartem Bass bis hin zu auf akustischen Gitarrenmelodien beruhenden Instrumentalen mit lockerem Drumset ist alles (vieles) dabei, hinzu kommt: Dafür ist nicht etwa eine Vielzahl wahllos zusammengewürfelter Producer schuld, sogar für die komplette Produktion ist Ondy selbst verantwortlich. Egal, ob freche, lockere Representer oder nachdenkliche, aber keineswegs übertriebene Thematik, der Hörer wird oft sofort dazu herausgefordert, zu diesen „O-Würmern“ (ich als ausgefuchster Redakteur ziehe den Schluss, dass der Albumtitel von der Bezeichnung „Ohrwurm“ abgeleitet ist) mit dem Kopf zu nicken.
Einfach lockere Musik ohne Zwänge und Klischees. Weiter so.
Wenn man in der Rapszene über mehrere Jahre hinweg aktiv ist, ist es schnell geschehen, dass man eine gewisse Grundarroganz gegenüber „Newcomern“ entwickelt (à la „was ich nicht kenne, kann überhaupt nicht gut sein!“). Das ist natürlich im Grunde genommen Schwachsinn, aber: Viele Leser werden sich schon selbst dabei ertappt haben, wie sie die Tracks eines ihnen unbekannten MCs als schlecht abstempeln, ohne sich überhaupt genauer mit seiner Musik beschäftigt zu haben. Und so war ich beim ersten Anhören der LP des seit 2003 aktiven Lyricane umso mehr überrascht: Denn was hier auf 14 Songs plus Bonus-Track geboten wird, ist teilweise wirklich eine Frechheit. Eine Frechheit, dass ein Rapper, der sich in Sachen Flow auf so überdurchschnittlichem Niveau bewegt und den Großteil der Beats (die dazu noch richtig gut sind) auch noch selbst produziert hat, so wenig Resonanz von der Außenwelt erhält. Eine Frechheit, dass ein Rapper sein Album mit so einem Cover abwertet und ohne Promo einfach auf dem Webspace (dazu noch Rapidshare) versauern lässt. Denn mehr Aufmerksamkeit verdient dieses Release allemal. Gute Flows und Beats, intelligente Texte, weder Pseudodeepness noch übertriebene Straßenstruggle-Floskeln sind hier anzutreffen.
Ein besonderes Schmankerl ist der Bonus-Track: Hier dreht es sich um die Entstehung eines Beats, der Hörer ist quasi live beim Beatbauen dabei. Super Idee! Einziges Manko: Lyricanes Aussprache und Stimme sind stellenweise etwas gewöhnungsbedürftig, man hat das Gefühl, dass immer etwas Dialekt durchkommt. Ansonsten sehr konstantes Release!
Das Augsburger Trio um Daster, Menace und DJ First Strike wirkt auf mich eigentlich genau so, wie man sich eine typische (mittlerweile leider „Old School“) HipHop-Crew vorzustellen hat: Zwei Rapper, ein DJ, alle schon seit Mitte der 90er aktiv, massig Liveerfahrung, und (das Wichtigste
niemals aufgesprungen auf Gangster-, Ghetto-, Electro- oder Autotune-Züge.
Deswegen ist ihr seit 18. Januar erhältliches Album „Hart aber Herzlich“ gleichzeitig nostalgisch (Beats auf Samplebasis, direkte Texte ohne Fünffachreime oder übertriebenen Stylezwang durch Doubletimes oder zigfache Flowwechsel) aber auch erfrischend durch die meistens sehr gut ins Ohr gehenden Refrains.
Die Instrumentals wirken zwar teilweise etwas überladen und machen es ab und zu (vielleicht auch durch die Abmische) schwierig, wirklich jedes Wort der Texte zu verstehen, trotzdem fühlt man die Liebe zu HipHop, die Kopfsport zu verbinden scheint. Sie erfinden das Rad nicht neu, rollen aber definitiv nicht in dieselbe Richtung wie die meisten Künstler der deutschen Rapszene zur Zeit.
Vor allem für Fans von konventionellem Rap (aber natürlich auch den Rest!) mindestens ein Reinhören in das Snippet wert!
Du kennst jemanden (oder bist gar selbst der Meinung, dass du jemand bist), der dem Titel "unknown King" gerecht werden kann? Diese Person hat erst vor kurzem einen Tonträger oder Freedownload veröffentlicht, der eine Erwähnung in diesem Artikel wert ist? Schick eine Bewerbung mit dem Betreff "unknown Kings - *Künstlername*" an jan@rappers.in.
Bitte beachtet aber, dass ich nicht auf jede Anfrage persönlich antworten kann, ihr werdet sehen, ob das Release dann letztendlich seinen Platz in dieser Sammlung findet. Viel Erfolg!