01. Intro 02. Andere Menschen 03. 1000 Jungs 04. Beat Skit 05. Hörgenuss feat. King Orgasmus One 06. Scheiss auf deinen Rap 07. Fleischfressa feat. Tarek von K.I.Z 08. Vollpfosten Skit 09. Provokant feat. Greckoe 10. Mein Leben 11. Gangtime 12. Misanthrop feat. Vork 13. Egoist feat. Fler 14. Kraftfeld feat. Jack Orsen 15. Die 1 16. Krieg Skit 17. Schutt und Asche feat. Sarah Ann 18. Hörgenuss Remix feat. King Orgasmus One
"Gesetzeswidrig; in der Illegalität leben" steht neben der Definition von "illegal" in der 25. Auflage des aktuellen Duden. Man sollte die Verfasser vor der Fertigstellung der 26. Auflage vielleicht freundlich darauf hinweisen, diese Definition durch Rokko 81 und Attilah 78 zu ersetzen, gibt es doch weiß Gott niemanden, der diesen Lebensstil besser repräsentiert als Automatikk. Die Mitarbeiter der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien dürften sogar für solch eine Änderung im Duden ihre Hand für die Jungs ins Feuer legen – schließlich mussten die Herrschaften bisherige Veröffentlichungen der beiden Protagonisten auf Heavy Rotation pumpen, damit sie diese aus den Regalen der lokalen Musikläden direkt in das Fegefeuer der BPjM verbannen konnten. Für Ayhan und Gökhan Gökgöz, wie die Brüder im bürgerlichen Leben heißen, dürfte das finanzielle Defizit, das dadurch bereits entstand, weniger erfreulich sein. Attilah 78 und Rokko 81 hingegen werden wohl wie der dickbäuchige Texaner der Simpsons voller Freude die Luft mit Blei füllen.
In etwa so hätte ich die Review begonnen, wäre der Albumtitel "Illegal" zutreffend für die neue LP der gebürtigen Nürnberger und Wahlberliner. So wird aber auf "Illegal" nicht mehr die allseits bekannte "Auf-die-Fresse"-Einstellung in all ihrer Pracht manifestiert. Aggressions-Assistent "Chuck" aus dem Film "Die Wutprobe" wäre wohl immer noch mehr als eine tragende Stütze für die Brüder und ihre "1000 Jungs", die gerne mal auf Randale gestimmt sind. Dennoch: Der bisher gewohnte, kompromisslose, minimal mit Toleranz bespickte Sound scheint erste Bruchstellen in seiner Fassade aufzuweisen.
So lässt der erste Skit, welcher ruhig mit E-Piano-Einflüssen vor sich hin säuselt, am eigenen Albumtitel zweifeln: "Ey Alter, was' das für'n Beat man?! Wollten wir nicht so hardcore illegal machen?" – "Ja man, aber ich weiß nicht, der Beat war ziemlich geil!". Gangsterrapfans können ihre weit aufgerissen Augen wieder entspannen. So wird durch K.I.Z.-Mitglied Tarek, der bekanntlich "Fleischfressa" ist, der Battle-Hunger gestillt. Ist das Trio auch noch so hungrig auf frisches Rapperfleisch: Diesmal wird sich viel lieber der Unterhaltung statt dem Marinieren von Hühnerbrüsten gewidmet. Das Entertainmentprogramm wird von niemand geringerem als Heath Ledger in seiner Rolle als Joker angekündigt und die Hörerschaft wird nicht mehr wie Anhänger der National Rifle Association mit den neusten, auf dem Markt erschienenen Waffen-Modellen unterhalten:
"Scheiss auf'n Messer, weil ich wie Pesci mit Kuli steche/
Bekomm' immer drei Fuffis zurück wenn ich nen Hunni wechsel/"
(Attilah 78 auf "Fleischfressa" feat. Tarek)
Aber Automatikk wären nicht Automatikk, würden sie ihre Scheibe nicht auf ihrer Ghetto-Attitüde stützen. Wer bei Murderbass gesignt ist, dem bleibt wohl keine andere Wahl als provokant zu sein ("Provokant"). Will man Ziele in seinem Leben erreichen, dann über nicht handelsübliche Wege ("Mein Leben") wie die Betäubungsmittelsucht oder Angst anderer. Die Entfaltung des Individualismus wie auch die Intoleranz gegenüber der weiblichen Spezies klappt in Mitten der Rasselbande um einiges besser ("Gangtime"). Genau, wie das Vertuschen der eigenen Schwächen. So wird durch den Track "Egoist", welcher durch ein Fler Feature unterstützt wird, die knallharte Fassade endgültig gebrochen:
"Ich erkenn' mich selbst nicht, auch wenn es für sich selbst spricht/
Ein verzerrtes Weltbild – scheisse, mir gefällt's nicht/
Trotzdem bleib' ich ehrlich, die Scheisse is' gefährlich/
Scher' dich endlich zum Teufel, mein scheiss Ego, du bist entbehrlich/"
(Attilah 78 auf "Egoist" feat. Fler)
Attilah 78 räumt für sich, seine Mitstreiter, wie auch seine Konkurrenten ein, dass der größte Feind nicht unbedingt draußen in einem 3er BMW mit schwarz getönten Scheiben wartet, sondern sich inmitten des eigenen Körpers angesiedelt hat. Diesen kann man nicht einfach in Betonschuhe stecken und auf Nimmerwiedersehen beseitigen. Es lässt sich klar feststellen, dass eine reflektive Auseinandersetzung mit dem Lebensstil vorgenommen wird. Bekanntlich bringen solche Gedanken die eigene Wahrnehmung oft auf einen Tiefpunkt. Um in diesem nicht stecken zu bleiben und unterzugehen, bildet man ein schützendes "Kraftfeld", welches versichert, dass zumindest die Leidenschaft an der Musik nicht verloren geht. Damit das Kraftfeld stabil genug ist, den neuen Lebensweg zu bestehen, muss man sich von Gewohntem lösen. Sei es z.B. das schnelle Geld, leichte Frauen oder der neue Wagen. Aber etwas neues bedeutet nicht zwingend, dass es nicht besser als das Alte sein kann...
"Meine Zukunft war verdunkelt, nur ein Schatten ohne Licht/
Und heute fessel' ich die Massen mit dem Blatt und einem Stift/"
(Rokko 81 auf "Die 1")
Die Anti-Alles-Haltung ist nun endlich gebrochen, denn mit "Die 1" wurde das Album-Highlight sowie auch die Metamorphose erreicht. Rokko 81 und Attilah 78 scheinen die Vorteile des Mitarbeitens und die Nachteile des Gegenarbeitens realisiert zu haben und fordern auch von ihren Fans ein Maß an Einsicht, dass sie "endlich aufwachen, Fähigkeiten auspacken – egal was es ist: kämpfen und etwas draus machen". Rap bedeutet halt Strugglen, sich entwickeln, neue Wege entdecken und Steine, die einem auf den ersten Blick den Fortschritt verweigern, als eine Alternativroute zu betrachten. Die beiden Brüder haben sich ihrem persönlichen Stolperstein – der BPjM – gestellt, und statt (wie so oft) zu versuchen, ihn mit roher Gewalt zu beseitigen, haben sie sich einer der stärksten Waffen bedient, die ihnen die Natur mitgab: dem Verstand! Natürlich würden fundamentalistische Anhänger der "Super Nanny"-Fraktion am liebsten eine riesige "stille Treppe" bauen, um auf ihr alle Gangster- und Prollrapper wie Rokko 81 und Atillah 78 zu verbannen. Doch leider – nein: erfreulicherweise! – haben die Erziehungsmaßnahme der Indizierungen zumindest bei zweien angeschlagen.
Fazit:
So gern Gangsterrap-Fans es hören würden, aber das neue Album aus dem Hause Murderbass ist trotz der harten Beats, die von Ilan, DJ Smoove, Djorkaeff und DJ Polique beigesteuert wurden, in Sachen Flows und Reimen alles andere als "illegal". Klar werden die Jungs von Automatikk niemals einem Kirchenchor beitreten, aber es ist ein Lichtblick, wenn sich ihre grenzwertigen Hasstiraden zu mittelprächtigen bis guten Punchlines entwickeln. Auch, wenn einige Rap-Hörer mit Veränderung und Fortschritt nicht viel anfangen können und den alten Zeiten stets nachjammern. So distanzieren sich Automatikk nichtsdestotrotz mit kleinen Schritten von der Waffengewalt und scheinen mehr und mehr von der Auswirkung ihrer Worte überzeugt zu sein. Wer weiß, vielleicht schaffen die Jungs es mit etwas Geduld und Willenskraft, Prollrap für sich neu zu definieren und dem ganzen seinen – meiner Meinung nach – anhaltend faden Geschmack zu nehmen.